November/Dezember 2020 – Kulturkorrespondenz östliches Europa № 1420
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Weihnachtliches Riga mit Blick auf den Dom. © Alex Stemmer/AdobeStock

Der erste Weihnachtsbaum soll genau hier gestanden haben, in der heutigen Hauptstadt Lettlands. Das ist die Botschaft, die Steinplatte und Stahlskulptur in die Welt senden sollen – und die jedes Jahr wieder von Medien aus aller Welt aufgegriffen und verbreitet wird. Nicht nur zur Weihnachtszeit 2010, aber in jenem Jahr ganz besonders, da es das fünfhundertjährige Jubiläum des Weihnachtsbaums zu feiern galt.

Vom Adventskranz ist sehr gut belegt, wann und wo er das Licht der Welt erblickte, nämlich 1839 im Hamburger »Rauen Haus«. Aber worauf stützen die Rigenser ihre Behauptung, den ersten Weihnachtsbaum errichtet zu haben? Das ist eine Frage, mit der man sich am besten an Dr. Gustavs Strenga wendet, auch wenn er sie eigentlich nicht mehr hören mag. Die ganze Geschichte geht nämlich zurück auf eine Handschrift der Rigaer Schwarzhäupter von 1510, erklärt er bei einem Kaffee nahe der Altstadt. Strenga, der über die Erinnerungskultur der Schwarzhäupter geforscht hat, ist der Experte für diese Frage, denn die Erwähnung des angeblich ältesten Weihnachtsbaums soll sich in deren Fastnachtsordnung finden.

Riga am Ende des Mittelalters

Doch schauen wir uns zunächst einmal Riga vor fünfhundert Jahren an: Im Jahr 1201 vom Bischof Albrecht von Buxhöveden gegründet, war sie der Ausgangspunkt der deutschen Christianisierung und Eroberung Alt-Livlands, des heutigen Estlands und Lettlands. Riga war nach Lübeck die zweitälteste Stadt an der Ostsee und es wurde nicht von ungefähr der Vorort der livländischen Hansestädte. Denn über die Düna, die nahe des Oberlaufs der Wolga in Russland entspringt und mitten durch Riga fließt, verlief eine der wichtigsten Routen des Ost-West-Handels. Indem die Rigaer Kaufleute den Dünahandel unter ihre Kontrolle brachten, wuchs ihr Reichtum beständig. Auf den ersten Blick ist Riga am Ende des Mittelalters daher eine ganz klassische Hansestadt, beherrscht von den deutschen Kaufleuten, die in einer »Kreuz- und Querwanderung« dem ganzen Hanseraum entstammten, und daher ein hanseweites Netzwerk aus Verwandten und Freunden hatten, mit denen sie ihre Geschäfte trieben.

Typisch für Livland hingegen war die Bewohnerschaft der Stadt, die neben den deutschen Kaufleuten, Handwerkern und Geistlichen zu einem guten Drittel aus sogenannten »Undeutschen« bestand: neben einigen Russen und Litauern vor allem Selonen, Kuren und Liven. Diese verdienten ihr Auskommen vor allem als Handwerker, Dienstboten oder als Träger und Hafenarbeiter. Doch handelte es sich bei »deutsch« oder »undeutsch« nicht um ethnisch-nationale Kategorien, wie man es heute verstehen mag, sondern vor allem um eine rechtliche und soziale Unterscheidung.

Anders als in den Städten des Reichs, wo es viele verschiedene Zünfte gab, war Riga in zwei Gilden organisiert: der 1354 gegründeten Großen Gilde der circa einhundert Fernkaufleute, aus der sich der Stadtrat rekrutierte, und der Kleinen Gilde. Diese war ein Zusammenschluss der unterschiedlichen Handwerksämter. Und auch wenn manche Ämter ähnlich der Großen Gilde »Undeutschen« den Beitritt verwehrten, umfasste die Kleine Gilde mehrheitlich Ämter, denen entweder »deutsche« und »undeutsche« Meister angehörten oder die sogar mehrheitlich undeutsche Mitglieder hatten, wie die Gürtler und Brezmacher, die Fischer, Kürschner oder Leineweber.

