Kulturkorrespondenz östliches Europa, № 1408 | Oktober 2019
Die Fragen stellte Markus Nowak
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Eleonora Hummel. Foto: © get-shot.de

Eleonora Hummel, geboren 1970 in Zelinograd (heute Nur-Sultan, Hauptstadt von Kasachstan), siedelte 1982 in die DDR über, nachdem die Sowjetbehörden die Ausreise in die Bundesrepublik untersagten. In Dresden lernte sie Deutsch und ließ sich zunächst zur Physiklaborantin und später zur Fremdsprachenkorrespondentin ausbilden. Mitte der Neunzigerjahre begann Hummel mit dem Schreiben. 2005 erschien ihr Debütroman, der die Übersiedlung nach Deutschland thematisiert und mit Preisen und Stipendien prämiert wurde. Auch ihr aktueller Roman Die Wandelbaren (2019) thematisiert russlanddeutsche Schicksale.

Frau Hummel, Helene Fischer ist nicht nur eine der bekanntesten Schlagersängerinnen, sondern auch Nachfahrin von deutschen Siedlern im damaligen russischen Reich. Kann sie eine »Botschafterin der Russlanddeutschen« sein?

Hummel: Könnte man sagen, sie kennt ja jeder. Ich bin kein Schlagerfan, aber verfolge ihr Wirken. Sie sagt immer wieder bei Konzerten, jetzt singe ich Lieder aus meiner Heimat, und dann kommen russische Volkslieder. Ob sie noch viele Erinnerungen an Russland hat, weiß ich nicht, aber sie thematisiert ihr Herkunftsland schon. Leider ist häufiger in der Presse zu lesen, dass sie Russin sei oder dass ihr richtiger Name Jelena Petrowna Fischer laute. Aber das ist falsch, denn Jelena ist im Deutschen Helene und Petrowna ist der im Russischen übliche Vatersname, den kann man bei der Einbürgerung abwählen.

Wie wichtig sind denn Namen im russlanddeutschen Kontext?

Hummel: In der Sowjetunion war es schwierig, den deutschen Nachnamen zu ändern, nur weil er einem nicht gefiel, also versuchten die Menschen wenigstens über den Vornamen den Kindern zu erleichtern, anerkannt zu werden. So wurden russische Vornamen gewählt. Mit der Auswanderung nach Deutschland war es dann umgekehrt. Für die Kinder ist es sicher nicht so einfach, plötzlich einen anderen, deutschen Vornamen zu erhalten. Manche bestehen auf der russischen Schreibweise, sie wollen nicht Waldemar, sondern weiterhin Vladimir heißen. Andere möchten unbedingt eine Namensanpassung und machen z.B. aus Jurji einen Jürgen, damit nicht erkennbar wird, wo sie herkommen.

Von Helene Fischer sprachen wir. Wie steht es allgemein um die Bekanntheit der Russlanddeutschen und ihrer Geschichte?

Hummel: Ich bin erstaunt, wie unbekannt sie ist. Der Großteil der Russlanddeutschen lebt seit mittlerweile dreißig Jahren hier. Es wurden große Anstrengungen unternommen, um diese Menschen zu integrieren und auch ihre Geschichte bekannt zu machen. Wanderausstellungen, Informationsbroschüren, private und staatliche Initiativen, das Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold leisten seit vielen Jahren Aufklärungsarbeit. Im persönlichen Kontakt mit Mitmenschen stoße ich aber immer wieder auf völlige Unkenntnis unserer Geschichte. Große Wissenslücken sind auch in Russland zu verzeichnen. Im russischen TV gab es eine Reportage, in der Jugendliche über die Deutschen im Land befragt wurden. Die Antworten waren: Das seien Nachkommen von Kriegsgefangenen oder Touristen, denen es so gut in Russland gefallen hat.

Welche Rolle wird den Russlanddeutschen heute zuteil?

Hummel: Meiner Meinung nach erfahren sie zu wenig Würdigung in den Medien. Ihre Integrationsleistung sollte in der Öffentlichkeit klarer herausgestellt werden. Sie sind ein Bindeglied zwischen Deutschland und Russland und somit ein großes Kapital. Denn über 200 Jahre haben diese Menschen beide Länder verbunden und pflegen weiterhin gute Beziehungen in ihr Herkunftsland, auch wenn sie es verlassen haben. Oft bestehen emotionale Bindungen zu Freunden und Bekannten mit regelmäßigen Besuchen, Kenntnis des Alltags und der Mentalitäten. Ich finde, das ist ein großer Schatz. Auch die Zweisprachigkeit. Diese Einwanderergruppe hat aufgrund ihrer eigenen Erfahrung Einblick in beide Gesellschaften und kann die Befindlichkeiten beider Länder verstehen.

Zum Beispiel?

Hummel: Ich habe oft das Gefühl, dass »einheimische« deutsche Bürger nicht so richtig verstehen, wie Menschen in den ehemaligen Sowjetrepubliken ticken. Die Russlanddeutschen wissen das sehr wohl, sie sind dort aufgewachsen und haben das System am eigenen Leib erfahren. Dieses Einfühlungsvermögen kann besser genutzt werden, da schlummert noch ein großes Potenzial mit Gewinn für beide Seiten.

Als Autorin thematisieren sie die Geschichte der Russlanddeutschen und sprechen von einer Schicksalsgemeinschaft. Wie ist das zu verstehen?

Hummel: Alle unsere Vorfahren sind der Einladung von Zarin Katharina gefolgt. Das ist eine Gemeinsamkeit. Sie haben sich angesiedelt, um das Land urbar zu machen und Ackerbau zu betreiben. Es gab da dieses Sprichwort: Die Ersten hatten den Tod, die Zweiten die Not und die Dritten das Brot. Es war ja ein längerer Prozess, bis man zu einem gewissen Wohlstand gelangte, doch dann kam die Revolution. Diejenigen, die sich mühsam etwas aufgebaut hatten, wurden enteignet. Und nicht nur das, sie wurden auch deportiert. Im Zweiten Weltkrieg gab es 1941 den Erlass, alle Russlanddeutschen nach Kasachstan und Sibirien zu deportieren. Dabei sind Hunderttausende ums Leben gekommen. In allen Familien gab es solche Schicksale, das wird überliefert und an die Enkel weitergeben. Da sind insofern gemeinsame Traumata.

Sie sprechen auch von der doppelten Fremdheit der Russlanddeutschen …

Hummel: … die doppelte Fremdheit ist das Gefühl, weder in Russland noch in Deutschland dazuzugehören. Das Thema Heimat wird derzeit öffentlich diskutiert. Wo fühlen wir uns heimisch? Was bedeutet Heimat für uns? Ist es ein Ort, ein Gefühl oder Erinnerungen an die Kindheit? Heimat definiere ich mit Zugehörigkeit und Anerkennung. Das ist fundamental, um sich wohlzufühlen. Das blieb uns verwehrt in der Sowjetunion, wo wir als Deutsche ständigen Ausgrenzungen ausgesetzt waren. Das hat mich geprägt. Und als wir in die DDR gekommen sind, in der Hoffnung, nicht mehr Außenseiter zu sein, hat sich das fortgesetzt. Wir wurden plötzlich als Russen angesehen. In Dresden angekommen, konnten wir uns nicht so schnell den sächsischen Dialekt aneignen. Sobald wir den Mund aufgemacht haben, wurde gefragt, wo kommt ihr her? Erst mit der Wiedervereinigung hat sich bei mir ein Heimatgefühl eingestellt. Die Frage »wo kommst du her?« begleitet mich bis heute.

 

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