September 2020 – Kulturkorrespondenz östliches Europa № 1418 | von Markus Nowak und Marie Schwarz
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Bobrowskis altes Arbeitszimmer wurde nach Willkischken/ Vilkyškiai gebracht, den Handlungsort von Litauische Claviere. © Markus Nowak

Von Autos über Besteck und Geschirr bis hin zu Trachten oder Pferdewagen, die beim Flüchtlingstreck alles Hab und Gut aus dem Osten transportierten: Heimatstuben, Sammlungen und ganze Minderheitenmuseen zeigen die einstige, aber teilweise auch heute noch bestehende Kulturgeschichte der Deutschen im östlichen Europa. Häufig von Privatpersonen, Vertriebenen oder Verbänden gegründet, stehen sie 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs vor der Herausforderung des Wegbrechens der Erlebnisgeneration. Digitalisierung oder Übertragung in Archive oder die Herkunftsregion sind mögliche Wege in die Zukunft. Eine Bestandsanalyse anhand einiger Beispiele.

Rehgeweihe und Schwarzweißfotos an der Wand, Bücherregale, alte Möbel und eine Schreibmaschine hinter Glas. Eine durchaus gemütliche Atmosphäre hat sich Johannes Bobrowski in seinem Arbeitszimmer in Berlin-Friedrichshagen geschaffen. Der aus Tilsit/russ. heute Sowjetsk stammende Dichter war befreundet mit Hans Magnus Enzensberger, Paul Celan und Günter Grass und schrieb neben zahlreichen Gedichten die Romane Levins Mühle sowie Litauische Claviere, in denen er sich immer wieder mit seiner ostpreußischen Heimat auseinandersetzte. Nach seinem plötzlichen Tod 1965 lebte seine Frau Johanna bis 2011 in der gemeinsamen Berliner Wohnung. Bobrowskis handschriftlicher Nachlass wird im Deutschen Literaturarchiv Marbach aufbewahrt, und seine Bibliothek befindet sich in den historischen Sammlungen der Zentral- und Landesbibliothek Berlin.

Das eingangs beschriebene Arbeitszimmer aber wurde rund tausend Kilometer gen Osten bewegt, nach Willkischken/Vilkyškiai in Litauen. Kein Zufall: Willkischken ist Handlungsort von Litauische Claviere. Die Landschaft an der Memel war Inspiration für den Dichter, und das kleine Bobrowski-Museum in dem 1500-Einwohner-Nest ist ein Beispiel dafür, welche Wege Ausstellungen und Sammlungen gehen, die sich in jüngster Zeit, nach dem Ableben der Erlebnisgeneration, im weitesten Sinne mit dem östlichen Europa beschäftigen. Denn eine Möglichkeit ist die Übertragung von ganzen Sammlungen oder von Teilen in die »Ursprungsregionen«, wie im August 2019 Teile der Bunzlauer Sammlung aus Siegburg ihren Weg ins Keramikmuseum Bunzlau/Bolesławiec gefunden haben.

 

In die alte Heimat zurück

Peter Börner, Vorsitzender der Bundesheimatgruppe Bunzlau, sitzt in der alten Bunzlauer Heimatstube. © Dieter GöllnerPeter Börner, Vorsitzender der Bundesheimatgruppe Bunzlau, sitzt in der alten Bunzlauer Heimatstube. © Dieter Göllner

Gemeinsamkeiten in Bezug auf die Herstellung von Tonwaren führten in der früheren Töpferstadt Siegburg nach dem Krieg zu ersten Kontakten mit Bunzlauern. Daraus entwickelte sich die Übernahme der Patenschaft durch die Kreisstadt Siegburg und den ehemaligen Siegkreis über die vertriebenen Einwohner von Bunzlau, die 1953 besiegelt wurde. Mit Unterstützung der Paten fand im gleichen Jahr das erste Bundesheimattreffen der Bunzlauer statt. 1985 wurde im Siegburger »Haus der Begegnung« eine Heimatstube mit Museum, Bibliothek und Archiv eingerichtet. Im Laufe der Jahre folgten mehrere Umzüge in verschiedene von der Stadt zur Verfügung gestellte Räumlichkeiten, die jedoch mittelfristig einer anderen Verwendung zugeführt werden sollten. Dann kam der Zeitpunkt, an dem sich die Vertreter der Bundesheimatgruppe für die Schenkung ihrer Sammlungen an das Haus Schlesien in Königswinter entschieden. Letzteres wird Dauerleihgaben-Vereinbarungen mit anderen Institutionen abschließen, so dass die Sammlung als solche erhalten bleibt und teilweise der interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird.

