Es ist der 9. Juli 1922, als ein junger Donauschwabe in Kalifornien einen neuen sportlichen Weltrekord aufstellt: Der 18-jährige Johnny Weissmüller schwimmt die Strecke von hundert Metern als erster Mensch in unter einer Minute. Hiermit beginnt die Karriere eines Mannes, an den sich viele später nur als »Tarzan« erinnern werden. Dass Weissmüller vor seiner Zeit als Schauspieler auch ein erfolgreicher Schwimmer war, ist heute oft vergessen.
»Wie Lianen ranken sich Legenden und Halbwahrheiten um den Lebenslauf Weissmüllers«, hieß es 2004 im Begleitheft der ersten umfassenden Ausstellung über Weissmüller im Donauschwäbischen Zentralmuseum. Weissmüller selbst trug zu den Ungereimtheiten bei, indem er etwa in Interviews lange Zeit seine donauschwäbische Herkunft verschwieg und angab, in Pennsylvania geboren zu sein. Für Christian Glass, den damaligen Direktor des Museums und Kurator der Ausstellung, war dies der Anlass, den anekdotischen Erzählungen über Weissmüller nachzugehen: »Es gibt einfach nicht so viele berühmte Donauschwaben. Anhand der Biografie Weissmüllers wollten wir die Geschichte der Donauschwaben an ein breites Publikum vermitteln.«
Geboren wurde Johnny Weissmüller als János (Johann, genannt Hans) Weiszmüller am 2. Juni 1904 in Freidorf/Szabadfalu im Banat, damals Österreich-Ungarn, heute ein Stadtteil der Stadt Temeswar/Timișoara im Westen Rumäniens. Freidorf hatte damals etwa 1 400 Einwohner, neunzig Prozent davon waren Deutsche. Die Familie wanderte im Januar 1905 über Rotterdam per Schiff in die USA aus. Die Weissmüllers waren damit Teil einer großen Auswanderungswelle, die Ost- und Südosteuropa im späten 19. Jahrhundert erfasste. Glass sagt: »Die Auswanderer lockte das Versprechen auf eine bessere Zukunft. Die Familie Weissmüller gehörte zu den ärmeren.« Die meisten zog es nach Chicago, wohin auch die Weissmüllers nach ihrer Ankunft in Ellis Island umzogen. Da Johnny als Jugendlicher zum Lebensunterhalt seiner Familie beitragen musste, nachdem der Vater die Familie verlassen hatte, verließ er bereits mit zwölf Jahren die Schule und arbeitete unter anderem als Hotelpage und Obstverkäufer. Zeitweilig lebte er sogar auf der Straße. Erst als er einen Platz im Schwimmteam des YMCA (Young Men’s Christian Association) erhielt, besserte sich seine Lage.
In den 1920er Jahren entwickelte sich der sogenannte »American Crawl« als neue Schwimmtechnik, die Weissmüller bei seinem Verein, dem Illinois Athletic Club, verfeinerte. Bei den Olympischen Spielen 1924 in Paris holte er mit dieser Kraultechnik drei Goldmedaillen über verschiedene Freistil-Distanzen für das US-Team und war damit einer der großen Stars der Spiele. Vier Jahre später konnte er in Amsterdam zwei Goldmedaillen gewinnen. Um auch in Paris dabei sein zu dürfen, musste Johnny Weissmüller seine amerikanische Staatsbürgerschaft nachweisen. Statt seiner eigenen Geburtsurkunde legte er die seines jüngeren Bruders Peter vor, der 1905 in Pennsylvania geboren war. Christian Glass vermutet, dass Weissmüller auch aus Scham über die ärmlichen Verhältnisse, aus denen er stammte, seinen tatsächlichen Geburtsort in der Öffentlichkeit verschleierte: »Seine Herkunft wurde als Makel empfunden. Irgendwann hat er die Legende über seine amerikanische Staatsbürgerschaft wahrscheinlich selbst geglaubt.« Durch das Schwimmen und damit verbundene Werbeverträge verdiente Weissmüller bald ein Vermögen.
