Einst vor etwa 200 Jahren lebte in einem deutschen Ort in der Wojwodina ein junger Mann, der tagein tagaus neugierig durch die Gässlein seines Dorfes ging – so, als gelte es, immer wieder etwas Neues zu entdecken. Auf einem seiner Rundgänge sah er eines Tages eine junge Frau in Schwarz. Doch ehe er sich besann, war sie auch schon verschwunden. Dass er sich auf die Suche nach ihr machte, versteht sich von selbst: Liebe auf den ersten Blick gab es auch damals schon. Ihm kam zugute, dass er mit einem Vögelchen befreundet war. Das half ihm, die junge Frau wiederzufinden – und zu gewinnen.
So edel, hilfreich und gut, so kühn und reinen Herzens ein Mensch auch sein mag, er kann in eine Situation geraten, in der er von kleineren oder größeren Listen abhängt. Zugegeben, die Geschichte des jungen Manns ist fiktiv, doch ist der Handlungsort real. Die Wojwodina, eine autonome Provinz in der Republik Serbien, deren Hauptstadt Neusatz/Novi Sad/Újvidék ist, ist die Region, aus der die Jugendlichen stammen, die dieses Märchen im Rahmen einer Erzählwerkstatt im »Deutschen Humanitären Verein St. Gerhard« in Sombor gemeinsam erfanden.
Von meinen drei Reisen in die Wojwodina zwischen 2017 und 2022 brachte ich nicht nur Sagen und Märchen mit, sondern auch reale Geschichten, die ebenfalls davon erzählen, wie Tricksereien das Leben leichter machen können. So erzählte Anton Beck, geboren 1950 in Sombor, den ich als Vorsitzenden des Nationalrates der deutschen Minderheit in Serbien kennengelernt hatte und der langjähriger Vorsitzender des Deutschen Humanitären Vereins St. Gerhard war, dass seine donauschwäbische Familie ihr Überleben einem Winkelzug verdankte: Nach dem Zweiten Weltkrieg gab sie sich als ungarischstämmig aus. Ohne diese Überlebensstrategie wäre sie wahrscheinlich in den Lagern zu Tode gekommen. Noch jahrzehntelang mussten Donauschwaben mit Repressionen rechnen. Anton Beck war glücklich, als er viele Jahrzehnte später endlich die wahre Geschichte seiner Familie erzählen durfte.
Auch die Familie der Filmemacherin Eva Hübsch, geboren 1959 in Neusatz/Novi Sad/Újvidék, leugnete ihre donauschwäbische Herkunft, um der Vertreibung zu entgehen und nach dem Zweiten Weltkrieg in Titos Jugoslawien weiterleben zu können. Der Großvater, ein renommierter Arzt, stellte sich sogar in den Dienst der Partisanen und kämpfte gegen die Deutschen, um die Familie zu retten. Seine Enkelin, die Filmemacherin, entschloss sich viele Jahre später dazu, sein und das Schicksal ihrer Familie in zwei Dokumentarfilmen – Lost in History (2010) und Spiel des Schicksals (2019) – zu verarbeiten. Zudem berichtete sie als Fernsehjournalistin für ungarische wie serbische Fernsehsender über die Einweihung der Gedenkstätte in Jarek/Bački Jarak/Jármos am 6. Mai 2017. Diese erinnert an die Internierung und den Tod Tausender Donauschwaben Ende des Zweiten Weltkriegs. Mit mehr als 1,5 Millionen Menschen waren sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts die größte deutsche Bevölkerungsgruppe in Südosteuropa. Nach den Verheerungen des Krieges war sie zu einer kleinen Gemeinschaft geschrumpft und musste sich einiger Kniffe bedienen, um zu überleben. Heute leben nur noch rund 4 000 Menschen deutscher Herkunft in der Wojwodina.
