Poniemieckie (Czarne Verlag, 2019) ist Karolina Kuszyks Auseinandersetzung mit dem Schicksal von »ehemalsdeutschen« Häusern, Friedhöfen und Gegenständen in West- und Nordpolen. Basierend auf den Erfahrungen von Menschen, die im »ehemalsdeutschen« Polen aufgewachsen sind, untersucht die Autorin, was die deutsche Vorkriegsgeschichte dieser Gebiete für die heute dort lebenden Polen bedeutet. Poniemieckie kann auch als Geschichte oder Anthropologie der Dinge bezeichnet werden. Die Reflexion über diesen Prozess des »Heimischwerdens« beginnt mit Alltagsgegenständen wie Möbeln, Geschirr, Büchern, Gemälden, Postkarten und sogar Einmachgläsern.
Mai 2020 – Kulturkorrespondenz östliches Europa № 1415 | von Karolina Kuszyk
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Im Centrum Historii Zajezdnia, einer multimedialen Ausstellung zur Nachkriegsgeschichte von Breslau/Wrocław, wird anhand von alten Schildern illustriert, wie aus den deutschen Straßennamen polnische wurden – in der kommunistischen Zeit und nach 1989. Foto: © Markus Nowak

Ein Auszug aus dem Buch von Karolina Kuszyk in einer Übersetzung von Lisa Palmes.

Die Anfänge meines Buches reichen drei Jahre zurück, als mein Mann und ich meine Eltern in Liegnitz/Legnica besuchten. Eben spülten wir nach dem Abendessen das Geschirr, als mein Mann jäh aufschrie, als hätte er sich verbrüht: »Was ist denn das?!«

Er schaute, nein: starrte auf ein kleines grünes Symbol auf der Unterseite einer weißen Keramikschüssel, an der Stelle, wo normalerweise die Bodenmarke zu sehen ist. Auch unsere Schüssel hatte eine solche Marke – nur trug diese die Form eines Hakenkreuzes. Eines kleinen zwar, geradezu »dezenten«, aber dennoch: Es war ein Hakenkreuz. Das Symbol der Nazizeit war umrahmt von einem gezackten Kreis, den wiederum winzige Buchstaben umgaben, die den Schriftzug »KPM [Krister Porzellan-Manufaktur] – Modell des Amtes – Schönheit der Arbeit« formten.

Diese Schüssel ist seit jeher in unserem Familienbesitz. Sie steht an keinem Ehrenplatz, schließlich ist nicht Schönheit, sondern Nützlichkeit ihre herausragende Eigenschaft. Besonders gut eignet sie sich, um Kuchenteig oder Kutja – einen süßen Getreidebrei nach ostpolnischem Rezept – anzurühren. Ich kann mir kein Weihnachts- oder Osterfest ohne sie vorstellen. Doch das Hakenkreuz sah ich erst fast zwanzig Mit dieser Schüssel fing für Karolina Kuszyk alles an. Sie ist im Familienbesitz der Autorin und stammt aus der Zeit vor 1945. © Karolina KuszykJahre nach meinem Auszug von zu Hause, und auch nur, weil es mir mein deutscher Ehemann zeigte – der aus dem Staunen nicht herauskam, dass dieses Nazisymbol so lange ungesehen in einem polnischen Haus überdauern konnte. […] Ich weiß nicht, wie es dazu kommen konnte, dass all die Jahre hindurch weder ich noch irgendjemand anderes aus meiner Familie das Hakenkreuz auf der Unterseite unserer Schüssel bemerkt hatte, doch an jenem Abend begann ich mich zu fragen, wie viele Dinge wir noch in unseren Häusern haben, deren »Ehemalsdeutschtum« für uns unsichtbar geworden ist.

