Was bleibt von einer Kultur, wenn ihre Sprache verschwindet? Anikó Kramm-Mezei beschäftigt diese Frage seit vielen Jahren. Die Leiterin des Lenau-Hauses in Fünfkirchen/Pécs in Ungarn wuchs in einer ungarndeutschen Großfamilie auf und erlebte noch, wie selbstverständlich Dialekt gesprochen wurde. Heute organisiert sie Projekte für Kinder und Jugendliche und kämpft dafür, dass Sprache, Bräuche und Erinnerungen nicht verloren gehen. Ein Gespräch mit KK-Chefredakteurin Renate Zöller über Dorfleben, Identität und die Zukunft der Ungarndeutschen.
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Wir sitzen hier im Lenau-Haus nur wenige Schritte von der Altstadt entfernt. Welche Bedeutung hat dieser Ort für die Ungarndeutschen?

Der Kulturverein Nikolaus Lenau wurde 1985 gegründet. Damals gab es in Ungarn noch den Sozialismus und es war nicht üblich, dass überhaupt ein Verein gegründet wurde – erst recht nicht von einer Minderheit. Das war etwas ganz Neues. Der Gründer, Lorenz Kerner, stammte selbst aus der deutschen Minderheit und es war ihm stets ein Anliegen, seine Landsleute in Ungarn zu vertreten, gute Kontakte zu Deutschland und den deutschsprachigen Ländern zu knüpfen. Er wollte eine zivile Organisation schaffen, die die Rechte der Minderheit vertritt, ihr kulturelles Überleben sichert und die Bildung stärkt.

Das war für Fünfkirchen und unsere Region eine sehr große Sache. Der Lenau-Verein und später das Lenau-Haus waren damals so etwas wie ein Vorbild für die gesamte ungarndeutsche Gemeinschaft. Wie gründet man einen Verein? Wie kommt man zu Unterstützung? Wie knüpft man Partnerschaften mit Städten und Schulen? All das wurde hier vorgemacht.

Heute haben viele Ortschaften ihre eigenen Vereine und Vertretungen. Aber das Lenau-Haus bleibt ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen und an dem wir uns dafür einsetzen, Kultur und Sprache weiterzugeben.

Wer sind die Menschen, die heute ins Lenau-Haus kommen, wie ist die ungarndeutsche Gemeinschaft in Fünfkirchen aufgestellt?

Auch in Fünfkirchen war vor langer Zeit ein großer Teil der Bevölkerung ursprünglich deutschsprachig. Aber durch das Stadtleben wurden sie mit der Zeit assimiliert. Die Namen blieben vielleicht Deutsch, aber die Muttersprache ging meist verloren. Diejenigen, die heute in Fünfkirchen leben und sich zum Ungarndeutschtum bekennen – und das sind diejenigen, die zu uns kommen – sind eher Menschen, die aus den Dörfern hierhergezogen sind, weil sie hier studieren oder arbeiten. Sie wollen ihre ungarndeutsche Identität aber trotzdem nicht verlieren und möchten, dass ihre Kinder einen zweisprachigen Kindergarten besuchen, später deutschsprachigen Unterricht in der Schule haben oder vielleicht bei einer Kulturgruppe, einer Tanzgruppe oder einem Blasmusikverein mitmachen. In der Stadt ist das alles nicht mehr so selbstverständlich wie in einem Dorf.

Wie war das in Ihrer Kindheit?

Ich stamme aus einem ungarndeutschen Dorf in der Branau/Baranya. Es heißt Himesháza, der deutsche Name ist Nimmesch. Meine Vorfahren sind Anfang des 18. Jahrhunderts aus dem Stift Fulda nach Ungarn gekommen. Stiffoller nennen sich diese Siedler und auch die Nachkommen. Ich bin eigentlich aus einer Mischehe. Mein Vater ist Ungar, meine Mutter Ungarndeutsche. Aber ich bin mit den ungarndeutschen Großeltern aufgewachsen, in einem Mehrfamilienhaus mit zwei, drei, vier Generationen, meine Uroma hat auch noch gelebt. Ich habe in meiner Kindheit zu Hause nur Dialekt gesprochen. Erst in der Schule habe ich dann richtig Deutsch gelernt. Meine Oma musste früh in Rente gehen. Ich war ständig bei ihr in der Küche. Sie bekam viel Besuch, von anderen alten Damen aus der Nachbarschaft. Und immer wurden Geschichten erzählt. Heute erzähle ich meiner Mutter manchmal diese Geschichten, und sie fragt: »Davon habe ich nie etwas gehört, woher weißt du das?« Dann sage ich: »Von der Oma«. Man redet mit den Enkeln mehr.

War Ihnen schon als Kind bewusst, woher Ihre Vorfahren ursprünglich kamen?

