Human Animal Studies – die Forschungsrichtung von Dr. Markus Krzoska, Privat-Dozent an der Justus-Liebig-Universität Gießen, befasst sich in jeglicher Hinsicht mit der Beziehung zwischen Mensch und Tier. Renate Zöller sprach mit ihm über Tiere als Akteure in der Geschichte.
Juli/August 2022 – Kulturkorrespondenz östliches Europa № 1430

 Markus Krzoska | Foto: © privat Markus Krzoska | Foto: © privat

Es gibt keine deutsche Übersetzung für das Thema, dem sich Dr. Markus Krzoska, Privat-Dozent an der Justus-Liebig-Universität Gießen, widmet: den Human Animal Studies. Diese Forschungsrichtung beinhaltet alles, was die Beziehung zwischen Mensch und Tier ausmacht – von der Geschichte über ethische Aspekte bis hin zur Philosophie. Krzoska studierte Osteuropäische Geschichte und wurde 2001 bei Klaus Zernack an der FU Berlin promoviert. Er publizierte diverse Bücher zur Kultur- und Religionsgeschichte Ostmitteleuropas. Durch ein Forschungsprojekt zur Geschichte des Nationalparks Białowieża an der polnisch-belarusischen Grenze und die Rolle der Wisente darin kam Krzoska zu seinem neuen Forschungsschwerpunkt. Mit Renate Zöller sprach er über Tiere als Akteure in der Geschichte.

Herr Krzoska, die Human Animal Studies sind ein recht neuer Trend in der Geschichtswissenschaft. Was ist ihr »Ziel«?

Dass Tiere den Menschen schon immer begleitet haben, ist seit Langem bekannt, bei den Human Animal Studies geht es darum, Tiere nicht nur als bloße Objekte, sondern als Subjekte wahrzu-nehmen. In der klassischen Philosophie der Aufklärung sind Tiere als etwas Seelenloses und Mechanisches verstanden worden. Aber Tiere haben ihren eigenen Willen – das kann jeder bestätigen, der sich mit ihnen beschäftigt – so können sie massiv in die Geschichte eingreifen.
Natürlich können wir in den seltensten Fällen herausfinden, was Tiere wirklich wollen und was sie denken. Das heißt, unsere Perspektive wird letztlich immer eine menschliche bleiben. Aber zumindest können wir Tiere mehr in den Blick nehmen und ihre aktive Rolle – besonders in der Geschichte – stärker berücksichtigen als bisher.

Können Sie ein Beispiel nennen, wann Tiere die Geschichte massiv beeinflusst haben?

Nun, besonders im Falle von Kriegen. Es gab etwa Kompaniehunde oder -katzen, die wie eine Art Maskottchen fungiert haben und für eine bessere Stimmung sorgen sollten. Sie hatten aber auch gefährliche Aufträge. Sie wurden und werden eingesetzt, um irgendwelche Minen zu suchen, oder Angriffe wurden mit Pferden gestartet. Ohne Pferde funktionierte nichts. Sie hatten die Aufgabe, Waffen und Soldaten zu transportieren, sie halfen den Menschen bei der Flucht. Oder denken Sie an Hannibal, der mit seinen Elefanten die Alpen überquert hat – das hatte natürlich vor allem einen Schockeffekt, aber auch eine konkrete Funktion, beispielsweise, schwere Sachen zu transportieren. Das ist sehr zwiespältig. Das Schicksal von Tieren im Krieg ist in der Regel nicht angenehmer als das von Menschen, eher noch schlechter. Aber wo werden zum Beispiel die Tiere im Dokumentationszentrum für Flucht und Vertreibung in Berlin erwähnt? Tiere im Kontext von Vertreibung zu untersuchen, das wäre doch ein tolles Thema für eine Ausstellung.

Der Krieg wirkte sich auch zerstörerisch auf die Population der Wisente im Białowieża-Nationalpark aus. Die letzten freilebenden Tiere sollen 1919 gewildert worden sein …

Man konnte die großen, recht behäbigen Tiere leicht erlegen, deshalb wurden sie in Krisenzeiten, während Epidemien, aber auch im Ersten Weltkrieg gewildert, so dass nach dem Krieg kaum noch Wisente übrig waren. Aber es gab sie noch in den Zoos, dadurch konnte man ein Zuchtprogramm starten – hauptsächlich in Polen, aber auch in der Sowjetunion und in Deutschland. Aus dieser Initiative entstand ein internationaler Verband, der sich die Wiederaufzucht der Wisente zum Programm gemacht hat – das läuft bis heute weiter. Dass Białowieża das Zentrum geworden ist, hat vor allem mit der polnischen Innenpolitik der 1920er und 1930er Jahre zu tun, als man die eigenen Ostgebiete wieder stärker polonisieren wollte. Den Wisent hat man dabei sozusagen als Vehikel genommen und hat ihn als »nationales Tier« in dieser Region angesiedelt. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebiet von den Deutschen besetzt. Aber der Schutz der Wisente bestand auch weiterhin, denn Hermann Göring erklärte sie zu seinem persönlichen Hobby.

Welchen Stellenwert hatte der Wisent für die Nationalsozialisten?

In der NS-Ideologie versuchte man, eine »germanische Welt« herzustellen. Da gehörte der Wisent mit dazu. Man wollte eine Ideal-Landschaft schaffen in dieser Region, wo es aussehen sollte, wie man es sich in der Zeit der Germanen vorgestellt hat. Natürlich sollte dieser Wald ein rein deutscher sein, da sollten keine Polen, Belarusen oder Juden stören. Die Nationalsozialisten waren im Hinblick auf den Naturschutz »fortschrittlich« – auf Kosten der Menschen.

