Martin Becker, Tabea Soergel: Die Schatten von Prag. Kischs erster Fall. Eine Rezension von Vera Schneider

KK 1447 23 25 Rezi VS Schatten von Prag 1000x1700In Prag herrscht Weltuntergangsstimmung: Im Mai 1910 soll der Schweif des Halleyschen Kometen die Erdatmosphäre kreuzen und dabei tödliche Substanzen absondern. Manche Prager bauen sich Bunker, andere feiern, als gäbe es kein Morgen. Und im Windschatten der allgemeinen Panik sterben tatsächlich Menschen. Ist eine attraktive Fremde dafür verantwortlich, die Flaschen mit mysteriösen »Substanzen« verteilt? Oder haben die Morde einen politischen Hintergrund? Karel Novák, Zöllner der Franzensbrücke und eine der vielen fein gezeichneten Nebenfiguren des Romans, beklagt jedenfalls den zunehmenden Nationalismus, das »aufgepeitschte Gerede von Tschechen und Deutschen«. Novák ist es dann auch, der beim Nachtdienst die erste Leiche findet. Kischs Debüt als Ermittler nimmt seinen Lauf. Ein neugieriger junger Journalist namens Egon Erwin Kisch als Hauptfigur in einer Krimiserie: Diese Idee leuchtet sofort ein. Denn dass Journalismus immer auch Aufklärungsarbeit ist, war das Credo seines historischen Vorbilds, des »rasenden Reporters«.

Martin Becker und Tabea Soergel, 2016 gemeinsam Gewinner des Deutsch-tschechischen Journalistenpreises, haben für den Auftakt ihrer Krimiserie eine Unmenge historischer Details recherchiert und komponieren sie zu einem facettenreichen Prager Bilderbogen. Auch an der Spitze der Ermittlungen steht ein gemischtes Doppel: Lenka Weißbach, im Gegensatz zu Kisch eine fiktive Figur, angelehnt an Lenka Reinerová, stammt wie er aus dem deutschsprachigen jüdischen Milieu und ist offiziell eine der ersten Medizinstudentinnen Prags, was bei dem unerschrockenen Körpereinsatz ihres Partners gelegentlich hilfreich ist. Die beiden kommen ohne ein vorhersehbares Techtelmechtel aus, denn Lenka schwankt in ihrer Zuneigung zwischen dem tschechischen Dienstmädchen der Familie (ein beliebter Topos der Prager deutschen Literatur wird hier charmant gegen den Strich gebürstet) und einer charismatischen Berlinerin.

Wer sonst einen Bogen um Krimis macht, wird dem Gespann Kisch/Weißbach begeistert durch die Prager Gassen und Nächte folgen – oft gespannt, manchmal amüsiert, etwa wenn eine Figur namens Kafka von Prag als Mütterchen mit Krallen spricht und die Aufforderung »Schreib das auf, Franz!«, die ihrerseits auf den Titel eines Kisch-Buches anspielt, trocken mit »Habe ich schon« pariert. Wer in erster Linie auf einen schnörkellosen Krimi-Plot mit flotten Wendungen Wert legt, fühlt sich durch das verästelte Figurenensemble und die opulenten Milieuschilderungen wahrscheinlich eher ausgebremst.

Alle anderen dürfen sich auf den nächsten Fall des Duos freuen: Im Mittelpunkt des zweiten Bandes steht die historische Spionageaffäre um Oberst Redl, deren Aufklärung angeblich auch realiter auf Kisch zurückgeht. Die Feuer von Prag ist ein Portrait einer zunehmend nervösen Stadt kurz vor dem Ersten Weltkrieg und erscheint im Oktober 2025. Wir sind gespannt!

Martin Becker, Tabea Soergel: Die Schatten von Prag. Kischs erster Fall 
Kanon Verlag, Berlin 2024, 312 S., ISBN 978 3 98568 124 2