Mit der Ersten Teilung Polens entstand 1772 am Rand der Habsburgermonarchie ein neues Kronland: Galizien. Unter der Verwaltung Wiens wurde der Raum zwischen Krakau/Kraków und Lemberg/Lwiw zu einem politischen Labor, in dem Polen, Ruthenen, Juden, Deutsche und andere Volksgruppen zusammenlebten – geprägt von Reformen, kultureller Vielfalt, aber auch wachsenden nationalen Spannungen. Die Geschichte dieses Vielvölkerlandes wirkt bis heute nach und macht Galizien für Polen und Ukrainer zu einem besonders sensiblen Erinnerungsraum. Ein Beitrag von Isabel Röskau-Rydel
Kulturkorrespondenz östliches Europa, № 1450 | Zweites Quartal 2026
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Die Huzulen lebten isoliert im Gebirge der Ostkarpaten von Viehzucht und Forstwirtschaft. Zur Entspannung nach der harten Arbeit wurde Pfeife geraucht – auch von den Frauen. © Narodowe Archiwum Cyfrowe

Als die drei Großmächte Preußen, Russland und Österreich 1772 die Erste Teilung der durch innenpolitische Auseinandersetzungen geschwächten »Rzeczpospolita«, der polnisch-litauischen Adelsrepublik, durchführten, entstand mit der Annektierung der südostpolnischen Gebiete durch Österreich das Königreich Galizien und Lodomerien. Dieses künstlich geschaffene Königreich umfasste die Gebiete von der österreichisch-schlesischen Grenze im Westen bis zum Fluss Sbrutsch/Zbrucz im Osten und grenzte im Süden entlang der Karpaten an Ungarn. Im Norden bildeten die Weichsel/Wisła und das russische Teilungsgebiet die Grenze.

Seit 1779 waren österreichische Offiziere damit beschäftigt, das Land zu kartieren, die Bevölkerung, Gebäude, das Vieh und vieles andere mehr zu erfassen, sowie die Gebiete zu beschreiben. Die Kartografen erstellten zwischen 1779 und 1783 insgesamt 413 großformatige Kartenblätter. Diese Josephinische Landesaufnahme von Galizien wurde vor wenigen Jahren von polnischen Historikern in 15 Bänden veröffentlicht, deren Karten und Beschreibungen ein genaues Bild des damaligen Zustandes dieses Teils des besetzten Polen vermitteln und daher einzigartige Dokumente sind.

Galizien hatte damals eine Bevölkerung von etwa 2,6 Millionen (1776) Einwohnern, darunter mehrheitlich römisch-katholische Polen, griechisch-katholische Ruthenen und Juden. Die zahlenmäßig verschwindend kleine Gruppe der Armenier, die der armenisch-katholischen Kirche angehörten, spielte im Handel zwischen Ost und West eine bedeutende Rolle. Daneben gab es in Ostgalizien noch Huzulen, Bojken und Lemken, die der ostslawischen Sprachfamilie angehören. Das in 18 Kreise eingeteilte Gebiet wurde von einer kleinen Zahl entsandter Beamter aus den deutschsprachigen Ländern der Monarchie verwaltet. Die Kreishauptmänner waren dem Landesgouverneur unterstellt, der in der Hauptstadt Lemberg residierte.

Die Einführung der deutschen Sprache als Amtssprache sowie als Unterrichts- und Vorlesungssprache sollte den deutsch-österreichischen Beamten die Verwaltung Galiziens und den Austausch der Dokumente und Korrespondenz mit Wien erleichtern. Für die zuvor mit dem Polnischen als Amtssprache vertraute einheimische Bevölkerung bedeutete das eine Herausforderung. Sie war nun gezwungen, eine neue Sprache zu erlernen und sich den neuen Verordnungen der österreichischen Verwaltungsbehörden in allen Bereichen des öffentlichen Lebens anzupassen.

