Kulturkorrespondenz östliches Europa, № 1407 | September 2019
Carolin von der Heiden, Niklas Lämmel

Das Zitat aus einem Brief des Ehepaars Kroch an ihren Sohn spiegelt die Ungewissheit und Hoffnung der Breslauer Juden 1941 wider.Seit einigen Jahren wird darüber diskutiert, wie das Erinnern an die Verfolgung und Vernichtung der Juden gestaltet werden soll, wenn die letzten Zeitzeugen nicht mehr am Leben sind. Die Dokumente einer neuen Quellenedition könnten einen Beitrag dazu leisten, neue Wege der Gedenkkultur zu finden, indem sie Einzug in die digitale Welt und die sozialen Netzwerke halten.

Am 21.Oktober 1941 schickten der Breslauer Handelsvertreter Ludwig Kroch und seine Frau Elly einen Brief nach Uruguay, wohin ihr Sohn Ernst Julius 1937 geflohen war. Er war zuvor als jüdischer Kommunist im KZ Lichtenburg (Sachsen-Anhalt) inhaftiert gewesen. Der Brief zeugt davon, dass sich mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 die Lage für die Juden im Deutschen Reich weiter verschärft hatte. Das Ehepaar berichtete, dass bereits einige ihrer Freunde »ihr Domizil« wechseln mussten – eine Maßnahme zur Vorbereitung auf die Deportation der Breslauer Juden, die wenige Wochen später begann. Ludwig und Elly Kroch versuchten, ein Visum für die Einreise nach Uruguay zu erhalten, wozu sie allerdings 2000 Dollar bei der Staatsbank von Montevideo hinterlegen mussten. Eine Unmöglichkeit für das Ehepaar, das »weder reiche Verwandte noch Bekannte hatte«, wie sie verzweifelt erklärten. In dem Brief berichteten sie von ihrer letzten Hoffnung, das Deutsche Reich doch noch verlassen zu können: Der Sohn sollte einen Kredit in Uruguay aufnehmen, um so die nötige Bürgschaft hinterlegen zu können.

Die Edition Judenverfolgung: Forschung und Erinnerung

Der Brief des Breslauer Ehepaars ist eines von etwa 5000 Dokumenten, die in den 16 Bänden der Quellenedition Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945 (VEJ) veröffentlicht werden. Seit 2004 haben Historiker die Quellen mit dem Ziel zusammengetragen, eine umfangreiche Dokumentation der Vernichtung der europäischen Juden zu erstellen. Im Jahr 2020 soll das Projekt, das vom Institut für Zeitgeschichte München, der Universität Freiburg und dem Bundesarchiv getragen wird, mit dem Erscheinen der letzten Bände abgeschlossen sein. Im Gegensatz zu den meisten anderen Quelleneditionen zum Holocaust, die Dokumente zu einem bestimmten Thema versammeln, ist die VEJ nach Zeiträumen und Regionen geordnet. Die einzelnen Quellen sind behutsam ediert, in den Fußnoten finden sich Kurzbiografien der erwähnten Personen sowie weitere Erklärungen zu historischen Sachverhalten. Eine Einleitung stellt jeweils den geschichtlichen Kontext der einzelnen Bände dar. Der Brief von Ludwig und Elly Kroch wird im sechsten Band der Reihe veröffentlicht, der die Judenverfolgung im Deutschen Reich und im »Protektorat Böhmen und Mähren« zwischen Oktober 1941 und März 1943 dokumentiert. Weitere Bände versammeln Quellen aus West-, Nord- und Südeuropa, insgesamt werden alle Regionen abgedeckt, die während des Zweiten Weltkriegs im deutschen Einflussbereich lagen. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf dem östlichen Europa sowie den ehemaligen Ostgebieten. Aus den besetzten und eingegliederten Teilen Polens und der Sowjetunion stammen nicht nur die meisten Opfer des Holocaust, die Gebiete bildeten auch das Zentrum der Judenvernichtung. Ein großer Teil der publizierten Dokumente wurden von Opfern der Verfolgung verfasst: junge und alte Menschen, die sich in Briefen von Freunden und Verwandten verabschieden oder in Tagebüchern die unmenschlichen Bedingungen in den Ghettos schildern. Die Edition zeigt aber auch, dass es falsch wäre, die Juden nur als passive Opfer wahrzunehmen. Wie das Ehepaar Kroch versuchten viele Personen noch im letzten Moment zu fliehen. Besonders in den Bänden zum östlichen Europa sind zahlreiche Dokumente abgedruckt, die von vielfältigen Widerstandsformen bis hin zum bewaffneten Kampf jüdischer Partisanen zeugen.