Die Nationalsozialisten haben in Europa als erste ein Tierschutzgesetz in Kraft gesetzt, aber die Pläne dazu gab es ja schon vorher …

Ja, die Pläne lagen auf dem Tisch, nicht nur in Deutschland. Auch in anderen Ländern gab es diese Überlegungen – ich denke, sie waren eine Folge des Demokratisierungsprozesses der 1920er Jahre. Es gab dieselbe Entwicklung in Polen. Auch dort wurden Tier- und Naturschutzgesetze entwickelt, aber sie konnten nicht in dieser strengen Form verabschiedet werden, weil die Lobby dafür fehlte.

Dementsprechend könnte man sagen, dass die Nationalsozialisten die Lobby für diese Gesetze waren?

Ja, in gewisser Weise schon. Die Erfindung von Nationalparks geht auf die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zurück und war im Endeffekt eine deutsche Erfindung – übrigens maßgeblich vorangetrieben von dem Danziger Hugo Conwentz, der auch die Grundlagen für den späteren Nationalpark in Białowieża legte. Es gab Vereine, wie zum Beispiel Wandervereine, die schon früh Naturschutz betrieben haben. Sie waren sehr aktiv, auch bei der Erschließung von Gebirgen dabei, bestimmte Flächen auszuweisen für einen strengen Schutz, also etwa Tiere nicht mehr zu jagen oder Pflanzen zu schützen. Das war ja der eigentliche Hintergedanke und das fing schon früher an, aber man könnte zynisch formulieren, dass die Nazis das für ihre eigenen Zwecke forciert haben.

Wenn wir an das Ende des Zweiten Weltkriegs und die Vertreibung von Deutschen denken, fällt vielen schnell das Trakehner-Pferd ein …

Ja, interessant, denn außerhalb Deutschlands nimmt man sie weniger als etwas Besonderes wahr. Die Trakehner waren zunächst ein ländlich-adliges Phänomen. Durch den Zweiten Weltkrieg wurden sie aber zu einem allgemeinen Symbol für Preußen – ich glaube, durch die gemeinsame Fluchterfahrung. Man sollte das nicht idealisieren, unsere Vorfahren hatten kein nostalgisches oder melancholisches Verhältnis zu Pferden. Sie mussten einfach »ran an die Arbeit«. Aber die Fluchterfahrung schweißte Mensch und Tier natürlich zusammen. Es gibt dieses fast schon mythische Bild von Marion Gräfin von Dönhoff, die mit dem Pferd nach Westen reitet. Außerdem bestätigen verschiedene Denkmäler diese Bedeutung der Trakehner. Später spielten sie als Arbeitstiere jedoch keine Rolle mehr. Nach dem Krieg verloren sie massiv an Bedeutung und schon in den 1950er Jahren wurden sie nur noch als Sportpferde angesehen.

Wie erklären Sie sich diesen Wandel hin zu einem Hobby für vermögende Leute?

Pferde wurden schlicht an den Rand gedrängt und durch andere Tiere ersetzt. Die Rolle des »besten Freundes der Menschen« entwickelte sich vom Pferd hin zum Hund oder der Katze. Diese Tiere sind einfach handlicher und entsprechen dem modernen Leben, während Reiten doch eher ein elitäres Vergnügen geworden ist. Wenn Sie so wollen, sind die Pferde die Opfer des Ganzen – oder eben auch nicht. Sie müssen zwar weniger arbeiten, aber aus der alltäglichen Wahrnehmung sind sie zum großen Teil verschwunden.

Wie war denn das Verhältnis zu Hunden vorher?

Natürlich gab es früher auch Hunde und Katzen, aber sie spielten eine andere Rolle, mehr auf dem Land, weniger in der Stadt. Für den Adel waren Hunde Jagdhunde, hatten also eine Funktion im zeremoniellen Sinn und in der alltäglichen Beschäftigung. Relativ früh gab es auch schon Schoßhunde bzw. Schoßkatzen. Tiere wurden am französischen Königshof fast besser als Menschen behandelt. Sie wurden porträtiert und ausgestopft – hatten also einen Subjektstatus. Als im 19. Jahrhundert das Bürgertum in den Städten an Bedeutung gewann, imitierte man das adlige Verhalten. So wurde es immer moderner, die Tiere – vorzugsweise Hunde – mit in die Wohnung zu nehmen und quasi als »Kind-Ersatz« zu behandeln.

Wie hat sich das Verhältnis der Menschen zu Tieren insgesamt im Laufe der Geschichte verändert?

Generell glaube ich schon, dass die Menschen die Tierwelt früher mehr wahrgenommen haben, weil man viel stärker im Einklang oder eben im Konflikt mit der Natur gelebt hat. Natur kann auch lebensfeindlich sein, und das hat man sicher bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs deutlicher gespürt. Die Wahrnehmung von Natur, Tieren, Pflanzen und vor allem auch von Jahreszeiten, das ist uns in den 1950er und 1960er Jahren weitgehend verloren gegangen. Wenn man heute am Teich steht und Vögel beobachtet, gilt man schon als leicht skurril, ganz nach dem Motto: »Wer weiß, was der sonst noch so beobachtet …«