Comedian, Schriftsteller, Illustrator – Nikita Miller hat schon an vielen Orten gelebt. Seine mütterlicherseits wolgadeutsche Familie war 1941 nach Kasachstan vertrieben worden. Dort wurde er 1987 in Temirtau geboren, 1992 ging seine Familie in die Ukraine, später nach Deutschland. Mittlerweile lebt er mit seiner Frau in Norwegen.
Dieses Interview erschien in Ausgabe Nr. 1451 der
KK mit dem Schwerpunktthema: Ungarn und die Schlacht bei Mohács 1526
Heimat ist da, wo …
… du dich verstanden fühlst.
Welche Jahreszeit fühlt sich für Sie am meisten nach Heimat an – und warum?
Spätsommer und Frühherbst. Der Sommer ist zu laut. Der Winter ist zu tot. Der Frühling ist dieser übermotivierte Typ, der morgens um sieben joggt und von Neuanfang redet. Der Herbst dagegen kommt rein, setzt sich hin, bestellt Kaffee und sagt nichts. Genau richtig.
Der frühe Herbst ist diese Zeit, in der der Sommer seine Sachen packt, aber noch so tut, als würde er nur kurz Zigaretten holen. Ich bin kein Freund von einfachen Enden. Ich brauche Abgang mit Würde. Kein Feuerwerk. Kein Drama. Nur ein Baum, der langsam seine Blätter verliert und dabei mehr Haltung hat als die meisten Menschen bei einer Trennung. Da ist noch Sonne, aber sie labert nicht mehr so viel. Da ist Wärme, aber sie will nichts von dir. Da ist Schönheit, aber sie weiß schon, dass sie bald verschwindet.
Herbst ist die Jahreszeit, in der man sieht, was aus dem ganzen Mist geworden ist, den man im Frühling angefangen hat. Manche ernten Äpfel. Andere ernten Konsequenzen. Der Herbst fragt nicht: »Was träumst du?« Er fragt: »Was hast du wirklich gemacht?« Unangenehm. Also wahrscheinlich gesund.
Im Sommer sind überall Menschen. Sie stehen am Wasser, reden laut, essen aus Plastikschalen und nennen das Leben. Der Herbst räumt auf. Endlich verschwinden sie wieder in ihre Wohnungen, wo sie hingehören, vor Bildschirme und schlechte Entscheidungen. Dann bleibt der Wald. Der Hund. Der Nebel. Der Fjord. Kaffee. Schuhe mit Dreck dran. Ein Himmel, der aussieht, als hätte Gott schlechte Laune, aber wenigstens Geschmack.
Der Herbst hat etwas Russlanddeutsches. Nicht folkloristisch. Nicht dieses »Oma backt Kuchen und alles ist warm«-Ding. Eher: Kartoffeln im Keller. Holz vor der Tür. Kälte kommt. Keiner vertraut dem Staat. Und Liebe zeigt sich dadurch, dass jemand fragt, ob du genug gegessen hast, während emotional alles brennt. Das ist keine leichte Heimat. Aber eine echte. Der Herbst sagt nicht: »Willkommen zu Hause, mein Kind.« Er sagt: »Zieh dir was an. Es wird kalt. Und hör auf zu jammern, da ist Suppe.« Meine Heimat: nicht weich, nicht süß, nicht heil. Sondern etwas Raues, Ehrliches, das dich nicht belügt.
Gibt es einen Geruch, der Sie flugs nach Hause versetzt?
Der Duft von russischem Essen. Und der Duft meiner Frau.
Welches Lied hören Sie, falls Sie mal Heimweh haben?
Poj Gitara Poj von Belie Teni. Das haben wir in unserer Jugend rauf und runter gehört. Nachts im Auto, auf dem ALDI-Parkplatz, Kofferraum offen, irgendwo zwischen Freiheit, Langeweile und viel zu großen Träumen. Oder in den Clubs, wobei wir damals noch »Disko« gesagt haben, weil die Welt noch nicht komplett auf Englisch umgestellt war. Kulturgeschichte, nur mit mehr Deo und schlechteren Boxen.
Die KK ist bei Ihnen eingeladen – welches Gericht aus Großmutters Küche bereiten Sie für uns zu?
Manti, Pelmeni, Borschtsch – ist völlig egal. Sobald meine Oma am Herd steht, ist die Sache gelaufen. Andere Menschen halten dir eine Waffe an den Kopf, wenn sie Macht wollen. Meine Oma stellt einen Topf auf den Herd. Dann riecht es nach Brühe, Teig, Knoblauch und familiärer Erpressung. Du setzt dich hin, isst einen Teller, dann den zweiten, dann noch einen kleinen, weil »du siehst so dünn aus«, obwohl du aussiehst wie ein Mann, der sein Wild mit den Fäusten jagt. Und irgendwann merkst du: Du bist nicht mehr zu Gast. Du bist Eigentum. Sie hat dich nicht überzeugt. Sie hat dich gefüttert. Danach gehörst du ihr. Du, deine Kinder, deine Enkel und irgendein armer Idiot aus der vierten Generation, der noch gar nicht geboren ist, aber bereits innerlich Pelmeni faltet.
