Lange Jahre reisten Siebenbürger Sachsen nach Deutschland aus – mittlerweile kehren einige von ihnen wieder zurück Zwischen 1968 und 1989 wurden rund 240 000 Rumäniendeutsche an Deutschland »verkauft«. Innerhalb der ersten sechs Monate nach der Wende verließen weitere 111 000 Minderheitenangehörige das Land. Heute leben nur noch rund 30 000 Deutschsprachige in Rumänien. Und doch haben viele Siebenbürger Sachsen auf der Suche nach einem besseren Leben in Deutschland ihren Geburtsort nicht vergessen können. Einige wagten den Schritt und kehrten zu-rück. Von Ana Nedelea
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Paul Eugen Hemmerth öffnet das Tor seines traditionellen siebenbürgischen Hauses in Reichesdorf/Richiş in der Nähe der Stadt Mediasch/Mediaş. Er trägt ein weißes Hemd mit traditionellem Muster und ein warmes Lächeln auf dem Ge-sicht. Noah wedelt freundlich mit dem Schwanz. Der Hund trägt denselben Namen wie die Pension, die »Casa Noah«, die gerade bis auf das letzte Bett voll ist mit Gästen. Das Dorf wirkt wie ein Relikt aus einer anderen Welt. Vor allem, wenn man aus einer hektischen Stadt anreist: Es herrschen Ruhe und das Gefühl, dass man gerade ein Gemälde mit bunten Häusern und grünen Hügeln vor Augen hat.

Von der Straße aus schaut man auf eine durchgehende Häuserfront, aber der geschlossene Eindruck verschwindet, sobald man den grünen und breiten Hoff betritt. Alles lädt zur Entspannung ein: Bunte Blumen, Bäume, die Schatten spenden, Liegestühle und vor allem Ruhe. Entspannt und selbstbewusst wirkt auch Paul Hemmerth.
In Reichesdorf, einem kleinen Dorf inmitten der weiten, hügeligen Landschaft Siebenbürgens, wurde kürzlich eine Seitenstraße die »Internationale Straße« genannt. 670 Einwohner zählt das Dorf. Aber es leben viele verschiedene Nati-onalitäten hier: Schweizer, Israeli, Amerikaner, Niederländer, Rumänen … und Siebenbürger Sachsen. Paul Hemmerth ist einer von ihnen.

Das war nicht immer so. Die Familie Hemmerth verließ Mediasch am Valentinstag des Jahres 1980. Paul war damals 14, sein Bruder Peter zwölf Jahre alt. Die Eltern hatten schon lange einen Ausreiseantrag gestellt. Paul Hemmerth erinnert sich, dass sein Vater Vertretern der entsprechenden Behörden immer wieder Briefumschläge mit Geld überreichte und jedes Mal mit dem Versprechen nach Hause ging, schnell ausreisen zu dürfen. Dennoch wartete die Familie 16 Jahre lang auf »die großen Papiere«, wie sie damals hießen. Die Erleichterung war immens, als es endlich soweit war. Niemand konnte sich damals vorstellen, dass der Sohn einmal freiwillig wieder nach Rumänien zurückkehren würde.

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Und doch stellte die Entwurzelung aus dem vertrauten Umfeld für den Jugendlichen einen riesigen emotionellen Bruch dar. In Rumänien waren er und seine Angehörigen »die Deutschen« gewesen, jetzt waren sie in Deutschland »die Rumänen«. Nicht nur mit Identitätsfragen, sondern auch mit Vorurteilen mussten die Siebenbürger Sachsen in Deutschland kämpfen. »Es war unglaublich schwierig, sich in Deutschland einzuleben. Wir trugen die falschen Klamotten, die Mode hier war anders als in Deutschland«, erinnert er sich.

Ab und zu schleichen sich rumänische Wörter ein, wenn Paul Hemmerth Deutsch spricht. Er kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Er wirkt offen, witzig, macht sich auch gerne über sich selbst lustig. Dabei sind einige Erinnerungen unschön. »Als ich auf das Gymnasium in Deutschland kam, hatte ich die falsche Frisur, einen Akzent wie Peter Maffay, die Haare in der Mitte gescheitelt und an den Ohren ausrasiert, denn man durfte in Rumänien keine langen Haare in der Schule tragen. All das war nicht cool. Ich wurde von den deutschen Mitschülern im Gymnasium gehänselt.«

