Der Preisträger diskutierte mit der Zipser Historikerin Karin Fábrová und dem slowakischen Berliner Germanisten und Slowakisten Peter Zajac im Slowakischen Institut Berlin
Tanja Krombach
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Kai-Olaf Lang stellt die Gesprächsteilnehmer Karin Fábrová, Karl-Markus Gauß und Peter Zajac vor. Alle Fotos:
Karin Fábrová bei ihrem Einführungsvortrag zur multiethnischen Geschichte der Zips
Der diesjährige Georg Dehio-Buchpreisträger Karl-Markus Gauß mit der Direktorin des Kulturforums Hanna Nogossek
Auf dem Büchertisch des Kulturforums wurden u.a. Publikationen über die Slowakei und die Geschichte der Karpatendeutschen sowie Titel von Karl-Markus Gauß angeboten.
Der Einladung ins Slowakische Institut zum Gespräch über Geschichte der Zips waren zahlreiche Interessenten gefolgt. An den Wänden die Tafelausstellung über die Geschichte der Karpatendeutschen, die noch bis zum 19. Januar 2007 zu sehen ist. | mehr |

Ist die Zips, eine historische Region im Osten der Slowakei, die Mitte Europas? Auf jeden Fall siedelten und leben auch heute noch zahlreiche Ethnien hier – neben den Slowaken etwa Roma, Ruthenen und Deutsche. Im Mittelalter liefen in der Zips zahlreiche Handelsstraßen zusammen, deutsche Siedler entwickelten die noch heute zu bewundernde Architektur der Städte und lebten friedlich gemeinsam mit den adeligen Ungarn und den Slowaken in der Landschaft am Fuße der Hohen Tatra. Erst der aufkommende Nationalismus im 19. Jahrhundert führte zu einer allmählichen Identitätsabgrenzung der einzelnen Ethnien, die aber lange ihre Dreisprachigkeit und Unabhängigkeit von nationalen Zuordnungen bewahren konnten. Diese und andere Informationen vermittelte die aus Kesmark/Kežmarok stammende Historikerin Dr. Karin Fábrová, die sich auf die Geschichte der Region spezialisiert hat, in ihrem Einführungsvortrag.

Karl-Markus Gauß ergänzte, dass ihm das Attribut »deutsch« für die Zeit des Mittelalters zweifelhaft erscheine, wichtiger seien damals eher religiöse und soziale Zuordnungen gewesen. Vom Moderator Kai-Olaf Lang von der Stiftung Wissenschaft und Politik nach seinem Essay über die Region in seinem 2005 erschienenen Sammelband Die versprengten Deutschen befragt, erzählte Karl-Markus Gauß von seinen Beobachtungen auch darüber, wie das gemeinsame kulturelle Erbe heute wieder in der Zips gepflegt werde. Er wies darauf hin, dass die Region mit ihrer multiethnischen Geschichte ein Beispiel für ganz Europa sein könne und dass er sich wünsche, dass auch seine österreichischen Landsleute, die den östlichen Nachbarn langsam als Reiseland entdecken, den kulturellen Reichtum vor ihrer Haustür zu schätzen lernen.

Professor Peter Zajac wiederum betonte, dass sich die Slowakei wieder stärker ihrer österreichisch-ungarischen Wurzeln besinnen müsse und auch hier einiges an kulturgeschichtlichem Wissen nachzuholen habe. Er gab seiner Bewunderung für die Essays von Karl-Markus Gauß Ausdruck, die auf kritische und liebevolle Weise zugleich mit Geschichte und Gegenwart der Zips und ihrer Bewohner Aufschluss gäben. Viele der ehemals deutsch besiedelten Ortschaften und Stadtteile sind heute von Roma bewohnt, deren Integration die Slowakei vor eine schwierige Aufgabe stellt. Zur Zeit des Kommunismus zwangssesshaft gemacht, hatten sie in der industrialisierten Welt immer weniger Möglichkeiten, ihr fahrendes Handwerk auszuüben. Heute leben sie zum Teil unter unwürdigen Verhältnissen und haben so gut wie keine Chance, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Karl-Markus Gauß, der das Problem in seinem 2004 erschienenen Reisebericht Die Hundeesser von Svinia über Roma in der Ostslowakei einer breiteren europäischen Öffentlichkeit bewusst gemacht hat, betonte, dass er es nicht als Sache allein der Slowakei ansehe. In seiner Heimatstadt Salzburg gehe man zum Beispiel mit Verdrängung dagegen vor: Die angeblich aggressiv bettelnden Roma würden vor den Festspielen einfach aus der Stadt entfernt. Europa könne sich aber nicht auf diese Weise dem Thema verschließen.

Bei der Diskussion mit dem Publikum wurde die Frage nach dem heutigen slowakischen Bürgertum in den Städten der Zips angesprochen. Peter Zajac wies darauf hin, dass sich nur langsam eine kulturell ausgerichtete Mittelschicht entwickle, im Moment stünde noch das Geldverdienen im Vordergrund. In den nächsten Generationen werde sich das aber sicherlich ändern. Karin Fábrová erwähnte abschließend, dass das Phänomen der Multiethnizität, das die Reisenden an der Zips so reizvoll finden, im alltäglichen Umgang ganz selbstverständlich sei und man kaum danach frage, ob jemand slowakischer, ungarischer oder deutscher Herkunft sei.

Die Zips
Multikulturelle Geschichte und Gegenwart einer mitteleuropäischen Region