»Neusatz ist eine weise und geduldig ertragende echte Stadt des europäischen Rands«, schrieb László Végel in einem Essay mit dem Titel In einer aus den Fugen geratenen Welt. Die Stadt an der Donau ist für den Schriftsteller zu seinem Zuhause geworden. Geboren wurde Végel 1941 in Thomasberg/Srbobran/Szenttamás als Serbe ungarischer Nationalität. So, wie er die Beschaffenheit seiner Heimatstadt seinen Lesern erklärt, gelingt es ihm, nicht nur die wechselvolle Geschichte der Stadt in Literatur zu überführen, sondern auch das Leben der »am Rand« lebenden Menschen nachvollziehbar zu machen. Fragt man ihn, ob er bei all den politischen Turbulenzen seinen Lebensabend nicht lieber in Budapest (wegen seiner Beheimatung in der ungarischen Sprache) oder in Berlin (in das er seit der Zeit seines DAAD-Künstlerstipendiums verliebt ist) verbringen möchte, lautet die ultrakurze Antwort: Nein. Wo Végel hingegen weit ausholt, ist die Gründungsgeschichte von Neusatz. Das Thema stimmt ihn sichtlich froh, denn in der lateinischen Urkunde von 1748, in der Maria Theresia den Ort zur »königlichen Freistadt« erhob und ihn »Neoplanta« nannte, ist bereits das wichtigste Erbe der Stadt sowie der gesamten Region festgeschrieben: die Vielfalt. Mit ihrem berühmten »Nominentur Neoplanta« (Nennen wir es fortan Neoplanta) rief die Habsburgerin jede hier beheimatete ethnische Gemeinschaft dazu auf, den lateinischen Ortsnamen in ihre eigene Sprache zu übersetzen. So kommt es, dass der Ort für die Serben Novi Sad, für die Ungarn Újvidék und für die Deutschen Neusatz heißt.
Bis zum Zerfall der Donaumonarchie war das Zusammenleben der verschiedenen Ethnien in dieser Region zumeist friedlich. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs jedoch nahm die Mehrsprachigkeit ein jähes Ende: Die dreisprachigen Orts- und Straßenschilder wurden durch einsprachige ersetzt. Es war die Zeit, in der Végels Großvater väterlicherseits den Entschluss fasste, fortan nicht mehr Johann Wegel zu heißen, sondern Végel János. Als geborener Pragmatiker passte er sich an die neue Lage an. Ungarisch sprach er bereits fließend. Er nahm sich vor, demnächst genauso gut Serbisch zu parlieren. Sein Überleben war dadurch gesichert, jenes seiner Nachfahren ebenfalls. Später wird sein Enkel László oft darüber sinnieren, »welcher meiner Vorfahren als erster ungarische statt deutsche Volksmärchen gehört hat, wann wer angefangen hat, auf Ungarisch zu fluchen, wann sie begannen, ungarisch zu fühlen«.
Wechselvolle Zeiten lassen sich nicht nur an der Geschichte von Schildern ablesen: Sie schlagen sich im Leben der Menschen nieder, wie Rosemarie Bovier, geboren 1947 in Obersuhl und aufgewachsen in einer Barackensiedlung für Flüchtlinge in der Nähe ihres Geburtsortes, zu berichten weiß. Seit der zweiten Hälfte der 1990er Jahre beschäftigt sich die ehemalige Lehrerin mit ihrer donauschwäbischen Herkunft. Auf die Frage, warum ihr denn die Geschichte eines kleinen wojwodinischen Dorfes so wichtig sei, antwortet sie prompt: »Als eine der Letzten, die ihre Erinnerungen noch weitergeben können, sehe ich mich in die Pflicht genommen, ihre Geschichte, die der Donauschwaben, festzuhalten. Migration, das Zusammenleben unterschiedlicher ethnischer Gruppen, der Umgang mit Minderheiten, Probleme der Integration, das Leben in Parallelgesellschaften, Flucht und Vertreibung ist nicht nur ihr alleiniges Schicksal. Sie teilen es mit vielen Menschen bis in die heutige Zeit.«
