Das Museumsdorf Schwolow/Swołowo veranschaulicht pommersches Kulturerbe. Von Markus Nowak (Text und Fotos)
November/Dezember 2020 – Kulturkorrespondenz östliches Europa № 1420
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Das Dorf Schwolow aus der Vogelperspektive: Fachwerkhäuser und flache Landschaft

Freilichtmuseen sind Einrichtungen zum Erhalt, zur Erforschung und Präsentation von Zeugnissen des vorindustriellen ländlichen Wohnens, Arbeitens und Lebens, so die Definition. Auf dem Gelände werden zumeist von Originalstandorten umgesetzte historische Gebäude neu aufgebaut. Ein besonderes Freilichtmuseum dagegen ist jenes in Schwolow/Swołowo in Hinterpommern. Hier wurden nicht die Gebäude zu einem Museum zusammengetragen, sondern sie stehen an ihren Originalstandorten und bringen den Besuchern die einstige dörfliche Kultur und Tradition der Region näher.

Flache, weite Landschaften, langgezogene Alleen, tiefhängende Wolken – allein die Windkrafträder am Rande des Horizonts zerstreuen die Assoziation, statt in einem Gemälde aus dem 19. tatsächlich im 21.Jahrhundert zu sein. Hinterpommern hat – gerade abseits der Zentren wie Köslin/Koszalin oder Stolp/Słupsk – seinen ländlichen Charakter bewahrt, fast so wie von früheren Landschaftsmalern auf die Leinwand gebracht.

Wie eine Zeitreise wirkt vor allem ein Ort, der besonders authentisch das ländliche Leben in Pommern illustriert und eine Art bewohntes Freilichtmuseum ist: Schwolow. Einst lebten hier bis zu 600 Bewohner, erzählt Dawid Gonciarz. Der 43-jährige Ethnologe ist Leiter des Museums für Volkskultur in Schwolow, einer Abteilung des Mittelpommerschen Museums in Stolp. »Die 17 Höfe haben früher bis zu fünfzig oder sechzig Hektar Land bewirtschaftet. Das waren sehr fleißige, sparsame Menschen, die es zu einem gewissen Wohlstand gebracht haben.« Das einstige Leben auf einem der typischen Vierseitenhöfe wird vor Ort auf dem Albrechtshof visualisiert. Im Wohnhaus sind die gute Stube, das Arbeitszimmer des einstigen Dorfvorstehers, die Küche und weitere Wohnräume nachempfunden, während im Obergeschoss eine Ausstellung auf weitere Elemente des Alltags in Hinterpommern im 19.Jahrhundert eingeht, aber auch auf die Flucht und Vertreibung der einstigen Bewohner und die Ansiedlung der polnischen Bevölkerung nach 1945.

36000 Touristen im Jahr auf 240 Dorfbewohner

240 Menschen leben im heute polnischen Swołowo. »Und wir zählen bis zu 36000 Besucher jährlich«, ergänzt Gonciarz. Seit 2008 wurde der Albrechtshof umgestaltet und für den Publikumsverkehr geöffnet. Neben einem weiteren Gehöft und einem Kräutergarten ist es der Teil des Dorfes, der für die Öffentlichkeit begehbar ist. Das restliche Dutzend Höfe wird bewohnt und zum Teil auch weiter bewirtschaftet, wie übrigens auch der Albrechtshof selbst. Denn hier gibt es Schafe, Pferde oder die für Pommern typischen Gänse. Ganz authentisch Pommern eben.

»Wir wollen einen normalen, funktionierenden Hof zu Beginn des 20.Jahrhunderts darstellen«, sagt Museumsleiter Gonciarz. Und weil das so ist, sollten Besucher eine gewisse Geruchstoleranz mitbringen: Passiert man einmal das Torgebäude, steht man direkt vor dem imposanten, links und rechts durch Ställe abgegrenzten Albrechts­hof – und in der Mitte des Platzes thront ein Misthaufen. »Der Misthaufen war der Schatz der pommerschen Bauern«, schmunzelt Gonciarz und ergänzt, »je größer dieser war, umso reicher war der Landwirt.«

Das Museum Schwolow sei anders als ein »klassisches« Freilichtmuseum, »Skansen«, wie es auf Polnisch heißt, sagt Gonciarz. »Normalerweise werden für ein Museumsdorf historische Gebäude aus einer Region an einen Ort zusammengetragen. Aber hier haben wir gleich ein ganzes Dorf, das in einem guten Zustand bewahrt wurde.«

 Der Innenhof des Albrechtshofs.Der Innenhof des Albrechtshofs.

