© privatFrau Paslawska, wenn Sie an Galizien denken: Was ist das für Sie?
Galizien ist meine Heimat. Ich bin in der Westukraine geboren, in Tarnopol/Ternopil. Wenn ich an Galizien denke, dann denke ich zunächst an die drei westukrainischen Gebiete Lemberg/Lwiw, Tarnopol/Ternopil und Stanislau/Iwano-Frankiwsk. Dazu kommt der westliche Teil mit der Hauptstadt Krakau/Kraków, also der polnische Teil. Aber Galizien ist viel mehr als einzelne Städte oder Verwaltungsgebiete. Ich denke an eine Zusammengehörigkeit, an eine Kultur, an Mehrsprachigkeit, an eine bestimmte geschichtliche Erfahrung. Galizien ist für mich eine Mischung aus verschiedenen Gefühlen. Aber auf jeden Fall ist es etwas Sympathisches, etwas, das mir nah ist.
Ist Galizien für Sie heute vor allem Erinnerung – oder ist es noch Gegenwart?
Für mich ist es etwas ganz Lebendiges. Galizien ist eine Art ukrainisches Piemont, das ja so eine wichtige Rolle bei der Einigungsbewegung Italiens spielte. Alle Revolutionen begannen wenigstens geistig hier in dieser Gegend. Die Menschen waren hier immer sehr nationalbewusst. Und dafür gibt es historische Gründe. Im östlichen Teil Galiziens lebten am Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts 64,5 Prozent Ukrainer, 21,0 Prozent Polen, 13,7 Prozent Juden, 0,3 Prozent Deutsche und 0,5 Prozent andere Nationalitäten. Man sieht schon daran: Galizien war ein Raum vieler Völker, Sprachen und Religionen.
Was war das Besondere an dieser Mischung?
Das war eine unheimlich plurikulturelle Welt. Lemberg beispielsweise lag an einer Kreuzung wichtiger Handelswege. Das zog von überall Händler und Handwerker an. Deshalb gab es hier die größten Bevölkerungsgruppen nebeneinander. Diese Vielfalt war nicht abstrakt, sondern konkret sichtbar. Wir haben die polnische gotische Marienkathedrale in Lemberg, eine der ältesten Kirchen der Stadt, es gab eine ehemalige deutsche lutherische Kirche, eine armenische Kirche, die unvergleichlich ist. Und wir haben sehr viele griechisch-katholische Kirchen, dazu orthodoxe. Diese religiöse Vielfalt ist bis heute in Spuren erhalten geblieben.
Inwiefern unterschied sich das vom heutigen Osten der Ukraine?
Der Osten gehörte zum russischen Zarenreich. Dort lebten die Menschen viel länger in der Leibeigenschaft. Ein Gefühl für Eigentum konnte sich bei ihnen dadurch kaum entwickeln. In Galizien war die Landwirtschaft unter dem Einfluss der deutschen Siedler deutlich fortschrittlicher, hier hatten alle Bauern ihr eigenes Stück Land. Man übernahm vieles von den Deutschen: die Anlage der Dörfer, Geräte, sogar bestimmte Pflanzen wie die Kartoffel. Aber die Siedler brachten nicht nur neue Techniken, sondern auch einen bestimmten Freiheitsbegriff mit. Das wird heute oft vergessen. Aber Galizien, das ist vor allem der Geist der Freiheit.
Welche Rolle spielte dabei die Zugehörigkeit zur Habsburgermonarchie?
Eine sehr große. Galizien wurde 1772 als Kronland der Habsburgermonarchie gebildet. Im Grunde war das ein Akt der Annexion, aber das Imperium wollte das nicht so nennen. Also sagte man, man habe das alte Fürstentum wiederhergestellt. Dieses Galizien war dann das größte, allerdings zugleich auch das ärmste Kronland der Monarchie. In Wien wusste man zunächst kaum, was dort überhaupt geschah. Und wenn man nichts weiß, erfindet man Geschichten. Die ersten Nachrichten, die nach Wien kamen, waren Reiseberichte. So entstand ein Bild von Galizien als einer fernen, armen und etwas exotischen Gegend, einer Welt jenseits von Europa. Karl Emil Franzos hat später von »Halbasien« gesprochen. Man stellte sich Kälte vor, Rückständigkeit, Bären…
Zugleich war Galizien berühmt für seinen kulturellen Reichtum und die urbane Kultur. Wie passt das zusammen?
