31.08.2005

Unterwegs in Litauen, durch die Zips und am Schwarzen Meer

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Unterwegs in Litauen, durch die Zips und am Schwarzen Meer
Von der Ostsee bis ans Schwarze Meer: An drei Schauplätzen deutscher Geschichte und Gegenwart in Osteuropa war Karl-Markus Gauß auf der Suche nach den versprengten Deutschen
Karl-Markus Gauß: Die versprengten Deutschen. Unterwegs in Litauen, durch die Zips und am Schwarzen Meer, mit Fotos von Kurt Kaindl, Zsolnay Verlag Wien, 2005, 240 S., Hardcover EUR 22,10 (A) / EUR 21,50 (D) / SFR 38,70 ISBN 3-552-05354-9

Von der Ostsee bis ans Schwarze Meer: An drei Schauplätzen deutscher Geschichte und Gegenwart in Osteuropa war Karl-Markus Gauß auf der Suche nach den versprengten Deutschen

Elektrenai, 1962 als »erste atheistische Stadt der Sozialistischen Sowjetrepublik Litauen« aus dem Boden gestampft; Smolník, die mittelalterliche Bergbaustadt im Süden der Slowakei; Kudrjawka, eine vergessene Containersiedlung im ukrainischen Niemandsland: drei Orte in Osteuropa, drei Schauplätze deutscher Geschichte und Gegenwart. Von der Ostsee bis ans Schwarze Meer ist Karl-Markus Gauß, der literarische Kartograph des unbekannten Europa, gereist, auf der Suche nach den versprengten Deutschen.

Leseprobe

»Luise Quietsch stammte aus einem Weiler namens Schwesterndorf und war, nachdem Mutter und Tante gestorben waren, mit ihren Geschwistern aufgebrochen. Sie war fünf Jahre alt und sagte sich beständig, wie es ihr die sterbende Mutter aufgetragen hatte, vor: »Ich bin Luise Quietsch.« Eines Tages, irgendwo, fand sie die Geschwister nicht mehr und zog mit anderen Kindern weiter, durch verlassene Dörfer, aus denen sie sich holten, was sie fanden, vorbei an Bauerngehöften, in denen oft eines der Kinder bleiben durfte, weil die Bauern ein Herz hatten oder weil sie eine Arbeitskraft brauchten oder aus beiden Gründen. Geschwister, von denen das älteste meist geschworen hatte, darauf zu achten, daß alle zusammenblieben, wurden auf diese Weise getrennt, verloren sich für Jahre, manchmal für immer aus den Augen. Luise Quietsch wußte nicht, wo sie war und daß sie mittlerweile aus Ostpreußen in ein Land namens Litauen und in die Gegend einer Stadt namens Kaunas gelangt war. Sie erinnert sich, eine Zeitlang mit russischen Soldaten gezogen und in einer russischen Kaserne gelebt zu haben, und dann, daß da Leute waren, bei denen sie unterkam. Diese Leute behandelten sie streng, ja hart, und wenn sie ungehorsam war, hieß es, sie solle ihre Sachen packen, wieder betteln gehen und verschwinden. Aber sie machten die Drohung, sie auf die Straße zu setzen, nie wahr, und irgendwann vergaß Luise Quietsch sich vorzusagen, daß sie Luise Quietsch hieß, sie hatte genug damit zu tun, in der ersten Klasse der Volksschule Litauisch und in der zweiten Russisch zu lernen, denn Litauen war jetzt ein Teil der Sowjetunion. Mit zehn, sagt sie, konnte sie nicht mehr Deutsch und glaubte, daß sie sich die tote Mutter und ihre verlorenen Geschwister nur erfunden hatte und daß sie Alfreda Pipireite war und bei ihren wirklichen Eltern in Kaunas lebte.«

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