In den 1770er und 1780er Jahren gelangten infolge der von Maria Theresia und Joseph II. propagierten Ansiedlungspolitik deutsche Handwerker, Kaufleute und Bauern aus westdeutschen Gebieten nach Galizien, zunächst nur in ausgewählte Städte. Im Zuge einer weiteren Vollmacht wurde evangelischen Deutschen in der Regierungszeit Josephs II. seit 1781 zugestanden, sich in ganz Galizien niederzulassen. Im Jahr 1782 wurde die Leibeigenschaft der Bauern aufgehoben. Zwar erhielten sie dadurch eine bessere Rechtsstellung gegenüber den Gutsherren, von den Frondiensten wurden sie jedoch nicht befreit.

Galizien erfuhr 1786 eine Vergrößerung seines Gebiets durch die Eingliederung der Bukowina, die 1774 von österreichischen Truppen besetzt und von einem Militärgouverneur verwaltet worden war. In dem nun 19. Kreis lebten 75 000 Menschen, darunter die griechisch-orthodoxen Rumänen und Ruthenen, eine kleine Zahl Armenier, die dem armenisch-orientalischen Ritus angehörten, sowie Lipowaner (sogenannte altgläubige Orthodoxe). Das 1789 erlassene Toleranzpatent eröffnete der jüdischen Bevölkerung einerseits größere persönliche Freiheiten, andererseits aber auch neue Einschränkungen bei der Berufsausübung auf dem Land, was dazu führte, dass sie vermehrt Erwerbsmöglichkeiten in den Städten suchten und sich dort niederließen.

Mit der Dritten Teilung Polens 1795 durch die drei Teilungsmächte wurden Österreich die Stadt Krakau und Umgebung sowie große Gebiete im Norden, die bis in die Warschauer Gegend reichten und als West- oder Neugalizien bezeichnet wurden, zugesprochen. Allerdings blieben diese Gebiete nur wenige Jahre unter österreichischer Herrschaft. 1809 wurden sie von polnischen Truppen, die für Napoleon kämpften, zurückerobert. Bei den Verhandlungen während des Wiener Kongresses musste Österreich 1815 den Kreis Zamość an Kongresspolen abtreten. Krakau mit Umgebung erhielt den Status einer Freien Stadt. 1846 wurde dieses Gebiet nach der blutigen Niederschlagung einer von Krakau aus organisierten Erhebung von österreichischem Militär besetzt und 1849 offiziell in das Kronland Galizien eingegliedert. Die Bukowina wurde im selben Jahr zu einem eigenständigen Kronland.

Eine weitere Zäsur bildete das Jahr 1848, als die revolutionären Bewegungen im Westen Europas auch Österreich erreichten. Die Forderungen von Polen und Ruthenen nach einer Berücksichtigung ihrer jeweiligen Belange im Bildungswesen und im kulturellen Bereich wurden nach der Niederschlagung der Revolution Ende 1848 nur zum Teil erfüllt. Allerdings wurden seit 1848 ranghohe polnische Beamte erstmals vom Kaiser zu Landesgouverneuren bzw. Statthaltern Galiziens oder zu Ministern in der Wiener Regierung ernannt. Der zunehmende Einfluss der polnischen Abgeordneten und Minister in Wien führte schließlich 1861 zur Eröffnung des galizischen Landtages in Lemberg, nachdem die alten Provinziallandtage Ende des 18. Jahrhunderts abgeschafft worden waren.

Erst das im Dezember 1867 erlassene österreichische Staatsgrundgesetz sorgte für weitere Zugeständnisse hinsichtlich autonomer Strukturen für Galizien. Es folgte im gleichen Jahr die Einführung der polnischen beziehungsweise ruthenischen Unterrichtssprache in den Schulen, 1869 die Einführung des Polnischen als Amtssprache in den Verwaltungsbehörden und Gerichten sowie 1870/71 die Einführung der polnischen Vorlesungssprache an den Hochschulen in Krakau und Lemberg. Die deutsche Kultur wurde aus dem öffentlichen Leben zurückgedrängt und die deutsch-österreichischen Beamten, die nicht die polnische Sprache erlernt hatten, mussten Galizien verlassen.

