Rezension: Tina Veihelmann, anschlaege.de: »Aurith | Urad. Zwei Dörfer an der Oder«
Wolfgang Sabath

Das Blättchen № 12 • 11.06.2007

Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Blättchens.

Hier ist von zwei Büchern zu reden, die scheinbar viel miteinander zu tun haben und dennoch meilenweit voneinander entfernt sind. Die jeweiligen Protagonisten sind Polen und Deutsche – doch damit haben sich die Gemeinsamkeiten auch schon erledigt, jedenfalls beinahe. Denn in dem ersten Buch debattieren vor allem Wissenschaftler und Politiker über Deutsche und Polen – Erinnerung im Dialog, in dem anderen erinnern sich Einwohner zweier Dörfer, die sich zwar steinwurfweit an der Oder gegenüberliegen, aber nur wenig Kontakte zueinander pflegen, sondern mehr oder weniger Rücken an Rücken leben: Aurith – Urad. […]

Auch von den Geschichten, die Tina Veihelmann für das zweisprachige Buch Aurith – Urad aufspürte, sind nicht alle »passend« – und das macht das Buch so lesenswert. Denn die Polen und die Deutschen, die darin von ihrem Leben und ihrem Dorf erzählen, müssen niemandem nach dem Munde reden, nicht einmal der Autorin. Denn die wenigsten von ihnen haben etwas zu »verlieren«. Als die Alten 1945/46 in die beiden Dörfer kamen, die zuvor ein Dorf gewesen waren – auch auf der westlichen Seite der Oder besiedelten Fremde eine leere Siedlung –, gelangten sie in eine Gegend, über die mehrmals der Krieg gegangen war. Doch Urad war – was für ein Glück – keine Wüstenei geworden, und Aurith am Westufer auch nicht, obwohl sich die intakte Dorfstruktur auf polnischer Seite bald ändern sollte: Viele leerstehende Häuser wurden abgerissen: Steine für den Wiederaufbau Warschaus.

Die Siedler beiderseits des Flusses rackerten sich ab, manche kamen zu bescheidenem Wohlstand, andere blieben zeitlebens arm. Jetzt sind sie alt, und die Jungen erzählen andere Geschichten. Vom »goldenen Jahr« 1989, vom Schmuggel, vom Reichwerden, vom Sich-Durchschlagen – Arbeitslosenrate zur Zeit der Recherchen Tina Veihelmanns in Urad und Umgebung: 28 Prozent. Auch diese Geschichten der Jungen – das ist ein Vorzug dieses Buches – wirken alle sehr authentisch. Nicht, dass sich die Befragten in ihren Berichten nicht auch von Interessen leiten ließen, aber sie sind davon überzeugt, dass es die ihren sind. Jedenfalls ist in den Berichten der Dörfler nicht erkennbar, dass sie sich viel um aktuelle Sprachregelungen scheren oder in sie gesetzten Erwartungen folgen würden. Was ja nicht bedeutet, dass nicht auch die Nachkommen der Erstsiedler in die Zeitläufte Geworfene sind, irgendwie; dass nicht in Berlin und Warschau (oder in Frankfurt/Oder und Gorzów) Leute an Schreibtischen säßen, deren Tätigkeit auch die Handlungen oder Unterlassungen der Leute von Aurith und Urad beeinflussten.

Eine Stelle in dem Buch hat mich besonders »beeindruckt«, ich zitiere Veronika Kirchhoff, Aurith: »Früh, zwischen fünf und sechs fahre ich mit meinem Packen Zeitungen los, die verteile ich dann in Aurith und Kunitzer Loose. Im Winter breche ich noch früher auf, weil ich bei Schnee und Eis langsamer vorankomme. So früh auf der Straße sieht man dann diese Leute, die Richtung Ziltendorf laufen. Männer, Frauen, auch kleine Kinder. Manchmal macht mir das Angst. Wenn der BGS sie findet, bringt man sie wieder zurück. Das ist bitter. An einem Morgen saß hier vor unserem Haus eine junge Frau, eine Afghanin, die bibberte vor Kälte. Sie hatte nur so eine Umhängetasche als Gepäck. Es war eine Mutter, die hatte drei Kinder dabei, und der Säugling schrie die ganze Zeit. Die Frau hat mir leid getan. Man ist ja selber Mutter. Aber ich habe trotzdem den BGS angerufen. Weshalb? – Ja, ich mache das immer so. Wir sollen ja den BGS rufen, wenn wir so etwas sehen.«