Mehr als sechs Jahrzehnte sind seit dem Gebietsaustausch zwischen Polen und der Tschechoslowakei vergangen. Und doch erhitzt die »Transaktion« von 1959 auch heute noch die Gemüter. Warum? Weil sie entgegen dem ursprünglichen Plan am Ende nicht für beide Seiten gleich vorteilhaft ausfiel. Deshalb pocht Polen, dessen Anteil kleiner war, nun auf eine endgültige Begleichung der sogenannten »Grenzschuld« durch die Partner aus Prag. Ein Beitrag von Dawid Smolorz
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Eine Grenzkorrektur vollzog sich bei Rennersfeld/Vysutá bereits 1959. Jetzt steht in diesem unbewohnten Gebiet eventuell eine zweite Verschiebung der Grenze bevor. © Dawid Smolorz

Die knapp achthundert Kilometer lange polnisch-tschechische Grenze ist überwiegend ein Relikt aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Nach den Schlesischen Kriegen annektierte das siegreiche Preußen große Teile des bis dahin österreichischen Schlesien und die Grafschaft Glatz. Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Zerfall der Habsburgermonarchie wurde die vormals deutsch-österreichische Grenze zur Staatsgrenze zwischen Deutschland und der neu gebildeten Tschechoslowakei. Als alliierte Beschlüsse die deutschen Provinzen östlich der Oder und der Lausitzer Neiße 1945 unter die Verwaltung Warschaus stellten, wurde Polen in diesem Grenzabschnitt der nördliche Nachbar der Tschechoslowakei. Einen anderen Hintergrund hat die heutige polnisch-tschechische Grenze im Raum Teschen/Cieszyn und Ratibor/Racibórz. Dort wurde sie in der heute gültigen Form 1920 gezogen, wobei sie ursprünglich deutsches und tschechoslowakisches Staatsgebiet voneinander trennte.

In Schlesien sorgten die komplizierten Eigentumsverhältnisse nach dem Zweiten Weltkrieg durchaus für Unannehmlichkeiten an der Grenze. Wegen der vielen Landzipfel waren die Anrainer bei ihren alltäglichen Fahrten manchmal auf Umwege angewiesen. 1959 verkündeten die Regierungen der Tschechoslowakei und Polens, sie wollten das Leben der Menschen im Grenzraum durch eine Begradigung des Grenzverlaufs einfacher machen. Die Hauptmotivation war allerdings eine andere: Die »sozialistischen Bruderländer« waren in erster Linie darauf bedacht, ihre gemeinsame Grenze besser kontrollieren zu können.

Zu dieser Zeit durfte man diese Grenze nicht an beliebiger Stelle überqueren und jeder illegale Übertritt galt als Straftat. Abgesehen von einer kurzen Periode der Liberalisierung in den 1970er Jahren, als die Bürger der Volksrepublik Polen und der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik ohne Pass und ohne eine offizielle Einladung, nur mit dem Personalausweis das jeweilige Nachbarland besuchen durften, behielt sich der Staat das Recht vor, zu entscheiden, wer und wie oft die Grenze passieren konnte.

Die sozialistische Freundschaft war eine Fassade – am besten wussten das die Einwohner der grenznahen, vor allem jenes der durch die polnisch-tschechoslowakische Staatsgrenze zerschnittenen Orte. Allein in Oberschlesien gab es knapp zwanzig solcher Orte. Deren Bewohner durften nicht miteinander sprechen, obwohl sie sich jeden Tag sahen und ihre Häuser manchmal nur wenige Dutzend Meter voneinander entfernt waren. Grenzzäune, Spurensicherungsstreifen und allgegenwärtige Grenzsoldaten prägten während der gesamten kommunistischen Zeit das Bild der Orte im polnisch-tschechoslowakischen Grenzgebiet.

Die Änderung des Grenzverlaufs wurde weit abseits, von den Regierungen in Prag und Warschau 1958 vereinbart und ein Jahr später umgesetzt. Knapp achtzig der insgesamt 85 Korrekturen bezogen sich auf die Grenze zwischen Polen und dem tschechischen Teil der Republik. Die Tschechoslowakei erhielt bei diesem Tausch insgesamt eine Fläche von etwa zwölf Quadratkilometern – Polen wiederum nur knapp 8,5 Quadratkilometer. Auf diese Weise entstand eine »Grenzschuld« von über 3,5 Quadratkilometern. Anders als anfangs angenommen fand in den Folgejahrzehnten kein Ausgleich statt. In der kommunistischen Zeit blieb die Angelegenheit »eingefroren«, wie die meisten heiklen und unbequemen Fragen zwischen den Vasallenstaaten Moskaus. Zwar wurde das Thema wenige Jahre nach dem Ende des Kommunismus von polnischer Seite wieder aufgegriffen (sogar ein gemeinsamer Grenzausschuss wurde damals ins Leben gerufen), doch lieferte Prag trotz Ankündigung keine Liste der für die Übergabe geplanten Grundstücke. Für Warschau hatte die Angelegenheit offensichtlich keinen prioritären Charakter, denn es drängte nicht allzu stark auf die endgültige Lösung der Grenzfrage.

