»Mit dem Lesen fing das Leben an.« – Für das Mädchen, das mit seiner Familie innerhalb Siebenbürgens aus Armenierstadt (rum. Gherla, ung. Szamosújvár) nach Säschisch-Regen (auch Säschisch-Reen, rum. Reghin, ung. Szászrégen), dem Heimatort ihrer Mutter, übersiedelt, ist es kein Leichtes, Fuß zu fassen. Auf das ungarische Kindermädchen Klári, ihre wichtigste Bezugsperson, muss sie verzichten, auch auf ihren kleinen Freund Miki mit dem blauen Dreirad. In der neuen Umgebung herrscht ein strenges Regiment. Minitante hat das Sagen – und wenn die Kinder es wagen, Ungarisch zu sprechen, befiehlt Minitante energisch: »Bellt nicht – redet!« Denn im Haus des verwitweten Großvaters mütterlicherseits wird Hochdeutsch gesprochen. Der einstige Besitzer eines Juwelier- und Uhrladens hat in der kommunistischen Ära sein Eigentum verloren. Nach seiner Rückkehr aus der Sowjetunion, wohin er 1945 zusammen mit seiner Tochter, Mutter des Mädchens, zur Zwangsarbeit verschleppt worden war, gelingt es ihm, in seinem Haus eine kleine Uhrmacherwerkstatt weiter zu betreiben. Hier hält sich das Mädchen, das junge Alter-Ego der Autorin, am liebsten auf und entdeckt die Welt der Bücher für sich. Insbesondere Dumas‘ Roman »Der Graf von Monte Christo« wird sie auf ihrem Weg begleiten
Pünktlich zur Einschulung landet die Familie in Sächsisch-Regen, so dass das Mädchen die deutsche Schule besuchen kann. Zur Familie gehören die Mutter, eine Siebenbürger Sächsin, die einst von ihrem Vater das Uhrmacherhandwerk erlernt hatte, sowie der aus einem ungarischen Dorf »im siebenbürgischen Nirgendwo«, aus Torboszló (rum. Torba) stammende Vater, der als ungarischer Pastor einer Adventgemeinde vom rumänischen Geheimdienst observiert, abgehört und schikaniert wird, sowie die zwei älteren Geschwister des Mädchens. Später wird ein weiteres Geschwisterchen dazukommen. Das Mädchen hat auch einen Namen, doch der taucht nur dann auf, wenn Vater oder Mutter es ansprechen – der Vater nennt es Csibe (ung. »Küken«), die ehrgeizige und fromme Mutter bevorzugt »Christine«, damit – nomen est omen – aus ihr eine gute Christin werden möge.
Auf Wunsch der Mutter muss das Mädchen an einigen Nachmittagen auch in die Musikschule gehen, doch wird dies Unterfangen mehr und mehr zur Tortur. Im Unterschied zur älteren Schwester kann das Mädchen dem Klavierspiel mit einer alten Klavierlehrerin, die bei Misstönen die ungeübten Fingerchen mit dem Lineal bearbeitet und die immer wieder zwischendurch wegdöst, nichts abgewinnen. Nach drei Jahren fasst es seinen ganzen Mut zusammen und offenbart der Mutter ihren Unmut. Das Kapitel Musikschule ist beendet – und die Ich-Erzählerin konstatiert: »Ich betrat neue Wege, tat meine ersten Schritte in Richtung Freiheit. Doch damit fingen die Probleme erst richtig an.« Die Zukunft ist ein unbeschriebenes Blatt, das darauf wartet, mit Geschehnissen gefüllt zu werden. Nicht nur das Mädchen ist auf dem Weg, seine Vorlieben und Begabungen zu entdecken, auch ihre Eltern blicken – anlässlich eines Termins beim Stadtfotografen – »hoffnungsfroh in die Kamera. Besser: in die Zukunft.« Kurz danach stellt die Familie einen Ausreiseantrag nach Deutschland. Das wird zwar nicht glücken, doch über einen anderen Plan – über ein Besuchervisum für Österreich – gelingt 1974 die Flucht des Vaters und des älteren Bruders in die Bundesrepublik. Bei Passau laufen Vater und Sohn »mit zwei Koffern, zu Fuß durch den Wald« über die grüne Grenze, während der Rest der Familie im Zuge der Familienzusammenführung 1976 in die Bundesrepublik ausreisen darf. Wie beim ersten Umzug aus der Kindheit steht das Mädchen auch diesmal »auf der Schwelle in ein neues Leben«. Es ist ein »berauschendes Gefühl«, doch wird es erfahren, dass auch diesem Schritt eine Art Einschulung folgt – eine Einübung in ein neues Leben: »So manches ist hier anders. Die Freundlichkeiten. Überall trifft man auf lächelnde Menschen – auf hilfsbereite. Und dennoch hält ein Lächeln nicht immer, was es verspricht. Andere Erwartungen, portionierte Höflichkeiten. Keine Besuche ohne Absprachen. Einladungen werden ausgesprochen und im Terminkalender festgehalten. Anders, als bei uns.« Vieles verändert sich. Und es heißt wieder: Fuß fassen – auch wenn unter einem anderen Vorzeichen. Doch wird ihr das große Experiment des Ankommens gelingen. Die Rache des Karpfens, den sie einst am Küchentisch bezwingen wollte, bleibt aus.
