Bis ins frühe 20. Jahrhundert traf sich in den westböhmischen Bädern die internationale Hautevolee zum Sehen und Gesehenwerden. Zwei Weltkriege, Flucht und Vertreibung und der Kommunismus haben Spuren hinterlassen. Heute aber erstrahlen die traditionsreichen Kurbäder Karlsbad/Karlovy Vary, Marienbad/Mariánské Lázně und Franzensbad/Františkovy Lázně in neuer Pracht. Höchste Zeit, dort wieder einmal vorbeizuschauen. Von Gabriele Tröger
Juli/August 2021 – Kulturkorrespondenz östliches Europa № 1424
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Die einstige Kaiserstraße in Franzenbad ist tagsüber eine vielfrequentierte Fußgängerzone, abends ist es dagegen ruhig. © Michael Bussmann

»Weimar, Karlsbad und Rom sind die einzigen Orte, wo ich leben möchte«,

schrieb Johann Wolfgang von Goethe Anfang des 19. Jahrhunderts an Wilhelm von Humboldt. Mehrmals reiste der Dichter ins böhmische Bäderdreieck, allein 13 Mal nach Karlsbad. Rechnet man all seine Aufenthalte zusammen, verweilte Goethe rund drei Jahre in Westböhmen. Warum? Karlsbad war zu Goethes Zeiten en vogue.

Noch bis ins 20. Jahrhundert zog es Dichter und Denker, Kaiser und Könige, Reiche und Schöne in das mondäne Kurbad am Fuße des Erzgebirges. Und auch das nahe Marienbad und Franzensbad waren überaus populär. Doch mit dem Zweiten Weltkrieg und der Flucht und Vertreibung der Bevölkerung des vornehmlich deutsch besiedelten Westböhmen änderte sich das Bild. Menschen ohne Bezug zur Region wurden neu angesiedelt. Vieles verfiel. Das Grau des Sozialismus legte sich über die Giebeldreiecke und Pilaster der einst so stolzen Bäder. Fortan kurte die Arbeiterschaft in den drei mondänen Städten und ihren Bädern. Erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs begannen die ausgebluteten Bäder nahe der deutsch-tschechischen Grenze wieder aufzublühen. Der alte Glanz kommt zurück, teilweise ist er schon längst wieder da. Ganz besonders in Karlsbad.

Die Flaneure halten sich gerne an einer Schnabeltasse fest, wenn sie durchs Karlsbader Kurzentrum mit seinen historischen Wandelhallen, Badehäusern und opulenten Zuckerbäckerbauten spazieren. Mit einer praktischen Schnabeltasse nämlich kann man die unterschiedlichen wohltemperierten Heilwässerchen kosten, ohne beim Gehen etwas zu verschütten. Achtzig verschiedene soll es geben.

Die prächtigsten Straßen sind die Alte Wiese/Stará Louka und die Neue Wiese/Nová Louka, mit Juwelieren und Boutiquen von Escada & Co. Das Stadttheater, in dem schon Gustav Mahler dirigierte, und das legendäre Grandhotel Pupp sind dort ebenfalls zu finden. Das Pupp verströmt noch immer so viel Belle Époque, dass man fast die Röcke rascheln hört. Ende des 19. Jahrhunderts zählte es zu den nobelsten Herbergen der Welt. Heute treffen sich dort alljährlich im Juli während der internationalen Filmfestspiele die Schönen und Reichen.

Auch den Rest des Jahres ist die Gästeschar relativ bunt: Man sieht arabische Familien und asiatische Europa-Tourer. Man hört Sprachen aus aller Welt, vorrangig aber Deutsch, Tschechisch und auch Russisch. Blickt man in die Übernachtungsstatistik der Karlsbader Region, zu der auch Marienbad und Franzensbad gehören, so täuscht dieser Eindruck nicht.

Mit über 1,8 Millionen Übernachtungen führten 2019 – und damit vor der Corona-Pandemie – die Deutschen die Statistik der ausländischen Gäste an, gefolgt von russischen Gästen mit etwa 750 000 Übernachtungen. Aus Russland kommt aber nicht nur viel Besuch nach Karlsbad, sondern auch viel Geld. Als »neue Herren von Karlsbad« wurden die russischen Investoren schon bezeichnet. Kyrillische Schriftzeichen sind in der Stadt allgegenwärtig. Die Russen kamen schon immer gern. »Wimmelt hier von Russen«, notierte Karl Marx 1876. Einer davon war der Schriftsteller Iwan Turgenjew, der fand: »Das Leben in einem Kurort ist ja so albern eingerichtet, dass man den ganzen Tag nichts tut – aber nie Zeit hat.«

Marienbad und ein Blick über die Grenze

Das viel kleinere Marienbad, rund fünfzig Kilometer entfernt, ist der Kurort mit dem eindrucksvollsten Setting. Das sah Franz Kafka genauso. »Karlsbad ist recht angenehm, aber Marienbad ist unbegreiflich schön«, schrieb er im Mai 1916 an seine Verlobte Felice Bauer. Das 13 000-Einwohner-Städtchen kann sich wahrlich sehen lassen. Die Quellenlandschaft mit ihren klassizistischen Brunnentempeln und der Kolonnade ist bildhübsch in das Zentrum mit seinen pastellfarbenen Stuckpalästen integriert. Drum herum lachen grüne Hügel.

