Januar 2020 – Kulturkorrespondenz östliches Europa № 1411 | von Jennifer Frank, Roman Boichuk und Alina Wagner
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Weihung eines Gedenkkreuzes auf dem ehemaligen deutschen lutherischen Friedhof in Poljanka, Wolhynien. © Roman Boichuk

Die Kulturschaffende Katharina Martin-Virolainen ist auf der Suche nach der Heimat ihrer Großmutter. Auf diesem Weg führte sie eine Gruppe aus Ukrainern, Deutschen und einen katholischen Priester in Wolhynien zusammen. Die Geschichte einer Familiensuche mit einem Anfang ohne Ende.

von Jennifer Frank, Roman Boichuk und Alina Wagner

Es ist ein kalter Herbsttag. Eine Gruppe junger Ukrainer und Deutscher stapft durch den Wald, das Ziel ist unbekannt. Der Weg ist zugewachsen und schwer erkennbar, ohne einen Ortskundigen ist die Strecke nicht zu finden. Begleitet werden sie von einem katholischen Priester. Am Ende des zwei Kilometer langen Weges wartet bereits eine Gruppe älterer Frauen mit bunten Kopftüchern. Sie sind mit ihren Fahrrädern aus einem benachbarten Dorf hierhergefahren, um der Zeremonie beizuwohnen. Vor einem Kreuz, auf dem ein Foto befestigt ist, bleiben alle stehen.

Eine junge Frau, blond, groß, dynamisch, tritt aus der Menge hervor. Es ist Katharina Martin-Virolainen. »Das ist meine Großmutter und ihre Familie«, sagt sie. Das ist, was sie mit jenem Ort verbindet. Bevor noch mehr gesagt werden kann, beginnt der Priester ein Gebet zu sprechen. Zunächst auf Ukrainisch, dann auf Deutsch. Die alten Dorfbewohnerinnen schließen sich dem Gebet an. Es ist nicht nur die Weihung eines Kreuzes für Katharinas Familie, es ist auch die Weihe für einen Ort, den es schon seit Jahrzehnten nicht mehr gibt.

Katharina möchte aufklären und zum Erinnern aufrufen: Im Rahmen der Autoren- und Medienwerkstatt »Deutsche Geschichte in Wolhynien« hat sie gemeinsam mit der Journalistin Irina Peter im Herbst 2019 zwanzig junge Erwachsene aus der Ukraine und aus Deutschland nach Schytomyr eingeladen, um auf die verbliebenen Spuren deutscher Siedlungen in der Region aufmerksam zu machen. Sie führt die Teilnehmer auch hinaus aufs Feld – und Katharina beflügelt die Spurensuche mit ihrer ganz persönlichen Geschichte.

Kein Ruf der Zarin

Die ursprüngliche Geschichte der deutschen Siedler Wolhyniens, einer Region im Nordwesten der heutigen Ukraine, unterscheidet sich von jener der »klassischen« Wolgadeutschen. Im Gegensatz zu den Siedlern im Wolgagebiet kamen die Deutschen nach Wolhynien, ohne von Zaren gerufen worden zu sein. Nachdem sich die Deutschen im russischen Teil Polens nicht am Novemberaufstand 1830/31 gegen die russische Herrschaft beteiligt hatten, waren sie der polnischen Bevölkerung ein Dorn im Auge. Dadurch setzte eine später auch wirtschaftlich motivierte Wanderungsbewegung ein. 

Auf diese Weise fanden auch Katharinas Vorfahren ihr Zuhause im Dorf Dubowaja. »Wenn meine Großmutter von Wolhynien erzählte, wurde sie wieder zum Kind.« Auch Jahrzehnte nach ihrer Deportation habe sie bei der Erinnerung an ihr Heimatdorf gestrahlt. Der Besuch dieses fernen Ortes wurde für Katharina zum Wunschtraum. Dabei war ihr die wolhyniendeutsche Abstammung lange Zeit unbekannt gewesen. »Für mich war sie immer meine deutsche Oma aus Kasachstan. Ich hatte keine Ahnung, bis sie mir eines Tages sagte, dass sie in der Ukraine geboren wurde.«

