
Editorial
Liebe Leserinnen und Leser,
goldbraun gegrillter Oscypek-Käse, dazu ein Klecks roter Preiselbeermarmelade – auf Märkten und Volksfesten im südlichen Polen ist dieser kleine Snack allgegenwärtig. Der Käse wird traditionell aus Schafsmilch, teils auch aus Kuhmilch hergestellt, in geschnitzte Holzformen gepresst, gesalzen und über offenem Feuer geräuchert. Walachische Berghirten entwickelten diese Form der Herstellung im Podhale-Gebiet bei Zakopane am Rand der Tatra. Salz und Rauch dienten dabei ursprünglich nicht dem Geschmack, sondern der Konservierung: In den Karpaten sind die Sommer kurz und die Wege weit, die Milch musste haltbar gemacht werden.
In der gesamten Bergregion im historischen Kronland Galizien finden sich Varianten dieser Käsetradition. Auch der Frischkäse Bryndza – wohl aus den südlicheren Karpaten in den polnischen wie auch den ukrainischen Teil Galiziens getragen und von den Galiziendeutschen als Brimsen in die eigene Küche integriert – geht auf dieselbe Wirtschaftsweise zurück: Schafhaltung, Wanderweidewirtschaft und die Verarbeitung der Milch unter einfachen Bedingungen. Ob fest und geräuchert wie der Oscypek oder weich und krümelig wie die Bryndza – beide Käsesorten stehen damit symbolisch für eine Landschaft, in der sich unterschiedliche Lebensweisen über lange Zeiträume hinweg friedlich nebeneinander entwickelten und verbreiteten, weitgehend unabhängig von späteren Grenzen. Galizien war berühmt für seine plurikulturelle – und kulinarische – Vielfalt.
Galizien ist in diesem Jahr gemeinsam mit der Bukowina das Jahresthema des Deutschen Kulturforums östliches Europa. Die Region Galizien begegnet uns heute in mehreren Gestalten: im ukrainischen Westen mit Zentren wie Lemberg/Lwiw, im polnischen Süden rund um Krakau/Kraków und Rzeszow/Rzeszów sowie – in schwächerer Form – in den Erinnerungen der nach 1945 nach Westen vertriebenen polnischen Bevölkerung. Denn im 20. Jahrhundert kam es zu grundlegenden Umwälzungen: Die galiziendeutschen Siedlerinnen und Siedler wurden bereits 1939/40 vom Deutschen Reich umgesiedelt, die jüdischen Gemeinden wurden im deutschen Vernichtungskrieg ausgelöscht, nach massiven interethnischen Verwerfungen zwischen der polnischen und der ukrainischen Bevölkerung wurde schließlich die polnische nach Westen verdrängt. Heute ist der östliche, ukrainische Teil dieser historischen Landschaft erneut von Krieg betroffen; auch Lemberg/Lwiw wird beschossen und ist längst kein sicherer Ort mehr.
Galizien – Grenzland in Bewegung lautet der Titel der aktuellen Kulturkorrespondenz. Sie führt tief in diese historische Landschaft hinein. Isabel Röskau-Rydel ordnet die Region als Teil der Habsburgermonarchie ein und zeigt, wie hier ein vielgestaltiger Raum organisiert wurde. Dawid Smolorz erinnert an das galizische Erdölrevier, das im 19. Jahr-hundert zu den ersten Zentren der Branche gehörte und die Region nachhaltig veränderte. Und das Porträt über Emilie Schindler führt von Krakau nach Brünnlitz/Brněnec und rückt eine lange Zeit übersehene Beteiligte an Schindlers berühmter Liste in den Mittelpunkt.
Wir tauchen aber auch in die Gegenwart Galiziens ein. Alla Paslawska spricht im Inter-view darüber, wie Galizien bis heute in der Sprache und im Alltag fortlebt. Katya Moskalyuk beschreibt die Lemberger Kaffeekultur als Teil des städtischen Alltags, der unbeeindruckt von den Angriffen Russlands fortgesetzt wird. Ariane Afsari hat für ihre Reportage einen sehr ungewöhnlichen Erinnerungsort besucht: ein Museum, das sich abgestürzten Flugzeugen widmet. Und schließlich geht der Blick über Galizien hinaus: in die Slowakei nach Trentschin/Trenčín, das sich als Kulturhauptstadt Europas in diesem Jahr neu präsentiert.
Wir wünschen Ihnen eine interessante Lektüre
Ihr Deutsches Kulturforum östliches Europa
Inhalt
Der Inhalt der KK 1450 folgt in Kürze.