Zwischen Breslau und Bessarabien, zwischen Vergangenheit und Zukunft – die Arbeit von Harald Roth und Tanja Krombach ist so vielfältig wie die Regionen, mit denen sich das Deutsche Kulturforum östliches Europa seit 25 Jahren beschäftigt. Roth ist Historiker mit einem Fokus auf Südosteuropa und die habsburgischen Länder. Nach seinem Studium in München, Freiburg/Br., Heidelberg und Seattle/Wa. folgte 1994 die Promotion. Er war u.a. Leiter des Siebenbürgen-Instituts an der Universität Heidelberg in Gundelsheim/Neckar und hatte bis 2008 Lehraufträge in Heidelberg und Regensburg. Seit 2008 arbeitet er für das Kulturforum, zunächst als Referent für Geschichte und Südosteuropa, seit 2013 als Direktor. Vertreten wird er von Tanja Krombach, die nahezu seit Anbeginn die Arbeit des Kulturforums mitgestaltet. Sie studierte Slawistik, Germanistik sowie Betriebswirtschaftslehre in Berlin und sammelte mehrere Jahre lang Erfahrungen in der Buchbranche, unter anderem im Vitalis Verlag in Prag. Sie hat den Verlagsbereich des Kulturforums wesentlich mit aufgebaut und ist zudem für den Länderbereich Tschechien und Slowakei zuständig. Im Interview mit KK-Redakteur Markus Nowak erzählen sie von Erfolgen, Herausforderungen und ihren Wünschen für die Zukunft des Kulturforums.
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Harald Roth (l.) und Tanja Krombach (r.) vor dem Interview. © Markus Nowak

Herr Roth, können Sie sich erinnern, was in Ihrem Motivationsschreiben stand, als Sie sich 2008 beim Kulturforum beworben haben?

HR: Ich fand es vor allem reizvoll, beruflich eine große Zahl an Ländern und Regionen in den Blick nehmen zu können, ohne durch thematische oder zeitliche Barrieren eingeschränkt zu sein. Diese Freiheit ermöglicht es, vielfältige Perspektiven einzubringen und unterschiedliche Themen miteinander zu verknüpfen. Besonders wichtig war mir dabei, für ein breites Publikum arbeiten zu können und nicht ausschließlich für kleine wissenschaftliche Zirkel, deren Reichweite oft begrenzt bleibt. Gerade dieser breite Austausch und die Chance, Menschen unterschiedlichster Hintergründe zu erreichen, machen auch heute den besonderen Reiz der Arbeit aus.

Und Sie, Frau Krombach? Sie arbeiten bereits seit 2002 im Kulturforum.

TK: In der Stellenanzeige stand, dass Mitarbeitende für eine Publikationsabteilung in einer neuen Institution gesucht werden und dass diese ostmitteleuropäischen Sprachen beherrschen und Erfahrung im Verlagsbereich mitbringen sollten. Das hat mich sofort angesprochen, weil es zu meinem Studium und meinem beruflichen Werdegang passte. Die Abteilung und die Stelle wurden ja gerade erst aufgebaut, und es ging darum, zu überlegen, wie man das Thema der deutschen Kulturgeschichte im östlichen Europa so aufbereitet, dass es ein breites Publikum erreicht.

Es wurde eine Verlagsabteilung gegründet, die Sie leiten …

TK: Und inzwischen haben wir genau 209 Publikationen veröffentlicht, CDs – deren Produktion mein zur gleichen Zeit wie ich in das Kulturforum eingetretene Kollege Klaus Harer betreut – nicht eingeschlossen. Etabliert haben sich drei Buchreihen: Literarische Reiseführer durch Städte wie Breslau/Wrocław, Danzig/Gdańsk oder Pressburg/Bratislava oder durch Regionen wie Galizien oder Oberschlesien. Zudem Kulturreiseführer, die Baudenkmäler in ostmitteleuropäischen Regionen erschließen, zum Beispiel Kirchenburgen in Siebenbürgen. Ein Besteller dieser Reihe ist Das schlesische Elysium. Burgen, Schlösser, Herrenhäuser und Parks im Hirschberger Tal. Gut läuft auch unsere Reihe über deutschsprachige Gruppen in bestimmten Regionen im östlichen Europa. Es sind reich bebilderte, gut zu lesende Sachbücher auf wissenschaftlicher Grundlage. Etwa über die Donauschwaben oder über Dobrudschadeutsche. Unsere Bücher sind das Nachhaltigste, was das Kulturforum verwirklicht. Sie werden von den Menschen immer wieder gelesen, stehen in privaten und öffentlichen Bibliotheken und bleiben so auch langfristig verfügbar.