Gleichzeitig versammeln die Bände Dokumente aus der Perspektive der Täter. Neben zentralen Quellen, die die wichtigsten Entwicklungen hin zur Vernichtung dokumentieren, wie das Protokoll der Wannsee-Konferenz aus dem Januar 1942, sind Briefe und Befehle von allen Ebenen des nationalsozialistischen Herrschaftssystems abgedruckt: von einer NSDAP-Ortsgruppe, die 1938 einen jüdischen Apotheker denunzierte, bis zur Diskussion zwischen verschiedenen Ministerien über die Frage, welche Personengruppen in den Vernichtungsprozess einbezogen werden sollen. Zusätzlich zeugen Zeitungsartikel und Mitschriften von Reden von der antisemitischen Propaganda der Nationalsozialisten. Ergänzt werden die Bände durch Dokumente von Personen, die nicht unmittelbar am Geschehen beteiligt gewesen sind. Durch Tagebucheinträge von Augenzeugen und Berichte internationaler Zeitungen wird auf eindrückliche Weise deutlich, wie früh und umfangreich Wissen über die Judenvernichtung im In- und Ausland vorhanden war.

Viele der Dokumente aus der VEJ wurden zwischen 1933 und 1945 in Berlin verfasst. Auf den Social-Media-Kanälen des Editionsprojekts wird gezeigt, wie die historischen Orte heute aussehen. So können die Posts wie digitale Stolpersteine im alltäglichen Newsfeed wirken.

Wenn Dokumente für sich sprechen

Was auf den ersten Blick befremdlich erscheinen mag, entpuppt sich als eine große Stärke des Editionsprojekts: Dokumente von Opfern und Tätern stehen nebeneinander. Nicht nur die Genese der Vernichtung kann so chronologisch aus verschiedenen Perspektiven nachvollzogen werden. In einem gewissen Sinne antworten die Opfer auf die Dokumente der Täter. Das Leid eines verarmten jüdischen Ehepaars, das verzweifelt versucht, Geld für die Emigration aufzutreiben, steht den antisemitischen Lügen in den abgedruckten Reden Joseph Goebbels entgegen. Die Zeugnisse der Verfolgten sprechen für sich selbst: Sie dokumentieren nicht nur das Leid, sondern auch die Hoffnung, die Verfolgung zu überstehen. Die Bände können so als schriftliches Denkmal für die ermordeten Juden Europas gelesen werden. Die Hoffnung des Ehepaars Kroch auf ein »Wiedersehen in Montevideo« wurde nicht erfüllt. Aus einer Fußnote erfährt der Leser, dass sie 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert wurden, wo Ludwig Kroch umkam. Seine Frau wurde 1944 in Auschwitz ermordet.

Seit einigen Jahren wird darüber diskutiert, wie das Erinnern an die Verfolgung und Vernichtung der Juden gestaltet werden soll, wenn die letzten Zeitzeugen nicht mehr am Leben sind. Die Dokumente der VEJ könnten einen Beitrag dazu leisten, neue Wege der Gedenkkultur zu finden. Eine Auseinandersetzung mit Quellen wie dem Brief des Ehepaars Kroch kann selbstverständlich ein persönliches Gespräch mit Überlebenden nicht ersetzen. Die Dokumente bieten jedoch die Möglichkeit, einen persönlichen Zugang zu der Geschichte des Holocaust zu finden.Die Posts beruhen auf Archivmaterialien.

Holocaustgedenken im digitalen Zeitalter

Bei der Frage, wie eine Erinnerungskultur ohne Zeitzeugen aussehen könnte, rückt außerdem ein weiteres Thema in das Blickfeld: die Poten­tiale technischer Entwicklungen und die sozialen Netzwerke. Es gibt bereits verschiedene Versuche, mittels neuester technischer Möglichkeiten das kommunikative Gedächtnis aufrechtzuerhalten. So entstand beispielsweise das Projekt New Dimensions in Testimony der USC Shoah Foundation, das auf Basis von Zeitzeugeninterviews, die im 3D-Verfahren aufgezeichnet worden sind, Hologramme der interviewten Personen erstellt. Die Hologramme werden frei in einen Raum projiziert, so dass der Eindruck entsteht, die Person wäre tatsächlich anwesend. Eine Spracherkennungssoftware ermöglicht es, dem Hologramm nicht nur zuzuhören, sondern ihm auch Fragen zu stellen. Ein standardisierter Katalog wählt passende Antworten auf häufig gestellte Fragen aus und spielt diese ab. So soll es auch in Zukunft technisch möglich sein, mit Holocaustüberlebenden in eine Art Dialog zu treten.

Dieses spezielle Projekt ist bisher einzigartig und bietet zweifellos Anlass zu Kontroversen. Dennoch verdeutlicht es die Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung. Die technische Entwicklung bietet neue Möglichkeiten moderner, zeitgemäßer Vermittlung im Bildungsbereich, wirft gleichzeitig aber auch Fragen auf: Wo liegen ethische Grenzen der neuen Methoden? Wie verändert die digitale Gesellschaft das Lernen über den Holocaust? Während der Zugang zu einem Hologramm eines Holocaustüberlebenden vorerst nicht in jedem Klassenraum möglich sein wird, lohnt es sich, die sozialen Netzwerke näher zu betrachten. Mittlerweile nutzen nicht mehr nur Privatpersonen Social-Media-Plattformen wie Facebook und Instagram, um sich mit Freunden und Bekannten zu vernetzen, sondern auch zahlreiche Institutionen, darunter auch Gedenkstätten und Forschungseinrichtungen. Neben der Aufbereitung von Informationen über Veranstaltungen oder Neuerscheinungen von Publikationen ist es hier auch möglich, auf einer inhaltlichen Ebene mit den Abonnenten zu kommunizieren.

