Kant für alle. Eine Ausstellungsrezension von Renate Zöller
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Blick in das Artium © Renate Zöller

Immanuel Kant ist für alle da. Diese Botschaft im ersten Saal der neuen Kant-Dauerausstellung in Lüneburg ist unmissverständlich. Dank der hartnäckigen Initiative von Direktor Joachim Mähnert konnte sie im März dieses Jahres als Teil dessen Ostpreußischen Landesmuseums eröffnet werden. Kant-Kekse findet man hier, einen Papp-Kant mit ausgeschnittenem Gesicht für Selfies, Kant-Bücher in allen möglichen Sprachen, von Japanisch bis Arabisch. Selbst die Boulevardpresse hat sich an dem großen Philosophen versucht – unter den Zeitungsausschnitten gibt es auch diesen: »Alle reden über Kant! BILD erklärt warum.«

Das Besondere am neuen Museum: Nicht der Privatmensch Kant steht hier im Mittelpunkt, sondern seine Ideen – und die Frage, was diese uns heute noch zu sagen haben. Und das ist jede Menge, wie man an der ambitionierten Ausstellung ablesen kann. Kants »Kritik der Vernunft« und der »kategorische Imperativ« werden hier als geistiges Rüstzeug präsentiert, um sich in den Wirren der Gegenwart zurechtzufinden. Seine Philosophie erscheint dabei fast wie ein metaphorischer Werkzeugkasten für demokratische Gesellschaften. Autokratische Tendenzen weltweit, Fake News, Klimawandel oder Künstliche Intelligenz, aber auch die Ausbeutung von Tieren, der Umwelt oder der Ressourcen – immer wieder wird gezeigt, wie sich Kants Denken auf aktuelle Diskurse beziehen lässt.

Der Kurator Tim Kunze hat versucht, Kants Gedankenwelt räumlich sichtbar zu machen. Es ist eine Ausstellung zum Anfassen mit kleinen Experimenten, Schubladen und Audiostationen. Sie soll auch ein junges Publikum ansprechen, manche interaktiven Exponate wirken schon fast kindlich. Da rollen Kugeln unterschiedlich schnell eine schiefe Bahn hinunter oder man dreht einen dreieckigen Behälter, der die Ständegesellschaft repräsentieren soll und immer wieder in seine Ursprungsposition zurückfällt. Sogar humorvoll geht es zu – etwa, wenn man per Kopfhörer zu Gast bei Kants berühmter Tischrunde ist, wo über das exquisite Essen ebenso parliert wird wie über die Bauernrechte.

Vom Leben des Königsberger Professors ist dabei erstaunlich wenig zu sehen. Ein Spazierstock etwa, ein Champagnerglas, das bei seinen berühmten Tischrunden benutzt worden sein soll, oder – in einem winzigen Rahmen leicht zu übersehen – eine echte Haarlocke. Flüchtig lernt man auch seine Heimat kennen: Mithilfe einer virtuellen Brille kann man auf einem Dach im Königsberg des 18. Jahrhunderts stehen – Schwindelgefühle inbegriffen.

So vergeht die Zeit wie im Flug und am Ende der Ausstellung hat man das angenehme Gefühl, viel gelernt und noch mehr Fragen zu haben. So viel ist jedenfalls deutlich geworden: Kants Philosophie ist ein wenig wie Teilchenphysik – nur wenige verstehen sie vollständig, aber sie durchdringt unser ganzes Leben.

Kant Museum im Ostpreußischen Landesmuseum

mit Deutschbaltischer Abteilung

Heiligengeiststraße 38

21335 Lüneburg