»Gemeinsame Sprache« steht auf einem Kärtchen in geschwungener Handschrift. Daneben: »Geburtsort«, »Familie« oder »Wo ich eine sinnvolle Aufgabe habe«. Auf anderen Zetteln sind Orte wie »Volgograd« oder »Weißrussland« vermerkt. Dutzende solcher Kärtchen hängen an einer Pinnwand. Sie sind Antworten von Besucherinnen und Besuchern auf die einfache, aber tiefgreifende Frage: »Was ist für dich Heimat?«
Dieser Artikel erschien in Ausgabe Nr. 1451 der
KK mit dem Schwerpunktthema: Ungarn und die Schlacht bei Mohács 1526
Die Pinnwand hängt in der 2021 eröffneten Bildungs- und Begegnungsstätte »Transferraum Heimat« in Knappenrode bei Hoyerswerda. Während Flucht, Vertreibung und Integration im bundesweiten Gedenkdiskurs durchaus museal dargestellt werden, fehlte in Ostdeutschland bislang eine dezidierte und eigenständige Ausstellung zum Themenkomplex. Der »Transferraum Heimat« ist untergebracht in der einstigen Brikettfabrik Knappenrode und beginnt mit der Darstellung von fünf exemplarischen Vertreibungsgebieten, darunter Böhmen. Zu sehen gibt es persönliche Gegenstände, zu hören sind Zeitzeugeninterviews. Es folgt ein Gang zwischen lauter Litfaßsäulen, ein einst genutztes Informationsmedium, der mit Plakaten den Kontext von Flucht und Vertreibung als Folge des von Deutschland begonnenen Zweiten Weltkriegs liefert. Anschließend ist ein Güterwaggon nachgebaut, wie er bei den Zwangsumsiedlungen verwendet wurde. Mittels Virtual Reality-Brille lassen sich Enge und Strapazen der Zwangsumsiedlung nachempfinden.
Der nächste Raum ist geteilt durch eine aus Sperrholz nachgebaute Mauer. Geht man durch die Tür links, wird man über die Ankunft und Integration von Flüchtlingen in der Bundesrepublik informiert, über Heimattreffen, Patenschaften der Bundesländer für Landsmannschaften, aber auch das Bundesvertriebenenministerium wird thematisiert. Wird der Raum hinter der rechten Tür betreten, erfährt man etwas über Vertriebene in der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR, die als »Umsiedler« bezeichnet wurden und mit rund vier Millionen zur Zeit der Staatsgründung 1949 fast ein Viertel der DDR-Bevölkerung ausmachten. Ab 1953 gab es aus Sicht der DDR-Behörden kein »Umsiedlerproblem« mehr und die Beschäftigung mit den Vertreibungsgebieten wurde ins Private verbannt. »Allein die schöngeistige Literatur bot einen Schutzraum, in dem es möglich war, Erinnerungen auszusprechen und den Schmerz über den Heimatverlust anzudeuten«, beschreibt die Ausstellung und nennt Autoren wie beispielsweise Johannes Bobrowski.
Wenn man in der Zeit nach 1990 angekommen ist, wird die Ausstellung zunehmend interaktiv. Es gibt mehrere Themeninseln, es geht darin um Heimat und Eigentum, symbolisiert durch ein Haus und einen Apfelbaum, oder um Demokratie und Menschenrechte, dargestellt durch ein gekentertes Schlauchboot an der Decke, das an heutige Fluchtrouten über das Mittelmeer erinnert und wo auf Bildschirmen heutige Fluchtgeschichten erzählt werden. In der Verbindung von aktuellen Fragen wie Migration, Identität und Zugehörigkeit mit den historischen Perspektiven liegt eine der Stärken der Ausstellung. Eine andere in der didaktischen Ansprache, die zur Auseinandersetzung einlädt. Besonders mit Blick auf Schulklassen, für die das Thema laut Lehrplan in Sachsen vorgesehen ist, ist der »Transferraum Heimat« ein wertvoller außerschulischer Lernort.
Die Bildungs- und Begegnungsstätte Transferraum Heimat
Werminghoffstraße 11
02977 Hoyerswerda/OT Knappenrode
www.transferraum-heimat.de