Der Weihnachtsmarkt in der Altstadt von Riga. ©Natalija Sirokova/AdobeStockDer Weihnachtsmarkt in der Altstadt von Riga. ©Natalija Sirokova/AdobeStock

 Die Schwarzhäupter – eine besondere Bruderschaft

Die Gilden waren aber nicht die einzigen gesellschaftlichen Organisationen im mittelalterlichen Riga. In der Zeit vor der Reformation fürchteten die Menschen den Tod und die folgenden Strafen für ihre irdischen Sünden in einer Form, wie man es sich heute kaum mehr vorstellen kann. So war es wichtig, dass man nicht nur ein ordentliches christliches Begräbnis bekam, sondern auch, dass die Heiligen, besonders Patrone und die Mutter Gottes bei Christus Fürsprache halten mögen. Hierzu dienten Bruderschaften und Korporationen gewissermaßen als spätmittelalterliche Versicherungsgemeinschaften, in denen man füreinander einstand, Begräbnisse organisierte und finanzierte, Seelenmessen für die Verstorbenen lesen ließ und Erkrankte und Hinterbliebene versorgte. Aber auch gemeinsam feierte.

Eine besondere Bruderschaft war die Korporation der Schwarzhäupter zu Riga. »Schwarze Häupter« war ursprünglich der Name von Bruderschaften der bewaffneten Dienstmannen und Stallburschen in den über Livland verteilten Burgen des Deutschen Ordens. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts übernahmen die Kaufgesellen in den größeren Städten Livlands – neben Riga auch Reval/Tallinn oder Pernau/Pärnu – diesen Namen für ihre Zusammenschlüsse. Für die Kaufgesellen waren die Schwarzhäupter das einzige »soziale Netz«, das sie hatten. Sie waren junge Männer, welche die Ausbildung zum Hansekaufmann durchliefen und danach bei ihren Lehrherren als Angestellte tätig waren, bis sie genug Kapital hatten, um sich selbständig zu machen. Von Frühjahr bis Winteranfang reisten sie im Nord- und Ostseeraum herum, kauften ein und verkauften wieder.

Dieses »heute hier, morgen dort« hatte damals die gleichen Folgen wie heute: Wer nie lange an einem Ort bleibt, der findet kaum dauerhaften Anschluss, hat keine Stammkneipe und tritt auch keinem Verein bei. Wozu auch? Man ist ja nächste Woche schon wieder fort. Zumindest, bis im Herbst die Seefahrt für die Dauer des Winters eingestellt wurde. Denn dann blieb man über Monate im Hafen beisammen. Kein Wunder also, dass die Weihnachtszeit und der Karneval die wichtigsten Feste für die Schwarzhäupter waren, die mit großen Feiern (»Trunke«) begangen wurden. Und weil die Zusammensetzung der Gruppe – zumindest zwischen Ostern und Winterbeginn – andauernd wechselte, war es sinnvoll, aufzuschreiben, wie man beispielsweise gewöhnlich die Feste von Weihnachten bis Karneval feiert. Das taten die Schwarzhäupter mit ihrer Fastnachtsordnung 1510. Mit ihr begründet heute Riga den Anspruch, als erste Stadt einen Weihnachtsbaum aufgestellt zu haben.