Katharina Martin-Virolainens Großmutter stammte aus dem Dorf Dubowaja in Wolhynien. Hier begab sich Martin-Virolainen dieses Jahr im Rahmen der von ihr mitinitiierten Autorenwerkstatt »Deutsche in Wolhynien« auf eine weitere Spurensuche. © Roman Boichuk

Wie ein großer Teil der 150000 zu Beginn des Ersten Weltkrieges in Wolhynien ansässigen Deutschen waren Katharinas Vorfahren im Zuge des 1915 erlassenen Liquidierungsgesetzes aus ihrer Heimat deportiert worden. Mit Russlands Kriegseintritt gegen das verfeindete Deutsche Reich kam die deutsche Bevölkerung in das Visier der russischen Führung, die diese zu Sündenböcken machte. Obwohl sie mit der Abdankung des Kaisers und dem Ende des Krieges zurückkehren konnten, taten es nur sehr wenige. Viele fanden ihre Häuser zerstört oder durch ukrainische Bauern besetzt vor.

Diejenigen, die eine Rückkehr wagten, mussten später jedoch feststellen, dass in Wolhynien ein Neuanfang nicht zu machen war. Auf der Grundlage des Geheimen Zusatzprotokolls des Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspaktes wurden die sogenannten Volksdeutschen aus den nunmehr der Sowjetunion zugestandenen Teilen Polens ab 1939 in die von Deutschland eingenommenen polnischen Gebiete umgesiedelt.

Beinahe vergessene Spuren

Nach dem Tod ihrer Großmutter vor einigen Jahren wurde die Aufarbeitung ihrer Familien­geschichte für Katharina vom Interesse zur Lebensaufgabe. Zusammen mit Irina Peter, ebenfalls Russlanddeutsche mit Wurzeln in Wolhynien, unternahm sie eine Reise in die Region Schytomyr, die einen Teil des historischen Gebietes ausmacht. Die beiden Frauen hofften Spuren der beinahe mythisch erscheinenden Heimat ihrer Vorfahren zu finden – und doch musste Katharina nur Tage vor ihrer Abreise erfahren, dass der Ort, den sie zu finden erhofft hatte, im Zuge der sowjetischen Kollektivierung beinahe restlos zerstört worden war. »Ich war fest davon überzeugt, dass es dieses Dorf noch gibt und dass ich irgendwann das Haus meiner Oma aufsuchen werde. Als wir in Irinas Dorf waren, habe ich mich für sie gefreut, aber gleichzeitig habe ich innerlich geweint – weil ich wusste, das werde ich niemals haben.«

Durch einen Kontakt, der ihr durch den Schytomyrer Wolodymyr Pinkowski, selbst Wolhyniendeutscher, vermittelt wird, findet Katharina einen Beistand, mit dem sie nicht gerechnet hat. Mykola Polyansky ist einer der wenigen Lokalexperten, der die deutschen Spuren der Region als solche erkennen kann. Als er 2004 in Rente ging und aus Auf einem verlassenen Feld in Sorotschen steht diese Ruine einer ehemaligen deutschen Baptistenkirche. © Roman Boichukdem turbulenten Kiew wieder zurück aufs Land zog, begann er, sich mit der Geschichte der Region zu befassen. In seinem komplett in Eigeninitiative errichteten Museum, gelegen in seinem Heimatdorf Poljanka, widmet sich Mykola der Erinnerung an das Leben in Wolhynien.

Dort wo nun das Kreuz geweiht wurde, erinnert sich Mykola, befand sich noch in den 1970er Jahren ein lutherischer Friedhof. Mithilfe seiner Expertise führte er Katharina auf das Gelände, wo einst ihre Großmutter die Kindheit verbracht hatte. Den Weg dorthin trat Katharina mit gemischten Gefühlen an, unsicher, was sie vorfinden würde. Mit den Worten »Wir sind da« blieb Mykola neben einem leeren Feld stehen. Nichts mehr erinnerte an das ehemalige Dubowaja, wo es seines Wissens vor der Deportation ungefähr 15 Bauernhöfe gegeben hatte.