KK 1449 26 32 Smolorz Grenzverschiebung Karte Grenzverschiebung GROSS© BlochplanNach der Wende 1989 entwickelte sich die Beziehung zwischen den beiden Ländern sehr gut. Trotzdem tauchte das Thema in gewissen Abständen immer wieder auf. Im Jahr 2005 beispielsweise bot die Tschechische Republik für die fälligen knapp vier Quadratkilometer Land ein Geldäquivalent an. Das lehnte Warschau jedoch dankend ab. Zwei Jahre später erinnerte die polnische Regierung mit diplomatischen Noten daran, dass es zwischen den beiden Ländern noch offene Fragen gebe. Diese bewirkten, dass man in den Folgejahren zumindest in halboffiziellen Gesprächen das Thema erörterte und sogar konkrete Gebiete erwähnte. So hieß es, die Tschechen würden Grundstücke nördlich der in ihrem Teil Schlesiens gelegenen Stadt Troppau/Opava anbieten wollen. Aber es geschah … nichts.

Später war die »Grenzschuld« Gegenstand der bilateralen Gespräche sowohl in der Regierungszeit der konservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (2015–2023) als auch nach der letzten Parlamentswahl unter dem neuen, liberalen Premierminister Tusk. In den Jahren 2024 und 2025 gewann das Thema eine neue Dynamik und ließ vor allem in Polen immer häufiger Raum für mediale Spekulationen. Weder das Warschauer noch das Prager Außenministerium zeigen sich jedoch besonders gesprächig. Ersteres teilt auf Anfrage mit, offizielle Verhandlungen würden erst nach dem Abschluss der Expertenberatungen stattfinden, diese hätten aber noch nicht begonnen. Das tschechische Auswärtige Amt wiederum erteilt überhaupt keine Auskunft in dieser Sache, außer dass die diesbezüglichen Gespräche mit Polen bereits seit Jahren andauern würden.

Die Menschen im Grenzland haben aber gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen und auch aus den knappen Informationen ihre (wahrscheinlich gar nicht so falschen) Schlussfolgerungen zu ziehen. Paweł Szymkowicz, Bürgermeister der polnischen Grenzstadt Ziegenhals/Głuchołazy, pflegt intensive Kontakte zu tschechischen Partnern. Er hat munkeln gehört, dass im Zusammenhang mit der Begleichung der Schuld von 1959 derzeit inoffiziell von den unbewohnten Gebieten in der Nähe von Rennersfeld/Vysutá und Weißwasser/Bílá Voda die Rede ist, also südlich der polnischen Städte Ziegenhals/Głuchołazy und Patschkau/Paczków. Rennersfeld liegt fast in Sichtweite von Ziegenhals. Weißwasser befindet sich im Jauerniger Zipfel, von polnischem Staatsgebiet umgebenen, und ist seit Jahrhunderten mit dem heute polnischen Dorf Kamitz/Kamienica zusammengewachsen. Tatsächlich bestätigt das Gemeindeamt Weißwasser, dass der Staat bereits vor einigen Jahren mehrere direkt an der Grenze zu Polen gelegene Grundstücke übernahm, die sich bis dahin in kommunaler Hand befanden. Es handelte sich ausschließlich um Brachland und Waldflächen.

Für Szymkowicz liegt das Problem auf der Hand. Seine Kollegen – die Bürgermeister der benachbarten tschechischen Gemeinden – seien sich zwar darüber im Klaren, dass die »Grenzschuld« beglichen werden müsse. Keiner von ihnen wolle aber ein Stück seines eigenen Gebiets abtreten. So teilte beispielsweise der Rat der für Rennersfeld zuständigen Gemeinde Niklasdorf/Mikulovice den Behörden in Prag bereits 2009 mit, dass die Kommune mit der Übergabe von Teilen ihres Gebietes nicht einverstanden sei. Eindeutig negativ sei auch die Einstellung der Einwohner dieser Gemeinde zu der geplanten Grenzverschiebung. Manchmal wird auch darauf hingewiesen, dass der Aufwand, der im Zusammenhang mit der Begleichung der »Grenzschuld« entstehen würde, in keinem Verhältnis zum tatsächlichen Nutzen stehe. Allein das Erstellen neuer Katasterkarten sowie das Verschieben von Grenzsteinen würde hohe Kosten verursachen. Erwähnenswert ist an dieser Stelle auch, dass – falls der Grenzverlauf im Raum Rennersfeld tatsächlich geändert werden sollte – es damit sozusagen zu einer Korrektur der Grenzkorrektur von 1959 kommen würde. Damals erhielt Polen einen östlich des Dorfes gelegenen Landstreifen und trat gleichzeitig der Tschechoslowakei das südlich davon gelegene Gebiet ab. So machte man den Zipfel, in dem sich Rennersfeld befindet, deutlich kleiner und dadurch auch kontrollierbarer. Mit einer erneuten Grenzverschiebung könnte dort der Status quo von vor über sechs Jahrzehnten teilweise wiederhergestellt werden.

