Herr Ther, Sie schreiben in Ihrem Buch Der Klang der Monarchie, die Habsburgermonarchie sei ein »Reich der Musik« gewesen. Was meinen Sie damit?
Das findet sich so in keinem Musiklexikon, dort haben wir immer nationale Kategorien – deutsche Musik, französische Musik – aber ich behaupte, dass es so etwas wie eine »habsburgische Musik« gab. Das mag kühn wirken, ist aber das Resultat meiner jahrelangen Forschung. Es gibt einen unverkennbaren Klang, eigene Kompositionstraditionen mit gegenseitigen Bezügen, Zitaten und Fortentwicklungen. Diese sollte man aber nicht in einem Gegensatz beispielsweise zu tschechischer oder kroatischer Musik denken, sondern als Zusammenspiel. Denn das Habsburgerreich überwölbte die Nationen und es gelang ihm lange Zeit, die Nationen auch musikalisch auf positive Weise zu integrieren.
Welche Rolle spielte Musik im Alltag – und war das anders als heute?
Heute hat Musik sehr viel mediale Konkurrenz durch das Radio, durch Streamingdienste, das Fernsehen, Filme. Wir sind viel visueller eingestellt. Damals war das anders: Musik hatte einen höheren Status, auch für die gesamte Gesellschaft. Musik wurde zu allen möglichen Anlässen gespielt.
Inwiefern kam das der Habsburgermonarchie zugute?
Musik war ein Herrschaftsinstrument, das von oben, von den Eliten und auch den Habsburgern gezielt eingesetzt wurde, um das diverse Reich zu integrieren. Diese sehr wichtige politische Rolle der Musik trat vor allem dann zutage, wenn es zu Bedrohungen und Krisen kam. Sie wurde besonders prominent beispielsweise während der Napoleonischen Kriege oder in der Zeit der Revolution von 1848/1849 eingesetzt, später auch im Ersten Weltkrieg.
Wie kann man sich das konkret vorstellen?
Der Monarch war der Mäzen. Da gab es einmal die Musik am Hof, aber auch hohe Adelige unterhielten Hofstaaten in Konkurrenz zum Wiener Zentralismus unter Maria Theresia und Joseph II. Sie repräsentierten mit dem musikalischen Leben ihre kulturelle, aber eigentlich auch ihre politische Macht, denn es war teuer, ganze Orchester zu unterhalten.
Das klingt eher nach elitären Zirkeln. Aber wie verbreitete sich die Musik dann im Volk?
Durch Nachahmung. Musik diente der Repräsentation der Dynastie, sie wurde zu allen möglichen Gelegenheiten am Hof eingesetzt. Das wiederum wurde vom hohen Adel imitiert. Es gab eine ganze Kulturlandschaft von Adelspalästen, die oft eigene Ensembles unterhielten. Der Komponist Joseph Haydn beispielsweise begleitete die Familie Esterházy in all ihren Residenzen: in Eisenstadt, in den Winterpalast in Wien und zum Familiensitz Esterháza auf der ungarischen Seite des Burgenlands. Dann übernahm auch das Bürgertum diese Praxis – und schließlich griff die Arbeiterkultur sie auf. Bei den Arbeitervereinen wurde unglaublich viel gesungen und musiziert. Das Besondere am Habsburgerreich, jetzt im sozialhistorischen Sinne, ist eigentlich diese stetige Begegnung und zum Teil auch Vermischung von oben und unten.
Inwiefern auch von unten?
Der Walzer beispielsweise war ursprünglich ein populärer bürgerlicher Tanz. Er wurde von den Habsburgern übernommen und dadurch sozusagen geadelt – erst am Hof, dann beim Wiener Kongress. Der sogenannte Wiener Walzer ist übrigens das beste Beispiel für die Integration durch Musik. Die ersten Kompendien, die veröffentlicht wurden und somit die eigentlichen »Erfinder« des Wiener Walzers, stammten keineswegs aus Wien. Der eine war der Böhme František Martin Pecháček, der, wie so viele, nach Wien zugewandert war und dort die ersten Walzer aufführte. Der andere war der Balldirektor und Dirigent Joseph Wilde, der die Tanzmusik mit großen Orchestern für den Wiener Kongress aufbereitete. Er stammte aus Grottkau/Grottków in Oberschlesien.
