Durch die Stockholmer Tischrede der Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller wurde eine einzigartige literarische Bewegung aus einem der Randgebiete Europas in die Mitte europäischen Geschehens katapultiert:
»Zum Glück traf ich in der Stadt Freunde, eine Handvoll junger Dichter der Aktionsgruppe Banat. Ohne sie hätte ich keine Bücher gelesen und keine geschrieben. Noch wichtiger ist: Diese Freunde waren lebensnotwendig. Ohne sie hätte ich die Repressalien nicht ausgehalten.«
Herta Müller
Und wenn Herta Müller davon spricht, dass der rumänische Geheimdienst Securitate viele Menschen auf dem Gewissen habe, meint sie u. a. auch einen ihrer Weggefährten: den rumäniendeutschen Dichter Rolf Bossert, der 1952 in Reschitza/Reșița im Banater Bergland geboren war und 1986 in Frankfurt am Main tragisch ums Leben kam. Einer breiten bundesdeutschen Öffentlichkeit ist er durch den Lyrikband Auf den Treppen des Winds, herausgegeben vom rumäniendeutschen Literaturkritiker Gerhardt Csejka, erschienen 2006, zum 20. Todestag des Dichters, im Schöffling Verlag. In einem Artikel über ihren Dichterfreund schrieb Herta Müller in einem Zeitungsbeitrag:
»In Bosserts Gedichten stehen die Bilder erst richtig, wenn sie umgestoßen sind. Er fährt durch die Ordnung der Sprache, bis die Scherben funkeln. In diesem Funkeln sitzen Angst und Lust beisammen.«
Herta Müller, Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bossert war Mitglied der Aktionsgruppe Banat, eines rumäniendeutschen Autorenkreis, der sich im Frühjahr 1972 als literarische Diskussions- und Austauschplattform formierte – mit dem Ziel, dem etablierten politischen und intellektuellen Establishment, das unter der Kuratel der kommunistischen Ideologie und Indoktrinierung stand, etwas entgegenzusetzen.
Der Autorenkreis nahm sich das vor, was dessen Leitfigur Richard Wagner in seinem Gedicht Dialektik wie folgt auf den Punkt brachte:
»wir haben die verhältnisse erkannt / wir haben beschlossen sie zu verändern / wir haben sie verändert«
Rolf Bossert formulierte das Anliegen in seiner unnachahmlichen Art ähnlich pointiert:
»außer:
gewöhnliche umstände
verlangen
außergewöhnliche
maßnahmen«
Ausgehend von Rolf Bossert und der Aktionsgruppe Banat wird der Themenabend de Frage nachgehen, was Widerstand für Literaten in Rumänien, Ungarn und der ehemaligen DDR bedeutete, in welcher Form er sich äußerte, warum er – trotz massiver Drohungen und Repressalien seitens eines diktatorisch verfassten Machtapparats – nicht aufgegeben wurde. Selbst wenn Widerstand äußerlich in Form von Protestaktionen nicht mehr möglich war, wurde er innerlich durchgehalten und führte so zu einer Haltung, die Befreiung und Distanz von einem diktatorischen System erlaubte. Die innere Haltung war das Geheimrezept angesichts eines menschenverachtenden Regimes, selbst wenn das große politische Erdbeben, das man sich von seinen literarischen »Aktionen« oder dem publizistischen Wirken versprach, ausblieb.
Herta Müller, geb. 1953 in Nitzkydorf (Rumänien), Schriftstellerin, Nobelpreisträgerin für Literatur 2009
Ernest Wichner, geb. 1952 in Guttenbrunn/Zăbrani (Rumänien), Publizist und Übersetzer
Dr. Noémi Kiss, geb. 1974 in Gödöllő (Ungarn), Schriftstellerin, Dozentin
Carmen-Francesca Banciu, geb. 1955 in Lipova (Rumänien), Schriftstellerin
Uwe Kolbe, geb. 1957 in Ost-Berlin, Lyriker, Prosaautor und Übersetzer
Moderation: Jan Koneffke, geboren 1960 in Darmstadt, Dichter, Schriftsteller, Übersetzer, Autor der Akzente-Fernsehserie »Mein Bukarest – Rolf Bossert«, die am Ende des Themenabends gezeigt werden soll.
Eine Veranstaltung des
Deutschen Kulturforums östliches Europa in Zusammenarbeit mit der
Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur
Das Kulturforum wird gefördert vom
Bundesministerium des Innern.
| Datum | Di, 17.02.2026 |
| Zeit | 18:00 Uhr |
| Eintritt | Kostenfrei |
| Barrierefrei | Ja |
Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur
Kronenstraße 5, 10117 Berlin, Deutschland
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