Die Dankesworte von Hermann Pölking und Artur Böpple anlässlich der Verleihung des Georg Dehio-Kulturpreises 2026 am 8. Oktober 2026 im Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung

Hermann Pölking | Artur Böpple für den Literaturkreis der Deutschen aus Russland

Hermann Pölking, Georg Dehio-Kulturpreis 2026 – Hauptpreis

Hermann Pölking bei seiner Dankesrede. Foto: © Deutsches Kulturforum östliches Europa, 2026 • Renate ZöllerHermann Pölking bei seiner Dankesrede. Foto: © Deutsches Kulturforum östliches Europa, 2026 • Renate Zöller

»Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde.

Ich darf Dankesworte sprechen. Ich werde dabei etwas von den Gepflogenheiten abweichen.

Ich habe von meinem 2021 verstorbenen Freund, dem Autor und Kulturhistoriker Rolf Hosfeld gelernt, zu Erzählendes mit kleinen »Versalien« zu beginnen. Der Spiegel praktiziert das seit Jahrzehnten: Sie kennen berühmte Artikelanfänge wie: »Im Kanzleramt brannte noch Licht!«

Eine Versalie: Vor einigen Wochen musste ich Teile eines Bads in unser Bremer Wohnung neu streichen. Ich habe die Fliesen mit Hilfe von Krepp-Klebeband mit der letzten Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung abgeklebt. Ich bin seit dem zehnten Lebensjahr süchtiger Zeitungsleser. Ich habe beim Arbeitseinsatz länger Wandzeitung gelesen als Farbe aufgetragen.

Ich wollte immer Journalist werden. Aber ich habe dann festgestellt: »Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern«. Ich bin dann Autor, Kurator und Dokumentarfilmer geworden, kurz: Publizist.

Neben diesem Preis macht mich besonders stolz, dass mein Buch Ostpreußen – Biographie einer Provinz im Präsenzbestand des Lesesaals der Staatsbibliothek unter HB 7G »Preußen« steht. Als dickes Buch eignet es sich physikalisch nicht zum Abkleben von Wänden. Besuchen Sie es ruhig einmal!

Ich danke Eckhard Siepmann, dem Gründer des »Werkbund Archivs – dem ›Museum der Dinge‹«. Er hat mich als sein Mitgesellschafter im Verlag »Elefanten Press« vor Jahrzehnten gelehrt, im physikalischen Objekt »Geschichte« und »Gesellschaftliches« zu entziffern. Siepmann, Autor von Montage – John Heartfield hat mich auch inspiriert, das Prinzip der »Montage« anzuwenden.

Der Grafikdesigner und Fotokünstler Jürgen Holtfreter – von ihm stammt das ikonografische rote SDS-Plakat mit Marx Engels Lenin »Alle reden vom Wetter – wir nicht« – hat mich dann gelehrt, Text mit Bild zu verbinden. Ich danke ihm wie meinem Freund Jens Theo Müller, der mich 1984 im Zusammenhang mit einer Borgward-Ausstellung auf die »Video-« und damit Film-Spur gebracht hat.

Wir Kulturvermittler und Publizisten leben von der »Wissenschaft des Geistes«. Wenn wir Geisteswissenschaft nicht selbst betreiben, holen wir uns von ihr die Fakten und Verständnis.

Ich danke allen, die zu Ostpreußen geforscht haben und noch forschen. Ohne ihr Abtauchen in die Archive hätte ich keine Bücher und keine Filme über Ostpreußen recherchieren können.

Ich danke in Vertretung für Andere: Christhardt Henschel, Arthur Hermann, Richard Lakowski, Ruth Leiserowitz, Ralf Meindl, Christian Pletzing und Wulf D. Wagner.

Besonders aber danke ich Andreas Kossert, nicht nur ein Wissenschaftler mit neuen Sichtweisen, sondern auch ein Meister der Vermittlung. Auf seinen Spuren wandele ich, wenn ich mich mit Ostpreußen beschäftige. Danke!

Bei dieser Gelegenheit danke ich der siebenköpfigen Jury des Preises, von denen wohl alle Wissenschaft mit Vermittlung verbinden, für ihre Entscheidung. Und natürlich Dir, lieber Rainer, für Deine Laudatio.

Ich selbst habe keine persönlichen Bezüge zu Ostpreußen.

Eine Versalie: In der letzten Woche haben meine Geschwister und ich 25 Jahre nach dem Tod des Vaters und 48 Jahre nach dem Tod der Mutter das Elterngrab in Vechta, Südoldenburg aufgegeben. Aus der Kreisstadt in Niedersachsen komme ich. Sie ist mir Heimat.