 

Der mysteriöse »Baum« in der Fastnachtsordnung von 1510

Aber Moment: Fastnachtsordnung? Da sollte man gleich stutzig werden. Es ist doch immer die Rede vom ältesten Weihnachtsbaum und – fromm oder weniger fromm – dass Weihnachten und Fastnacht (also Karneval) terminlich wie theologisch durchaus ziemlich auseinanderliegen, ist allgemein bekannt. Damit hätten die Historiker bereits den ersten Kritikpunkt gefunden. Gerade Rheinländer mögen vielleicht einwenden, dass die Karnevalssaison sich doch vom 11. November bis zum folgenden Aschermittwoch, also über die gesamte Weihnachtszeit erstreckt. Der Blick in die Quelle macht diese Hoffnung zunichte: Denn die kurze Passage, auf die sich alle Rede vom »ältesten Weihnachtsbaum« stützt, steht ganz am Ende der Fastnachtsordnung unter der Überschrift »Des dynxtedages in der vasten« (Fastnachtsdienstag):

„Item wen de clocke to eynen offte to twen is, so bryngen de Bemerwoldeschen eren bom aff up dat market myt alle deme spele unde vorbernen den bom dar myt vrouwen unde syn dar vrolik wen an den lychten dach; unde dar mede is de vastelavent beslaten.“

Auf Hochdeutsch: »Ebenso, wenn es ein oder zwei Uhr ist, so bringen die Bemerwoldeschen ihren Baum auf den Markt mit viel Musik und verbrennen den Baum dort mit Frauen und sind fröhlich, bis es wieder hell ist, und damit ist die Fastnacht beendet.« (Übertragung: der Autor)

Damit wäre die Sache also geklärt: Es handelt sich hier gar nicht um einen festlich geschmückten Weihnachtsbaum, mit viel Andacht zur Dekoration aufgestellt, sondern ein nächtliches Feuer mit lauter Musik, wahrscheinlich auch Tanz und Trank, mit dem in der Nacht zu Aschermittwoch die Karnevalszeit beendet wurde.

Aber es bleiben noch Fragen offen: Was war das nun genau für ein Baum, der dort verbrannt wurde? Hatte er nicht vielleicht doch zuvor irgendwo zur Zierde gedient? Die Fastnachtsordnung und auch alle anderen Quellen, die aus jenen Jahren erhalten sind, schweigen sich aus. Vielleicht hat er in den Fastnachtsfeiern eine Rolle gespielt, aber ein Weihnachtsbaum, wie wir ihn uns heute in die Wohnung stellen, war es sicher nicht. Denn auch er ist – wie der Adventskranz – erst im 19. Jahrhundert entstanden.

Wer waren diese »Bemerwoldischen«, die den Baum auf den Markt brachten? Menschen aus dem Böhmerwald? Wenn ja, was machen die dann in Riga? Wir wissen es nicht, denn auch sie tauchen – wie der Baum –  sonst nirgends auf.Weihnachtsdenkmal auf dem Rigaer Markt. © Martin PabstWeihnachtsdenkmal auf dem Rigaer Markt. © Martin Pabst

Warum liegt im Pflaster auf dem Rathausplatz, schräg vor dem Schwarzhäupterhaus dann also diese Steinplatte? Warum wird jeden Winter diese Skulptur auf die Platte gewuchtet? Gustavs Strenga erklärt dies so: »Erst im 20. Jahrhundert hat irgendjemand diesen Baum genommen, aus dem Kontext der Fastnachtsordnung genommen und als Weihnachtsbaum uminterpretiert.« Und seitdem ist die Geschichte in der Welt und wird begeistert weitererzählt.

Was bleibt also vom angeblich ältesten Weihnachtsbaum der Welt? Als Historiker kann man verzweifelt seufzen, ob des aussichtslosen Kampfs gegen Geschichtsbilder und Marketingagenturen. Oder sie die Chance nutzen und sagen »Diese Geschichte klingt zwar schön, stimmt so aber nicht. Doch man kann viel Spannenderes erzählen.« Von Großen Gilden, Kleinen Gilden, Schwarzhäuptern und wie sie in der Reformation den Bildersturm auslösten. Aber dies sind andere Geschichten und die sollen ein andermal erzählt werden.

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