Es ist ein Irrtum zu glauben, ein Ereignis, das 500 Jahre zurückliegt, habe für die Verhältnisse von heute keinerlei Bedeutung mehr. Der Schlacht bei Mohács (später auch Mohatsch genannt) in Südungarn, die am 29. August 1526 stattgefunden hat, kommt als militärisches Ereignis zwar kein epochales Gewicht zu, doch ihre politischen und kulturellen Folgen beeinflussten die Entwicklung weiter Teile Europas über Jahrhunderte hinweg und sind bis heute spürbar. Ein Beitrag von Harald Heppner
Kulturkorrespondenz östliches Europa, № 1451 | Drittes Quartal 2026

Der Angriff des Hauptheeres der Osmanen, der muslimischen Großmacht in Kleinasien und auf dem Balkan, unter der Führung ihres obersten Herrschers, Sultan Süleyman I., auf das Königreich Ungarn kam keineswegs überraschend. Bereits 130 Jahre zuvor hatte sich König Sigismund von Ungarn bemüht, die Osmanen, die nach der Unterwerfung Bulgariens 1393 die Linie der Unteren Donau erreicht hatten, mittels eines Kreuzzuges zu stoppen. Einem seiner Nachfolger, König Matthias Corvinus, gelang es zwar, dem von Serbien und Bosnien ausgehenden osmanischen Druck standzuhalten. Aber 1521 gelang den Osmanen schließlich die Einnahme der damals ungarischen Grenzfestung Belgrad – knapp 200 Kilometer Luftlinie von Mohács entfernt.

KK 1451

Dieses Interview erschien in Ausgabe Nr. 1451 der
KK mit dem Schwerpunktthema: Ungarn und die Schlacht bei Mohács 1526

Damit war Ungarn das letzte Bollwerk, das sie an einem Vorstoß nach Westen – letztlich bis nach Wien – hinderte. Die Pannonische Tiefebene bei Mohács lag dabei auf der Route. Unweit der Donau südlich des Mecsekgebirges stellten sich die Ungarn den vordringenden Osmanen. Zahlenmäßig waren sie unterlegen, sie hofften auf den Überraschungseffekt. Zunächst konnte die Kavallerie auch tatsächlich die vorderen Reihen durchbrechen. Aber genau das wurde ihr schließlich zum Verhängnis: Sie wurde von den Flanken her angegriffen und innerhalb kurzer Zeit brach die Offensive zusammen. Tausende Soldaten wurden getötet, ein markanter Teil der Elite des Landes, viele Magnaten und mehrere Bischöfe verloren ihr Leben, König Ludwig II. ertrank auf der Flucht.

Die Folgen der Schlacht bei Mohács waren weitreichend. Über Generationen hin hatte es vorher bereits mehrere Versuche gegeben, Böhmen, Ungarn und die habsburgischen Länder personell miteinander zu vernetzen und damit in der Mitte des Kontinents einen überregionalen Machtschwerpunkt zu bilden. Diesbezügliche Versuche gingen von Ungarn, Polen-Litauen, aber auch von den Habsburgern aus, die damals lediglich eine bescheidene Hausmacht in den Alpenländern besaßen. 1526 fiel Ferdinand I., dem späteren deutschen König, dabei die entscheidende Rolle zu. Grundlage dafür war ein Vertrag, den sein Großvater, Kaiser Maximilian I., mit den in Ungarn und Böhmen regierenden Jagiellonen abgeschlossen hatte: Diejenige der beiden Familien, die keinen männlichen Erben besitze, habe die Herrschaft über ihr Land an die andere Familie zu übergeben. Der Schwager Ferdinands I., Ludwig II. – König von Ungarn und Böhmen – fiel in der Schlacht bei Mohács, ohne einen Nachfolger hinterlassen zu haben. Von diesem Zeitpunkt an bis zum Ende des Ersten Weltkrieges blieben die Schicksale der drei Nachbarländer über die Dynastie der Habsburger daher eng verknüpft. Die daraus resultierenden Konsequenzen lassen sich auf regionaler, überregionaler und kontinentaler Ebene ausmachen.

Der Weg für die Expansion der Osmanen war freigeräumt, sie drangen bis nach Wien vor, das sie vom 27. September bis zum 14. Oktober 1529 erstmals belagerten. Große Teile Ungarns und seiner Nebenländer Siebenbürgen und Kroatien gerieten unter osmanische Herrschaft, erst am Ende des 17. und im frühen 18. Jahrhundert konnten die Türken auf den Balkanraum zurückgedrängt werden. Die langjährige Kriegsfront erforderte in den angrenzenden Ländern (in der Handelsrepublik Venedig, in Kroatien, Siebenbürgen und in Polen) viele personelle und materielle Mittel sowie Aufmerksamkeit, dadurch konnte es zu keiner nennenswerten Weiterentwicklung kommen.

Erst nachdem Ofen/Buda von den Habsburgern 1686 erobert worden war und die Osmanen den mittleren Donauraum verlassen hatten, holte man dort nach, was im europäischen Westen in der Zwischenzeit vorangebracht worden war. Die Modernisierung verlief jedoch schleppend. Die Bevölkerung im Königreich Ungarn war auf die unvermeidbaren Reformmaßnahmen nicht vorbereitet und reagierte nur langsam und widerstrebend auf innovative Impulse. Und doch erfasste die Dynamik des Wandels die habsburgische Sphäre erheblich früher und intensiver als die osmanisch verbleibende Nachbarschaft, wodurch sich die unterschiedlichen Entwicklungswege von Orient und Okzident im Südosten Europas weiter auseinanderentwickelten.