HR: Unsere Aufgabe geht jedoch weit über die Publikationen hinaus. Bücher sind zwar nur ein Teil unserer Arbeit, aber sie spiegeln unsere Grundidee wider: die faszinierende gemeinsame europäische Geschichte sichtbar zu machen und dabei insbesondere die deutschen Anteile zu beleuchten. Dabei ist es uns wichtig, nicht stehenzubleiben. Wir arbeiten mit einer breiten Palette von Medien und Formaten, um die Themen immer wieder neu aufzubereiten und auf gesellschaftliche Entwicklungen zu reagieren.

Ein Jubiläum bietet die Gelegenheit, zurückzuschauen: Wie hat sich in den vergangenen 25 Jahren der Blick auf deutsche Kultur und Geschichte im östlichen Europa gewandelt?

TK: Gerade in unseren Nachbarländern wie Polen und Tschechien beobachten wir seit längerem, dass junge Menschen sich zunehmend für die deutsche Kulturgeschichte interessieren. Sie produzieren dazu etwa YouTube-Filme oder Graphic Novels. Es gibt viele Aktionen, bei denen zum Beispiel deutsche Friedhöfe freigelegt oder alte deutsche Orte wiederentdeckt werden, und das wird dann auf aktuelle Art und Weise vermittelt. Die Menschen im östlichen Europa sehen das deutsche Erbe als Teil der Geschichte ihrer Heimat. Das Thema ist dort sehr populär. Viele in Deutschland wissen das noch nicht.

HR: Die EU-Osterweiterungen ab 2004 haben hier auch eine gewisse Rolle gespielt. Einerseits wurden uns dadurch im Kulturforum und in der Zusammenarbeit mit Partnern administrative Abläufe erleichtert. Vor allem aber ist das gewachsene Bewusstsein beiderseits der Grenzen, einem gemeinsamen Größeren, einem geeinten Europa anzugehören, nicht zu unterschätzen.

In welcher Rolle sehen Sie das Kulturforum bei der Aufgabe, das deutsche Kulturerbe im östlichen Europa sichtbarer zu machen?

HR: Ein kleines Team von 16 Personen, so engagiert es auch sein mag, wird kaum in der Lage sein, flächendeckend einen großen Einfluss zu entfalten – weder in solch kleinen Ländern wie Estland oder Slowenien noch in Deutschland oder im gesamten östlichen Europa. Dennoch zeigt sich, dass unser Wirken Resonanz hat, wenn sie auch von Land zu Land variiert. Besonders deutlich wird dies in Rumänien, wo eine äußerst lebendige deutsche Kulturszene die Wahrnehmung spürbar stärkt. Eine genaue Messung solcher Wirkungen ist schwer. Dennoch steht außer Frage, dass wir an einzelnen Orten, in Institutionen, bei Gruppen oder auch bei einzelnen Persönlichkeiten Themen setzen, die ohne uns nicht vorkommen oder vergessen werden würden.

TK: Eine Bedeutung des Kulturforums zeigt sich unter anderem in der langfristigen Wirkung seiner Projekte. Beispielhaft steht hier etwa unsere zweisprachige Wanderausstellung zur Reformation in den böhmischen Ländern, die seit 2017 kontinuierlich in Tschechien unterwegs ist. Wir haben drei Versionen davon angefertigt und alle drei werden bis heute immer wieder in Schulen, Bibliotheken und Kirchen gezeigt. Die Schau präsentiert einen Teil der Landesgeschichte, das erklärt ihre hohe Popularität.

HR: Die Wahrnehmung deutscher Kultur und Geschichte im östlichen Europa befindet sich in einem stetigen Wandel – und das wird auch in Zukunft so bleiben. Daher ist es für uns unerlässlich, uns immer wieder neu mit diesen Themen zu positionieren und sie zu hinterfragen. Wir müssen uns dem Rezeptionswandel stellen. Für manche mag das eine Herausforderung sein, für andere längst überfällig.

Aber wie bleibt man 2025 und darüber hinaus relevant?

HR: Wir versuchen gemeinsame Themen aufzugreifen, die die Menschen interessieren, oder solche, die wir für gesellschaftlich und kulturgeschichtlich wichtig halten und mit denen wir Menschen interessieren können. Auch mit unseren Medien, in Büchern, CDs oder nun auch mit Podcasts sowie in unseren YouTube-, Facebook- oder Instagram-Auftritten. Wir wollen Menschen in Deutschland und in den Regionen des östlichen Europa miteinander in Verbindung bringen.

TK: Wir werden sicherlich beobachten müssen, welche Kanäle von jungen Menschen genutzt werden. Zurzeit erreichen wir die Babyboomer, die Gen X und teilweise auch die Millennials sehr gut. Aber eine neue Generation wächst heran und gerade in den Städten ist diese oft migrantisch oder postmigrantisch geprägt. Das merke ich bei Schulklassen sehr oft und lerne selbst noch von den jungen Menschen dazu.

