Ein Gespräch mit dem Kafka-Biographen Reiner Stach über Einsichten und Erkenntnisse seiner umfassenden Arbeit
von Josef Füllenbach
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Prager Zeitung, 19. 11. 2014

[…]
Prager Zeitung: Es ist Ihnen gelungen, einen gewissen Einblick in den noch unzugänglichen Nachlass Brods zu nehmen. Sind Sie dabei auch auf Fundstücke gestoßen, die im Einzelnen zu Korrekturen in den beiden ersten Bänden führen?

Reiner Stach: Zum Beispiel habe ich ein Notizbuch von Brod studiert, in dem ausschließlich Notizen zum ostjüdischen Theater enthalten sind und auch Kafkas Haltung dazu eingefangen ist. Ich könnte nun sehr viel plastischer darstellen, was ich darüber schon im ersten Band geschrieben hatte. Kafka war begeistert, Brod eher skeptisch: Das können doch keine Vorbilder sein für eine künftige jüdische Kultur! […] Generell gilt: Ich erhoffe mir von dem Nachlass zwar viele Details, aber ich erwarte nicht, dass das Bild umgestürzt wird, dazu haben wir doch zu viele andere Quellen. Ich rechne aber mit wichtigen neuen Informationen aus dem Nachlass im Hinblick auf Max Brod als Abgeordneter der Jüdischen Partei nach dem Ersten Weltkrieg. Als solcher hatte er Zugang zu Masaryk, er war mit anderen jüdischen Abgeordneten zu Audienzen eingeladen, mehrmals aber auch allein. Von diesen zahlreichen Gesprächen, in denen es vor allem um den zunehmenden Antisemitismus ging, hat er natürlich Kafka erzählt. Das heißt, Kafka wusste auf diesem Wege nach dem Krieg viel mehr über die Situation als der normale Zeitungsleser. Und ich glaube, das hat seinen Willen, Prag zu verlassen, beeinflusst. […]

»Er war seinen Freunden sehr überlegen«
Das gesamte Gespräch in der Online-Ausgabe der Prager Zeitung