Etwa in Bunzlau selbst, wo das Keramikmuseum noch zwei Abteilungen hat, die demnächst zusammengeführt werden sollen. Silke Findeisen, die das Bunzlau-Projekt im Haus Schlesien betreut, bestätigt, dass aufgrund einer Anfrage der Bunzlauer Partner vom Muzeum Ceramiki eine erste Auswahl besonderer Keramiken, Bilder und Landkarten inventarisiert und als Dauerleihgabe nach Bunzlau gegeben wurde.

Bei der Ausstellungseröffnung in Niederschlesien zeigte sich Peter Börner, Vorsitzender der Bundesheimatgruppe Bunzlau, zwar froh, »dass wir unsere Schätze in guten und kompetenten Händen wissen, und wir sind sicher, dass sie viel Anklang finden.« Zugleich schmerze es, dass es nicht möglich war, die Bunzlauer Heimatsammlung in Siegburg zu sichern. »Andererseits kann man sagen: Sie haben den Weg zurück nach Schlesien gefunden. Sie sind zumindest als Leihgabe wieder dorthin gekommen, wo sie einstmals zu Hause waren.«

 

Virtuelle Heimatstuben

Unter www.heimatstube-habelschwerdt.de ist die Heimatstube Habelschwerdt zu erreichen. © Screenshot Deutsches Kulturforum östliches EuropaUnter www.heimatstube-habelschwerdt.de ist die Heimatstube Habelschwerdt zu erreichen. © Screenshot Deutsches Kulturforum östliches EuropaDie »Heimkehr« ist aber nur ein Zukunftsszenario für Sammlungen, sind doch viele Heimatstuben durch Überalterung sowohl ihrer Betreiber als auch der Zielgruppen bedroht. Eine weitere Möglichkeit ist die Digitalisierung von Beständen und spätere Ausstellung im Internet. Einer der Pioniere auf diesem Gebiet ist die Heimat­stu­be Habelschwerdt in Altena. 2009 machte Barbara Trappe, Jahrgang 1946, den Vorschlag, die Exponate ins Netz zu übertragen. »Bei dem Treffen klagte jemand, dass man sonntags in der Heimatstube sitzt und keine Gäste kommen«, erinnert sich Trappe.

Schon damals zeigte sich das schwindende Interesse an den Heimatsammlungen, auch weil etwa die Habelschwerdter weit verstreut sind. »Ich schlug vor, dass man alles, was vorhanden ist, fotografiert und ins Netz stellt. Denn mittlerweile nehmen nur noch wenige die lange Anreise zur Heimat­stube auf sich.« Gesagt, getan: Die insbesondere von Trappe betreute Seite ging 2010 online und war von Beginn an »ein großer Erfolg«, wie sie sagt: Im gleichen Jahr 2000 Zugriffe, im zweiten schon 5000, erinnert sie sich. »Unsere Mitglieder waren schwer angetan.«

Mittlerweile bekommt sie viele Anfragen von Heimatforschern oder Nachkommen ehemaliger Habelschwerdter. »Die Menschen, die mich anschreiben, sind oft Mitte fünfzig. Sie fangen dann an zu forschen, wenn Vater oder Mutter gestorben sind und sie vor den alten Fotos dasitzen und nicht wissen, was darauf ist«, sagt Trappe. »Die Zukunft der Heimatstuben ist digital«, ist sie sich sicher.

