Auch wenn es handballähnliche Spiele seit der Antike immer wieder gegeben hatte, fand vor hundert Jahren das erste Handballspiel in Rumänien statt – ausgetragen von der Brukenthalschule in Hermannstadt/Sibiu. Die Stadt gilt seither als »Wiege des Handballs« in Siebenbürgen und ganz Rumänien. Von Beatrice Ungar
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Bei den Olympischen Spiele 1976 standen Rumänien gegen die UdSSR im Herren-Handball-Finale und so wie Alexandr Rezanov den rumänischen Torwart Cornel Penu bezwang, unterlag auch Rumänien mit 15:19. © IMAGO/Pressefoto Baumann

 »Im allgemeinen muß aber ausgesetzt werden, daß das Gesamtbild bei beiden Wettkämpfen durch das häufige Verschwinden des Balles (oft minutenlang!) auf der einen Seite in den Bach, auf der anderen hinter den Blanken [Zaun, Anm. d. R.] überaus gestört wurde, was auf die unzulänglichen Breitenverhältnisse des Platzes zurückzuführen ist. Weiter mangelt es an ordentlichen Toren, die hier durch Stangen mit hängendem Strick markiert wurden.« Diese Zeilen zum Turnschulgrund waren in der Hermannstädter Zeitung Deutsche Tagespost Nr. 144 vom 6. Juli 1920 zu lesen. Der Kommentar bezog sich zwar auf ein Fußballspiel, doch es ist zu vermuten, dass knapp ein Jahr später, als am 17. Juni 1921 auf diesem Platz in Hermannstadt das erste Handballspiel in Rumänien ausgetragen wurde, die Verhältnisse ähnlich waren.

Dieses vor hundert Jahren im Rahmen des Prüfungsschauturnens der evangelischen Mittelschulen und der Knabenbürgerschule ausgetragene Spiel war sozusagen das »Urspiel« dieser Sportart in Rumänien, auch wenn es handballähnliche Spiele seit der Antike immer wieder gegeben hatte. Hermannstadt gilt seither als »Wiege des Handballs« hierzulande. Dabei traten die 5. Realklasse und die 5. Gymnasialklasse der Brukenthalschule gegeneinander an. Es siegte die Realklasse mit 1:0. In einem Bericht im Siebenbürgisch-Deutschen Tageblatt vom 18. Juni 1921 ist unter anderem Folgendes zu lesen: »Der beim letzten Sport- und Turnfest dieser Anstalten gewonnene günstige Eindruck wurde beim gestrigen Schauturnen bestätigt. Es klappte alles tadellos und nicht nur die Einzel-, Gruppen- und Massendarbietungen und Leistungen, sondern die allenthalben herrschende Disziplin berührte überaus angenehm. […] Die zahlreichen Zuschauer des Schauturnens können sich sagen, daß die körperliche Erziehung unserer Knaben bei Turnlehrer Wilhelm Binder in den besten Händen ist. Seine gediegene Arbeit zeugt von unermüdlichem Fleiß, von Sachverständnis und Liebe zu seinem Beruf und zur Jugend.«

Der erste Turnverein in Siebenbürgen wurde fast einhundert Jahre zuvor, 1822, gegründet, auf Initiative des Pfarrers und Pädagogen Stephan Ludwig Roth (1796–1849). Inspiriert von den Ideen der Turnbewegung in Deutschland, die auf eine Initiative von Friedrich Ludwig Jahn (1778–1852) zurückging, hatte Roth in Mediasch/Mediaș den Turnunterricht als Schulfach etabliert. Mediasch war damit ein Vorreiter für das gesamte damalige Habsburgerreich. Innerhalb der Jahre 1845 bis 1848 wurde das neue Lehrfach in allen siebenbürgischen Städten eingeführt. Erst ab 1848 wird es in der gesamten Monarchie vorgeschrieben.

Inspiriert von den Ideen der Turnbewegung in Deutschland

Bis nach dem Ersten Weltkrieg wurde bei den Siebenbürger Sachsen klar zwischen Leibesertüchtigung und Sport unterschieden – und ersteres war in der Gewichtung deutlich stärker. So kam es, dass auch das 1921 ausgetragene Handballspiel nur am Rande eines Berichtes über das Prüfungsschauturnen erwähnt wird. Allerdings war 1862 der Hermannstädter Turnverein (HTV) aus der Taufe gehoben worden und der Turnlehrer Wilhelm Binder war zum Zeitpunkt des Spieles technischer Leiter des HTV-Turnrats. Binder hatte schon vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges versucht, »im Turnbetriebe sportliche Methoden zur Anwendung zu bringen«, ist im HTV-Sportkalender 1922 zu lesen. Ebenda heißt es: »Der Beginn unserer rein sportlichen Betätigung fällt in das Frühjahr des Jahres 1920.«

Am 22. Februar 1920 war Binder in Berlin als Zuschauer beim ersten Handballspiel zwischen zwei Männermannschaften in Deutschland dabei. Das Team des Turn- und Sportvereins von 1850 (heute BTSV 1850), setzte sich mit 4:1 gegen das Team des Turnvereins GutsMuths durch.Das Logo des Jubiläums hat der Layouter Claudiu Popa gestaltet. © Claudiu PopaDas Logo des Jubiläums hat der Layouter Claudiu Popa gestaltet. © Claudiu Popa

Gespielt wurde damals nach Regeln, die der Sportlehrer und »Vater des Handballs« Carl Schelenz (1890–1956) und sein Kollege Erich König erarbeitet hatten. Der Berliner Turnrat Max Heiser hatte im Jahr 1917 das erste Regelwerk für das neue Spiel erstellt und nannte es zunächst »Torball«, letztlich aber Handball. Heiser war der Meinung, dass sich Handball am besten als Mannschaftssportart für Frauen eigne.