Aber ich lebe dort nicht mehr. Auch nicht meine Geschwister. Wir leben in Berlin, Bremen und Hessen.

Auch so verliert man die Gräber der Vorfahren und damit Heimat!

Wir sind heute eine migrantischen Gesellschaft, auch binnen-migrantisch. Aus Bayern können in einer Generation Holsteiner werden; aus Fans von Galatasaray Istanbul Fans von Borussia Dortmund. Ich habe mit meiner Frau vor 17 Jahren in Perm am Ural gelebt – als »größten Schrotthaufen westlich des Urals« hat mein Freund Jens Theo Müller vor der Stadt gewarnt. Danach haben wir zwei Jahre in Budapest gewohnt. Wir haben uns in sibirischer Kälte und pannonischer Hitze in beiden Städten heimisch gefühlt.

Heimat wurden sie uns nicht.

Fast alle Mitgliederinnen und Mitglieder des heutigen Förderpreisträgers haben familiäre Bezüge zur Sowjetunion bzw. zur Russischen Föderation. Ich habe nach der Lektüre einiger ihrer Bücher das Gefühl, diese Staaten waren ihren Familien Heimat, oft »kalte Heimat«. »Vaterland«, gar »Nation« waren sie ihnen nicht. Richtig?

»Heimat«, aber auch »Nation«, kann sich vom Territorium entkoppeln.

Sehe ich das richtig?

19 Jahre Beschäftigung mit Ostpreußen haben mich zum naturalisierten Ostpreußen gemacht. Ich tagträume mich oft an die Scheschuppe im Kreis Pillkallen und das Johannes Bobrowski-Land nördlich der Memel. Ich kenne es aus Geschichten, Fotografien und Filmen. Mein Tagtraum ist rückwärtsgewandt. Denn Ostpreußen ist in die Geschichte entschwunden. Wie die Sowjetunion. Ich darf mit Büchern und Filmen im Stil der Montage Anderen mentale Wege nach Ostpreußen ebnen.

Liebe Mitpreisträger: Mir ebnen ihre Bücher Wege in den Osten Europas! Danke!

Dass ich schaffen konnte, was heute für preiswürdig gefunden wurde, verdanke ich vor allem meiner Frau Maria. Sie ordnet seit bald 48 Jahren in Liebe mein etwas chaotisches Leben.

Mit ihr habe ich mein und unser einziges Kind Frederieke, die uns niemals Sorgen und nur Freude bereitete. Und uns das einzige Enkelkind Edda schenkte.

Jedes Enkelkind ist den Großeltern besonders. Aber die fünfjährige Edda ist meine familiäre Verbindung zu Ostpreußen. Denn ihr anderer Großvater, leider in diesem Jahr verstorben, ist 1940 in Kraupischken, Kreis Ragnit-Tilsit geboren.

Mein Schwiegersohn Jon ist zur Hälfte Rheinländer und Ostpreuße, die kleine Edda – sie weiß es noch nicht – ist zu einem Viertel Ostpreußin; mit litauischen Vorfahren!

Ich danke heute vielen, aber auch deshalb vor allem meiner Familie.

Ist das in Ordnung?«

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Artur Böpple für den Literaturkreis der Deutschen aus Russland e.v., Georg Dehio-Kulturpreis 2026 – Förderpreis

Artur Böpple bei seiner Dankesrede. Foto: © Deutsches Kulturforum östliches Europa, 2026 • Renate ZöllerArtur Böpple bei seiner Dankesrede. Foto: © Deutsches Kulturforum östliches Europa, 2026 • Renate Zöller

»Sehr geehrter Herr Dr. Fabritius, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Eleonora Hummel,

wir fühlen uns sehr geehrt, diesen Kulturpreis 2026 als Förderpreis entgegennehmen zu dürfen – nicht zuletzt, weil unser Literaturverein als erster russlanddeutscher Verein überhaupt mit diesem wichtigen Preis ausgezeichnet wurde. Dafür danken wir Ihnen, Herr Dr. Roth, und der Jury des Georg-Dehio-Kulturpreises sehr herzlich! Danke für Ihr Vertrauen!

Doch noch viel mehr sind wir der Autorengeneration zu Dank verpflichtet, die vor rund 30 Jahren diesen quasi »Dachverband« gegründet hat. Zunächst war es tatsächlich nur ein Literaturkreis, in dem man einander neue Texte vorlas, sich weiterbildete und gemeinsam publizierte. Am Anfang standen einfache Arbeitshefte mit dem Titel Literaturkalender der deutschen Autoren aus Russland. Noch heute trägt unser Almanach eine ähnliche Bezeichnung im Untertitel.

