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Cornelia Eisler. © Gerhard Maurer

Cornelia Eisler studierte Museologie an der HTWK Leipzig und World Heritage Studies in Cottbus. 2004 wurde sie an der Universität Kiel promoviert. Sie war u.a. Mitarbeiterin am Schlesischen Museum zu Görlitz sowie im Donauschwäbischen Zentralmuseum in Ulm und forscht derzeit am Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa in Oldenburg (BKGE). Zusammen mit dem Seminar für Europäische Ethnologie/Volkskunde der Universität Kiel und dem BKGE erstellte sie von 2008 bis 2012 eine Dokumentation der Heimatsammlungen in Deutschland. Seit März 2020 wird die Datenbank aktualisiert. Die Fragen stellte Markus Nowak.

Frau Eisler, Sie haben zu Heimatstuben geforscht. Steckt ein »kollektives Heimweh« hinter den Sammlungen?

In den Erzählungen zur Geschichte der Heimatstuben wird darauf immer wieder Bezug genommen. Man wolle das Heimweh »kompensieren«, indem Erinnerungsstücke aus den Herkunftsregionen zusammengetragen wurden. Die Heimatstuben galten somit als ein Versuch, den Verlust zu verarbeiten – besonders in den 1950er und 1960er Jahren. Die Forschung zeigt, dass dies offenbar in sehr unterschiedlicher Weise möglich war und durchaus eine Spannung zwischen persönlicher Trauer und kollektiver Aufarbeitung von Verlust bestand. So hatten viele Flüchtlinge und Vertriebene ihre eigenen privaten »Heimatecken« in ihren Wohnungen, abseits der öffentlichen Institutionen. Gleichzeitig gab es politische Motivationen für die Gründung von Heimatstuben und die Vorstellung, mit diesen »zurückzugehen« und sie dort als »Ausgangspunkt« für Heimatmuseen vor Ort zu etablieren. Sie waren folglich eng mit den damaligen revisionspolitischen Vorstellungen verbunden.

Und so entstanden sie gleich nach dem Krieg.

Die ersten Einrichtungen sind Ende der 1940er Jahre entstanden. Ab den 1950er Jahren gab es eine Art Gründungsbewegung, die vorrangig aus Initiativen in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen hervorgingen. Sie standen im Zusammenhang mit den Patenschaften auf kommunaler und regionaler Ebene, die für Flüchtlings- und Vertriebenengemeinschaften übernommen wurden. Als die Zahl der Patenschaften anstieg, wuchs auch die Anzahl der Heimatstuben. Bis in die 1990er Jahre gab es kontinuierlich Neugründungen. Teilweise haben sich die Bundesländer einen »Unterstützungswettbewerb« in dieser Hinsicht geliefert.

Welchen Zweck verfolgten die Sammlungen?

Historisch gibt es sehr viele Narrative. Zum einen haben wir Heimatstuben, die sich nur auf den einen Ort beziehen, aus dem die Menschen kamen. Dort hat man sich zu Heimattreffen zusammengefunden. Dabei ging es auch um die Dokumentation der erhaltenen Dinge, die natürlich immer auch mit den Menschen und ihren Schicksalen zusammenhingen. Die Heimatstube war auch eine Begegnungsstätte. Zum anderen richteten die Landsmannschaften und der BdV Geschäftsräume ein, die sich allmählich ebenfalls zu kleinen Sammlungen entwickelten. Aber gerade hier spielten politische Akzente eine Rolle: Man nutzte die Ausstellungen, um durch sie Zeichen zu setzen und auf die verlorenen Gebiete zu verweisen, die einige wieder zurückerhalten wollten.

Hatten die Heimatstuben einen Anteil an der Integration von Vertriebenen?

In gewisser Weise lässt sich diese Frage mit Ja beantworten. Mit dem Erlöschen der Erlebnisgeneration und aufgrund der patenschaftlichen Verantwortung sind Heimatstuben häufiger in die Verantwortung der kommunalen Verwaltungen übergegangen. Zuweilen erst dadurch wurde die Ankunft der Flüchtlinge, Vertriebenen und Aussiedler als Teil der Geschichte des neuen Wohnortes zunehmend anerkannt und der »Sammelauftrag« vor Ort erweitert. Die Bestände der Heimatsammlungen wurden also teilweise von den kommunalen Archiven aufgenommen, so dass größere Verluste oft vermieden werden konnten.

Wie steht es um die Zukunft der Heimatstuben? In Ihrer Dokumentation 2008 haben Sie noch fast 600 gezählt.

Es werden immer mehr Heimatstuben aufgelöst. Diese Tendenz gibt es jedoch bereits seit den 1970er Jahren. Einige Betreuer möchten ihre Einrichtungen auf Dauer so bewahren, wie sie sich seit ihrer Gründung darstellen. Es gibt jedoch viele, die schlicht vor finanziellen Problemen stehen, besonders wenn sich die Heimatgemeinschaften auflösen. Generell haben sich diese Schwierigkeiten im vergangenen Jahrzehnt eher noch verschärft. Es werden aber auch neue Wege gesucht, Heimatstuben umzuwidmen und sie auf diese Weise als Teil der Erinnerungskultur zu erhalten.

Wäre Digitalisierung ein Lösungsweg?

Es gibt Ideen, ganze Einrichtungen zu digitalisieren. Das sind aber Einzelprojekte, denn qualitativ hochwertige Digitalisierungen kosten Zeit und Geld. Zudem sind viele Sammlungen einfach nicht auf dem Niveau, dass man sie schnell digital umsetzen könnte. Es fehlen oft Bestandslisten, und daher ist es schwierig, die Herkunft der Sammlungsobjekte zu bestimmen und die Rechte an den Exponaten und am Bildmaterial zu klären. Dies ist aber eine wichtige Voraussetzung für die Digitalisierung und die zukünftige Online-Präsentation. Eine gute Dokumentation wäre natürlich hilfreich, gerade wenn man an die Herkunftsorte denkt, deren jetzige Bewohner ein besonderes Interesse daran zeigen, was in der Bundesrepublik an Beständen vorhanden ist. Zugleich stellen die Heimatstuben aber ein problematisches Feld dar, da die oft jahrzehntealten Sammlungen zuweilen überholte Geschichtsbilder präsentieren, die ohne eine fachkundige Kommentierung und Kontextualisierung heute nicht eins zu eins online gestellt werden sollten.

Wo sehen Sie also die Heimatsammlungen in – sagen wir – zehn Jahren?

Sobald die Dokumentation aktualisiert ist, werden wir das besser einschätzen können. Ich denke aber, Heimatstuben werden dann Bestand haben, wenn mit den Partnerstädten im östlichen Europa und/oder mit den Städten, in denen sie gegründet wurden, eine vertrauensvolle Zusammenarbeit stattfindet. So können sie in die Regionalgeschichte eingebunden werden sowie Verbindungen zu Museen beziehungsweise Archiven vor Ort schaffen und werden auch in den nächsten Jahren noch präsent sein. Natürlich nicht mehr in der Form, wie sie ursprünglich gedacht waren, aber gewandelt in dem Sinne, dass sie einen Teil der Integrations- und Verflechtungsgeschichte darstellen.

 

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