Eines ist jedenfalls für alle Beteiligten deutlich: Anders als es 1959 der Fall war, sollen von den aktuell geplanten Grenzkorrekturen ausschließlich unbewohnte Gebiete betroffen sein. Damals wechselten vier Ortschaften ihre staatliche Zugehörigkeit: Strickerhäuser (tsch. Mýtiny, poln. Tkacze) und Hoffnungstal (tsch. Údolí Naděje, poln. Zieleniec) in Niederschlesien sowie Schubertskrosse (tsch. Krasov, poln. Krasów) und Lerchenfeld (tsch. Skřivánkov, poln. Skowronków) in Oberschlesien. Bei Strickerhäuser und Hoffnungstal handelte es sich um hoch gelegene kleine Bergdörfer im Riesengebirge, die bis 1945 zu Deutschland gehört hatten und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges unter polnische Verwaltung gestellt worden waren. Aufgrund ihrer Abgeschiedenheit und der Lage in der sogenannten grenznahen Zone mit eingeschränktem Einreiserecht, wurden sie nach der Vertreibung der Deutschen nur zu einem kleinen Teil neu besiedelt. Nach dem Anschluss an die Tschechoslowakei 1959 wurden sie nach Harrachsdorf/Harrachov eingemeindet, das nur zwei Kilometer entfernt ist. Für die Stadt war das sehr praktisch: Mit der Übernahme der bis dahin von der Polnischen Staatsbahn benutzten Haltestelle »Tkacze« durch die Tschechoslowakische Bahn erhielt der Winterkurort einen Anschluss an das inländische Eisenbahnnetz. Für die Abtretung des Zipfels um Strickerhäuser erhielt Polen den südlichen Hang des ebenfalls im Riesengebirge gelegenen Katzensteins (tsch. Kacirské Kamene, poln. Kocierz), der bis dahin durch die Staatsgrenze geteilt war.

Im oberschlesischen Grenzabschnitt hörte wiederum mit dem Anschluss von Lerchenfeld an Polen ein tschechischer Zipfel auf zu existieren, der sich auf einer Länge von zwei Kilometern ins polnische Territorium schob. Im Tausch erhielt die Tschechoslowakei das etwa zwanzig Bauernhöfe zählende Dorf Schubertskrosse, das damals bereits mit dem bis dahin jenseits der Grenze gelegenen Städtchen Weidenau/Vidnava zusammengewachsen war. Die Grenze verlief dort entlang einer Straße, die zum Teil auf beiden Seiten bebaut war. Heute ist Schubertskrosse nur noch ein Ortsteil von Weidenau. Das einzige Relikt, das auf Landkarten und Plänen an den einst selbständigen Ort erinnert, ist der Name der Hauptstraße: »Krasov«. Für die Einwohner von Schubertskrosse bedeutete die Grenzkorrektur nicht nur den zweiten Wechsel der staatlichen Zugehörigkeit innerhalb von knapp 14 Jahren. Sie mussten auch erneut umziehen. Im Jahr 1945 war der bis dahin im Reichsgebiet gelegene Ort von der polnischen Verwaltung übernommen worden. Die meisten deutschen Einwohner waren in die Besatzungszonen westlich der Oder und der Lausitzer Neiße zwangsausgesiedelt worden. In ihre Häuser waren Polen aus den östlichen und zentralen Regionen des Landes eingezogen. Letztere betrachteten das im fremden Schlesien gelegene Dorf meist nur als vorübergehenden Wohnort. Vor allem jene, die ihre Wurzeln in den von der Sowjetunion annektierten östlichen Woiwodschaften hatten, hofften darauf, nach dem Sieg der westlichen Verbündeten in dem erwarteten Krieg gegen den Ostblock in ihre alte Heimat zurückkehren zu dürfen.

Umso größer war die Enttäuschung, als 1959 wieder ein Umzug angeordnet wurde – allerdings nicht in gewünschter Richtung: Im Rahmen des Gebietsaustauschs mussten die tschechischen Einwohner von Lerchenfeld nach Schubertskrosse, und die Polen aus Schubertskrosse in entgegengesetzter Richtung übersiedeln. Die wenigen Deutschen, die 1945/1946 aus verschiedenen Gründen der Vertreibung aus Schubertskrosse entgangen waren, entschieden sich, in ihrem nun tschechoslowakisch gewordenen Heimatort zu bleiben. Es kann durchaus auch als eine Lehre aus der Geschichte dieser Grenzbewohner verstanden werden, dass heute nur noch über unbewohntes Land verhandelt wird.