2026 wäre der Schriftsteller und Überlebende von Theresienstadt, Auschwitz und Buchenwald Arnošt Lustig (1926–2011) 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass feiert das FestivAL100! in zwölf Ländern auf vier Kontinenten die Menschlichkeit.
Arnošt Lustig überlebte das Ghetto Theresienstadt und das Konzentrationslager Auschwitz sowie das Außenlager des KZ Buchenwald HASAG Leipzig-Meuselwitz. 1945 gelang ihm die Flucht aus einem Transport zum KZ Dachau und er konnte sich an verschiedenen Orten bis Kriegsende verstecken. Danach lebte er in der Tschechoslowakei, nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 in Israel und den USA und nach 1989 wieder in seinem Heimatland. Als Schriftsteller verarbeitete Lustig seine Erinnerungen an die Lager und die Verfolgung. Sein 100. Geburtstag wurde in die Liste der bedeutenden UNESCO-Jubiläen für 2026/2027 aufgenommen. Die Schirmherrschaft über das Festival hat u. a. der tschechische Staatspräsident Petr Pavel.
Filme und Gespräche
Diamanten der Nacht
Regie: Jan Němec, Drehbuch: Arnošt Lustig u. Jan Němec, ČSSR 1964, 68 Min., OmU
Mit Ladislav Jánský, Antonín Kumbera, Ilse Bischofová u. a.
Der Debütfilm des tschechischen Kultregisseurs Jan Němec ist ein Drama, das sich auf dem schmalen Grat zwischen Leben und Tod abspielt. Bilder der Flucht zweier geistig und körperlich erschöpfter jüdischer Männer aus einem Zug, der sie in den Tod bringen soll, werden mit Rückblenden, Träumen und Halluzinationen verwoben, die die subjektive Wahrnehmung beider Protagonisten verdeutlichen. Der Film basiert auf der gleichnamigen Erzählung von Arnošt Lustig. Gezeigt wird er im Rahmen des internationalen Arnošt-Lustig-Festivals aus Anlass der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald vor 81 Jahren. Im Anschluss Gespräch mit Eva Lustigová, Tochter von Arnošt Lustig und Geschäftsführerin des nach ihm benannten Stiftungsfonds. Moderation: Sophie Steiner, Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora
Transport aus dem Paradies
Regie: Zbyněk Brynych, ČSSR 1962
Der international mehrfach ausgezeichnete tschechoslowakische Film Transport aus dem Paradies, gedreht 1962 von Zbyněk Brynych, basiert auf der Erzählung Nacht und Hoffnung von Arnošt Lustig. Die Handlung spielt 1944 im Konzentrationslager Theresienstadt, in dem die Nationalsozialisten einen Propagandafilm drehen lassen, der der Außenwelt ein »normales« Lagerleben mit erfüllenden Arbeiten in Handwerk und Garten sowie einem reichhaltigen kulturellen Leben vorgaukelt. Wie in der damaligen Wirklichkeit werden alle Mitwirkenden anschließend in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert, worauf der Filmtitel in bitterer Ironie anspielt.
Enkelinnen
Der zweite Teil der Veranstaltung besteht aus einem Gespräch zwischen Lustigová – Tochter von Arnošt Lustig, deren Großväter in Auschwitz und Dachau ermordet wurden – und Jacqueline Gies – Enkelin des persönlichen Sekretärs von Karl Hermann Frank, Schlüsselfigur des Naziterrors im sogenannten Protektorat Böhmen und Mähren.
- Sonntag, 8. November 2026, Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz
Tanz der Wahnsinnigen – Bach-Kantate »Ich habe genug«
Musikalisch-lyrischer Abend. Regie: Eva Lustigová
Der deutsche Komponist Johann Sebastian Bach und der tschechische Schriftsteller Arnošt Lustig, hier in einem dramatischen Kontrapunkt, in dem der Melodie einer der schönsten Kantaten, »Ich habe genug« ein unveröffentlichtes Gedicht des bekannten Schriftstellers und Holocaustüberlebenden gegenübergestellt wird. Ein Gedicht, das die Wahrheit offenbart, »mit der man versuchen kann, wieder zu leben«. Die Kantate »Ich habe genug« (BWV 82) komponierte Johann Sebastian Bach 1727 nach dem Text eines unbekannten Autors. Der Tanz der Wahnsinnigen ist eine Metapher dafür, wie man das Unaussprechliche erfassen kann. Ob Arnošt Lustig wollte, dass dieses Gedicht das Licht der Welt erblickt, werden wir nie erfahren. Entscheidend für den Autor war die tiefe Bedeutung der Prosa als »emotionales Gedächtnis des Menschen«. Idee und Drehbuch der Aufführung stammen von Eva Lustigová, Tochter des Schriftstellers, Regisseurin und Leiterin des Arnošt Lustig Stiftungsfonds. Vorgetragen von Dagmar Pecková, Emil Rovner und Thomas Birnstiel. Musikalisch interpretiert vom Pražák Quartett und der Opernsängerin Marie Kopecká Verhoven.