Ihren fundierten Recherchen verdanken wir die Rekonstruktion einiger Erfahrungsberichte aus der Wojwodina. Ein Bericht aus dem Jahr 1936 lässt sich in etwa so zusammenfassen: Brestowatz/Bački Brestovac/Szilberek feiert den 150. Jahrestag der Ansiedlung von Deutschen unter der Regierung Kaiserin Maria Theresias und Kaiser Josephs II. Auf der »Hutwoad« (Hutweide) steht ein großes Festzelt. Kühe und Schweine müssen zu Hause bleiben. Die Weide gehört den feiernden Dorfbewohnern. Ein Trachtenumzug findet statt. Festredner von nah und fern reisen an. Lobgesänge auf die Historie erklingen. Aber es werden auch »Heil Hitler«-Rufe laut. Die Delegierten aus dem »Reich« nehmen hocherfreut zur Kenntnis, »wie deutsch sie hier in der Fremde geblieben sind«. Für dieses Handeln werden die Dorfbewohner wenige Jahre später zur Rechenschaft gezogen.Im April 1945 ziehen in den frühen Morgenstunden Partisanen durchs Dorf und treiben die deutschen Bewohner aus ihren Häusern auf die »Hutwoad«. Der arbeitsfähige Teil wird in von Partisanen bewachte Sallasche, ein donauschwäbisches Bauernhaus gebracht, der arbeitsunfähige ins Lager Gakowa/Gakovo. Aus Letzterem gelingt Rosemarie Boviers Großmutter mütterlicherseits die Flucht nach Ungarn und danach weiter in Richtung Westen. Dabei halfen ihr keine magischen Tricks, wie man sie aus den Märchen kennt, sondern banale Gegenstände bar jeder Magie: Ohne Fluchthelfer, die es auf Gold und Geld abgesehen hatten, wäre dies nicht möglich gewesen.«
Auch der Großmutter des ZDF-Journalisten Andreas Wunn gelingt es, aus dem Lager Gakowa, fünf Kilometer von der ungarischen Grenze entfernt, im August 1947 mit ihren beiden Kindern und der Mutter zu flüchten. Auch hierbei werden wertvolle Erbstücke gegen ein höheres Gut, das Leben, eingetauscht. Die Geflüchteten überleben – und mit ihnen die Erinnerung. 2017 wird Wunn, geboren 1975 in Neustadt an der Weinstraße, seine Mutter befragen und sich mit ihr auf eine lange Reise ins serbische Banat begeben. Es ist die seit 2015 in die Schlagzeilen geratene »Balkan-Route«, nur in umgekehrter Richtung. Ein Bild von seiner Mutter in einem Sonnenblumenfeld prägt sich ihm besonders ein, da es mit der Geschichte eines magischen Moments vor siebzig Jahren verknüpft ist, die sie ihm erzählt: In einem Sonnenblumenfeld hatte sich die erschöpfte Großmutter mit den Kindern ausgeruht. Ein Spürhund der ungarischen Grenzpolizei nähert sich. Die Großmutter und das Tier schauten sich in die Augen. Aber der Hund gab keinen Laut von sich, kein Bellen. Familienchronist Wunn resümiert in seinem Buch Mutters Flucht: »Niemand entdeckte meine Familie. Sie konnte ihre Flucht fortsetzen. Richtung Deutschland, wo alles besser war, wo sie in Sicherheit sein würden. (…) Dies war ihre einzige Hoffnung.« Ganz ohne Magie kommt eben auch die Realität nicht aus.
Dass die Menschen in der Wojwodina weiterhin offen über ihre Vergangenheit sprechen, dass sie Bücher schreiben, Filme drehen, Märchen und Sagen erfinden, Erfahrungsberichte austauschen, bleibt zu hoffen – und es bleibt zu wünschen, dass alles ein so gutes Ende nimmt wie in der Geschichte vom Künstlerzwerg aus Neusatz, die 2022 bei einer weiteren Erzählwerkstatt am dortigen Germanistik-Lehrstuhl entstanden ist: Ende des 20. Jahrhunderts lebte in einem Atomkeller im Viertel Liman 3 in Neusatz ein Zwerg, fabulierten die jungen Studierenden. Weit und breit konnte niemand so gut singen und tanzen wie er. Mit seinem Liebeslied Zlato Moje (Mein Schatz) wollte er beim Eurovision Song Contest in Rom als Bester abschneiden. Aber das Schicksal stellte ihm Hürden in den Weg, Unwägbarkeiten, scheinbar unüberwindbar. Ohne seine Sieben-Meilen-Stiefel wäre er niemals aus der Stadt an der Donau in jene am Tiber gelangt. Und doch schaffte er mit List und Tapferkeit die Reise. Und schließlich gewann der sogar den Gesangswettbewerb und machte durch sein Lied die Wojwodina berühmt. Und wenn er nicht gestorben ist, dann lebt er noch immer in seiner Heimatstadt als glücklicher Künstler. Reist hin und schaut nach! Die Studierenden, die seit Monaten für eine bessere Zukunft in ihrer Heimat demonstrieren und die Hoffnung nicht verlieren, brauchen Unterstützung!