Die meisten Geschichtsbücher fragen: »Warum ging das Habsburger Reich unter?« Ihr Buch hingegen dreht sich um die Frage: »Warum hielt es so lange zusammen?« Ist dieses Integrative eine Erklärung dafür?
Genau. Das lag an der Loyalität von sehr vielen Bürgern – natürlich eher der Eliten als der einfachen Leute, wobei auch Bauern häufig loyal und keineswegs aufständisch waren, bis zum Ersten Weltkrieg. Die Musiker und Komponisten waren nicht nur überwiegend Habsburg-treu, sie schufen mit ihren Werken auch weitere Loyalität bei denen, die diese Musik hörten. Man kann daher sagen: Musik war ein Motor der Geschichte.
Trugen Musiker und Komponisten bewusst zu dieser zielgerichteten Kulturpolitik bei – oder wurden sie eher »benutzt«?
Sie wussten sehr wohl, was sie taten. Franz Liszt beispielsweise wurde, wenn man so will, regelrecht gekapert. Die Regierung vergab ihm politisch geschickte Kompositionsaufträge, unter anderem für die Krönungsmesse in Ofen-Pest/Budapest. Er hätte sie nicht annehmen müssen, er hatte genug Geld. Aber er empfand es als Ehrung, dass er diesen Auftrag vom Kaiser bekam. Johann Strauss Sohn wurde trotz seiner Aktivitäten in der Revolution wie sein Vater Hofballmusikdirektor. Damit hat er nicht schlecht verdient. Man kann nicht sagen, die Komponisten seien ausgenutzt worden, sondern sie haben sich ein Stück weit oder sehr stark mit diesem Reich identifiziert.
Was unterschied die Habsburgermonarchie in dieser Hinsicht von Preußen oder dem Zarenreich?
Eine der Besonderheiten war, dass Wien ein regelrechter Schmelztiegel der Nationen war – wie man das beim Wiener Walzer sehen kann. Es gab viele Migranten, innerhalb der Habsburgermonarchie, aber auch von außerhalb. Und es gab eine zum Teil beabsichtigte, gezielte Begegnung von oben und unten. Viele Aristokraten besaßen ländliche Residenzen und luden dort zu Festen ein, bei denen das Dorfleben imitiert wurde. Bei den Esterházy in Eisenstadt beispielsweise wurde zu unterschiedlichen Anlässen oft tagelang gefeiert. Da traten Dorfkapellen auf und spielten den hohen Gästen – oft Tausende an der Zahl – quasi das Landleben vor.
Sie sprechen im Buch von »Habsburg Pop«. Was gehört dazu – außer dem Walzer?
Die nächste, eigentlich erst beim einfachen Volk populäre Musik, die durch die aristokratischen Feste aufgewertet wurde, war die Polka. Auch sie wurde am Hof gepflegt – und zwar nicht nur in Wien. Das Habsburgerreich wurde zu einem Exportland der Polka. Johann Strauss Vater reiste mit dieser Musik durch Europa, etwa nach London, wo er großen Erfolg hatte, aber auch an den preußischen Hof, sein Sohn später nach Pawlowsk bei Sankt Petersburg und in die USA. So gelangte die Polka an die englischen, französischen, preußischen und russischen Höfe. Das Habsburgerreich wurde auch von außen als Reich der Musik anerkannt.
Wenn Musik so ein starker »Kitt« war, bleibt doch erstaunlich: Warum haben die Preußen das nicht genutzt?
Zunächst einmal ist die protestantische – und dann vor allem die reformiert-protestantische – Kultur doch eine ganz andere als die katholische der Habsburger. In Preußen gab es viel länger massive Vorbehalte, beispielsweise gegen den Walzer. In manchen Fürstentümern wurde er schlicht verboten.
Wie bitte?