Poniemieckie waren die Häuser, öffentlichen Gebäude, die Fabriken, Straßen, Kirchen, Friedhöfe – aber auch die Dinge des täglichen Gebrauchs: Anrichten und Schränke, Tische und Stühle, Maschinen und Werkzeuge, Gefäße und Küchengeräte, Kleidung, die Bilder an den Wänden und die Einmachgläser in den Kellern. Aber auch der Pilzbestand und die Wildtiere im Wald oder die Lindenbäume entlang der Alleen. Einfach alles. Die polnische Übergangsregierung versuchte bereits am 6.Mai 1945 – noch vor dem Potsdamer Abkommen, bei dem der künftige Grenzverlauf zwischen Polen und Deutschland festgelegt wurde –, das »Deutsche« zum »Ehemalsdeutschen« zu machen. Ein entsprechendes Gesetz hierzu nannte sich »Gesetz über das verlassene und aufgegebene Vermögen«. Verlassenes Vermögen war demnach jegliche Habe, die sich nicht im Besitz ihres Eigentümers befand; aufgegebenes Vermögen waren alle beweglichen oder unbeweglichen Güter, die Eigentum des deutschen Staates oder deutscher Bürger waren oder sich im Besitz von Personen befanden, die »vor der Roten Armee geflohen und nicht zurückgekehrt waren«. Die offizielle Konfiszierung deutscher Besitztümer erfolgte dann – nachdem Polen im August 1945 bereits die Gebiete jenseits der Oder und der Lausitzer Neiße zugeteilt worden waren – kraft eines Dekrets vom 8. März 1946. Damit ging sämtliches Vermögen des Deutschen Reiches und der ehemaligen Freien Stadt Danzig sowie der Bürger des Deutschen Reiches, mit Ausnahme von »Personen polnischer oder einer anderen, von den Deutschen verfolgten Nationalität«, in die polnische Staatskasse ein. In der Bezeichnung des Dekrets wurde das »aufgegebene« Vermögen zum »ehemalsdeutschen« Vermögen.

Von der Generation, die sich noch an die Anfangszeiten in den neuen polnischen Gebieten erinnert und daran, wie es war, all die per Dekret zu »ehemalsdeutschen« erklärten Dinge zu übernehmen, sind heute nicht mehr viele Menschen am Leben. Dafür kommen in den westlichen und nördlichen Gebieten Polens immerfort neue zur Welt. Es gibt Leute aus Breslau/Wrocław oder Stettin/Szczecin, die häufiger nach Berlin fahren als nach Warschau: zu Konzerten, zum Einkaufen, zum Studium, zur Arbeit. Auch ich selbst bin nach meinem Studium in der polnischen Hauptstadt und einem Jahr Arbeit in Ostpolen nach Berlin gezogen – das gerade einmal dreihundert Kilometer von Liegnitz entfernt liegt. Anders als in Warschau, wo es mir – obwohl ich es ernsthaft versuchte – nicht gelang, Wurzeln zu schlagen, fühlte ich mich auf dem Berliner Pflaster gleich wie zuhause. Dabei reichte bis in die frühen Neunzigerjahre mein Radius nach Westen hin bloß bis zur Niederschlesischen Heide. Dahinter lag die Grenze zur DDR, also das Ende der Welt. […]

Deutschland? Das weiter entfernte, doch aus irgendwelchen Gründen näherliegende und leichter zu beschreibende Deutschland interessierte mich ausschließlich als Land der Nussbeisser-Schokolade mit ihren ganzen Haselnüssen und dem mit Plastikfolie bespannten Sichtfensterchen, der Coca-Cola-Dosen und des Bravo-Magazins. Das andere, gewissermaßen mit uns verbrüderte, aber dennoch gönnerhaft als enerdówek – »DDR-chen« – bezeichnete Deutschland lag nur einen Steinwurf entfernt, trotzdem war es so, als gäbe es dieses Deutschland gar nicht. Als erstreckte sich hinter der Niederschlesischen Heide eine Ödnis, leergefegt durch eine Katastrophe. Wie sehr sich die Erfahrungen der Menschen gleichen, die in der Volksrepublik Polen und in der DDR aufgewachsen sind, wurde mir erst bewusst, als ich meinen zukünftigen, in Ostberlin geborenen Mann kennenlernte und wir einander von unseren Kinder- und Jugendzeiten erzählten.

Die Erfahrung, in einer Heimat zu leben, mit der man nicht ganz heimisch geworden ist

Eine Erfahrung allerdings teile ich weder mit meinem Mann noch mit meinen Freunden, die in Chełm, Warschau, Posen/Poznań oder Kolo/Koło aufgewachsen sind: die Erfahrung, in einer Heimat zu leben, mit der man nicht ganz heimisch geworden ist. Das Gefühl, mit der Geschichte der eigenen Stadt, der eigenen Umgebung sei irgendein beschämendes Geheimnis verbunden. Wer in der ersten, der zweiten, ja selbst noch der dritten Generation in den polnischen West- und Nordgebieten aufwuchs, stieß oftmals auf eine Mauer aus Schweigen, wenn er versuchte, etwas über die Vergangenheit vor 1945 zu erfahren.