»Es hat mich erschlagen«, erinnert sich Katharina. »In diesem Moment habe ich verinnerlicht, wie vergänglich alles ist, wie schnell es in Vergessenheit geraten kann. Die Menschen, die dort regelmäßig langgehen – sie haben keine Ahnung, dass dort mal Deutsche gelebt haben oder dass es dort einmal ein Dorf gab, Leben gab.«

Eine »Wiedergeburt«?

Dieses fehlende Bewusstsein möchte Wolodymyr Pinkowski wiedererwecken. Als Vorsitzender der Organisation »Wiedergeburt« widmet er sich der Aufarbeitung wolhyniendeutscher Geschichte. Dabei beschäftigt er sich auch aktiv mit dem Aufbau und der Verbesserung deutsch-ukrainischer Beziehungen. Unter seiner Leitung wurden in der Region Schytomyr sowie in verschiedenen deutschen Städten Schüler- und Studentenaustausche, Gedenkzeremonien für deportierte Deutsche, Deutschkurse sowie eine Wanderausstellung zur Geschichte der Wolhyniendeutschen organisiert.

In der Stadt Schytomyr selbst erinnern lediglich bestimmte architektonische Spuren wie etwa eine lutherische Kirche und ein alter Friedhof an die einstige deutsche Minderheit. Einzig der aus Schytomyr stammende sowjetische Pianist Swjatoslaw Richter ist als Wolhyniendeutscher bekannt. Ähnlich wie auf dem Land herrscht auch bei der städtischen Bevölkerung Unwissen um die deutsche Geschichte in der Region. Dies könnte aber auch eine Folge der Massenauswanderungen der 1990er Jahre sein. »Viele ethnische Deutsche verließen Schytomyr aus materiellen Gründen«, erzählt Wolodymyr. Als Sohn einer wolhyniendeutschen Mutter ist er einer von etwa tausend in der Stadt verbliebenen Menschen deutscher Herkunft. Auch aus diesem Grund unterstützt Wolodymyr Katharina bei ihrer Familienforschung. Ihre Geschichte ist dabei für ihn leider sehr typisch. Beinahe jeden Monat wenden sich Menschen an die Organisation »Wiedergeburt«, um nach ihren Vorfahren zu suchen. Im Unterschied zu Katharina bleiben diese Versuche aufgrund fehlender Informationen leider häufig erfolglos.

Das Vergessen beenden

Statt des erhofften Abschlusses wurde Katharinas Wolhynien-Reise der Anfang einer tiefgreifenden Auseinandersetzung mit ihrer Familiengeschichte. Als Leiterin Die Teilnehmenden der Medien- und Autorenwerkstatt Deutsche Geschichte in Wolhynien.verschiedener Kulturprojekte versucht sie mittlerweile, zur Aufarbeitung der Geschichte der deutschen Minderheiten in den postsowjetischen Staaten beizutragen. Dabei möchte sie vor allem bei jungen Russlanddeutschen ein Bewusstsein für ihre eigene Familiengeschichte schaffen. Sie hofft, in Zukunft weitere kulturelle Projekte leiten zu können, die sich mit der Geschichte der Wolhyniendeutschen beschäftigen.

Die Auseinandersetzung mit der Geschichte von Vertriebenen ist für die Überlebenden und ihre Angehörigen ein langer und schmerzhafter Prozess. Nicht immer hat der Versuch der Aufarbeitung den gewünschten Erfolg und nicht jedes Schicksal lässt sich aufklären. Die Namen vieler Wolhyniendeutschen werden wohl immer in Vergessenheit bleiben.

Und dennoch widmet sich Katharina weiter ihrer selbst gewählten Lebensaufgabe. Aus einer Eigeninitiative heraus errichtete Mykola auf dem Gelände des ehemaligen lutherischen Friedhofs von Dubowaja das Kreuz. Es ist ein Denkmal für die einstigen Bewohner des Ortes. Und es ist auch ein Symbol dafür, dass beinahe ein ganzes Jahrhundert des Vergessens nun endet.

 

 

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