In Krakau/Kraków begann, was hierzulande später vor allem durch den Film Schindlers Liste bekannt wurde: Das Industriellenehepaar Oskar und Emilie Schindler richtete auf seinem Fabrikgelände ein eigenes Lager ein, um ihre jüdischen Mitarbeitenden vor dem Zugriff der Nationalsozialisten zu schützen. 1 200 von ihnen wurden 1944 nach Brünnlitz/Brněnec in der Tschechoslowakei überführt und überlebten dadurch den Zweiten Weltkrieg. In einem neuen Museum in dem kleinen mährischen Ort wird nun der Frau ein Denkmal gesetzt, die dieses Überleben mit ermöglichte: Emilie Schindler.

Verwitterter Backstein und bröckelnder Putz; durch Fenster ohne Glas pfeift der Wind – die ehemalige Emaillewarenfabrik Emalia (Fabryka Emalia Oskara Schindlera) der Familie Schindler im mährischen Brünnlitz ähnelt in Teilen immer noch einer Brache. Viele Jahrzehnte lang wurde sie vergessen – ebenso, wie Emilie Schindler, die so viele Jahre im Schatten ihres Ehemanns Oskar stand. Bis vor einigen Jahren Daniel Löw-Beer das Gelände zurückkaufte. Seine Familie hatte hier bis zum Zweiten Weltkrieg eine Textilfabrik betrieben. Seit dem Sommer 2025 ist es als Museum mit dem Namen »Arche Schindlers« für die Öffentlichkeit zugänglich. Die Arche erzählt von den Überlebenden – und erstmals auch ausdrücklich von der Rolle Emilie Schindlers.

Die Journalistin und Buchautorin Erika Rosenberg, Emilies letzte Freundin, hat aus deren Dokumenten und Erinnerungen eine Ausstellung kuratiert, die am 9. Mai 2026 eröffnet wurde. Mit dem großen Hollywood-Film Schindlers Liste von 1993, in dem Emilie eine bescheidene Rolle als betrogene, eher lästige Ehefrau spielte, hat diese Schau wenig zu tun. Erika Rosenberg will die wahre Geschichte von Emilie erzählen: »Ohne Emilie hätte es Schindlers Liste nie gegeben.«

Während des Telefoninterviews sitzt Erika Rosenberg mit ihrem Mann José und der Hündin Daphne beim Frühstück in Buenos Aires, Argentinien, nur wenige Dutzend Kilometer entfernt von dem kleinen Ort San Vicente, in dem Emilie Schindler ihren Lebensabend verbrachte. Rosenberg, Tochter jüdischer Überlebender, die vor den Nationalsozialisten nach Argentinien flohen, hatte Emilie 1990 kennengelernt – eher zufällig, als sie eine Reportage über die Auswanderung aus Europa machen wollte. »Ich stand plötzlich vor der Tür einer Dame, mitten in der Pampa«, erzählt sie. »Und das war Emilie Schindler. Sie lebte völlig vergessen, ignoriert – sehr arm.«

Dennoch scheint Emilie Schindler keineswegs eine verbitterte, zurückgezogene Person gewesen zu sein. Aus Rosenbergs Erinnerungen tritt vielmehr eine erstaunlich lebenszugewandte Frau hervor. Eine, die neugierig blieb, offen. Die beiden Frauen freundeten sich an, und in den folgenden elf Jahren hörte Rosenberg zu, schrieb mit, erbte alle Dokumente, organisierte schließlich auch die Rückkehr ihrer Freundin nach Europa, wo sie 2001 in Strausberg bei Berlin starb.

Aber zurück zum Anfang: Emilie Pelzl wurde 1907 in Alt Moletein/Starý Maletín in Mähren geboren. Sie wuchs auf einem bäuerlichen Gut auf, wurde streng katholisch erzogen, besuchte Schulen in Brünn/Brno. 1918 kehrte ihr Vater versehrt aus dem Ersten Weltkrieg zurück. Viel Arbeit blieb bald an ihr, der einzigen Tochter hängen – und sie übernahm die neue Rolle auch wie selbstverständlich.

Trotzdem muss ihr der charmante Oskar Schindler wie ein Ausweg aus dieser beklemmenden Situation erschienen sein. 1928 heiratete sie diesen »unfertigen Mann«, wie ihr Vater schimpfte. Das war offenbar eine erstaunlich präzise Diagnose: Oskar war unstet, untreu, er verzockte ihre gesamte Aussteuer. Die Ehe war schon innerhalb des ersten Jahres unerquicklich, und sie blieb es.

