Potsdamer Neueste Nachrichten, 23. Februar 2002, Jan Kixmüller

Die Politiker sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Da lässt man sie zu einem so brisanten Thema wie der Bedeutung der Deutschen Geschichte in Osteuropa aufeinander los: und kein Streit. Norbert Lammert von der CDU/CSU-Fraktion sprang nicht für die Vertriebenen in die Bresche, wie man vielleicht hätte erwarten können, und schließlich war es Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin (SPD) selbst, der den Vorschlag des Vertriebenenverbandes für ein „Zentrum der Vertreibung“ aufnahm und unter positiven Vorzeichen („im europäischen Kontext, ohne Alleinsicht auf die Vertreibung von Deutschen“) begrüßte. Verkehrte Welt? Anscheinend haben es die Deutschen geschafft: im Fahrwasser von Günter Grass’ „Im Krebsgang“ atmete man auf dem Podium im überfüllten Alten Rathaus am Donnerstag Abend eine erlösende Luft: Nachdem das Thema seit dem Kriegsende ein vermintes Feld negativer Konnotationen war, ist nun, eine Dekade nach dem Ende der Teilung Deutschlands, wohl die Zeit gekommen, in der man sich unbefangener dem teilweise jahrhundertealten deutschen Einfluss östlich der Oder zuwenden kann.

Wirklich völlig unbefangen? Natürlich nicht. Es war schon fast beruhigend, dass wenigstens der Potsdamer Historiker Julius H. Schoeps in der Diskussion des Deutschen Kulturforums östliches Europa daran erinnerte, dass bei der Frage nach Deutscher Identität und Deutschsein im Osten neben den guten Erinnerungen nicht die traumatischen in Vergessenheit geraten dürften: Auschwitz, Treblinka, Majdanek. Ein Paradigmenwechsel, wie der moderierende ORB-Intendant Hansjürgen Rosenbauer feststellte: Bislang habe es geheißen, wenn von den Verbrechen der Deutschen im Osten die Rede ist, sollte die Vertreibung der Deutschen nach dem Krieg nicht vergessen werden – jetzt werde dies anders herum formuliert. Aber Schoeps warnte auch davor, die alten Geister für überwunden zu halten: Mit der Wende sei ein Ordnungssystem weggebrochen, wodurch heute in Osteuropa wieder Nationalismen und Antisemitismus hochkämen.

Womit sich die Debatte wieder stark auf das Erbe der vergangenen Weltkriege bezog, während das Kulturforum doch auch an jahrhundertealte, positive deutsche Traditionen im Osten anknüpfen will. Offensichtlich birgt das Thema immer noch Aspekte, die nicht unbefangen gesehen werden. Der ausgesprochen gelassene Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) wies in der Diskussion dann darauf hin, dass er heute einen lockeren Umgang mit diesem Thema vor allem bei den Polen feststelle. Selbst in Stettin – dem heutigen Szczecin – geboren, wurde Stolpe von polnischer Seite bei einem Besuch dort gesagt: „Diese Steine sprechen Deutsch.“ Die Polen hätten sich dort vorbildlich dem deutschen Kulturerbe angenommen: „Wäre Stettin damals zur DDR gekommen, dann wäre heute alles weg: das Schloss, die Kirchen, alles weg.“ Nun hofft Stolpe auf ein ebenso gelöstes und unbelastetes Verhältnis auf deutscher Seite.

Staatsminister Nida-Rümelin hatte zu Beginn der Runde umrissen, dass ein Deutschsein an die Staatsloyalität und die Sprache gebunden sein sollte, nicht aber an völkische Vorstellungen. Man müsse immer vom Individuum ausgehen, das Teil des kulturellen Kontextes sei: eine europäische Zivilgesellschaft humanistischer Gesinnung schwebe ihm vor. Ein theoretischer Überbau, der auf dem Podium weitgehend geteilt wurde. Wie auch in den meisten anderen Fragen Konsens herrschte.

Nur der Bundestagsabgeordnete Markus Meckel (SPD) torpedierte das Gespräch immer wieder: etwa mit dem Problem, das vornehmlich Westdeutsche mit der deutschen Identität hätten oder mit dem Ruf nach einer stärkeren nationalen Verantwortung für deutsche Minderheiten im Ausland.

Meckel war dann auch der einzige, der den Namen „Preußen“ für ein gemeinsames Bundesland Berlin-Brandenburg als „nicht unmöglich“ bezeichnete. Während Stolpe keine eindeutige Haltung durchblicken ließ und Schoeps die Idee als Vermengung von etwas, das nichts miteinander zu tun hat, abtat, warnten Lammert und Nida-Rümelin davor, dass eine solche Benennung eines östlichen Bundeslandes für das deutsch-polnische Verhältnis das falsche Signal sei. Einige Minen liegen eben doch noch im Feld.

Jan Kixmüller