- Donnerstag, 18. Juni 2026, Ariowitsch-Haus, Leipzig
- Donnerstag, 1. Oktober 2026, smac – Staatliches Museum für Archäologie, Chemnitz
Buchpräsentationen
Ernst und Lustig
Arnošt Lustigs Lebensreise
Die international bekannte tschechische Schriftstellerin Markéta Pilátová präsentiert die von ihr verfasste Graphic Novel Arnošts Reise (Arnoštova cesta), deren deutsche Ausgabe im Karl Rauch Verlag im Juni erscheint. Eva Lustigová, auf deren Erzählungen das von Eliška Podzimková kongenial illustrierte Buch beruht, schreibt in ihrem Vorwort: »Die meisterhaft verfassten ›fiktiven‹ Dialoge wirken so authentisch, als wäre die Autorin Arnošts ›drittes Kind‹, als hätte sie zugehört, wie sich mein Vater mit uns Kindern, seiner Evička und seinem Pepi, unterhalten hat. Alles daran ist wahr – und die avantgardistischen Fotocollagen der begabten Illustratorin Eliška Podzimková unterstützen das Ganze noch.« Die Übersetzung wurde von Tschechisch-Studentinnen am BOHEMICUM der Universität Regensburg angefertigt und von Mirko Kraetsch lektoriert.
- Mittwoch, 7. Oktober bis Sonntag, 11. Oktober 2026, Frankfurter Buchmesse
Mein Weg zu unseren Deutschen
In dem vom Kulturreferenten für die böhmischen Länder im Adalbert Stifter Verein herausgegebenen zwei Bänden schreiben jeweils zehn Persönlichkeiten aus Literatur, Kunst, Medien, Politik und Gesellschaft bekannte Tschechinnen und Tschechen über ihre Beziehungen zu den (böhmischen und mährischen) Deutschen. Neben Beiträgen von Literaturschaffenden wie Radka Denemarková oder Jaroslav Rudiš, Politikern wie Milan Uhde oder Journalisten wie Pavel Polák finden sich Beiträge von Jindřich Mann – Enkel des Schriftstellers Heinrich Mann – und Eva Lustigová, Tochter von Arnošt Lustig. Beide präsentieren den zweiten Band in einem Gespräch mit dem Herausgeber Wolfgang Schwarz im Rahmen des Gastlandauftritts Tschechien auf der Frankfurter Buchmesse.
- Mittwoch, 7. Oktober bis Sonntag, 11. Oktober 2026, Frankfurter Buchmesse
Schulworkshops
»Ich will ein Mensch sein«
Das Programm knüpft an Lustigs ethisches Vermächtnis an und verbindet Literatur mit politischer Bildung. „Wenn ein Mensch auch als Erwachsener und im Alter noch etwas Argloses und Reines in sich hat, sind das manchmal nur die besten Überbleibsel seiner Kindheit.“ Ausgehend von solchen Aphorismen des Schriftstellers erarbeiten die Schülerinnen und Schüler in einer Schreibwerkstatt selbst solche von Leben und Werk Lustigs inspirierten Gedanken im Sinne des Humanismus.
- Mittwoch, 7. Oktober bis Freitag, 9. Oktober 2026, Tschechische Schule ohne Grenzen, Frankfurt a. M.
Enkelinnen
Interaktiver Multimedia-Workshop
Schülerinnen ab der zehnten Jahrgangsstufe sehen zunächst den international mehrfach ausgezeichneten tschechoslowakischen Film Transport aus dem Paradies, gedreht 1962 von Zbyněk Brynych. Er basiert auf der Erzählung Nacht und Hoffnung von Arnošt Lustig. Die Handlung spielt 1944 im Konzentrationslager Theresienstadt, in dem die Nationalsozialisten einen Propagandafilm drehen lassen, der der Außenwelt ein „normales“ Lagerleben mit erfüllenden Arbeiten in Handwerk und Garten sowie einem reichhaltigen kulturellen Leben vorgaukelt. Wie in der damaligen Wirklichkeit werden alle Mitwirkenden anschließend in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert, worauf der Filmtitel in bitterer Ironie anspielt. Die Lernenden erarbeiten im Anschluss die zentralen Aussagen des Films und ihre Relevanz für die Gegenwart. Als Resultat halten sie ihre Ergebnisse auf Plakaten oder anderen Darbietungsformen fest. Danach haben sie die Möglichkeit, mit der Tochter des Schriftstellers Eva Lustigová und Jacqueline Gies – Enkelin des persönlichen Sekretärs von Karl Hermann Frank, Schlüsselfigur des Naziterrors im sogenannten Protektorat Böhmen und Mähren – zu sprechen und Fragen zu stellen. Die Ergebnisse dieses Austauschs arbeiten die Jugendlichen im Anschluss in ihre Workshopergebnisse ein.
- Herbst 2026, Schiller-Gymnasium, Berlin
Die Veranstaltungen des FestivAL 100! sinde eine Kooperation des
Deutschen Kulturforums östliches Europa mit der Arnošt Lustig Foundation, dem Kulturreferat für die böhmischen Länder im Adalbert Stifter Verein, der Tschechischen Botschaft Berlin, dem Tschechischen Zentrum Berlin, der Gedenkstätte Buchenwald, Tacheles – Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen 2026, der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz, Czechia2026 sowie weiteren Partnern. Gefördert vom Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds.
Das Kulturforum wird gefördert vom
Bundesministerium des Innern aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages.