Die heutige Vorstellung der Donau wird von Massen an Bildern, Postkarten, Alben bis hin zu Privatfotos und eigenem Filmmaterial befeuert. Dem Bild des Flusses werden eigene Farben beigemischt, die sich aus Reisen und Dokumenten, aber auch der Lektüre der zahlreichen Reisebeschreibungen zusammenfügen. Vor diesem farben- und facettenreichen Hintergrund ist die Donau eine markante blaue Linie auf der Karte des Kontinents, denn auf der heutigen europäischen imaginativen Karte ist der Strom als ein Ganzes präsent, mit Quelle, Verlauf und Mündung.
April 2020 – Kulturkorrespondenz östliches Europa № 1414 | von Olivia Spiridon
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Die Luftaufnahme des Donaudeltas in Rumänien zeigt, wie sehr sich das Gewässer schlängelt. © foto8tik/ AdobeStock

»Wohin geht die Fahrt?«, fragte eine Müllerin aus dem schwäbischen Gutmadingen den britischen Schriftsteller Algernon Blackwood (1869–1951) um das Jahr 1900, als dieser auf der »friedlichen und verträumten« Donau in seinem Kanu vorbeipaddelte. Vom Schwarzen Meer, dem Ziel der Reise, »hatte sie noch nie gehört«, also versuchte es der Reisende mit Ulm: »Ulm kannte sie. ›Aber das ist sehr weit weg!‹« An der Wende vom 19. zum 20.Jahrhundert, als der reisefreudige Blackwood donauabwärts von der Quelle bis zur Mündung reiste, ließ er sein Kanu in Donaueschingen zu Wasser. Die Quelle war ein Begriff, er nennt sie in den ersten Zeilen seines Berichts (Eine Kanufahrt auf der Donau, 1901), und bereits ein halbes Jahrhundert davor hatte der Reiseschriftsteller Johann Georg Kohl sie samt Anlage der Fürsten von Fürstenberg und dazugehörendem Ursprungsstreit meisterhaft beschrieben (Die Donau von ihrem Ursprunge bis Pesth, 1854). Seitdem sind Veränderungen eingetreten. Bei den Renovierungsarbeiten der Donauquelle in Donaueschingen 2013 bis 2015 wurde ein weiteres Element zur Anlage hinzugefügt: eine Donaukarte an einer Seitenmauer im Eingangsbereich, die im heutigen Areal der Donauquelle wie ein mit Marmorplatten ausgelegtes »Vorzimmer« auf dem Weg zum großen Brunnen anmutet. Damit könnte ein subtiler Hinweis verbunden sein: Denken die heutigen Besucher den Fluss, seinen Raum und ihre eigene Identität anders?

Der Zuruf der Gutmadinger Müllerin gehört wohl zu einem vergangenen Zeitalter der Selbstgenügsamkeit im überschaubaren Raum. Die Donau heute ist hingegen mehr als nur ein Fluss, sie ist Symbol, Sehnsuchtsort und Popkultur. Zudem gibt es zahlreiche Donau-Anthologien, und die meisten reihen ihre ausgewählten Texte entlang des Flussverlaufs aneinander wie Perlen an einer Kette. Kurzum: Wir holen den Fluss aus einem ausgiebigen medialen Bad heraus.

Nationalstaaten bringen neue NarrativeIn Donaueschingen, wo die Donau entspringt, ist der Lauf des Flusses nachgezeichnet. © Tourismus-Büro Donaueschingen

