Siegfried Lenz: Rundfunkstücke. Eine Buchrezension von Vera Schneider
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© Siegfried Lenz Stiftung/Peyer

Die Romane und Erzählungen von Siegfried Lenz gehören zum Kanon der deutschen Nachkriegsliteratur. Der 1926 in Lyck/Ełk geborene Autor verhandelt in Werken wie Deutschstunde, Heimatmuseum oder So zärtlich war Suleyken die Themen Schuld und Gehorsam, beschreibt den Verlust von Heimat und schildert den Alltag im Ostpreußen seiner Kindheit. Drei neue Bände der großen Hamburger Ausgabe zeigen Lenz nun von einer fast vergessenen Seite: als produktiven Medienarbeiter.

Auf über 2700 Seiten versammelt die Edition Rundfunkstücke 164 Texte aus den Jahren 1947 bis 2008. Ein Großteil der Manuskripte galt nach der Ausstrahlung als verschollen. Ihre Wiederentdeckung verdanken wir dem Medienwissenschaftler Hans-Ulrich Wagner: Er hat diese Schätze nicht nur gehoben, sondern widmet jedem Text einen detaillierten Kommentar.

Der Radioautor Siegfried Lenz debütierte 1947 in Hamburg beim damals noch britisch kontrollierten Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR), der sich zur ersten öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt der Bundesrepublik Deutschland entwickeln sollte. Lenz’ stilistische Bandbreite ist ebenso beeindruckend wie sein Themenspektrum: Er hinterfragt die Mentalität der Wirtschaftswunderzeit in Glossen und Essays, schreibt literarische Reportagen und Hörspiele, überzeugt als fiktionaler Erzähler – unterhaltsam, humorvoll und zugleich kritisch gegenüber gesellschaftlichen Fehlentwicklungen.

Besonders die Arbeiten aus den frühen 1950er Jahren zeigen Lenz als jungen Literaten, den der Verlust seiner »ersten Heimat« noch stark umtreibt. So erzählt das Hörstück Ich suche meinen Namen (Radio Bremen, 1954) die Erlebnisse eines Flüchtlingsjungen: Weil er seine Großmutter wiederfinden will, flieht er aus einem Bremer Waisenhaus und schlägt sich bis nach Masuren durch. Lenz gelingt hier eine spannende Abenteuergeschichte, die er mit dokumentarischen Einschüben zur Situation der Vertriebenen und über Ostpreußen in der Nachkriegszeit anreichert.

In den Rundfunkarbeiten der folgenden Jahre erschreibt sich Lenz seine neue Heimat, durchlebt seine eigenen »Wanderjahre« und etabliert sich als Hamburger Autor, der seiner Stadt bis zu seinem Tod im Jahr 2014 treu bleiben soll. Nicht zuletzt diese Entwicklung macht die Rundfunkstücke von Siegfried Lenz zu einer lohnenden Lektüre für alle, die sich mit den Themen Heimatverlust und Heimatsuche beschäftigen.

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Siegfried Lenz: Rundfunkstücke (Hamburger Ausgabe, Bd. 23–25)
Hoffmann und Campe, Hamburg 2024,
2736 S., 3 Bände im Schuber
ISBN 978-3-455-40613-9