Gerade das ist ja der Widerspruch. Einerseits hatte Lemberg eines der größten Theater Europas und einen der größten Bahnhöfe. Es wurde viel gebaut, vielleicht auch deshalb, weil es ein neues österreichisches Kronland war und man etwas darstellen wollte. Andererseits herrschte große Armut, besonders auf dem Land. Salcia Landmann schrieb, in diesem Land lebten die einzelnen Gruppen trotz enger wirtschaftlicher Verflechtung kulturell voneinander geschieden wie Öl und Wasser. Das trifft es sehr gut. Im Zentrum der Stadt war Reichtum, Licht, Entwicklung. Auf dem Land lebten viele Ukrainer in Armut, am Rand der Städte viele Juden. Natürlich gab es Ausnahmen, auch wohlhabende ukrainische Familien, aber insgesamt war das kein durchlässiges System. Polnischsprachige Menschen bildeten meist die Oberschicht. Für Ukrainer war sozialer Aufstieg schwierig, für Juden ebenfalls. Unter der Habsburgermonarchie gab es Versuche der Germanisierung, später starke Polonisierungsprozesse, aber ganz aufgegangen ist das nie. Die Unterschiede blieben spürbar.
Welche Rolle spielte dabei die deutsche Sprache in Galizien?
Die deutsche Sprache war sehr wichtig. Im Mittelalter war sie in Lemberg sogar Verwaltungssprache. Später spielte sie vor allem in Bildung und Literatur eine große Rolle. Viele Autoren schrieben auf Deutsch oder standen in engem Austausch mit der deutschsprachigen Welt. Ich denke etwa an Iwan Franko, den Namensgeber der Lemberger Universität. Er war einer der berühmtesten ukrainischen Schriftsteller, hat aber auch für zahlreiche deutsche, österreichische und jüdische Zeitschriften geschrieben, Werke auf Deutsch veröffentlicht und viele Werke der Weltliteratur aus dem Deutschen, über das Deutsche ins Ukrainische übertragen.
Wenn man Galizien verstehen will, muss man offenbar die Literatur lesen...
Unbedingt! Die Literatur ist für Galizien ganz zentral. Über sie kam Galizien überhaupt erst auf die europäische Bühne. Zuerst durch Reiseberichte, dann durch Autoren, die auf Deutsch schrieben, später durch polnische, jüdische und ukrainische Schriftsteller. Für mich ist Leopold von Sacher-Masoch dabei besonders wichtig. Er hat erstmals die Ukrainer ins Zentrum seiner Erzählungen gerückt und auch die Juden. Er spürte eine große Nostalgie für diese archaische Welt. Dabei war das Leben dort oft schrecklich, die Sitten hart, die sozialen Unterschiede brutal. Juden und Ukrainer hatten kaum Rechte. Trotzdem setzte er sich in seinen Texten gewissermaßen für den Erhalt dieser Welt ein, ihrer Traditionen, ihrer besonderen Eigenart. Und zugleich zeigte er, dass vieles darin keine Zukunft hatte.
Und doch ist Galizien bis heute vor allem durch die jüdischen Schriftstellerinnen und Schriftsteller berühmt, Mascha Kaléko, Josef Roth oder Bruno Schulz…
Ja, das stimmt. Ohne das Judentum kann man Galizien überhaupt nicht verstehen. Armut und Antisemitismus zwangen viele jüdische Familien, auszuwandern. Und doch haben viele diese Region innerlich nie verlassen, selbst wenn sie längst anderswo lebten. Der einzige Literaturnobelpreisträger aus Galizien ist der jüdische Schriftsteller Samuel Joseph Agnon. Eigentlich war sein Nachname Czaczkes. Sein Pseudonym wählte er angelehnt an den jüdischen Begriff »Agunot«: Das ist ein Wort für Frauen, die an ihren Ehemann gekettet bleiben, der die Scheidung verweigert, obwohl er verschwunden ist und nicht zurückkehrt. Und genauso, finde ich, waren viele jüdische Schriftsteller an Galizien gebunden. Sie konnten diese Heimat nicht loslassen. Das war ihre Kindheit, ihre Jugend, ihre Welt der Sitten, der Städte, der Erinnerungen.
Wenn Sie auf das heutige Galizien blicken – wie viel von dieser historischen Welt ist im Alltag der Menschen noch spürbar?
In Resten und Spuren ist sie noch da. Die jüdische Gemeinde in Lemberg ist natürlich viel kleiner als früher. Ich glaube nicht, dass ihre Zahl wirklich wächst. Aber es gibt eine Synagoge, es gibt orthodoxe Juden, man sieht Familien, man sieht religiöses Leben. Vor dem russischen Angriffskrieg 2014 gegen die Ukraine gab es hier praktisch keinen Antisemitismus, auch wenn die russische Propaganda das erzählte. Der Leiter der jüdischen Gemeinde hat das immer wieder bestätigt. Was die Polen betrifft, so gibt es sie natürlich ebenfalls weiterhin, wenn auch in ganz anderer Zahl als früher. Es gibt Armenier, in jüngerer Zeit auch mehr Türken. Aber man darf sich nichts vormachen: Mit Krieg und Vertreibung sind wieder viele gegangen – Deutsche, Juden, auch Ukrainer. Manche kommen zurück, andere nicht.