In Christine Birós Erinnerungsbuch kommen zwei »Lifelines« zum Tragen: In der einen Lebenslinie berichtet eine erwachsene Ich-Erzählerin nüchtern und sachlich wie eine Kommentatorin über das, was sie als Mädchen erlebt hat und nimmt sich dabei oft wie eine Zeithistorikerin aus. In der anderen Lifeline versetzt sie sich mit Haut und Haaren in die Erlebniswelt des Mädchens und erzählt in der dritten Person von Begebenheiten, die das Kind und die Jugendliche geprägt haben. In Letzterer zeichnet die Autorin eine Kindheit in Siebenbürgen mit all ihren Nöten und Qualen, Träumen und Hoffnungen aus der Perspektive eines Mädchens, das die Welt um sich herum ganz genau beobachtet. In Ersterer wird die Emotionalität zurückgefahren und es setzt sich die Berichterstattung durch. Beides fließt allerdings ineinander über und ergibt ein harmonisches Ganzes, obwohl die beiden Erzählstränge in der Tonalität, dem Duktus und dem grafischen Erscheinungsbild kontrastieren. Es stört beim Lesen nicht, wenn die Ich-Erzählerin wie eine Berichterstatterin über die »Geheimsache Kanal« – so der Deckname, unter dem der Freikauf der Rumäniendeutschen durch die Bundesrepublik verhandelt wurde – informiert, um dann wenige Zeilen danach erneut in den Kosmos des Mädchens abzutauchen und das auf die Zukunft gerichtete Sehnen des Kindes in einer ergreifenden lyrischen Sprache zu schildern: »Wenn ich groß bin …, nimmt sie sich vor, und verstaut alle ihre Wünsche und Sehnsüchte in einem großen, unsichtbaren Koffer, der vorerst verschlossen bleibt. Den sie noch lange mit sich herumschleppen wird, solange zumindest, bis sie als Pfarrerstochter zuhause wohnt. Denn noch ruhen aller Augen auf ihr.«
Wie die Welt aller Kinder ist auch die Welt der allmählich heranwachsenden Pfarrerstochter voller Magie. Doch magisch, weil unverständlich, entpuppt sich auch die Welt der erwachsenen Ich-Erzählerin, erprobt im bitteren Realismus des sozialistischen Alltags. In düsteren Zeiten, in denen Menschen als Regimegegner verdächtigt und aus willkürlichen Gründen von den Behörden drangsaliert werden, empfiehlt es sich auch für Erwachsene, viel Phantasie walten zu lassen, denn es gilt: zu überleben, Schlupflöcher und Auswege zu finden.
In ihrem autobiografischen Debüt erzählt Christine Biró nicht nur über eine in Siebenbürgen verbrachte Kindheit. Sie zeigt auch die Historie eines östlich gelegenen multiethnischen Gefildes wie unter einem Brennglas und deckt als Journalistin Zusammenhänge auf, die für viele Bundesdeutsche unbekannt sind. Eine Erzählung, die dazu beiträgt, Menschen aus den entfernten Regionen Europas besser zu verstehen. Es sind Menschen, die sich die existenziell wichtige Frage stellen: »Zuhause. Wo ist das?«
Christine Biró: Die Rache des Karpfens. Eine Kindheit in Siebenbürgen
Athena-Verlag, Oberhausen 2024, 196 S.
ISBN 978-3-7455-1184-0