Eines Ihrer Bildungsangebote sind Workshops in Schulen …

TK: Ja, genau. Wir haben beispielsweise einmal eine Stadtrallye zum Thema schlesische Spuren in Berlin gemacht. Eine der Klassen bestand größtenteils aus Jugendlichen mit migrantischem und muslimischem Hintergrund. Da habe ich einen Vergleich gezogen: »Als die Katholiken im 19. Jahrhundert aus Schlesien nach Berlin kamen, gab es für sie keine Kirchen und teilweise mussten sie in den Hinterhöfen ihre Gottesdienste abhalten. Das ist etwas, was eure eingewanderten Großeltern oder Eltern zum Teil mit Moscheen hier in Deutschland erlebt haben.« Da wurden sie hellhörig. Man muss Vergleichspunkte finden. Deutschland war keine statische Gesellschaft, sondern von Migration geprägt. Ab den 1950er Jahren durch die sogenannten Gastarbeiter, aber zuvor sind Deutsche oftmals ins östliche Europa ausgewandert und von da aus teilweise nach Übersee. So kamen böhmische Winzer nach Australien oder Bessarabiendeutsche nach Kanada und in die USA.

Das Kulturforum wurde auch mit dem Gedanken gegründet, einen nachhaltigen Beitrag zur Stärkung europäischer Identität zu leisten. Wie gelingt Ihnen das?

HR: Indem wir immer wieder ins Bewusstsein rufen, wie eng Kultur, Geschichte und Gegenwart der europäischen Länder und Völker zusammenhängen – und wie wirkmächtig dieser Zusammenhang bis in die Gegenwart hinein ist. Indem wir daran erinnern, dass jede Form von Nationalismus in Sackgassen und ins Verderben geführt hat und dass wir nur gemeinsam einen Weg für ein zukunftsfähiges Europa finden können. Indem wir bestrebt sind, unterschiedliche Sichtweisen und Herangehensweisen zusammenzubringen, schaffen wir die Grundlage für ein gemeinsames Verständnis und eine gemeinsame und wertebasierte Zukunft.

TK: Ja, und genau deshalb binden wir bei fast jedem Projekt Partner aus den Ländern ein, um die es bei uns geht. Dadurch zeigen wir immer wieder den Wert der vielgestaltigen kulturellen Einflüsse in den Regionen. Europa ist geprägt von seinen Sprachen, Konfessionen und den Geschichten, die wir gemeinsam sichtbar machen. Ein Beispiel ist unser Kunstreiseführer über Fünfkirchen/Pécs, wo wir zeigen konnten, wie viele Moscheen es dort zur Zeit der osmanischen Herrschaft zeitgleich zu den christlichen Konfessionen gab. Solche Geschichten sind für uns der Schlüssel, um zu vermitteln, dass Vielfalt ein reiches kulturelles Erbe hervorbringen kann.

Zu einem Geburtstag gehören auch Wünsche. Welche haben Sie für das Kulturforum?

TK: Ich wünsche mir, dass unsere Arbeit auch in Zukunft wertgeschätzt wird und dass die Finanzierung gesichert bleibt. Wir müssen immer wieder zeigen, dass wir nicht nur Geschichte vermitteln, sondern auch aktuelle Aspekte ansprechen – wie den Wert von Vielseitigkeit und Multikulturalität – und daraus etwas für die Zukunft ableiten.

HR: Ich wünsche mir für die kommenden 25 Jahre ein weiterhin hoch motiviertes Team wie das jetzige, ein interessiertes Publikum – im Inland wie im Ausland –, einen Vorstand, der unsere Arbeit mit seinem Vertrauen begleitet, und ein Kulturstaatsministerium, dem wir nicht unwichtig sind. Solche Rahmenbedingungen geben uns die Möglichkeit, unsere Arbeit mit der gleichen Leidenschaft und Qualität wie bisher fortzuführen und noch mehr Menschen zu erreichen.

TK: Mir ist es außerdem wichtig, dass wir weiterhin Formate für junge Menschen aus dem In- und Ausland anbieten können – Praktika, den Bundesfreiwilligendienst oder Schulworkshops. Das ist eine großartige Möglichkeit, Wissen weiterzugeben und jungen Menschen Perspektiven zu eröffnen.

HR: Ich habe die Zuversicht, dass die steten Tropfen, für die wir jeden Tag sorgen, den Stein doch höhlen, dass unsere Arbeit beim Publikum ankommt. Wer hätte ohne unsere Programmangebote wohl so viel über die Kulturhauptstädte im östlichen Europa erfahren? Dorpat, estnisch Tartu, aus dem Jahr 2024 beispielsweise wurde von uns mit seinem kulturellen Reichtum vorgestellt. Da haben wir zukünftig reichlich Aufgaben, auf die wir uns freuen.