Raus aus dem »Sicherheitsdeutschland«

Mit seinem Schicksal steht Paul Hemmerth keineswegs alleine da. Viele Siebenbürger Sachsen hatten Schwierigkeiten. In Rumänien konnten die nationalen Minderheiten sowohl unter Ceaușescu als auch nach der Wende Schulen in ihrer Muttersprache besuchen. Im Gegensatz zu den Deutschen aus Russland beherrschten die Rumäniendeutschen ihre Sprache perfekt, dennoch hatten viele in Deutschland keineswegs das Gefühl, dass sie »nach Hause« oder in die »alte Heimat« zurückkehrten.
»Es war weder weiß noch schwarz. Man kann nicht pauschal urteilen. Die Rumäniendeutschen haben Erfahrungen aller Art bei der Ankunft in Deutschland erlebt, aber einige erzählten tatsächlich, dass es Jahre dauerte, bis ihnen der Chef bei der Arbeit wirklich vertraute«, sagt der Regisseur Florin Besoiu, der für seinen Film Zuwanderung nach Siebenbürgen. Erfolgsgeschichten zahlreiche Siebenbürger Sachsen interviewte. Mit der Zeit organisierten sich die meisten ein gutes Leben in Deutschland, nur noch die Nostalgie trieb sie ab und zu nach Rumänien. Manche kauften sich dort auch wieder ein Haus. Die sogenannten »Sommersachsen«, häufig sind es Rentner, wohnen jeweils ein halbes Jahr in Deutsch-land und die andere Hälfte in Rumänien. Sie gehen immer wieder zurück ins »Sicherheitsdeutschland«, wie es Paul Hemmerth nennt, denn im maroden rumänischen Gesundheitssystem ist es schwer, wenn man etwa auf schnelle und professionelle Hilfe angewiesen ist.
Aber es gibt auch die Rückkehrer, die bleiben. Und von denen haben, wie der Filmemacher Florin Besoiu durch seine Recherche herausfand, einige Wunderbares geleistet und vieles auf die Beine gestellt.

Mit 17 Jahren besuchte Paul Hemmerth das erste Mal wieder Rumänien, um am Schwarzen Meer mit der Familie Urlaub zu machen. Dieser Urlaub war sehr emotional, erinnert er sich: »Als ich aus dem Flieger stieg, kam mir dieser bekannte, familiäre Geruch in die Nase. Der Geruch, das Unperfekte, die freundlichen Menschen, die Märchenlandschaften haben mich sehr beeindruckt und Erinnerungen geweckt. Das Gefühl war anders als in Deutschland. Alles hat mich fasziniert.« Einige Jahre später beschloss Paul, sich unweit seiner Geburtsstadt Mediasch ein Haus in Reichesdorf zu kaufen. 

Pauls definitive Rückkehr nach Rumänien verlief in vielen kleinen Etappen. Ein paar Jahre lang pendelte er zwischen Reichesdorf und Hamburg, um an der Restaurierung seines Hauses zu arbeiten, liebevoll mit Blick aufs Detail und so authentisch wie möglich. In seinen Häusern scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Schließlich gelang es ihm, ein großes Reiseunternehmen aus Deutschland zu überreden, auch Reisen nach Rumänien anzubieten, und er begann eine neue Karriere als Reiseleiter für deutschsprachige Gäste. In Hamburg hatte Paul Hemmerth mehrere Jahre für eine Filmproduktionsfirma gearbeitet. Seit er nach Reichesdorf gezogen ist, hat er sich selbst zu einer Art Medienstar in Ru-mänien entwickelt. Mehrfach wurde in den rumänischen Medien über ihn berichtet und darüber, wie er die Aufmerk-samkeit der rumänischen Öffentlichkeit, aber auch der Touristen aus ganz Europa auf sein malerisches siebenbürgisches Dorf lenkte. Zunächst kamen sie vereinzelt, dann immer mehr.
Spätestens seit der Siebenbürger Sachse Klaus Johannis zum Staatspräsidenten gewählt wurde, ist dessen Heimatregion mehr und mehr in den Fokus der deutschen Touristen gerückt. Vielen Gästen der »Casa Noah« gefiel es in Reichesdorf so gut, dass sie sich ebenfalls ein Haus kauften und es renovierten. Längst hat sich Paul Hemmerth in Rumänien eine Existenz aufgebaut, das Geschäft läuft sehr gut, und er ist seit fünf Jahren mit der Rumänin Catrinel verheiratet. Seine Entscheidung hat er nie bereut. Im Gegenteil: »Ich war als Reiseleiter jahrelang in der ganzen Welt unterwegs, dennoch habe ich mich doch für mein Heimatland Rumänien entschieden. Ich habe mich nach und nach zurückverwurzelt und das tut meiner Seele gut.«

Aufwärts geht es auch jenseits des Tourismus, weiß Angelika Beer, Vikarin in der evangelischen Kirche in Neppen-dorf/Turnișor, heute ein Stadtteil von Hermannstadt. Sie geht durch einen bunten und blumenreichen Garten, der zur Kirche führt. Beer wirkt entspannt und trotzdem energisch. Eine moderne, selbstsichere und sehr freundliche Frau, die den Eindruck vermittelt, dass sie alles im Griff hat. Sie geht mit ihren Besuchern in die Kirche und das kleine Museum darin, wo auch landlerische und sächsische Trachten ausgestellt sind. Sie zeigt auf die Landkarte, wo das Ursprungsgebiet der Landler in Österreich zu sehen ist und erzählt enthusiastisch über deren Herkunft. Auch Beer war ein Kind, neun Jahre alt, als sie gleich nach der Wende zusammen mit den Eltern nach Deutschland ausreiste.