Die neue politische Lage, die der Ausgang der Schlacht bei Mohács herbeiführte, verschaffte den Habsburgern zwar einen beträchtlichen Machtzuwachs. Es fiel ihnen dadurch aber auch die Aufgabe zu, die christlich-europäische Welt gegen die osmanische Übermacht zu verteidigen. Sie wollten einerseits Ungarn nicht verlieren und hatten andererseits die österreichischen Erbländer und das Königreich Böhmen zu schützen. Dies geschah auf folgende Weise: Über Jahrzehnte musste der Wiener Hof an die Sultane Tribut zahlen – offiziell beschönigend als »Ehrengeschenk« bezeichnet. Auf dem Boden Kroatiens, später dann auch in Slawonien, im Banat und in Siebenbürgen, wurde schrittweise die sogenannte Militärgrenze aufgebaut, die den Zweck hatte, einen Sicherheitspuffer zum benachbarten Osmanischen Reich zu schaffen. Darüber hinaus bemühten sich die habsburgischen Herrscher über Generationen, in Form von Geld und Truppen von den Ländern des Römisch-Deutschen Reiches Unterstützung zu bekommen. Ohne diese Hilfe wäre die Abwehr der türkischen Armee nicht zu schaffen gewesen.

1699 mussten die Osmanen einem ersten Friedensvertrag zustimmen, durch den große Teile Ungarns und Slawoniens an die Habsburger fielen, Polen Podolien zurückerhielt und Venedig Gebiete in Dalmatien und auf dem Peloponnes zugeteilt bekam. 1716 begann jedoch ein neuer Krieg, in dem der habsburgische Befehlshaber Prinz Eugen von Savoyen mehrere bedeutende Siege errang. Mit dem Frieden von Passarowitz/Požarevac 1718 erfuhr die Habsburgermonarchie ihre bis dahin größte Ausdehnung.

Nach den Friedensverträgen begann der Wiederaufbau. Kriegsschäden mussten beseitigt und die überalterten Verhältnisse überwunden werden. Dafür wurden gezielt Arbeitskräfte angeworben. Bis ins frühe 19. Jahrhundert setzte ein anhaltender Zuzug von Siedlern aus Mittel- und Süddeutschland ein, der die einheimische Bevölkerung in Ungarn ergänzte und das interethnische und interkulturelle Profil ganz wesentlich bereicherte. Freilich darf nicht unerwähnt bleiben, dass mit den Auswirkungen der Schlacht von Mohács der Untergang der Donaumonarchie bereits besiegelt war: In der Phase der Urbanisierung, Industrialisierung, Professionalisierung und Nationalisierung im 19. Jahrhundert wurde es ein schier unlösbares Unterfangen, alle nationalen Gruppeninteressen im Donau- und Karpatenraum unter einen Hut zu bringen.

Auch auf die internationalen Beziehungen in Europa hatte die Schlacht von Mohács bleibenden Einfluss. Die familiäre Verquickung der Habsburger mit Burgund, den Niederlanden und Spanien hatte Frankreich schon im ausgehenden 15. Jahrhundert gestört. Mit der Verankerung jener ursprünglich aus der Nordschweiz stammenden Dynastie in Böhmen und Ungarn war deren Macht noch größer geworden. So wurde Paris über Jahrhunderte zu einem Dauergegner von Wien. Auch Venedig war von der 1526 geschaffenen Lage betroffen, zunächst dadurch, dass die Osmanen in den 1530er Jahren in Dalmatien eindrangen und die Position der »Serenissima« entlang der ostadriatischen Küste erheblich einengten. Mit der Gegenoffensive Wiens gegen Konstantinopel bekamen die Venezianer zwar ihre dalmatinischen Landstriche schrittweise zurück, doch wurde die benachbarte Habsburgermonarchie so stark, dass sie fürderhin nicht mehr davon abgehalten werden konnte, in den internationalen Seehandel einzusteigen und zwei Häfen auszubauen: Triest und Fiume/Rijeka.

Mit der Niederlage Ungarns bei Mohács im Jahr 1526 begann für die Habsburgermonarchie eine jahrhundertelange Verstrickung mit Angelegenheiten im Südosten – nicht nur mit der Abwehr der Osmanen, sondern auch mit den Konflikten infolge der Nationalstaatsbildung in den Balkanländern und mit der Rivalität zu Russland. Diese Faktoren trugen maßgeblich dazu bei, die Führungsrolle innerhalb Mitteleuropas im Lauf des 19. Jahrhunderts von Wien auf Berlin übergehen zu lassen. Das hatte unmittelbare Auswirkungen auch auf die Bevölkerung der beiden Reiche. Unzählige Familien in Württemberg und Hessen konnten 1526 nicht ahnen, dass ihre Nachfahren rund 200 Jahre später von zuhause aufbrechen und eine ungewisse Zukunft im fernen Ungarn einem Verbleib in Deutschland vorziehen würden. Und die Serben und Rumänen konnten nicht voraussehen, dass rund 400 Jahre später Angehörige ihrer Volksgruppe an der Balkan- beziehungsweise an der Karpatenfront aufeinander schießen würden.