Als sehr reizvoll hat sich dabei der Vergleich zwischen Fluss und Biografie erwiesen, die Claudio Magris in der wohl berühmtesten kulturgeschichtlichen Darstellung an prominenter Stelle – in den Titel – rückt: Donau. Biographie eines Flusses (1988). Die Biografie als sinngebende Narration, die Fragen nach der Herkunft und dem Werden beantwortet, war im Fall der Donau allerdings zuerst eine Angelegenheit der Mächtigen und von Wissenseliten, die sich mit den weißen Flecken auf der Karte des Kontinents auseinandergesetzt haben. Erste Umrisse erhielt der »Donauraum« im Zuge der militärischen Auseinandersetzungen des Habsburgerreichs mit dem Osmanischen Reich, und gleichzeitig fesselte die Donau das Interesse der Geografen: Um 1570 erschien die erste Karte des gesamten Donauverlaufs von Christian Sgrooten in Antwerpen, doch erst mit dem 1726 in Haag gedruckten sechsbändigen Werk von Luigi Ferdinando Marsigli Danubius Pannonico-Mysicus entstand ein kohärentes Wissen über den Donauraum.

Früheres Wissen erreicht uns häufig in fiktionalisierter Form. So setzt Johann Georg Kohl die Mutmaßungen von Herodot wirkungsvoll in Szene, der, an der Flussmündung stehend, »überall die Leute um die Herkunft und den Ursprung dieses großen Stroms befragte« und die Quelle in den Pyrenäen in Spanien vermutete. Doch nicht nur im Fall der Quelle tappte man im Dunkeln, sondern auch die zerfranste Ordnung des Mündungsbereichs erzeugte zahlreiche Versionen. So brachte etwa Sigmund von Birken in seinem 1683 erschienenen Werk die allgemeine Unsicherheit über die Mündungsarme zum Ausdruck, indem er die Standpunkte von Herodot und Strabo (fünf Arme), Plinius (sechs) oder die sieben von Ammianus und Solinus anführte (»Der Donau-Strand mit allen seinen Ein- und Zuflüssen […]«). Im Prozess der Erschließung des Flussraums bilden sich die Schwierigkeiten im Verständnis dieser Großregion mit ihren komplexen und geteilten Gedächtnissen ab. Die Donau ist eine »Quecksilbersäule unter der Achsel des Kontinents« (Nora Iuga in DonauWelten. Ein Flussbuch), und mit ihrem Doppelnamen (»Istros« und »Danubius«) und der verkehrten Kilometerzählung erweist sie sich als ein schwieriges Terrain.

Das Band der Donau wies verkehrstechnisch am Eisernen Tor einen Schnitt auf und wirkte historisch im mittleren und unteren Lauf als Grenze zum Osmanischen Reich zugleich als eine Trennlinie durch den Kontinent. In der zweiten Hälfte des 19. und im 20.Jahrhundert vermehrten sich die Grenzen, und die Identitäten der Menschen am Fluss änderten sich mit der Etablierung von Nationalstaaten. An Stelle der regional Verwurzelten – man denke an die Müllerin aus Gutmadingen – traten Staatsbürger, die in ihre nationalen Narrative verwickelt waren und sind. Im Gegenzug verflochten Minderheiten ihre Identität mit dem Strom: die Donauschwaben. Doch im Allgemeinen entstand Widerstand gegen die Hegemonie des Blau – man denke an die »schöne blaue Donau« und die Donaumonarchie – oder es wurde auf den Prüfstein gelegt, wie der Titel eines Ausstellungskatalogs signalisiert: blau. Die Erfindung der Donau.