Eine virtuelle Zukunftsvision der Heimat­stuben sieht auch die Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen. So hat sie im Juli erst im Rahmen des Leuchtturmprojekts »Virtuelle Heimatsammlungen« die Sammlung der Siebenbürger Sachsen in Wiehl digitalisiert: Dabei wurden ausgewählte Ausstellungsstücke fotografiert und die Heimatstube für eine 360-Grad-Rundumsicht aufgenommen. Aus den Aufnahmen entsteht eine virtuell begehbare Heimatstube, die zusammen mit zunächst elf weiteren Sammlungen aus Nordrhein-Westfalen auf einer eigenen Webseite zugänglich gemacht wird.

 

Zukunftsperspektiven aufzeigen

Blick ins Ostpreußische Landesmuseum und seine Exponate zu Immanuel Kant, darunter zwei silberne Bohnen der Königsberger Bohnengesellschaft, ein Stich und eine Haarlocke Kants. © Ostpreußisches LandesmuseumBlick ins Ostpreußische Landesmuseum und seine Exponate zu Immanuel Kant, darunter zwei silberne Bohnen der Königsberger Bohnengesellschaft, ein Stich und eine Haarlocke Kants. © Ostpreußisches Landesmuseum

Einen anderen Weg zur Zukunftssicherung schlug das zwischen 1968 und 2016 bestehende Museum Stadt Königsberg ein. »Die Zukunft liegt in der Integration«, glaubt Klaus Weigelt, Vorsitzender der Stadtgemeinschaft Königsberg. Das Duisburger Haus nahm in seiner Geschichte häufig am kulturellen Leben teil, zeigte 2004 in einer Exposition rund 30000 Besuchern das Leben und Wirken von Immanuel Kant oder organisierte anlässlich des Kulturhauptstadtjahres RUHR.2010 eine weitere Ausstellung über den Königsberger Philosophen. Doch ab den 2010er Jahren waren das steigende Alter in der Stadtgemeinschaft und die schwindende Zahl der ehrenamtlichen Helfer zu beobachten.

2016 wurden die Bestände schließlich dem Ostpreußischen Landesmuseum (OL) in Lüneburg übergeben. Weigelt ist darüber froh, denn von jetzt auf gleich könne man kein Wissen übertragen. Im geplanten Kant-Anbau des OL ist eine eigene Königsberg-Abteilung auf Grundlage der übergebenen Sammlung geplant.

Von der Zusammenführung der Bestände profitiert dabei nicht nur die Stadtgemeinschaft Königsberg, sondern auch das OL, wie Mu­seums­direktor Joachim Mähnert bei der feierlichen Übergabe feststellte: »Damit wird Lüneburg Kantstadt«, sagte er und spannte so ein Netz zwischen den ehemaligen Hansestädten Lüneburg und Königsberg. Weigelt und seine Mitstreiter sind froh, dass die Sammlung nun in professionellen Händen ist: »Uns ging es um die Bewahrung des Kulturguts.« Gerade auch, weil mit der Überführung ins OL neue Zugänge zu Ostpreußen erschlossen werden und damit auch weitere Zielgruppen ins Museum kommen, etwa Kindergeburtstagsgäste. Die Hoffnung, neues Publikum zu erreichen, weckt auch die Digitalisierung der Heimatstuben, da sie nun von überall auf der Welt quasi rund um die Uhr von allen Interessierten zu besuchen sind und dadurch auch jüngere Menschen anziehen.

Minderheiten vor Ort

Die Frage nach der Zukunftsfähigkeit stellt sich im ungarischen Tata nicht. »Wir sind eine lebendige Minderheit«, heißt es im Ungarndeutschen Museum vor Ort. In Ungarn leben heute noch etwa 220000 Angehörige der deutschen Minderheit. Unter dem Motto der 2015 eröffneten Dauerausstellung Wir und die Anderen beleuchtet das Museum das Zusammenleben von Minderheiten und Mehrheitsgesellschaft und ihre Verflechtungsgeschichte. Mit persönlichen Erinnerungsstücken wird auch hier die Geschichte anhand von individuellen Schicksalen erzählt. Das Museum ist dabei Teil des Stadtmuseums und so auch symbolisch in die Stadtgeschichte eingebunden. Dies wird auch an seinem Social-Media-Auftritt deutlich– das Museum richtet sich vor allem an eine jüngere, meist ungarischsprachige Zielgruppe.

