Rezension | Arne Franke: Das wehrhafte Sachsenland. Kirchenburgen im südlichen Siebenbürgen. Mit einer historischen Einführung von Harald Roth
Dirk Moldt
1

Zeitschrift für Siebenbürgische Landeskunde № 31 | 2008

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der zeitschrift für siebenbürgische landeskunde.

Jeder Reiseführer zu seiner Zeit? – Offensichtlich ja, denn was Arne Franke vorlegt, ist durchaus auch ein Zeitdokument. Der Autor weist nämlich in seinem Vorwort nachdrücklich auf den gegenwärtigen Zustand der siebenbürgisch-sächsischen Kirchenburgen hin und auf die inzwischen erfolgte Auslagerung wichtiger Kulturgüter wie Bilder, Teppiche, Skulpturen oder Altäre. Eines seiner Anliegen besteht darin, von diesen ausgelagerten Kunstwerken zurück zu den originalen Plätzen führen zu wollen, um beide wenigstens im Bilde wieder zu vereinigen. So richtet sich der Führer an Interessierte, die bereits nach Siebenbürgen vorgedrungen sind, aber auch an solche, die das Land noch nicht kennen. Mit dem Verweis auf Wehrkirchenbauten in Mitteleuropa ordnet der Autor die Kirchenburgen des sieben-bürgischen Sachsenlands als ein europäisches Phänomen ein. Abbildungen von Wehrkirchen in Deutschland belegen dies wegen der Ähnlichkeit der Gebäude ganz augenfällig. Die Auswahl für den Band fiel auf Kirchen, bei denen noch ausgeprägte Architekturmerkmale anzutreffen sind, die auf die kombinierte Nutzung als Gotteshaus und Festung hinweisen. So blieben spätere Neu- bzw. Umbauten, bei denen lediglich nur noch gottesdienstliche Funktionen zu erkennen sind, außen vor.

In einer 15-seitigen historischen Einführung beschreibt Harald Roth die Entwicklung der siebenbürgisch-sächsischen Nation sowohl im Zusammenhang mit den Großmächten als auch mit den benachbarten Ethnien und spart dabei konfliktgeladene Situationen, die aus heutiger Sicht nicht einfach zu verstehende Konstellationen hervorriefen, nicht aus. Ihm gelingt es auf relativ wenig Platz, die wichtigsten historischen Ereignisse, die unglaubliche Vielfalt konfessioneller und kultureller Entwicklungen Siebenbürgens, aber auch die in der Geschichte unversöhnlich gegenüberstehenden Kräfte in einem Gesamtbild zu erfassen. Roth endet mit dem Hinweis auf die durch erloschene sächsische Gemeinden aufgelassenen Kirchen, für die (bislang) kein breites Interesse bei der anwohnenden Bevölkerung besteht. Eine Nutzung und damit auch Rettung stehe deshalb noch nicht in Aussicht.

Das Buch verblüfft in mehrfacher Hinsicht. In ihm gelingt es, auf 450 Seiten nicht weniger als 150 Kirchenburgen des Sachsenlandes nicht sehr ausführlich, aber dennoch erstaunlich umfassend zu beschreiben. In unterschiedlich langen Beiträgen wird ausgehend von der Errichtung der Gebäude, ihre Geschichte und Bedeutung beschrieben, wobei auch auf bedeutende bauliche Veränderungen hingewiesen wird. Erwähnung finden zudem herausragende historische Ereignisse, die mit den Gebäuden im Zusammenhang stehen sowie interessante architektonische und künstlerische Merkmale und Ausstattungen. Außer den Kirchen werden auch sehenswerte Burg- und Parkanlagen der Umgebung in die Beschreibungen mit einbezogen.

Jede besprochene Kirche ist nicht nur mit einer aktuellen Farbfotografie abgebildet, sondern fast immer auch mit einer historischen Ansicht, oft aus der gleichen Perspektive. Einige alte Fotografien zeigen die Gebäude noch als funktionierende soziale und kulturelle Zentren der Gemeinden und illustrieren damit den großen Kontrast zur gegenwärtigen Situation. Hinzu kommen farbige Innenaufnahmen, Detailabbildungen von Altären, Fresken, Taufsteinen, Kapitellen und anderen Bauteilen, mitunter auch Grundrisse. Ein nicht hoch genug einzuschätzender Service besteht in den jeweils in einem Kasten angeführten detaillierten Hinweisen zur Anfahrt und Erreichbarkeit der Inhaber der Kirchenschlüssel. Damit werden Exkursionen individuell planbar. Die Gebäude sind alphabetisch nach den rumänischen Namen ihrer Orte angeordnet, was gerade denjenigen die Orientierung erleichtert, die nur über einsprachige rumänische Karten verfügen. In unregelmäßiger Folge finden sich farblich abgesetzt illustrierte Texte, die spezielle siebenbürgische Themen wie die Konfessionen, die Szekler oder der Deutsche Orden vertiefen. Dies lockert das Erscheinungsbild weiter auf, das insgesamt als ausgesprochen kurzweilig bezeichnet werden kann.

Komplettiert wird der Führer durch ein ausführliches Glossar, das neben der Erklärung ausgewählter Fachbegriffe auch ein Namen- und Ortsnamenverzeichnis samt Konkordanz bietet, ebenso eine Auswahl erschienener Karten und Literatur sowie eine eingelegte Straßenkarte, auf der die besprochenen Gebäude eingetragen sind. Ob allgemeine touristische Informationen, wie Besprechungen 203 Tipps betreffs Autoreparaturen, Tanken, Höchstgeschwindigkeiten, Einreisebestimmungen oder Aussprachehilfen nicht vielleicht doch einem speziellen Rumänien-Reiseführer vorbehalten bleiben sollten, ist angesichts des sonst Gebotenen eine eher zu vernachlässigende Frage.

Das handliche Format, die starken Deckel und die solide Bindung versprechen, dass das Buch nicht schon nach den ersten Reisestrapazen auseinander bricht. Allerdings täte man ihm Unrecht, es lediglich als Reiseführer ansehen zu wollen, denn auch als historische und kulturgeschichtliche Abhandlung ist es selbst für Siebenbürgen-Kundige durchaus lesens- und ansehenswert.

Überflüssig zu erwähnen, dass allein schon die kompakte Gesamtdarstellung darauf hinweist, dass die Kirchenburgen als ein einmaliges Gesamtensemble der europäischen Kulturgeschichte schützenswert sind. Hierfür Interesse und Begeisterung zu erwecken, ist ein Anliegen des Buches, für das man ihm viel Erfolg wünschen möchte.

  • www.siebenbuergen-institut.de

    Die Internetseiten des Siebenbürgen-Instituts, des Herausgebers der zeitschrift für siebenbürgische landeskunde • Der Artikel ist bisher nur in der Printausgabe erschienen.