Dorfstruktur und Häuser blieben erhalten

Der historischen Form nach ist Schwolow ein Angerdorf. Ende des 13.Jahrhunderts war es Eigentum der Johanniter, später wechselte es mehrfach den Besitzer. In der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts gehörte der Albrechtshof Joachim Albrecht. In der zweiten Hälfte wird Michael Albrecht als Besitzer angeführt, der 195,62 Morgen, also 50 Hektar Land besaß. Umgerechnet etwa 70 Fußballfelder. 1910, als das Gehöft im Besitz August Albrechts war, gab es acht Gebäude, darunter einen Pferdestall, ein Torgebäude und ein unterkellertes Haus. Seit 1921 waren Gerhard und seine Ehefrau Gertha Albrecht die Besitzer des Gehöfts. Dann kamen Flucht und Vertreibungen in zwei Wellen, 1945 im Zuge der vorrückenden Front und noch einmal 1946/47.

Zu einigen der ehemaligen Bewohner hat Gonciarz Kontakt aufgenommen. »Einige ältere Damen haben mir viel vom einstigen Leben hier im Dorf erzählt.« Das In mehreren Häusern und Scheunen sind Ausstellungen zum früheren Leben in Pommern zu sehen.In mehreren Häusern und Scheunen sind Ausstellungen zum früheren Leben in Pommern zu sehen.habe dazu beigetragen, das Leben in Schwolow besser zu verstehen, sagt der Ethnologe, etwa, wieso es im Dorf vor dem Krieg keine Schenke gab. »Aus diesen Erzählungen weiß ich, dass praktisch auf allen Höfen selbst gebraut wurde«, sagt Gonciarz. Klar, dass über diese Tradition auch in der Ausstellung erzählt wird – wie auch über die Nachkriegsgeschichte.

 Die meisten polnischen Neuankömmlinge kamen aus der Region Heiligkreuz/Święto­krzy­skie, vereinzelt aus den polnischen Ostgebieten, die nach dem Krieg der Sowjetunion zuerkannt wurden. Und weil Schwolow – anders als vielerorts in Pommern oder in anderen ehemals deutschen Ostgebieten – ein klassisches Bauerndorf war, ohne adeliges Anwesen oder großen Gutshof, wurden die bäuerlichen Parzellen von den neuen Bewohnern übernommen und nicht in eine LPG umgewandelt und eingegliedert. Das hat dazu beigetragen, dass die dörflich-bäuerliche Dorfstruktur erhalten blieb und Schwolow heute zu den ältesten und in seiner Ursprünglichkeit besterhaltenen Dörfern in der Woiwodschaft Pommern/Województwo Pomorskie zählt.

 

Pommern und »Pomorze«

Das mit den Bezeichnungen der Landschaft ist so eine Sache. Der Name »Pommern« ist die eingedeutschte Form der slawischen und polnischen Bezeichnung »am Meer«, »entlang des Meeres« oder »bis zum Meer«. Über die Auffassung bezüglich der Ausdehnung gibt es Unterschiede zwischen dem deutschen und dem polnischen Sprachgebrauch. Während das »deutsche Vorpommern« sich entlang der Ostsee westlich der Oder bis nach Rügen zieht, dehnt sich Hinterpommern und damit der größere Teil östlich der Oder, entlang der Ostsee bis Lauenburg/Lębork aus.Der Ethnologe Dawid Gonciarz ist Leiter des Freilichtmuseums Schwolow.Der Ethnologe Dawid Gonciarz ist Leiter des Freilichtmuseums Schwolow.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gehört Hinterpommern zu Polen. Zwar gibt es auch in der polnischen Sprache die für Vor- und Hinterpommern etymologischen Entsprechungen Pomorze Tylne und Pomorze Przednie, aber wirklich geläufig ist die Bezeichnung Pomorze Zachodnie (Westpommern), wie seit 1999 auch die Woiwodschaft mit Sitz in Stettin/Szczecin heißt, oder Pomorze Gdańskie (Danziger Pommern) bzw. Pomorze Wschodnie (Ostpommern) für den östlichen Teil Hinterpommerns. Wobei die polnische Woiwodschaft Pomorze sich heute von Stolp über Danzig/Gdańsk fast bis Elbing/Elbląg erstreckt und darin neben dem östlichen Teil Hinterpommerns auch die historischen Regionen Pomerellen und Teile Westpreußens einschließt.