Die jahrhundertelange Nachbarschaft und Verflechtungsgeschichte zu erzählen, war auch Anstoß für die Gründung des Collegium Bohemicum 2006. In Aussig/Ústí nad Labem sollte ein deutsch-tschechisches Museum diese nun ausstellen. Auch wenn in Böhmen nur noch wenige deutschsprachige Bewohner leben, so gab es doch auf beiden Seiten der deutsch-tschechischen Grenze seit den 1990er Jahren Bestrebungen, die gemeinsame Geschichte nicht nur aufzuarbeiten, sondern auch öffentlich zugänglich zu machen. Das Konzept für die Ausstellung steht schon seit 2011 fest. Zunächst war ihre Eröffnung im Flügel des Stadtmuseums für 2014 geplant, bürokratische Hürden und die verspätete Freigabe von zugesagten Fördermitteln führten zu Verzögerungen. Zudem gab es immer wieder politische Auseinandersetzungen, etwa darum, wie »tschechisch« oder »deutsch« die Ausstellung sei. Inzwischen wurde mit der Installation der Ausstellung Unsere Deutschen begonnen. Der Eröffnungstermin wurde nun erneut verschoben, diesmal allerdings coronabedingt. Nach mehr als 14 Jahren Planungsphase soll das »Museum der deutschsprachigen Bewohner Böhmens« im Januar 2021 eröffnet werden. Ein erster Einblick in die Ausstellung verrät: Sie wird interaktiv.

 

»Boost« in Sachen Identität

Im Aufbau befindlich ist derzeit auch ein weiteres Museum, wo eine durchaus lebendige deutsche Minderheit aktiv ist. In Oberschlesien, rund um Unscheinbar wirkt das bereits erworbene Haus in der Altstadt von Oppeln/Opole. Es wird derzeit saniert. Darin soll das »Dokumentations- und Ausstellungszentrum der Deutschen« mit einer Ausstellung zur deutschen Minderheit in Polen einziehen. Die Eröffnung ist für März 2022 geplant. © Weronika WieseOppeln/Opole, lebt mehr als die Hälfte der rund 200000 Menschen mit deutscher Abstammung in Polen. Seitdem 2011 von Berlin und Warschau in der »Gemeinsamen Erklärung des Runden Tisches« die Idee festgehalten wurde, ein Ausstellungshaus zur Geschichte der deutschen Minderheit zu errichten, sei aber nicht viel geschehen, sagt Weronika Wiese. Die Projektkoordinatorin und stellvertretende Leiterin des »Dokumentations- und Ausstellungszentrums der Deutschen« in Polen berichtet von konkreten Plänen, die derzeit realisiert werden: In der ersten Etage des bereits erworbenen Baus soll eine Ausstellung über Deutsche in Polen entstehen, in der die Geschichte der Besiedlung und Stadtgründungen zu sehen sein wird. »Es geht darum zu zeigen, dass die Minderheit nicht erst 1945 plötzlich da war«, sagt Wiese. Weitere Etagen stehen für Wanderausstellungen oder Seminare offen.

Bis Ende 2020 wird ein bereits erworbenes Gebäude »adaptiert«, also saniert. 2021 soll die Ausstellung aufgebaut werden, und im März 2022 ist – nach bisheriger Planung – die Eröffnung vorgesehen. Die Gelder fließen bislang aus Berlin, das Marschallamt Oppeln will sich an den laufenden Kosten beteiligen, Unterstützung aus Warschau werde noch beantragt, sagt Wiese. Auch, damit es nicht als »deutschfinanzierte Ausstellung« torpediert werde. »Wir alle warten auf so etwas wie unser Museum«, sagt Wiese. »Das wird etwas Einmaliges in Polen und in Europa.« Wie auch die Gründungen der Heimatstuben auf den Wunsch nach Identitätswahrung der Heimatvertriebenen zurückgehen, so werde das Museum der Minderheit in Oppeln den Deutschen in Polen in Sachen Identitätsbildung »einen Boost« geben, sagt Wiese. »Das ist wichtig für uns.«

Unter Mitarbeit von Dieter Göllner

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