Wut wird oft unterdrückt, weil sie als ungehörig und unangemessen gilt, aber meist sucht sie sich irgendwann einen Weg »nach draußen«. Caro Matzko hat in ihrer Kindheit und Jugend solche Wutausbrüche erlebt – ihre eigenen, aber auch die ihres Vaters. Weil dessen Wutauslöser weit in der Vergangenheit liegen, heißt ihr neues Buch Alte Wut. Doch diese alte, angestaute Wut setzt sich in ihr selbst fort und gipfelt in Magersucht, Depressionen, Burnout. Die Therapie bringt ans Licht, dass es gar nicht um Caros eigene Wut geht, sondern um eine vom Vater geerbte. Da muss man ran, sagt die Therapeutin, denn: »Das, was uns wütend macht oder andere starke emotionale Reaktionen hervorruft – genau da ist etwas zu holen und zu lernen.«
Also steigt Caro Matzko mit ihrer Familie ins Auto und fährt nach Polen, in die historische Region Ostpreußen, aus der ihr Vater stammt und aus der er im Januar 1945 als Zehnjähriger fliehen musste. Der Verlust seines Vaters, den russische Soldaten einfach mitnahmen, der Verlust der Heimat und alles Vertrauten haben sich tief ins Bewusstsein von Fritz Matzko gegraben. Immer wieder spricht er als Erwachsener darüber und sorgt unbewusst dafür, dass sich sein Trauma vererbt.
Caro Matzko rollt die Fluchtroute des Vaters von hinten auf: Von München aus geht es über mehrere Stationen nach Osterode/Ostróda am Drewenzsee/Jezioro Drwęckie, der Heimatstadt ihres Vaters. Um diese Reise so angenehm wie möglich zu gestalten, nimmt sie mit, was sie glücklich und stark macht: ihren Mann Rainer, ihre Tochter Fanny, den Hund Biagio, ihre Siebträgermaschine und den Milchaufschäumer, frisch gemahlenes Espressopulver und ihren Lieblings-Haferdrink, außerdem »Beauty-Bullshit aus dem Drogeriemarkt« zur Belustigung während der langen Fahrt sowie »Bücher, Bücher, Bücher«.
Matzko schreibt witzig und berührend, sie lässt tiefe Einblicke in ihre Biografie, ihre Psyche und ihr Familienleben zu. Sie ist entwaffnend ehrlich und nahbar und öffnet so einen sehr persönlichen Zugang zum Thema transgenerationale Traumata und deren Bewältigung. All die Verletzungen, Anforderungen, die Aufarbeitung und Matzkos Versöhnlichkeit tun weh, aber auch gut, sie wühlen auf, rühren zu Tränen. Und doch bringt Matzko ihre Leserinnen und Leser dank ihres (Galgen-)Humors und Wortwitzes immer wieder zum Lachen – anders wäre die Geschichte auch kaum zu ertragen.
Viele Menschen in Deutschland teilen Flucht- und Vertreibungserfahrungen in zweiter, dritter, gar vierter Generation, deshalb ist Caro Matzkos Buch so wichtig: Es prangert nicht an, sondern bietet anhand ihres persönlichen Schicksals einen Erklärungsversuch, eine Bewältigungsstrategie, die für sie funktioniert hat. »Heute weiß ich, was ich wirklich gesucht habe. Ich wollte die Geschichte meines Vaters erzählen und ihm eine Stimme geben.«
Caro Matzko: Alte Wut. Warum ich an den Ort reiste, von dem mein Vater einst fliehen musste.
Piper Verlag, München 2025, 224 S., ISBN 978-3-492-07372-1