
Im »Grenzgebiet zwischen Kirgisien und Kasachstan« siedelt Elli Unruh in ihrem autobiografisch gefärbten Debütroman eine deutsch-mennonitische Familiengeschichte an. Erzählt wird aus der Perspektive des Schuljungen Krocha, seiner noch unverheirateten Tante Hedi, die noch bei ihrer Mutter Sara, Krochas Großmutter, lebt, sowie aus der Perspektive von Heinrich, Krochas Großonkel und Hedis Onkel. Drei unterschiedliche Generationen blicken auf ihr Leben zurück. Die Familie hat auch andere Zeiten gekannt; die Scheinruhe der Gegenwart in den 1970er Jahren täuscht. Das weiß keiner besser als Onkel Heinrich, der Krocha nicht nur seine kleine Hütte vererben, sondern ihm auch einen weisen Spruch mit auf seinen Lebensweg geben wird: Sollte sich einmal die Gelegenheit ergeben, nach Deutschland auszureisen, solle Krocha nicht zögern. »Nimm nur, was du musst. und geh!« An diese Worte wird sich Krocha 14 Jahre später als junger Mann mit den Ausreisepapieren nach Deutschland in der Hand erinnern und die »Akte« seines Großonkels mitnehmen. Diese dokumentiert die Zeit, in der Heinrich, von allen liebevoll Onkel Hein genannt, nichts als eine Nummer war. Das traurige Schicksal seines Onkels in der stalinistischen Zeit sowie das all jener Menschen, die zu Unrecht in Arbeitslagern schufteten, soll niemals vergessen werden.
Onkel Hein kennt diese Erfahrung nur zu gut. »Wie sehr sein Appetit ihn bestürzt. Dass der immer wiederkehrt, sich auch nach Jahren des Hungers nicht abgewöhnen lässt. Der Appetit, das ist ein Freund, der immer nur will.« Gleich zu Beginn des Zweiten Weltkriegs, 1939, kam er im Alter von 26 Jahren in das Lager Karlag bei Karaganda. Nach zwölf Jahren kehrte er heim – doch da war niemand. Auch seine Frau mit den zwei Kindern hatte man verschleppt, nach Schtschutschinsk. Dieser Ort im tiefen Norden Kasachstans liegt 2 500 Kilometer von Mineralnyje Wody entfernt, wo die beiden sich einst kennengelernt hatten. Aber was macht den Mennoniten das Reisen schon aus? »Sie sind heute auf der ganzen Welt. In Kanada, Brasilien, in Paraguay und wo sonst noch alles.« Wie sollte Heinrich seine nach Schtschutschinsk verschleppte Familie finden? Er fand sie, doch wegen der äußeren und inneren Kälte verließ er sie auch wieder. Mit einem Teil der Familie zog er in den Süden Kasachstans und ließ sich in Michailowka nieder. Zumindest hatte er dort lange Sommer und nur drei Monate lang bitterkalte Winter, die seine Seele und sein Körper so schlecht vertrugen. Und er hatte Krocha und Hedi. Seine Sprache blieb allerdings im ewigen Eis zurück. Er hatte sie verloren. Vieles ließ er hinter sich, nur den Hunger, den konnte er nicht loswerden.
Doch in den 1970er Jahren kann sich Heinrich mit seinen Geschwistern endlich wieder satt essen. Alles schmeckt ihm wie »bei ihrer Mutter«. Und auch sonst werden die mennonitischen Traditionen hochgehalten. Die einfache, bescheidene Lebensweise wird propagiert: »Verschwendung« ist für die Mennoniten ein Übel und Sauberkeit äußerst wichtig. Mit anderen Worten: Das Tischtuch kann gerne fehlen, wenn die Stube blitzeblank geputzt ist.
»Die Alten lesen einander das Leben an den Falten ab« Den Jungen muss man es erzählen. Die Vergangenheit nistet sich in die Gegenwart ein – und wenn Onkel Hein sich Schweigen auferlegt, so sind es die anderen Verwandten, die das Bedürfnis haben, ihre Erlebnisse von Deportationen und Zwangsarbeit sowie ihre Erfahrung von Unrecht und Enteignung weiterzugeben.
Für die junge Generation, zu der der neunjährige Krocha gehört, klingen diese Geschichten wie ein spannender Roman. Doch auch die Jungen werden von dieser Schwere eingeholt. Spätestens, als Krocha in der Schule »Faschist« genannt wird, begreift er, dass sich sein Wunsch, Kosmonaut zu werden, nicht erfüllen wird. »Faschisten lassen sie nicht«, so der Lehrer. Trotzdem überwiegt in der Kindheit die Leichtigkeit. Da die Hälfte der Klasse aus »Faschisten« besteht, beunruhigt diese Bemerkung Krocha nicht, selbst wenn die Absicht durchschimmert: »Der Lehrer weiß, wer die Deutschen sind (…) und Krocha soll es auch lernen.« Bis zu seinem Militärdienst wird er seine Lektion gelernt haben, Angehöriger einer nicht mehr willkommenen Minderheit zu sein. Statt ins All strebt er nun nach Deutschland. Wie alle, die ausreisen wollen, hofft auch er, die quälenden Geschichten hinter sich lassen zu können – und sich, in Deutschland angekommen, nur noch an die schönen Seiten des Lebens in der Steppe zu erinnern. Von großen saftigen Äpfeln zu träumen, die einen süchtig machen, und von den herrlichen Düften, die der fruchtbare Boden liefert. Es sind Erinnerungen an Melonen, Pfirsiche, Tomaten, Gurken, Mirabellen, Wientrauben, Walnüsse, Kartoffeln, Kräuter, Mais und Gerste und an Esel, die diese Kostbarkeiten tragen, an das Konzert der Grillen und die wilden Brombeeren, die man im Schatten einer Pappel verzehrt, und an den Blick auf das Tian Shan-Gebirge. Wäre da nicht die bedrückende Vergangenheit, das bittere Schicksal der Mennoniten in der sowjetischen Willkürherrschaft, hätte die Steppe das Paradies sein können.
Ob die deutsche Realität Krocha und seine Tante Hedi jemals überzeugen wird, steht auf einem anderen Blatt. Es wäre spannend, wenn Elli Unruh eine Fortsetzung ihres Debütromans schreiben würde, denn das Interesse und die Neugier sind groß: Familiengeschichten als Spiegelbild historischer und politischer Umschwünge sind heutzutage begehrter als Geschichtsbücher. Dass Elli Unruhs Debütroman für den Preis der Leipziger Buchmesse 2026 nominiert wurde, verwundert nicht – sowohl das Sujet, das die in Kasachstan geborene Autorin wählt, als auch der lyrische Duktus ihrer Sprache bestechen und bleiben in Erinnerung.
Elli Unruh: Fische im Trüben
Transit Verlag, Berlin 2025, 200 S.
ISBN 978-3-88747-420-1