In seinem Buch Handball-Geschichte(n). Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben ebnen Rumänien den Weg zum Gewinn von sieben Weltmeistertiteln schreibt Johann Steiner: »Das Handballspiel ist kaum in Deutschland erfunden, und schon tragen Siebenbürger Sachsen das erste Spiel aus. Der Handball in Siebenbürgen und im Banat entwickelte sich fast im Gleichschritt mit jenem im Mutterland. […] Der Vater des Handballspiels, Carl Schelenz, ist nach den Olympischen Spielen, im Frühjahr 1937, zu Gast in Siebenbürgen, erinnert sich Wilhelm Heidel, der zur rumänischen Olympiamannschaft 1936 gehört hat. Binder kennt den Berliner Turnlehrer seit 1912 und kann ihn zu diesem Siebenbürgen-Aufenthalt bewegen. Er ist Gast des Hermannstädter Turnvereins. Nach Angaben des Nationaltorwarts Ernst Wolf führt Schelenz die ›schöne und moderne Spielweise‹ in Siebenbürgen ein.«

Weltmeistertitel für Rumänien

Zunächst wurde bis Anfang der sechziger Jahre Handball auf dem Großfeld gespielt, eine Mannschaft zählte elf Spielerinnen oder Spieler. Die Handballdamen aus Rumänien gewannen 1956 und 1960 den Weltmeistertitel, 1962 auch im Kleinfeldhandball. Rumänien ist übrigens das einzige Land, dessen Damen-Landesauswahl an allen Endrunden der Handball-Weltmeisterschaft teilnahm. Weitere Spitzenleistungen erbrachten sie mehr als vierzig Jahre nach dem ersten gültigen WM-Titel (die WM-Titel im Großfeldhandball zählen in der offiziellen Statistik nicht): 2005 wurden sie Vizeweltmeister, 2015 holten sie Bronze. Zählt man die vier WM-Titel der Herren hinzu (1961, 1964, 1970 und 1974), waren das für den rumänischen Handballsport insgesamt sieben WM-Titel in 18 Jahren.

Für die Herren ging es seither abwärts. Nachdem sie 1967 und 1990 bei der WM Bronze gewonnen hatten, landeten sie 1982 auf Platz 5 und 2001 auf Platz 19 und verfehlten die Qualifikation für elf WM-Endrunden. Bei den EM-Endrunden sieht es noch schlimmer aus: Die Mannschaft Rumäniens war seit 1998 bei keiner Herrenauswahl mehr dabei. Die Damen holten immerhin bei der EM-Endrunde 2010 Bronze, erzielten allerdings bei der EM 2020 in Dänemark das bisher schlechteste Ergebnis in der gesamten Geschichte ihrer Teilnahme an der EM: den zwölften Platz. Sie schafften es auch nicht, sich für die Teilnahme an den Olympischen Spielen zu qualifizieren.

Ungeachtet des offensichtlichen Niedergangs des rumänischen Handballs wollen die Hermannstädter Handballfans das Jubiläum feierlich begehen. Sie waren immer mit Begeisterung dabei, sei es als Spielende oder als Zuschauerinnen und Zuschauer. Bis 2007 war ein Handballspiel beispielsweise fester Bestandteil der Hermannstädter Treffen in Dinkelsbühl (hier trafen sich die aus Hermannstadt ausgewanderten Siebenbürger Sachsen bis 1993 einmal im Jahr; seit 1994 wird das Treffen abwechselnd in Hermannstadt und in Dinkelsbühl von der Heimatgemeinschaft der Deutschen aus Hermannstadt organisiert).

Ein Statement eines Veteranen dieser Sportart, Rudolf Klubitschko, spricht Bände: »Zur Großfamilie der Hermannstädter Handballer zu gehören, war und ist für mich bis auf den heutigen Tag eine Quelle angenehmster Jugenderinnerungen. Die Tatsache, in den legendären Handballspielen der Brukenthalschule gegen das Ursulinenkloster Ende der fünfziger Jahre erfolgreich mitgewirkt zu haben, erfüllt mich mit großer Genugtuung. Diese Zeitspanne gehört mit Sicherheit zur Blütezeit des Handballs in Hermannstadt, gemessen auch an der Begeisterungsfähigkeit und Treue unserer Fans. Von unseren Trainern wurde der Mannschaftsgeist nicht nur inständig gepredigt, sondern von uns Spielern vorbildlich gelebt. Als Folge davon wurden echte Freundschaften fürs Leben geschlossen.«