Seinen Zenit erlebte Marienbad im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Auf den Promenaden der Stadt ging es zuweilen zu wie auf dem Berliner Ku’damm. Proppenvoll waren die Gehwege. Mit Schildern wie »Rechts gehen« versuchte man die Massen zu koordinieren. Dokumentiert wird diese Epoche Marienbads hinter der Grenze besser als vor Ort, nämlich im Egerlandmuseum des oberfränkischen Städtchens Marktredwitz. Im gleichen Gebäude hat die Euregio Egrensis ihren Sitz, eine von mehreren Dutzend Europaregionen. Sie wurde nach dem Fall des Eisernen Vorhangs mit dem Ziel gegründet, Völkerverständigung, Toleranz und Aussöhnung im Grenzraum zwischen Bayern, Böhmen, Sachsen und Thüringen zu fördern. Während das Egerlandmuseum die Region also historisch betrachtet, richten sich die Aufgaben der Euregio Egrensis auf Gegenwart und Zukunft. »Und das ist eine interessante Mischung«, sagt Euregio-Geschäftsführer Harald Ehm.

Das Stadtmuseum von Marienbad hat hingegen Johann Wolfgang von Goethe im Visier. Kein Wunder, schließlich residierte der Dichter 1823 genau in diesem Gebäude. Damals beherbergte das stattliche Anwesen das Hotel »Zur Goldenen Traube«. Das Inventar aus jener Zeit ist zum Teil noch erhalten. Im Anschluss an den Aufenthalt entstand die Marienbader Elegie, in der der 74-jährige seine unerfüllte Liebe zur 19-jährigen Ulrike von Levetzow verarbeitete. Auch der Platz vor dem Museum ist nach Goethe benannt, eine Skulptur des Dichters findet sich in dessen Mitte. Würdevoll sitzt er da und blickt hinab aufs heute deutlich ruhigere Kur-Zentrum. Das hiesige Publikum ist weniger international als in Karlsbad. Auf den Restaurantterrassen treffen sich deutsche und tschechische Kurgäste mit ihren Schatten. Tagesausflügler aus der Oberpfalz bestellen Bier und Lendenbraten. Und auf Parkbänken werden tellergroße Oblaten weggeknabbert.

Frauenkurort Franzensbad

Noch eine Spur gemächlicher geht es in der kleinsten Kurstadt des Dreiecks in Franzensbad zu. Weitläufige Parkanlagen mit Empirepavillons, Kolonnaden und Bäumen voll tollender Eichhörnchen erstrecken sich um das quadratisch angelegte Kurzentrum im Schönbrunner Gelb. Eines, das fast wirkt wie eine Operettenkulisse. Am unteren Ende der heute Národní třída und früher Kaiserstraße genannten Fußgängerzone begegnet man dem Franzensbader Franzel, einer Jungenskulptur, die auf einer Kugel sitzt und einen Fisch in den Händen hält. Wer das »Brunnenbuberl«, wie die Egerländer die Statue nannten, anfasst, hat beste Chancen, schwanger zu werden – so der Volksglaube.

Kinderwunsch war einst einer der vorherrschenden Gründe, in Franzensbad zu kuren. Der Ort galt als Damenbad. Auf Postkarten aus dem frühen 20. Jahrhundert sieht man den Kurpark voller Frauen mit ausladenden Hüten und hellen Kleidern. Solche Karten schmücken auch den Literarischen Reiseführer Böhmisches Länderdreieck von Roswitha Schieb, herausgegeben vom Deutschen Kulturforum östliches Europa.

Die Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach kurte in Franzensbad, auch wenn ihr das Brunnenbuberl nicht half und sie keine Kinder bekam. In ihrem 1858 erschienenen Briefroman Aus Franzensbad berichtet sie im satirischen Ton vom Kurleben und vom Kursaal, in dem man »die ganze Woche hindurch Rindfleisch und Meerrettig speist«. Heute behandelt man in Franzensbad neben Frauenleiden auch Rheuma und Verdauungsstörungen. Letztere mit dem Wasser der Glaubersalzquellen.

In den Bädern sprach man Deutsch. Daran änderte sich auch mit der Gründung der Ersten Republik 1918 wenig, als Westböhmen Teil der Tschechoslowakei wurde. Kaum ein Kellner sprach Tschechisch. Das Gefühl der Fremdheit im eigenen Land beschrieb Karel Čapek, der 1932/33 vor Ort weilte, so: »Wir sind hier in Böhmen, und doch wie von allem Böhmischen Hunderte von Meilen entfernt.«

Bald darauf wurden die Karten des Egerlands neu gemischt: Deutsche Truppen marschierten hindurch und in den Kurorten machten sich die Gattinnen der NS-Bonzen ein schönes Leben. Als die verwundeten Soldaten von den Fronten kamen, verwandelten sich die Nobelherbergen des Bäderdreiecks in Lazarette. Krieg, Vertreibung, Neubesiedlung, Kommunismus und die Ablehnung alles Deutschen hinterließen tiefe Spuren im Egerland. Doch nachdem der Eiserne Vorhang verschwunden war, begann man mit grenzüberschreitenden Initiativen wie der Euregio Egrensis, alte Mauern in den Köpfen einzureißen. »Die Kontakte waren anfangs noch nicht ganz spannungsfrei«, sagt Euregio-Geschäftsführer Harald Ehm. Heute aber sei die grenzüberschreitende Zusammenarbeit etwas Alltägliches. Dann versetzte allerdings die Corona-Pandemie dem Bädertourismus einen herben Schlag, von dem er sich nun aktiv zu erholen versucht.

Neben Kultur setzt man vermehrt auf niveauvolle Wellnessangebote, den Beauty-Tourismus und Sport, insbesondere Golf. Und in so manchem Karlsbader Restaurant lässt sich bereits tafeln wie Gott in Böhmen. Aber zum Glück noch nicht zu Preisen wie in Paris.