Soziale Medien: Reaktionen per Mausklick

Das Besondere an den sozialen Netzwerken sind im Vergleich zur klassischen Webseite eben die Funktionen, die sie »sozial« machen: die Möglichkeit, mit den Abonnenten in Kontakt zu treten. Inhalte werden von den Benutzern geteilt, kommentiert und »geliket«. Neben dem klassischen Facebook-Like können dort auch die Emotionen Trauer, Liebe, Belustigung, Erstaunen oder Wut per Mausklick als Reaktion auf Beiträge ausgedrückt werden. Auf Twitter und Instagram ist die Option einer Reaktion auf das Anklicken eines Herz-Symbols beschränkt. Dies mag in Bezug auf Inhalte aus der Geschichtsschreibung zum Nationalsozialismus ein gewisses Unbehagen auslösen, wird jedoch von den Nutzern eher als Kenntnisnahme oder Zuspruch für die Qualität des Beitrags verstanden.

Auf den sozialen Netzwerkseiten des Edi­tionsprojekts (Twitter, Facebook und Instagram) werden regelmäßig Ausschnitte aus den Dokumenten aufbereitet und einem fachfremden Publikum zugänglich gemacht. Im Juni 2016 startete die erste Online-Kampagne der VEJ auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. Thema war der Überfall der Wehrmacht auf die Sowjet­union am 22.Juni 1941, mit dem der systematische Völkermord an den europäischen Juden begonnen hatte. Dokumente aus den VEJ-Bänden sieben und acht dokumentieren die Geschehnisse aus verschiedenen Perspektiven: darunter Befehle von SS und Wehrmacht, ausländische Zeitungsberichte, Briefe nichtjüdischer Zeugen und Tagebucheinträge von Juden. Im Juni 2016, genau 75 Jahre nach den Ereignissen, wurde auf Twitter unter dem Hashtag #75JahreDanach täglich eines der Dokumente in einer gekürzten Fassung online veröffentlicht. Tag für Tag ließ sich so nachvollziehen, wie die deutschen Besatzer agierten und welche Reaktionen die unvorstellbaren Verbrechen bei den Betroffenen und Zeugen auslösten.

Das Konzept, 75 oder #80JahreDanach ein Dokument auszuwählen und es vorzustellen, wurde auf den Social-Media-Kanälen beibehalten, aber auch neue Ideen gesammelt und umgesetzt. Zurzeit läuft u.a. die Bilderreihe VEJ in Berlin, in der kurze Zitate aus Dokumenten, die in Berlin entstanden sind, von einem längeren Beschreibungstext kontextualisiert werden. Zusätzlich zeigen aktuelle Fotos, wie die Orte, an denen die Quellen zwischen 1933 und 1945 verfasst wurden, im Jahr 2019 aussehen.

Über die sozialen Netzwerke können digitale Erinnerungsprojekte realisiert werden. Unter dem Hashtag #weremember lief 2018 in den sozialen Medien eine weiltweite Online-Erinnerungskampagne, an der sich 650 Millionen Internetznutzer aus 155 verschiedenen Ländern beteiligten.

Digitale Stolpersteine

Durch den überraschenden Bezug zur Gegenwart wirken die Beiträge wie eine Art digitaler Stolperstein auf den Betrachter. Beim alltäglichen Scrollen durch den Instagram-Newsfeed können die Benutzer kurz innehalten und sich für die Geschichten, die die Dokumente erzählen, Zeit nehmen. Die Präsenz der Edition Judenverfolgung in den sozialen Medien bietet so einen niedrigschwelligen Einstieg zu einer tieferen Beschäftigung mit den Dokumenten aus den Publikationen.

Die Original-Dokumente der VEJ befinden sich in Hunderten verschiedener Archive in Europa, Israel und den USA oder auch im Besitz von Privatpersonen. Viele der Quellen haben – wenn überhaupt – in den letzten Jahrzehnten nur wenige Wissenschaftler zu Gesicht bekommen. In den Bänden der VEJ werden sie zum ersten Mal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und sollen durch die sozialen Netzwerke vermehrt auch Studierende, Schüler/innen und andere Interessierte zu einer Auseinandersetzung mit dem Holocaust anregen. Der Brief des schlesischen Ehepaars Kroch kann zum Beispiel den Ausgangspunkt zu einer ganzen Reihe von Fragen bilden: Wie war die Lage der Breslauer Juden vor der Deportation? Unterschied sich ihre Situation von Juden in anderen Gebieten des Deutschen Reiches? Wie schätzten Jüdinnen und Juden ihre Situation selbst ein? Welche Emigrationsmöglichkeiten gab es?

Zuallererst werden die Leser jedoch daran erinnert, dass sich hinter den unvorstellbaren Zahlen von Verfolgten und Ermordeten jeweils Einzelschicksale verbergen: Personen mit ganz eigenen Ängsten, Wünschen und Hoffnungen, denen post mortem in der VEJ eine Stimme verliehen wird.

 

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