Anfang der 1980er Jahre kamen einige Besucher aus Deutschland zu uns ins Dorf. Sie hatten am Plattensee/Balaton Urlaub gemacht und gelesen, dass hier noch Ungarndeutsche leben. Sie trafen einen älteren Mann und stellten ihm eine Frage. Und der antwortete in einem Dialekt, den sie von zu Hause kannten. Dann haben sie recherchiert und sind tatsächlich darauf gekommen, dass unsere Vorfahren aus dem Stift Fulda gekommen sind. So haben wir jetzt seit mehr als 35 Jahren eine Partnerschaft mit einer Gemeinde in Deutschland, die ebenfalls zum Stift Fulda gehört hat. Wir versuchen das bewusst zu pflegen. Nicht nur, dass wir Ungarndeutsche sind, sondern auch unsere engere Herkunft und die Geschichte unserer Vorfahren.

Wie bitte, man kann die Herkunft der Vorfahren heute noch am Dialekt erkennen?

Ja, genau. In jedem Dorf ist eine andere Mischmundart zustande gekommen, je nachdem, wer in der Mehrheit war. Bei uns waren das die Fuldaer. In anderen Orten waren es andere Gruppen. Wir sind vielleicht fünf oder zehn Kilometer auseinander, und die sprechen ein Wort ganz anders aus als wir. Wir sagen zum Beispiel: »Ich geh ham.« Und im Nachbardorf sagen sie: »Ich geh hom.« Diese Sprachen sind hier so geblieben, wie sie vor 300 Jahren hierhergebracht wurden. Da hat sich nicht mehr viel daran geändert. Leider verschwinden diese Mundarten mehr und mehr.

Wie kommt das?

Das hat mehrere Gründe. Früher wurde die Mundart ganz selbstverständlich in der Familie weitergegeben. Ich habe selbst noch ausschließlich Dialekt gesprochen, bevor ich in die Schule kam. Heute ist das anders. Viele Familien leben nicht mehr mit mehreren Generationen unter einem Dach, und viele junge Leute ziehen zum Studieren oder Arbeiten in die Städte. Auch ich habe versucht, mit meinen Kindern Dialekt zu sprechen, aber ich war leider nicht konsequent genug. Als mein älterer Sohn in den Kindergarten kam, sagte er: »Jetzt reden wir ordentlich.« Und damit meinte er Ungarisch. Danach wollte er den Dialekt nicht mehr sprechen. Hinzu kommt, dass manche Familien eher Hochdeutsch weitergeben. Das ist natürlich wichtig, aber es ersetzt die Mundart nicht. Und schließlich hat sich die Welt verändert. Englisch ist heute überall präsent. Wenn von zu Hause wenig Motivation kommt, geht der Dialekt sehr schnell verloren.

Was bedeutet das für die ungarndeutsche Gemeinschaft?

Das ist der größte Verlust, glaube ich, für die Ungarndeutschen in der jetzigen Zeit, dass wir die Dialekte verlernen. Dann wird nur noch Hochdeutsch gesprochen. Aber das ist eher eine erste Fremdsprache, keine Muttersprache oder Großmuttersprache mehr. Ich glaube, wir sind in der letzten Stunde. Ich ermutige die jungen Leute dazu: Wer noch jemanden in der Familie hat, der Mundart spricht, soll versuchen, das festzuhalten. Aufschreiben geht nicht, weil es teilweise solche Laute gibt, die man mit der Schrift gar nicht wiedergeben kann. Also muss man in Tonaufnahmen bewahren, was noch geht.

Wie handhaben Sie das im Lenau-Haus?

Leider arbeiten wir kaum mit den Dialekten. Wir arbeiten zweisprachig, Deutsch und Ungarisch. Wenn jemand reinkommt, der Deutsch spricht, dann versuchen wir natürlich erst einmal Deutsch. Wir haben auch oft Gäste, die Deutsch sprechen und kein Ungarisch können. Ungarisch dominiert inzwischen immer stärker, muss ich zugeben. In letzter Zeit merken wir, dass wir mit rein deutschen Veranstaltungen gar nicht mehr durchkommen, weil viele das nicht auf einem Niveau sprechen oder verstehen, dass sie einer Vorlesung oder einem Theaterstück folgen könnten. Damit wir die Menschen erreichen, machen wir viele Programmpunkte zweisprachig.

Sie setzen im Lenau-Haus stark auf Kinder und Jugendliche. Warum?

