Thomas Schulz
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Deutsche Kultur und Geschichte haben auch für die ehemals deutsch-polnisch-jüdisch-russische Stadt Lodz eine große Bedeutung. Das Zentrum der Textilindustrie im Königreich Polen, dem 1815 geschaffenen „Kongresspolen“, wurde als das „Manchester des Ostens“ bezeichnet. Die Lodzer Textilindustrie, die den russischen Markt versorgte, entwickelte sich unter maßgeblicher Beteiligung deutscher Handwerker und Techniker (vor allem bis 1863) im Laufe des 19. Jahrhunderts mit großer Dynamik. 1825 hatte die Stadt etwa 800 Einwohner, 1900 31500 (davon 38 Prozent Deutsche), 1939 672000, darunter 30 Prozent Juden und 8 Prozent Deutsche. Ähnliches gilt für die Industriestädte des Lodzer Raums, dessen Entwicklung allerdings atypisch für Polen war. 1939 wurde die polnische Bevölkerung großenteils in das Generalgouvernement „umgesiedelt“, die jüdische Bevölkerung in die deutschen Vernichtungslager verbracht. 1945 fand die deutsche Geschichte in Lodz mit der Aussiedlung der verbliebenen deutschen Bevölkerung ihr Ende. Die multinationale Geschichte der Stadt wurde in den letzten Jahren als Vorbild für Interkulturalität entdeckt.

Über die Verdienste der Deutschen für die Entwicklung der Stadt, hauptsächlich aber ihrer Industrie sind viele Bücher und Aufsätze geschrieben worden. Deutsche Autoren stellen die Geschichte der Stadt vor allem als Geschichte des deutschen Bevölkerungsteils dar. Andere Nationalitäten tauchen lediglich am Rande auf. Für polnische Autoren dagegen war der Anteil der Deutschen an der Entwicklung viele Jahre entweder ein Tabuthema oder man versuchte ihn zu relativieren. Erst nach der politischen Wende in Polen begann man allmählich über die deutschen Wurzeln der Stadt, über ihre multiethnische und multikulturelle Vergangenheit zu sprechen.

Das zweisprachige Buch Pod jednym dachem – Unter einem Dach ist Ergebnis der Gemeinschaftsarbeit der Germanistik-, Ethnologie- und Kulturwissenschaftsstudenten, die unter der Leitung von Krystyna Radziszewska und Krzysztof Woźniak durchgeführt wurde. Die Studie setzt sich zum Ziel, einerseits die Aktivitäten und Verdienste der Lodzer Deutschen, Polen und Juden auf verschiedenen Gebieten, anderseits die Beziehungen zwischen den Deutschen und Polen vor dem gesamtgesellschaftlichen Hintergrund der multiethnischen Stadt zu dokumentieren.

Die 21 Autoren des Bandes Polen, Deutsche und Juden in Lodz 1820 - 1939. Eine schwierige Nachbarschaft. haben sich zum Ziel gesetzt, die spezifische multiethnische Lodzer Gesellschaft in ihren unterschiedlichen Aspekten in politischer, wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht auszuloten. Dabei behalten sie die Entwicklung der Stadt von ihren Anfängen als Industriezentrum zu Beginn des 19. Jahrhunderts bis zum Untergang des multiethnischen Lodz im Jahre 1939 im Blick.

Die Beiträge zu diesem Sammelband spiegeln nicht nur den aktuellen Forschungsstand zu Fragen der multiethnischen Stadtgeschichte von Lodz wider, sondern geben auch allen, die sich mit der Stadt und ihrer Geschichte verbunden fühlen, interessante und fundierte Einblicke.

Beide Publikation tragen dazu bei, das Phänomen der gut funktionierenden, fruchtbaren, wenn auch nicht konfliktfreien multiethnischen Gesellschaft in der Industriemetropole Lodz zu verstehen und sind ein wichtiger Schritt zur Annäherung und zum gegenseitigen Verständnis zwischen Deutschen und Polen, die sich auf eine gemeinsame Vergangenheit berufen können.

 

  • Radziszewska, Krystyna; Woźniak, Krzysztof (Hg. u. Red.): Unter einem Dach. Die Deutschen und ihre polnischen und jüdischen Nachbarn in Lodz im 19. und 20. Jahrhundert. – Pod jednym dachem. Niemcy oraz ich polscy i żydowscy sąsiedzi w Łodzi w XIX i XX wieku. Łódź: Literatura, 2000
  • Hensel, Jürgen: Polen, Deutsche und Juden in Lodz 1820-1939. Eine schwierige Nachbarschaft. Osnabrück: Fibre, 1999
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    Polen, Deutsche und Juden in Lodz 1820-1939. Eine schwierige Nachbarschaft
    Weitere Informationen auf der Website des Fibre-Verlags