Die Geschichte der Ukraine und die Beziehungen der Ukraine zu ihren Nachbarn sind das Fachgebiet von Andrii Portnov, der zahlreiche Studien zur Ideengeschichte und Erinnerungspolitik in Osteuropa verfasst hat. Mit ihm sprach Markus Nowak.
Mai/Juni 2022 – Kulturkorrespondenz östliches Europa № 1429
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Andrii Portnov | Foto: © DHI Warschau

Die Geschichte der Ukraine und die Beziehungen der Ukraine zu ihren Nachbarn sind das Fachgebiet von Andrii Portnov. 1979 in Dnipro geboren, studierte er in seiner Heimatstadt Geschichte, später auch Kulturwissenschaften in Warschau und wurde mit einem Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte der Ukraine promoviert. Nach zahlreichen Stellen als wissenschaftlicher Mitarbeiter, unter anderem an den Universitäten Kiew/Kyjiw, Trier und Genf, war er wissenschaftlicher Fellow in Amsterdam, Paris und Wien. Seit 2018 hat er an der Europa-Universität Viadrina einen Lehrstuhl für Entangled History of Ukraine. Portnov ist Autor zahlreicher Studien zur Ideengeschichte und Erinnerungspolitik in Osteuropa.

Herr Professor Portnov, wo verorten Sie die Ukraine?

Immer, wenn ich gegenüber meinen deutschen Bekannten erwähne, dass ich meine Familie in Kiew besuchen werde, wundern sie sich. Aber Kiew ist näher als Spanien oder andere südeuropäische Länder. Ich persönlich bin nicht gegen den Begriff »Osteuropa« – es hat eine interessante und komplizierte Geschichte. Aber es gibt da zum Beispiel die »Ostforschung«, die einen diskriminierenden und kolonialen Charakter hat. Aber natürlich – aus deutscher Sicht liegt die Ukraine im Osten.

Mit den Teilungen Polens vor genau 250 Jahren ging ein großes Gebiet an Habsburg …

… und wurde somit ein Teil Westeuropas für mehr als hundert Jahre. Die Teilungen Polens haben sehr viel geändert. Es kam die Idee auf, dass eine Nation ohne Staat doch existieren kann. Früher war es in Europa so: Ist der Staat weg, ist es auch die Nation. Die polnische Bewegung hat gezeigt, dass es auch anders sein kann. Und das hat auch die ukrainischen Nationalprojekte enorm beeinflusst.
Das war historisch gesehen wichtig, weil sich ukrainische Literatur, Geschichtsschreibung und politische Projekte im 19. Jahrhundert gleichzeitig entwickelten – also im Russischen Reich und in der Habsburgermonarchie. Es war immer so, dass die ukrainischen Projekte versucht haben, einen eigenen Weg zwischen den imperialen Politiken zu finden.

Sie haben einmal die Ukraine als »ein Labor für kulturelle und politische Vielfalt in Europa« bezeichnet. Was meinen Sie damit?

Das ist eine intellektuelle Provokation, wenn Sie so wollen. Ich möchte auf das besondere Diversitäts-Modell der Ukraine aufmerksam machen. Bis vor Kurzem wurde oft über die Ukraine als »gespaltenes Land« gesprochen – eine hoffnungslose Spaltung. Ich glaube aber, dass die sprachliche, religiöse und wirtschaftliche Vielfalt der Ukraine eine der wichtigsten Quellen des politischen Pluralismus ist. Im Vergleich zu Russland und Belarus gab es in der Ukraine immer freie Wahlen – sechs Präsidenten seit 1993. Der Pluralismus ist eine Stärke der politischen Nation, die sich heute gegen Putins Angriff stellt. Das ist eine wichtige These, weil man die Vielfalt der Ukraine positiv konzeptualisieren und annehmen sollte. Erst so erreichen wir eine neue Perspektive für die Ukraine.

Sie sind der einzige Ukrainistik-Professor in Deutschland.

Mein Lehrstuhl wurde im Jahr 2018 geschaffen, er ist also recht neu. Und es ist der einzige Lehrstuhl – in ganz Europa –, wo »Geschichte der Ukraine« im Titel steht. Alle anderen Lehrstühle beziehen sich auf Osteuropäische Geschichte, Russische Geschichte, Sowjetische Geschichte. Es ist bezeichnend, dass der Lehrstuhl an der Viadrina gegründet wurde – einer Universität, die im Zuge der Wende 1989 entstand. Die Viadrina liegt auf der deutschen und auch auf der polnischen Seite. Und darum geht es: Die Ukraine als Brücke für verschiedene komplizierte Fragen der europäischen Kultur und Geschichte und auch ein Treffpunkt von Christentum und Islam, von Nationalbewegungen wie der polnischen, russischen, jüdischen und auch deutschen. Wir nehmen die Ukraine ins Zentrum unserer Forschung, aber es geht nicht um die Nationalgeschichte, sondern um ein neues, breites Verständnis der ganzen Region. Das ist genau das, was wir brauchen – besonders in der heutigen Zeit.

Wie fällt der deutsche Blick auf die Ukraine aus?

Seit der Nachkriegszeit gibt es in Deutschland den sogenannten Russland-Komplex, so beschreibt es mein Kollege Gerd Koenen. Das ist historisch und geopolitisch gesehen verständlich. Aber es ist sehr wichtig, zwischen Russland und der Sowjetunion zu unterscheiden und auch zwischen den Begriffen »russisch« und »russländisch«, da diese nicht das Gleiche sind. Es wird immer nur über das Russische gesprochen. Es gibt die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs und diese Idee, dass die deutsche Gesellschaft eine große historische Verantwortung gegenüber der Sowjetunion hat. Darunter wird oft Russland verstanden. Ja, Deutschland hat eine Verantwortung gegenüber Russland. Aber es hat eben auch eine Verantwortung gegenüber der Ukraine und Belarus. Auch diese Länder waren von den Nationalsozialisten besetzt und der Holocaust fand auch dort statt. Um Russland besser zu verstehen, brauchen wir eine vollwertige Ukrainistik. Sie kann uns helfen, auch die russische und natürlich die sowjetische Geschichte zu verstehen. Und auch was dort heute passiert.

Wurde der deutsche Blick auf die Ukraine mit dem russischen Angriff neu justiert?

In meiner Heimatstadt Dnipro, die eine starke jüdische Kultur hat, antwortet man oft: ja und nein. In privaten Gesprächen mit deutschen Kollegen habe ich bemerkt, dass diese jetzt viel mehr Verständnis für die Ukraine haben, und sicherlich auch für Belarus. Der Blickwinkel ist also nicht mehr so Russland-zentriert, wie das früher der Fall war. Aber wenn wir über die akademische Welt als Ganzes sprechen, bin ich da nicht so sicher. Denn was ich bemerke, gerade weil ich ehemalige Studierende und Freunde in der Politik und im öffentlichen Leben habe, ist, dass diese jetzt gern über »Herausforderungen« in Sachen Russlandpolitik sprechen. Davor waren sie »Putinversteher«. Und solche Leute trifft man nicht nur in der Politik, sondern auch in wissenschaftlichen Akademien, in Medien, in der Wirtschaft. Vielleicht kommt nun eine Selbstkritik. Und ja, die Selbstkritik ist wichtig, aber für mich ist die volle historische und kulturelle Anerkennung der ukrainischen Subjektivität die Hauptsache. Wenn das an den Universitäten, in den Medien, in der Schule akzeptiert und wirklich verstanden wird, dann kann man hoffen, dass in den nächsten Jahren auch in Deutschland ein besseres Verständnis für die Region und ganz Europa kommt.

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