Weltruhm erlangte Johnny Weissmüller jedoch erst als Schauspieler in seiner Rolle als »Tarzan, der Affenmensch«. Von 1932 bis 1948 spielte er diese Rolle zwölf Mal und wurde zum bekanntesten und beliebtesten Darsteller der Figur. Bei seinem ersten Film Tarzan the Ape Man (Tarzan, der Herr des Urwalds) war Weissmüller 28 Jahre alt. Die Handlung der Filme basiert auf dem Roman Tarzan of the Apes (Tarzan bei den Affen) des Schriftstellers Edgar Rice Burroughs aus dem Jahr 1912. Im Film trifft eine Gruppe Elfenbeinjäger im Wald auf Tarzan, der im Urwald bei Affen aufgewachsen ist. Tarzan entführt die Tochter des Safarileiters, Jane Parker, die sich im Laufe des Films in ihn verliebt und sich dazu entschließt, im Dschungel zu bleiben.
Die »Marke« Tarzan war im 20. Jahrhundert filmhistorisch sowie popkulturell von großer Bedeutung. Neben zahlreichen Verfilmungen des Stoffs erschienen in den Folgejahren auch Comic-Serien, Hörspiele, Computerspiele und Merchandise-Artikel wie Sammelfiguren. Für Johnny Weissmüller war Tarzan die Rolle seines Lebens. Weder im Filmgeschäft noch in der Öffentlichkeit konnte er sich je wieder vom Image des starken, aber auch naiven Urwaldhelden befreien. Aus heutiger Perspektive erscheint die Figur Tarzan antiquiert und unmodern: »Tarzan ist out, ein Stück Geschichte«, sagt Glass. Das liege auch am Exotismus und Kolonialismus, die in den Tarzan-Filmen reproduziert werden. »Im Kino sind längst andere Helden gefragt.« In einem ähnlichen Setting spiele zum Beispiel das Dschungelbuch, das mit seiner kindlichen Hauptfigur höhere Sympathiepunkte erreiche. Als Musical funktioniert der Tarzan-Stoff hierzulande jedoch immer noch gut: Seit November 2025 feiert Disneys Musical TARZAN im Stage Theater Neue Flora in Hamburg nach 17 Jahren sein Comeback.
In Amerika wurde Johnny Weissmüller noch zu Lebzeiten mit einem Stern auf dem »Hollywood Walk of Fame« geehrt. Auch im östlichen Europa waren seine Filme sehr populär: »Die Tarzan-Filme hatten bis in die 70er und 80er Jahre hohes Ansehen in der sozialistischen Welt, sie boten gute Unterhaltung und waren politisch unverdächtig«, sagt Glass. Trotzdem dauerte es in Rumänien eine ganze Weile, bis Johnny Weissmüller quasi »entdeckt« wurde. Glass meint: »Weissmüller war keine einfache Persönlichkeit. Da er selbst seine Herkunft negierte, taugte er für die Donauschwaben nicht als Vorbild und Identifikationsfigur.« Erst 2004 ernannte ihn die Stadt Temeswar anlässlich seines 100. Geburtstags postum zum Ehrenbürger. Er selbst hat die Stadt nach der Auswanderung nie besucht.
Zwanzig Jahre später gibt es nun in Temeswar Bestrebungen, stärker an den berühmten Donauschwaben zu erinnern. Im Foyer des neu sanierten Kinos »Cinema Johnny« im Temeswarer Stadtteil Freidorf soll eine Dauerausstellung entstehen. Hier soll einerseits das Leben von Johnny Weissmüller beleuchtet, andererseits auch die Geschichte von Freidorf und seinen deutschen Bewohnerinnen und Bewohnern sichtbar gemacht werden.
Auch wenn Weissmüller seine donauschwäbische Herkunft in der Presse gerne verschwieg, bewahrte er sich doch seine deutschen Sprachkenntnisse bis ins hohe Alter, wie man bei einem Auftritt im deutschen Fernsehen 1971 im Aktuellen Sportstudio hören konnte. Das war einer seiner letzten Auftritte. Weissmüller erlitt ab 1974 mehrere Schlaganfälle. Er zog 1979 nach Acapulco/Mexiko um, wo er am 20. Januar 1984 starb. Bei seiner Beisetzung ertönte ein letztes Mal sein markanter Tarzan-Schrei. Diesmal allerdings vom Band.