Die Donau und ihre Farben

Das 20.Jahrhundert kam mit Verfärbungen einher – man denke an die braune nationalsozialistische und blutrote kommunistische Donau – und mit Trennungen. Zum naturräumlich bedingten Eisernen Tor gesellte sich mit der politischen Grenzziehung durch den Kontinent der Eiserne Vorhang. Rot färbte sich der Fluss, als Grenzer auf die Menschen schossen, die aus Rumänien über die Donau und Jugoslawien in den Westen flüchteten. Mit dem Kurzfilm Silent River von Anca Miruna Lăzărescu (2011), den Erinnerungsbänden von Johann Steiner und Doina Magheți Die Gräber schweigen (2008 und 2010) wurde ihnen ein Denkmal gesetzt. »Ihre Mauer war die Donau«, schrieb Mircea Cărtărescu über diese Flüchtlinge im Essay Ada-Kaleh, Ada-Kaleh. Der Eiserne Vorhang zog so unüberwindliche Grenzen, dass Zweifel aufkamen, ob der natürliche Zusammenhang, den der Fluss herstellt, überhaupt noch denkbar war. Während eines Aufenthalts in Budapest in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre fragte sich die Journalistin und Schriftstellerin Eva Demski, die in Regensburg in unmittelbarer Donaunähe aufgewachsen war, angesichts der erlebten Beschattung durch den Geheimdienst und nach Gesprächen mit politischen Dissidenten: »Wenn ich […] jetzt ein Schiff bekäme und flussaufwärts fahren würde? Ich war nicht mehr sicher, ob ich in Regensburg ankäme.« (Mama Donau, 2001).

Postkarte mit der Insel Ada Kaleh, die ab 1968 wegen des Baus des rumänisch-jugoslawischen Kraftwerks Eisernes Tor 1 abgesiedelt wurde und 1971 in der Donau verschwand. © Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde

Weitere europäische Identitäten, die sich mit der Donau verflechten, wurden mit dem Begriff »Mitteleuropa« ausgehandelt, der eine lange Denktradition aufweist. Er wurde mal hegemonial eingesetzt, mal gegen die erwachenden Nationalismen der Vielvölker der Habsburgermonarchie und in den 1980er Jahren gegen die Teilung Europas nach Ende des Zweiten Weltkriegs. In Zeiten gewonnener Freiheit der »Ostblock«-Länder setzte »Mitteleuropa« neue Exklusionsverfahren in Gang: Wer gehört dazu, wer nicht? Denkwürdig ist die Stimme Péter Esterházys in dieser Angelegenheit: »Vor lauter Donau und lauter Mitteleuropa-Gebetsgemurmel wurde mir – nein, das ist kein gutes Wort: übel, sagen wir lieber, es machte mich wütend. […] Wir sind Nachbarn. Uns blickt dasselbe Pferd ins Fenster, wir schauen auf denselben Garten […] Der Nachbar ist der, der existiert; wir sind nicht und können nicht allein sein, der Nachbar ist ewig. Und er sieht. Und auch wir sind Nachbar, der Nachbar unseres Nachbarn.« (Donau abwärts, 2006)

Inmitten der vielen Projektionen auf die Donau, die in regionalen, nationalen oder übernationalen Zugehörigkeiten einfließen, stellen besondere Orte am Fluss Brennpunkte dar, an denen Menschen sinngebend handeln. Von Anhöhen blickt man herab, an den Ufern bereitet man Fischgerichte zu, identitätsstiftende Denkmäler werden aufgestellt. In Donaueschingen bleiben viele vor der Karte im »Vorhof« der Quelle stehen: Verblüffend ist der Wirrwarr der Sprachen der Nachbarn, die sich hier treffen und den Zeigefinger auf ihre Herkunftsregion richten. Es entsteht ein Beziehungsgeflecht, ein Zusammenhang, eine europäische Identitätskarte der Nachbarschaften. Die Donau ist ein Vektor in einem zusammenhängenden Raum, eine gemeinsame Achse der Sinngebungen und eine Talsohle, an der sich Identitäten überlappen. »Seit Heraklit ist der Fluss Sinnbild der Identitätsfrage par excellence – jener uralten Erwägung, ob man zweimal in demselben Fluss baden könne oder nicht«, schreibt Magris in seinem Danubio. Die auf die Karte gerichteten Zeigefinger in Donaueschingen umreißen eine komplexe Verortung, denn in ihr verschmelzen sich mehrere Fragen nach der Identität: Wo war ich und wo bin ich jetzt? Bin ich der Gleiche? Und wer sind wir schließlich in unserer Existenz in Raum und Zeit?

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