Ältere Leute muss man nicht motivieren. Die suchen von selbst den Kontakt und wollen uns unterstützen. Die mittlere Generation ist sehr schwer einzubinden. Die Leute stehen mitten im Berufsleben, müssen die Kinder herumfahren, sind müde und wollen am Wochenende ihre Ruhe haben. Kinder kann man dagegen gut ansprechen. Deshalb haben wir Angebote für verschiedene Altersgruppen, Wettbewerbe, Workshops und Projekte. Wir wollen Programme anbieten, bei denen junge Leute etwas über ihre Herkunft erfahren und vielleicht auch einmal die Großeltern fragen: Wie war das früher? Zum Beispiel bei unseren Comic-Wettbewerben. Einmal lautete das Thema Meine plastikfreie Oma, dann Opa und seine Follower. Dieses Jahr mussten die Kinder ein ungarndeutsches Volkslied auswählen und daraus einen Comic machen. Tanzen und Musizieren funktionieren sehr gut. Dazu braucht man nicht unbedingt perfekte Deutschkenntnisse. Man kann die Tracht anziehen, auftreten, Gemeinschaft erleben und trotzdem einen Bezug zur Kultur entwickeln.

Wie ist das mit den Traditionen, sind die leichter zu erhalten?

Ja. Zum Glück ist Kultur nicht nur Sprache. Bei uns leben viele Traditionen weiter. Es gibt über das Jahr verteilt mehrere Feste mit ungarndeutschen Wurzeln mit Kulturprogrammen, Tanzgruppen und Gesang. In der Gemeinde Feked im Kreis Mohatsch/Mohács gibt es beispielsweise das Stiffoller-Festival. Da gibt es immer einen Wettbewerb, wer die leckerste Stiffoller Wurst macht. Das Rezept stammt aus der Urheimat und hat sich in 300 Jahren kaum verändert.

Spiegelt sich dieser Wandel auch im Alltag der Dörfer wider?

Ja, natürlich. Früher habe ich das bei meiner Oma so erlebt, dass die Nachbarn fast wie dieselbe Familie waren. Wenn ein Ei fehlte, lief man rüber und bekam eins. Wenn wir Schweine geschlachtet haben, kamen die Nachbarn zum Helfen. Wir kannten gegenseitig unsere Probleme und teilten auch unsere Freude. Heute ziehen viele junge Familien aufs Dorf, leben aber weiterhin das Stadtleben, das sie kennen. Sie wissen nicht einmal, wie der Nachbar heißt. Ein Beispiel: Eine Hochzeitsgesellschaft auf dem Dorf wurde angezeigt, weil sie am Sonntagmorgen mit einer Blaskapelle nach Hause gezogen ist. Das war früher und ist heute noch Tradition. Aber die neuen Nachbarn fühlten sich gestört.

Wie sehen Sie die Zukunft der Ungarndeutschen?

Ich denke, dass die Ungarndeutschen eigentlich viele Möglichkeiten haben. Es gibt Vereine, Kulturgruppen, Schulen und engagierte Menschen. Eine große Herausforderung ist die Abwanderung. Unsere Region bietet vielen jungen Leuten zu wenige Arbeitsplätze. Wer gut ausgebildet ist und Sprachen beherrscht, findet oft anderswo bessere Möglichkeiten.

Spüren Sie das auch in Ihrer eigenen Familie?

Ja. Ich habe zwei Söhne. Der eine lebt inzwischen in Deutschland. Der andere lebt noch zu Hause und muss sich entscheiden, wie es beruflich weitergeht. Beide sind durch mich und meinen Mann ziemlich stark eingebunden in diese ungarndeutsche Gemeinschaft. Ich hoffe, dass diese starken Wurzeln sie doch halten und vielleicht auch zurückbringen. Die Frage ist aber auch, ob wir in den nächsten Jahren wirtschaftlich stärker werden in unserer Region. Es ist schön, dass wir in einem Dorf leben und dass wir Ungarndeutsche sind und zusammenhalten und die Oma noch mit im Haus lebt. Aber unsere jungen Leute brauchen auch berufliche Perspektiven.

Und wo sehen Sie das Lenau-Haus in zehn oder zwanzig Jahren?

Ich möchte nicht pessimistisch sein. Aber ich glaube, dass wir darum kämpfen müssen, als Institution am Leben zu bleiben und weiterhin gesehen zu werden. Dass wir in den Köpfen noch da sind. Dass man mit uns rechnet und weiß, wofür dieses Haus steht.

Was treibt Sie persönlich an, diese Arbeit weiterzumachen?

Einmal hat mir ein Ungar gesagt: Du bist mit deinen ungarndeutschen Großeltern aufgewachsen, du hast diese Kultur geschenkt bekommen. Das ist nicht dein Recht, sondern deine Pflicht, sie weiterzugeben. Das stimmt auch. Es ist wirklich ein Geschenk. Ich musste diese Sprache nicht lernen, ich habe sie von meiner Oma vermittelt bekommen. Und die Geschichten auch. Nein, diese Welt will ich nicht untergehen lassen.