Daher sei die Frage nach der Identität der Menschen in der Region keine leichte, sagt Andrzej Hoja, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Museum der Stadt Danzig. In Hinterpommern gebe es im Vergleich zu Danzig große Unterschiede, obwohl sowohl im polnischen Teil Pommerns als auch in der Hansestadt die Bevölkerung nach 1945 ausgetauscht wurde. »Ende der 1990er ist eine starke Danziger Identität gewachsen«, sagt der Historiker. Auch in der benachbarten Kaschubei gebe es eine starke lokale Verwurzelung, anders als im historischen Hinterpommern. Wobei sich dieser Zustand 75 Jahre nach Kriegsende allmählich verändere. »Wenn ich mich mit Jugendlichen unterhalte, identifizieren sie sich mit ihrem Geburtsort«, sagt Gonciarz.

Pommersche Identität?

»Die Vielschichtigkeit Pommerns ist in Polen nicht wirklich präsent«, sagt Hoja. Das zeige sich etwa im Bildungswesen, das wie viele andere Bereiche in Polen zentralisiert ist. Somit werde das historische Erbe Pommerns und der Gebiete, die vor 75 Jahren an Polen fielen, marginalisiert. Auch auf die touristische Nutzung der Ostseeregion weist der Danziger Historiker hin: Während etwa Vorpommern auf Natur, Reservate und auch das Hinterland setze, konzentriere sich der Tourismus in Hinterpommern hauptsächlich aufs Meer und den Massentourismus. Damit will das Museumsdorf Schwolow brechen.

Die berühmte Pommerngans: Sie ist auch heute in manch einem Garten zu finden.Die berühmte Pommerngans: Sie ist auch heute in manch einem Garten zu finden.Obwohl es einst keine Schankwirtschaft gab, wurde mittlerweile eine Gaststätte mit regionaler Küche eingerichtet, auch gibt es erste Übernachtungsmöglichkeiten vor Ort und in den Nachbardörfern. »Wir wollen das ruhige Dorfleben zeigen«, sagt Museumsleiter Gonciarz. »Denn das Dorf hat Potential.« Zum Tragen kommt es etwa bei den zahlreichen Angeboten, die Museumspädagogin Joanna Gołofit und ihre Kollegen durchführen. Wegen der Corona-Pandemie sind Veranstaltungen wie das Pfefferkuchen-Backen nach lokalen Rezepten oder auch Bierverkostungen und Weben zurzeit nur eingeschränkt möglich. Das Museum hält sonst eine ganze Weberei zum Mitmachen für Schulklassen oder Interessierte bereit.

Und so erwacht ein pommersches Dorf – zumindest tagsüber, wenn Besucher da sind – zum Leben. Wie weitere Teile Hinterpommerns, so Museumsleiter Gonciarz. Nach schwierigen Jahren und nach den Pleiten der LPGs im Zuge der Wende gebe es vermehrt wieder bäuerliche Betriebe. »Ein positives Zeichen«, sagt der Ethnologe und sieht jedoch eine andere Entwicklung, die auch an der polnischen Ostseeküste Einzug hält, mit Skepsis: Windkraftanlagen, wenn diese zu dicht an den Dörfern gebaut werden. Das zerstöre die malerische Landschaft.