Gleichzeitig fliehen viele aus dem Osten der Ukraine in den westukrainischen Teil. Spürt man da immer noch eine andere Mentalität?
Der Unterschied ist schwächer geworden, aber er ist da. Ich vergleiche Galizien manchmal mit Bayern. Auf eine Weise sehr westlich geprägt, auf eine andere eigensinnig, freundlich, aber nicht einfach. Die Menschen hier sind sehr überzeugt davon, dass sie vieles richtig machen. Im Osten war die Entwicklung anders. In sowjetischer Zeit wurden dort Städte neu aufgebaut, oft mit russischsprachigen Bevölkerungen. Die Russen behaupteten später immer, die Leute in den Städten sprächen eben nur Russisch; in gewisser Weise haben sie diese Verhältnisse aber selbst geschaffen. Viele Ukrainer blieben auf dem Land oder mussten sich russifizieren, wenn sie aufsteigen wollten. So wurden Städte russischsprachig und Dörfer ukrainischsprachig. Trotzdem darf man den Osten nicht geringschätzen. Es gibt dort viele wunderbare Beispiele von Menschen, die bewusst zum Ukrainischen gefunden haben. Und es gibt große Schriftsteller aus dem Osten. Das gehört auch zur Wahrheit.
Wie macht sich das im Alltag bemerkbar – wie fügen sich die Menschen aus dem Osten, die jetzt nach Lemberg kommen, hier ein?
Man merkt das schon, vor allem an der Sprache. Wenn Menschen aus dem Osten der Ukraine nach Lemberg kommen, verstehen sie manche galizischen Wörter nicht. Das habe ich oft erlebt. Bestimmte Ausdrücke für Möbel, Speisen oder Gebrauchsgegenstände sind bei uns ganz selbstverständlich, im Osten aber unbekannt. Diese sprachliche Schicht ist lebendig geblieben. Es gibt Forschungen dazu, dass im Ukrainischen, besonders in Galizien, sehr viele Wörter deutscher Herkunft vorkommen, ungefähr 900. Viele nehmen wir gar nicht mehr als fremd wahr. Das kam über das Militär, über den Haushalt, über Alltagsdinge.
Der Westen der Ukraine gilt als besonders stark nach Polen orientiert. Wie nah stehen sich die Menschen im polnischen und im ukrainischen Teil Galiziens heute noch?
In Przemyśl fühlt man sich als Galizierin fast wie zu Hause. Gerade das ist ja das Charakteristische: Jede Seite hat ihre Erinnerung, ihre eigene Sicht. Die Polen sagen, Lemberg sei eine ehemalige polnische Stadt. Wir sagen, Przemyśl habe ebenso eine starke ukrainische Geschichte. Beides gehört zu dieser komplizierten Wirklichkeit. Es gibt empfindliche historische Themen, und da muss man vorsichtig sein. Geschichte ist gefährlich, wenn man sie nur mit Gefühlen behandelt. Dann macht sie Menschen zu Feinden. Besser ist es, wenn Historiker sie einordnen und wenn Politik daraus nicht ständig Kapital schlägt. Gleichzeitig habe ich gerade seit dem Beginn des russischen Angriffs erlebt, wie groß die Solidarität in Polen war. An den Bahnhöfen, an der Grenze, im Alltag – das war tief bewegend. Menschen standen da mit Taschen, mit Wasser, mit Brot, sie halfen einfach. Viele Ukrainerinnen und Ukrainer haben in Polen Unterkunft gefunden. Das sollte ein Muster sein: nicht die Suche nach Feinden, sondern die Suche nach Freunden.
Kann Galizien dafür ein Modell sein?
Ja, das glaube ich. Galizien ist ein Beispiel friedlicher Koexistenz von Menschen, die einander nicht unbedingt mochten, aber trotzdem miteinander lebten. Man ging zu den Festen der anderen, zu jüdischen, polnischen, ukrainischen Feiern. Man aß miteinander, man besuchte einander, man akzeptierte sich. Nicht weil alle ein Herz und eine Seele gewesen wären, sondern weil man gelernt hatte, nebeneinander zu leben. Gerade das kann ein Vorbild sein.