Was Ausweispapiere, Briefmarken und andere Dokumente über die Vergangenheit erzählen können
Pressemitteilung von Haus Schlesien, 09.02.2021
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Ausweis des 1907 in Groß Dubensko geborenen Roman Knebel. © Haus Schlesien

Von Silke Findeisen

Dieser Tage jährt sich zum einhundertsten Mal die Volksabstimmung in Oberschlesien, ein Grund an das Ereignis, seine Ursachen und Folgen zu erinnern – waren diese doch für Deutschland, besonders jedoch für Schlesien von einschneidender Bedeutung. Eine Reihe von Veröffentlichungen, Ausstellungen und Veranstaltungen sind zu dem Thema geplant. Dieser für die Entwicklung der Region wichtige Jahrestag fügt sich in eine Serie von Jubiläen und Gedenktagen ein, denen in den letzten Jahren eine gewisse mediale Aufmerksamkeit zuteilwurde und die Anlass boten, an die mit ihnen in Zusammenhang stehenden Geschehnisse zu erinnern bzw. über sie zu informieren: 100 Jahre Ausbruch des Ersten Weltkrieges, 70 Jahre Flucht und Vertreibung, 100 Jahre Pariser Vorortverträge, 80 Jahre Überfall auf Polen, 75 Jahre Kriegsende …

An diese historischen Daten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu erinnern, die nicht nur aber auch für Schlesien einschneidende und prägende Konsequenzen hatten, ist wichtig, um die Geschichte zu verstehen und aus ihr zu lernen. Es sind Ereignisse an die immer weniger oder gar keine Menschen mehr eigene Erinnerungen haben. Geblieben sind die Einträge in die Geschichtsbücher und eine Vielzahl »stummer Zeugen« in Form von Dokumenten, Fotos und Erinnerungsstücken. Diese berichten nicht unbedingt von der »großen Geschichte«, die in den Chroniken thematisiert wird, sondern von den Menschen, vom Alltag, von ganz persönlichen Erlebnissen – sie erzählen Geschichten.

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In der Sammlung von Haus Schlesien findet sich eine Fülle solcher »papierener Zeitzeugen«, die, wenn man sie sich genau anschaut, gar nicht so stumm sind, wie sie zu sein scheinen. Es bedarf nur eines genauen Blicks auf das Dokument, die Umstände, wie es entstanden ist, wer es bewahrt hat und wie es in die Sammlung gekommen ist – zusammen mit dem Wissen um den historischen Kontext lassen sich dann oftmals aus diesen Schriftstücken und Fotos persönliche Schicksale oder sogar ganze Lebensgeschichten herauslesen.

Alte Ausweispapiere zum Beispiel sind mehr als nur der Beleg dafür, dass eine Person einmal existiert hat. Sie sind auch Zeugnisse der Zeit und erzählen ein Stück vom Leben ihrer Besitzer. Daraus erfahren wir etwas über diese Menschen – wann sie geboren wurden, wie sie hießen und wo sie lebten, welchen Beruf sie ergriffen haben, wohin sie gereist sind, ob und wann sie eine Familie gegründet haben. Die Ausweis- und Verkehrskarten des 1907 in Groß Dubensko geborenem Roman Knebel zum Beispiel dokumentieren sein Leben dies- und jenseits der nach der Abstimmung gezogenen Grenze durch Oberschlesien. Aus den Papieren lässt sich damit auch etwas über die Geschichte der Region ablesen. Denn ob die Dokumente von der Interalliierten Kommission ausgestellt wurden oder den Stempel des Polizeipräsidenten in Breslau tragen, ob der Reichsadler bekrönt ist oder das Hakenkreuz in seinen Krallen hält, ob die Papiere in deutscher, polnischer, französischer, englischer oder russischer Sprache verfasst sind – all das weist ihnen ihren Platz in der vielfältigen Geschichte Schlesiens zu.

Ein anderes Beispiel können Briefe sein – und das gilt nicht nur für die enthaltene Textbotschaft, die der Absender an den Adressaten richtete. Auch das Briefkuvert kann schon viel über Absender, Adressaten und die Zeit und Region, in der sie lebten erzählen. Briefumschläge sind häufig bedruckt, z. B. mit Firmenadressen und Logos, was Aufschluss über die Profession des Absenders, die Firma und vielleicht sogar den Anlass des Briefes gibt. Briefmarke und Stempel sind bei genauerer Betrachtung zuweilen ebenfalls sehr informativ. Portowerte in Milliardenhöhe stammen aus der Zeit der Hyperinflation 1923 und können auch bei unleserlichen Stempeln recht gut datiert werden, da die Portopreise sich fast wöchentlich änderten. Motive und Aufdrucke der Briefmarken weisen oft ebenso wie Sonderstempel auf besondere Ereignisse hin. Ein Beispiel sind Briefmarken mit dem Aufdruck »S.O 1920«, die in der Region Teschen auf das dort geplante und nie durchgeführte Plebiszit hinwiesen. Oder »französische« Marken, die aus der Zeit nach Inkrafttreten des Versailler Friedensvertrages stammen. Als Anfang Februar 1920 die »Interalliierte Regierungs- und Plebiszitkommission« unter Vorsitz der Franzosen in Oberschlesien die Macht übernahm, erlangte sie – abgesehen von Gesetzgebung und Steuerwesen – sämtliche Befugnisse der deutschen bzw. preußischen Behörden und führte auch eigene Briefmarken ein.

Solche und ähnliche Geschichten verbergen sich hinter den teilweise abgegriffenen und etwas unscheinbar wirkenden Papieren, und warten darauf erzählt zu werden. Haus Schlesien tut dies regelmäßig in seinem seit Herbst 2019 betriebenen deutsch-polnischen Internetblog. Unter dem Titel »Die Geschichte(n) hinter den Objekten. Schlesische Lebensschicksale zwischen Kaiserreich und Volksrepublik« werden Dokumente und Fotos aus dem Archiv sowie Ausstellungsstücke, hinter denen sich interessante Geschichten verbergen, gezeigt und erläutert. Ergänzt wird dies durch Gastbeiträge polnischer Stadt- und Regionalmuseen aus Schlesien, die ebenfalls Geschichten zu Objekten ihrer Sammlungen verfassen und mit Illustrationen versehen im Blog veröffentlichen. Diese kleinen und größeren, teilweise sehr persönliche Geschichten vermitteln den Lesern so ganz nebenbei ein Stück schlesische Geschichte.

Die Autorin ist im Haus Schlesien für Bibliothek und Archiv zuständig