Die Vergangenheit wurde verheimlicht – ähnlich, »wie in einer sogenannten besseren Familie das peinliche Geheimnis von der anstößigen Herkunft eines Familienmitgliedes gehütet wird«, schrieb der Breslauer Literaturwissenschaftler und -kritiker Andrzej Zawada 1996. Und die Germanistin Beata Kozak erinnerte sich, dass in den siebziger Jahren in Szczecin kein Erwachsener je darüber sprach, »wie es dazu kam, dass er hierher gekommen war«. »Alle waren mit ihrer Arbeit beschäftigt, mit dem Ausharren bis zur nächsten Gehaltsauszahlung, mit den geplanten Betriebsferien an der Ostsee, mit der Normalität, mit dem Nichtanecken«, bemerkt Kozak. »Das Fremdheitsgefühl und die Atmosphäre der Verschlossenheit, des Verschweigens von etwas Unangenehmem waren allgegenwärtig und deswegen beinahe unmerklich.« Der Lyriker Tomasz Różycki, von dem das Gedicht Wszystko mam poniemieckie (»Alles bei mir war ehemalsdeutsch«) stammt, bekannte 2006 in einem Interview für die Wochenzeitschrift Polityka, das Gefühl der Fremdheit sei in seiner Heimatstadt Oppeln/Opole bisweilen so stark gewesen, dass es ihn dazu getrieben habe, an anderen Orten mit eindeutigerer Identität eine Heimat zu suchen, so zum Beispiel in Krakau.

In Frankenstein/Ząbkowice Śląskie fand die Autorin alte Schaufenster mit deutschen Firmennamen. © K. Kuszyk

Nach dem Krieg überstrichen wir die deutschen Fassaden, doch all unseren Mühen zum Trotz hielten sich in jedem zweiten Haus Überbleibsel von den Deutschen: »Alexanderwerk«-Waagen, Kaffeemühlen, Kleiderbügel mit den Namen jüdischer Kaufhäuser und Unmengen anderer Dinge, bisweilen von undefinierbarem Zweck. Die staatlich organisierte Aktion zur Tilgung jeglicher »Spuren des Deutschtums« bezog keine Privatwohnungen mit ein, ihre Reichweite machte vor Haustoren und Treppenhäusern halt. So fiel die Entscheidung, welche vorgefundenen Gegenstände entsorgt und welche aufbewahrt werden sollten, meistens den neuen Bewohnern zu. Diese aber hatten es oft gar nicht so eilig, die Spuren des alltäglichen und haushälterischen Deutschtums zu entfernen. »Bei uns zu Hause stand eine Brotschneidemaschine mit der Aufschrift ›Breslau‹, und Zucker nahm man sich aus einer Dose mit dem Schriftzug ›Zucker‹«, erzählt der Schriftsteller Piotr Adamczyk in einem Interview mit der Breslauer Ausgabe der Zeitung Gazeta Wyborcza. »Bei vielen meiner Freunde aus Breslau sind solche Überbleibsel bis heute erhalten geblieben. Zum Beispiel stehen in den Regalen deutsche Bücher mit den Exlibris ihrer Besitzer aus der Vorkriegszeit.« Die Bildung und Erziehung der ersten beiden Nachfolgegenerationen der Umsiedler vollzog sich ganz im Zeichen der Feindschaft oder bestenfalls des Misstrauens gegenüber den Deutschen – zugleich jedoch wurde der ganze Kosmos des alltäglichen Lebens, ja sogar die Vorlieben und Geschmäcker »durch deutsche Gegenstände, Geräte, Formen und den deutschen Geist geprägt«, wie der ebenfalls aus Breslau stammende Literaturhistoriker und Dichter Stanisław Bereś bemerkt. Ist es nicht erstaunlich, dass es bisher keine groß angelegte Studie darüber gibt, welche psychischen Auswirkungen es hat, wenn man gezwungen ist, sich inmitten der ehemaligen Besitztümer eines eben noch verfeindeten Volkes ein neues Leben einzurichten? Eben darauf – auf diese Auswirkungen – möchte ich mich deshalb in meinem Buch auf das weitere, polnische Schicksal des »Ehemalsdeutschen«, konzentrieren.

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