Schon damals gehörte es zu den wichtigsten Aufgaben des Vereins, junge Talente zu entdecken und zu fördern und sie auf ihrem Weg zur Schriftstellerin oder zum Schriftsteller zu begleiten. Dazu beigetragen haben Menschen wie Nora Pfeffer, Johann Warkentin, Nelly Däs, Viktor Heinz, Waldemar Weber und Wendelin Mangold – ebenso wie unsere erste Vereinsvorsitzende Agnes Gossen, die die bemerkenswerte Fähigkeit besaß, alle Fäden gekonnt zusammenzuhalten.

Doch wer kennt diese Namen hierzulande – auch unter literaturinteressierten Menschen außerhalb unserer Gemeinschaft? Viele Angehörige dieser Generation hatten sich bereits in der Sowjetunion mit Veröffentlichungen in der deutschsprachigen Presse einen Namen gemacht. Einige waren Mitglieder des sowjetischen Schriftstellerverbandes und wussten, worauf es ankam. Doch nach ihrer Ankunft in Deutschland fühlten sie sich – wie viele Neuankömmlinge – zunächst verloren. Verständlicherweise fiel es ihnen schwer, einen Verlag für ihre Werke zu finden. Nicht, weil ihre Manuskripte uninteressant gewesen wären, sondern weil ihnen oft nicht bekannt war, wie man einem deutschen Verlag ein Buchkonzept anbietet.

Auch darin sah unser Literaturverein eine seiner Aufgaben. Zugleich bin ich fest davon überzeugt, dass nicht jedes Buch, das bei einem renommierten Verlag erscheint, auch tatsächlich literarisch wertvoll ist. Umgekehrt gilt dasselbe: Bei Weitem nicht alle Titel, die in kleineren Nischenverlagen veröffentlicht werden, sind weniger bedeutend als Bücher, die in den Schaufenstern deutscher Buchhandlungen liegen.

Unsere wichtigste Aufgabe bleibt es, junge, talentierte Autorinnen und Autoren zu fördern. Der Nora-Pfeffer-Literaturpreis, den das Kulturzentrum BKDR und unser Literaturverein gemeinsam ausrichten, ist eines der Mittel dazu und aus genau dieser Idee entstanden.

Neue Namen wie Elina Penner, Alisha Gamisch – die 2026 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand – oder Elli Unruh, die 2026 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war, geben uns Anlass zur Hoffnung. Die letzten beide Autorinnen kamen schon vor dem Erscheinen ihrer Debütromane mit dem Nora-Pfeffer-Literaturpreis in Berührung: Alisha Gamisch wurde 2022 als erste Preisträgerin in der Kategorie Lyrik ausgezeichnet, und Elli Unruh stand 2024 mit einem Prosabeitrag auf der Shortlist. Beide haben in unseren Anthologien veröffentlicht.

Es wäre natürlich schön zu glauben, dass wir Teil ihrer Entwicklungsgeschichte sind. Doch diese Beispiele zeigen zumindest, dass wir mit unseren Bemühungen und unserer Arbeit nicht ganz falschliegen.

Dabei geht es uns nicht allein um Literatur oder Kulturpreise. Es geht auch darum, dass wir in den vergangenen Jahren zunehmend wahrgenommen werden und dadurch unsere komplexe Geschichte und die vielen gebrochenen Lebenswege endlich mehr Sichtbarkeit erhalten.

Ich möchte ebenfalls die Gelegenheit nutzen, um allen Förderern, Institutionen und Vereinen zu danken, die in den vergangenen Jahren an uns geglaubt haben. Dazu gehören unter anderem viele Ortsgruppen der LmDR, der Kulturreferent für Russlanddeutsche in Detmold, Edwin Warkentin, der uns seit 2018 verlässlich begleitet, sowie der Kulturreferent für Russlanddeutsche in Nürnberg, Herr Eisenbraun, der für unsere Projekte stets ein offenes Ohr hat.

Für diese Entwicklung – von der wir vor zehn Jahren kaum zu träumen gewagt hätten – sind wir sehr dankbar. Mögen aus unserer Zusammenarbeit noch viele bedeutende und nachhaltige Projekte hervorgehen, die der Bewahrung der Kultur und Geschichte der Deutschen aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion und der dort lebenden Deutschen dienen.

Verehrte Damen und Herren, ich danke Ihnen allen fürs Zuhören!

(Im Namen des Vorstands des Literaturkreises der Deutschen aus Russland e. V.)«

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Weitere Informationen

zum Bericht von der Preisverleihung
zum Georg Dehio-Kulturpreis 2026