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war die Bevölkerung auf etwa 4,6 Millionen gestiegen. 1857 wurden in der Volkszählung fast 450 000 Juden, etwas über 114 000 Deutsche sowie knapp 2 500 Armenier gezählt. Die größten Anteile hatten mit knapp zwei Millionen die Polen und mit fast 2,1 Millionen die Ruthenen. Die divergierenden nationalen Bestrebungen dieser beiden Nationalitäten führten seit Ende des 19. Jahrhunderts zu immer stärkeren Spannungen. In diesen Jahrzehnten machte sich auch eine antisemitische Bewegung in rechtsnationalen polnischen Kreisen bemerkbar. Der Mythos von einem Land, in dem ein friedliches Leben zwischen den verschiedenen Ethnien und Konfessionen möglich war, verlor spätestens seit dieser Zeit an Glaubwürdigkeit.

Zwar kämpften im Ersten Weltkrieg alle Nationalitäten der Monarchie gemeinsam gegen die russländische Armee, allerdings zeigten sich mit der Niederlage Deutschlands und Österreich-Ungarns die Bestrebungen der Polen und Ukrainer, eigene Staaten zu errichten. Am 11. November 1918 konnte die Unabhängigkeit Polens ausgerufen werden, gleichzeitig fanden in Ostkleinpolen Kämpfe zwischen polnischen und ukrainischen Truppen statt. Nur vorübergehend gelang es, eine Westukrainische Republik in der Region Stanislau/Iwano-Frankiwsk zu errichten. Die nach Beendigung der Kämpfe durchgeführte Aufteilung des ehemaligen Kronlandes Galizien in die vier polnischen Woiwodschaften Lemberg, Tarnopol, Stanislau und Krakau blieb bis zum Zweiten Weltkrieg bestehen. Wie schon vor den Teilungen erhielt dieses Gebiet auch nun wieder die Bezeichnung Kleinpolen (poln. Małopolska, Polonia minor).

In der Zwischenkriegszeit vergrößerten sich die Spannungen zwischen Polen und Ukrainern. Letztere sahen ihre Rechte als Minderheit im polnischen Staat unterdrückt. Manche Ukrainer glaubten, mit Attentaten auf polnische Politiker eine Veränderung in der Minderheitenpolitik der polnischen Regierung zu erreichen. Rechtsradikale polnische Parteien trugen ihrerseits durch Kampagnen gegen Juden zu einer großen Verunsicherung unter der jüdischen Bevölkerung bei. Als am 1. September 1939 der deutsche Angriff auf Polen begann, bedeutete dies auch den Auftakt zum Untergang der Plurikulturalität und Multiethnizität Galiziens. Die Unterdrückung der ansässigen Bevölkerung und die Ausgrenzung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung unter deutscher Besatzung führten zu einer tragischen Veränderung der ethnischen Verhältnisse in diesem Raum. Der Sieg der Alliierten über das Dritte Reich führte schließlich zu einer Westverschiebung der Grenzen Polens und damit zum Verlust der polnischen Ostgebiete. Auf diese Weise wurden vier Woiwodschaften in Ostkleinpolen Teil der ukrainischen Sowjetrepublik.

Seit der politischen Wende 1989/90 setzen sich Polen und Ukrainer intensiv mit dem Erbe der österreichischen Vergangenheit auseinander. Der seit dieser Zeit rege internationale wissenschaftliche Austausch ermöglichte es, die vielfältigen Aspekte der multiethnisch und multikulturell geprägten Geschichte und Kultur Galiziens in einem neuen Licht zu betrachten. Diese fruchtbare Zusammenarbeit wurde am 24. Februar 2022 durch den umfassenden Angriff Russlands auf die Ukraine, der schon acht Jahre früher begonnen hatte, massiv eingeschränkt.