Ja, der Walzer galt als unsittlich. Und man muss ganz ehrlich sagen: Das war er doch auch. Einer der Gründe, warum dieser Tanz so geboomt hat, war die geschlossene Tanzhaltung – mit Anfassen. Es wurde gewarnt, dass man sich nicht zu schnell drehen dürfe, dass der Walzer sogar ein Gesundheitsrisiko darstelle. Vor allem die Frauen könnten einen Blutsturz erleiden und Fehlgeburten … In Wien herrschte die Einstellung: Man kann eh nichts dagegen machen, es vergnügen sich doch alle.
Wie passt diese vermeintliche Liberalität beispielsweise in die Überwachungspolitik während des Vormärz?
In der Diktatur des Vormärz – die man dann schon als solche auch benennen sollte –, versuchte der Staat in alle möglichen Dinge hineinzureden bis hin zum Heiratsverhalten. Das ging wirklich bis in die Privatsphäre hinein. Die politische Überwachung war noch strenger. Aber auch Fürst Metternich, der das System etabliert hat, hatte erkannt, dass Musik ein Ventil sein kann. Also blieben Musik und Tanz erstaunlich wenig reguliert. Nach dem Motto: Brot und Spiele.
Und nach der Revolution 1848/1849?
Die vielen Aufstände waren sehr blutig niedergeschlagen worden, es gab mindestens 100 000 Tote im gesamten Reich. Bei vielen Menschen waren die Armee und die gesamte Regierung deswegen verhasst. Und da investierte Kaiser Franz Joseph massiv in die Militärmusik, es gab sehr, sehr viele Militärkonzerte. In jeder Garnisonsstadt rückten Militärkapellen aus und spielten beispielsweise den Radetzky-Marsch von Johann Strauss. Der war dem Feldmarschall Josef Wenzel Graf Radetzky von Radetz gewidmet. Die Konzerte kosteten keinen Eintritt, sie fanden unter freiem Himmel statt. Dadurch wurde das, was wir heute als Klassik verstehen, für alle zugänglich gemacht.
Mit der Revolution erstarkte auch der Nationalismus – etwa der Tschechen in Böhmen. Wandten die sich dann auch von der Musik ab?
Die Musik kam einerseits von oben und war imperial. Sie wurde aber zugleich ein Medium der Nationalbewegungen. Gerade die Musikpublizisten betonten sehr stark das Nationale. Und doch blieb die Musik immer universell. Der tschechische Komponist Bedřich Smetana beispielsweise schrieb auch sehr viele Werke, die mit Böhmen oder der tschechischen Kultur wenig bis gar nichts zu tun hatten. Dazu gehört unter anderem die Triumphsymphonie von 1854, die sehr kunstvolle Variationen über das Kaiserlied anbietet. Das war imperial gedacht.
Wie sah es nach 1918 aus? Das ganze Habsburgerreich brach zusammen – aber Walzer und Polka lebten auch in den Nachfolgestaaten weiter …
Ja, es gab da keinen wirklichen Bruch. Das Habsburger Reich ist als staatliche Form untergegangen, aber eben nicht als Kultur. Und diese lebt bis heute weiter. Viele führende Komponisten der Nachkriegsära waren schließlich noch zu habsburgischen Zeiten aufgewachsen. Viele distanzierten sich, selbstverständlich. Aber es bleibt doch die Prägung. Menschen, die aus der Kirche austreten, bleiben doch meist Kulturprotestanten und -katholiken. Und so blieben auch die Musiker der Avantgarde weiterhin habsburgisch erkennbar – ob sie wollten oder nicht.
Noch eine letzte Frage: In Ihrem Buch gibt es diese QR-Codes mit Hörbeispielen. Gab es beim Arbeiten daran einen »Ohrwurm«, den Sie nicht mehr losgeworden sind?
Oh, die ganze Zeit und ganz viele. Ich bin selbst Bläser. Ich habe nicht nur unendlich viele Partituren gelesen, sondern auch Musik zumindest angespielt und manchmal auch durchgespielt, um sie nicht nur intellektuell zu verstehen, sondern auch gefühlsmäßig zu erfassen. Meine ganze Familie, das ganze Haus hier in Wien, hat darunter gelitten – sich aber hoffentlich auch ab und zu gefreut.