Auch beruflich war Oskar Schindler ein Hallodri, versuchte dies und jenes, arbeitete zwischenzeitlich auch als Spion für die deutsche Wehrmacht. 1939 ging er nach Krakau/Kraków ins besetzte Polen. Dort gründete er die Deutsche Emaillewarenfabrik Emalia, letztlich produzierte er für die deutsche Waffenindustrie. Die billigen Arbeitskräfte aus dem Krakauer Ghetto waren ihm willkommen. Allerdings missfiel ihm die Art, wie die SS mit ihnen umging.

Emilie war zunächst gependelt und zog schließlich 1941 ganz nach Krakau und arbeitete in der Verwaltung der Fabrik mit. Als das Ghetto geräumt und ihre jüdischen Angestellten in das KZ Plaszow/Płaszów verlegt werden sollten, beschlossen Oskar und Emilie, ihre Mitarbeitenden vor der Deportation zu schützen und ein eigenes Lager direkt auf dem Gelände der »Emalia« einzurichten. Emilie ergriff die Initiative, sie begann, sich um den Alltag in diesem Lager zu kümmern. Sie dachte nicht in Idealen oder Programmen, sondern in Vorräten, Wegen, Möglichkeiten. »Sie war von Anfang an für das Überleben der jüdischen Arbeiter zuständig«, sagt Rosenberg.

Die Aufgaben waren klar verteilt: Oskar, der Netzwerker und Spieler, nutzte seinen Zugang zu den Mächtigen, um bessere Bedingungen für das Lager auszuhandeln. Emilie sorgte dafür, dass das, was verhandelt wurde, nicht vorher am Hunger, an Krankheiten oder schlicht an der Erschöpfung der Menschen scheiterte. »Sie wusste, was im Lager gebraucht wurde. Sie ging auf den Schwarzmarkt, besorgte Lebensmittel und Medikamente«, sagt Rosenberg. Beide waren sich des hohen Risikos bewusst. Und offenbar auch, dass sie sich aufeinander verlassen konnten. »Da waren sie schon lange kein glückliches Paar mehr«, sagt Rosenberg, »aber ein wirklich gutes Team, das dieselben Werte teilte und im entscheidenden Moment Hand in Hand zusammenarbeitete.«

1944 rückte die Front näher, Schindler musste seine Fabrik in Krakau aufgeben. Mit Bestechung und List gelangte er an eine Genehmigung, 800 seiner Arbeiter und 300 Arbeiterinnen in eine neue Rüstungsfabrik in Mähren mitzunehmen. So entstand die berühmte, lebensrettende Namensliste. Schindler kaufte dafür eine ehemalige Textilfabrik der Familie Löw-Beer. Er selbst war dort selten anzutreffen, war meist unterwegs, nutzte seine Kontakte, besorgte Material. Für die Versorgung und Unterbringung der Menschen sorgte auch hier wieder Emilie – und das offenbar weitgehend allein.

Die Front rückte ständig näher und es wurde immer schwieriger, Lebensmittel für so viele Menschen zu besorgen. Trotzdem zögerte Emilie nicht, als sie im Januar 1945 erfuhr, dass ein Transport mit jüdischen Häftlingen aus Golleschau/Goleszów auf den Gleisen stand. Sie hätten die Häftlinge als Arbeiter angefragt, überzeugte Emilie die Bewacher und ließ die 81 Überlebenden in das Fabriklager bringen. Emilie organisierte ein Lazarett, besorgte Nahrung, fuhr mit dem Lastwagen über Land, fragte, tauschte, bat. »Sie ging regelrecht bei Bauernhöfen um Lebensmittel schnorren«, sagt Rosenberg. Zu ihrer Nachbarin, einer Müllerin, soll sie gesagt haben: »Haben Sie Mehl für meine Juden?«

Rund 1200 Häftlinge erlebten in Brünnlitz die Befreiung. Das Ehepaar Schindler floh vor der Front – zunächst über mehrere Stationen durch das zerfallende Reich, später – mithilfe jüdischer Unterstützer – nach Argentinien. Oskar versuchte sich als Farmer, zunächst mit Geflügel, dann mit Nutrias, aber beides endete in einem finanziellen Debakel. Oskar setzte sich 1957 wieder nach Europa ab, Emilie ließ er hoch verschuldet zurück. Schlimmer noch: Er sonnte sich im Scheinwerferlicht der Weltgeschichte, während Emilie mehr und mehr in den Schatten rutschte. Es ist Erika Rosenberg zu verdanken, dass Emilie am Ende ihres Lebens aus diesem Schatten wieder heraustrat. Und Daniel Löw-Beer, dass das Andenken an diese stille Heldin in Zukunft auch einen konkreten Platz hat, in »Schindlers Arche«.

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Museum Schindlers Arche

Brněnec 101

569 04 Brněnec

Geöffnet 9. Mai bis 10. Oktober

Mi – Do 10 bis 16 Uhr