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Sie verbrachte ihre Gymnasialzeit in Augsburg, 2008 schloss sie das Theologiestudium in Berlin ab. Im Anschluss studierte sie Religions- und Kulturwissenschaften. In Deutschland gibt es verschiedene Landeskirchen und sie hätte ihr Vikariat in Berlin-Brandenburg oder in Bayern machen können. Aber von der Struktur, von der Mentalität her war ihr die Evangelische Kirche in Rumänien am nächsten. Sie sagt: »Ich habe eine tiefe Verbindung zu diesem Land. Ich wollte mein Vikariat nur an einem Ort machen, wo es diese Kraftquelle für mich gibt. Hier wusste ich, dass ich lange durchhalten kann.« Sie kam und blieb. »Ich denke, ich gehöre hierher, ich bin kein Fremdkörper.«

Auch Kinder kommen zum Gottesdienst

Angelika Beer predigt mittlerweile in ganz Siebenbürgen. Außerdem unterrichtet sie Religion am Pädagogischen Lyzeum in Hermannstadt, wo es zwei Parallelklassen mit Deutsch als Unterrichtssprache gibt. Das hätte sie sich in den Neunzigern nicht vorstellen können. Die Entscheidung ihrer Eltern, wegzugehen, findet sie immer noch legitim: »Damals konnten sie hier keine Zukunft sehen. Ich erinnere mich, dass ich Geburtstag hatte und meine alten Freundinnen und Freunde nicht einladen konnte, denn die meisten Kinder waren weg. Und die deutschen Schulen hatten kaum deutschsprachige Lehrkräfte mehr.«
Mittlerweile aber hat sich die Zahl der Siebenbürger Sachsen in Rumänien wieder stabilisiert und auch junge Familien mit Kindern kommen in die Gottesdienste von Angelika Beer. Ihr Gesicht strahlt, wenn sie von ihrem Beruf spricht. Erst vor drei Tagen hatte die angehende Pfarrerin ihre erste Urnenbeisetzung am Friedhof von Neppendorf. »Es klingt komisch, aber das war sehr schön.« Ihr Beruf sei ein »Twentyfour-Seven-Job«, bei dem es keine Feiertage und keinen Sonntag gibt. Aber in diesen Sätzen ist keine Müdigkeit zu spüren, sondern das erzählt sie mit einem Lächeln und voller Begeisterung. Auch eine Gruppe österreichischer Jugendlicher, die unerwartet in die Kirche platzt und sich die historische Orgel anschauen möchte, ist keine Störung, sondern wird sofort freundlich eingebunden. Schließlich lebt die Kirche von allen Besuchern, den alteingesessenen wie den neu hinzukommenden.

Angelika Beer freut sich über das Zusammenspiel von Zukunftsperspektive und alter Tradition. In Neppendorf leben noch Siebenbürger Landler, und Angelika Beer erzählt gerne, dass sie mit ihnen den landlerischen Dialekt sprechen kann. Das spielte auch eine Rolle, als sie sich für die endgültige Rückkehr nach Rumänien entschied. »Bis in meine Studienzeit hinein, also 15 Jahre lang, habe ich mich in Deutschland geschämt, dass ich aus Rumänien komme. Wir sind Siebenbürger Landler und meinen Dialekt habe ich mir neun Jahre lang in Deutschland abtrainiert«, erinnert sie sich. »Nach der Ankunft in Deutschland sprachen wir nur Hochdeutsch in der Familie, meine jüngeren Geschwister können überhaupt kein Landlerisch mehr.« Ihre Eltern hätten sich monatelang geschämt, dass sie zurückgegangen sei, aber Angelika Beer fühlt sich schon längst wieder als ein Teil von ihrem heutigen Wohnort Hermannstadt.
»An einem Sonntag war ich in der Stadt und hörte, wie die Glocken der orthodoxen Kirche zu läuten begannen, auch jene der katholischen Kirche, der reformierten und der evangelischen Kirche, jede Uhr ging ein bisschen anders«, erinnert sie sich und lacht dabei. »Eine fing eine Minute früher an, man hörte unterschiedliche Glockenklänge, aber sie passten doch ganz gut zusammen und ich bekam eine Gänsehaut. Ich dachte: Das ist mein Erbe, genau dieses Nebeneinander und Miteinander.«