Sie wollen jemandem Ihre Heimat zeigen – dürfen aber nur ein Buch, Film oder Kunstwerk mitbringen …
Da ich in Norwegen lebe, würde ich ein Kunstwerk mitbringen: ein Fenster mit Blick auf einen norwegischen Fjord. Draußen stehen Wald, Wasser, Felsen und Regen herum, als hätten sie nichts Besseres zu tun. Vielleicht läuft irgendwo mein Hund durchs Bild und tut so, als hätte er den Sinn des Lebens gefunden. Wahrscheinlich hat er ihn auch gefunden. Hunde sind da weiter als wir. Sicher können sie auch sprechen. Machens nur nicht, weil sie keine Steuern zahlen wollen.
Drinnen steht Kaffee. Stille. Vielleicht ein alter Pullover über einem Stuhl. Und zum ersten Mal seit langer Zeit will die Welt nichts von mir. Kein Applaus. Keine Bühne. Kaum Menschen. Norwegen ist für mich keine Heimat, weil ich dort geboren wurde. Ich wurde woanders geboren. Da hat sich das Schicksal mal wieder eine seiner billigen Dramaturgien erlaubt. Norwegen ist Heimat, weil dort etwas in mir die Klappe hält.
Wen würden Sie gern einmal zu Ihrem Geburtstag einladen?
Hannah Arendt. Mit ihr könnte ich über Schuld, Herkunft, Denken, Totalitarismus, Mitläufertum und innere Freiheit sprechen. Aber Geburtstag mit Arendt klingt auch nach: »Torte kommt später, erst klären wir die Banalität des Bösen.« Stark, aber etwas schwer. James Gandolfini. Nicht Tony Soprano. Gandolfini. Einen Mann, der aussah, als hätte er das Leben verstanden und es trotzdem nicht besonders gemocht. Groß, schwer, müde, gefährlich und gleichzeitig traurig wie ein Hund, der weiß, dass niemand mehr spazieren geht. Tom Hardy. Nicht laut. Nicht lustig. Einfach dieses Gesicht von jemandem, der schon mit ein paar Dämonen am Tisch saß und die Rechnung bezahlt hat. Smalltalk wäre wahrscheinlich schwierig. Gut so. Smalltalk ist soziale Margarine. Ich würde ihn einladen, weil mich Menschen interessieren, die aussehen, als hätten sie mit sich selbst verhandelt und knapp gewonnen. Gábor Maté zu den oberen Dreien. Maté erklärt uns, dass wir nicht kaputt sind, sondern nur konsequent beschädigt. Gandolfini sitzt da wie ein Kühlschrank voller Vaterprobleme. Hardy schaut, als würde er gleich den Kuchen verhören. Und Arendt sagt irgendwann einen Satz, nach dem niemand mehr unbeschwert Kartoffelsalat essen kann. Kein schöner Geburtstag. Aber ehrlich. Also praktisch das Gegenteil von Familie.
Beim Sport: Für welches Team jubeln Sie mit?
Kein Team. Ich bin nicht religiös genug, um erwachsene Männer in Trikots anzuschreien. Ich genieße den Sport an sich. Besonders verfolge ich russische und postsowjetische Kampfsportler: Usyk, Khabib Nurmagomedov, Islam Makhachev, Chimaev und diese ganze Fraktion von Männern, die aussehen, als hätten sie noch nie ein Problem ausdiskutiert, aber jedes gelöst.
Es geht mir dabei nicht um Nationalstolz. Eher um Härte, Disziplin, Herkunft und diese unheimliche Ruhe von Menschen, die nicht jeden inneren Konflikt in einen Podcast verwandeln.
Welches Erinnerungsstück begleitet Sie immer – zuhause oder auch unterwegs?
Ein Bild, das mir meine Mutter vor etwa 25 Jahren gemalt hat: Link aus dem Zelda-Spiel. Der Junge in grünen Strumpfhosen, mit Schild und Schwert. Hängt in meinem Büro. Es ist wahrscheinlich mein wichtigstes Erinnerungsstück. Nicht, weil es besonders wertvoll wäre, sondern weil meine Mutter darin noch da ist. In einer Linie, einer Farbe, einer kindlichen Geste. Sie starb 2009 qualvoll an BSE. Und dieses Bild ist für mich geblieben: ein kleiner Junge mit Schwert und Schild.
Vielleicht auch, weil man als Kind manchmal genau so in die Welt geht: viel zu klein, schlecht geschützt, aber trotzdem bereit, gegen irgendetwas Großes zu kämpfen.
Wenn Sie Ihrer Heimat einen Brief schreiben könnten: Was wollten Sie ihr schon immer einmal mitteilen?
Liebe Heimat, ich weiß bis heute nicht genau, wer du bist. Manchmal bist du Kasachstan, manchmal Deutschland, manchmal Russland, manchmal ein ALDI-Parkplatz bei Nacht, manchmal ein norwegischer Fjord im Regen. Du warst selten bequem. Eher laut, widersprüchlich, hungrig, traurig und manchmal ziemlich brutal. Aber du hast mir beigebracht, zwischen den Stühlen zu sitzen, ohne gleich vom Stuhl fallen zu müssen.
Ich wollte dir schon immer sagen: Du hast mir keine einfache Herkunft gegeben. Aber vielleicht eine gute Perspektive. Ich gehöre nicht ganz dazu. Nirgendwo. Und genau daraus ist mein Blick entstanden. Also danke. Nicht für alles. So weit sind wir nicht. Aber für genug. Denn selig sind die, die kein Zuhause haben. Denn sie sind zuhause …
Dein Nikita