30.10.2007

In drei Orten in Oberschlesien wird die deutsch-polnische Geschichte weitergeschrieben

Andrea Rook
Andrea Rook
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In drei Orten in Oberschlesien wird die deutsch-polnische Geschichte weitergeschrieben
Dresdner Neueste Nachrichten • 15.09.2007
Ansicht vom St. Annaberg, dem Wahrzeichen Oberschlesiens
Der hölzerne Turm des Senders Gleiwitz
Auf dieser Treppe im Sender Gleiwitz war der von der SS erschossene Pole abgelegt worden. Er sollte den Überfall begangen haben.
Melitta Sallai in ihrer Wohnung im Schloss Muhrau

Dresdner Neueste Nachrichten • 15.09.2007

Die Veröffentlichung des Textes erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Dresdner Neuesten Nachrichten und der Autorin. Die Reportage entstand während der Fortbildungsreise Geschichtsorte in Schlesien 1921–1947. Deutsche und polnische Erinnerungen, die das Deutsche Kulturforum im April 2007 veranstaltete.

Es gibt nur wenige Orte, die so mit Geschichte aufgeladen sind. Eva Czeczor steht vor dem Altar unter der kleinen Figur der Heiligen Anna, die unter Gold besetztem Umhang ihre Tochter Maria und deren Sohn Jesus trägt. »Das ist für uns der wichtigste Ort«, erklärt die junge Frau in fremdartigem Deutsch. Eva ist Katholikin und Angehörige der deutschen Minderheit in Polen. In ihrem Dorf nahe der St. Anna-Basilika zwischen den westpolnischen Städten Oppeln und Gleiwitz gelegen, sprechen fast alle deutsch.

Es ist ein properes Dorf. Ihr Mann arbeitet wie die meisten Männer auf dem Bau in Deutschland oder Holland; sein deutscher Pass macht es möglich. Den kleinen Sohn erzieht Eva Czeczor zweisprachig. Heute hätten sie fast alle Rechte, sagt die junge Gemeinderätin, sie müssten sich aber auch dafür einsetzen. Manchmal gäbe es noch diese unfruchtbaren Diskussionen und dann müssten die polnischen Deutschen mal wieder eine Inschrift oder ein Symbol von einem Denkmal aus dem Ersten Weltkrieg entfernen.

Das klingt geradezu entspannt im Vergleich zu den Ereignissen, die 80 Jahre zurückliegen. Der Berg der Heiligen Anna mit seiner barocken Kirche ist nicht nur eine der wichtigsten Wallfahrtskirchen, sondern auch ein historischer Zankapfel. Das hat mit den Kämpfen polnischer und deutscher Freischärler von 1921 zu tun, als in Folge des verlorenen Krieges die Zugehörigkeit von Oberschlesien neu geregelt wurde. Und es setzte sich fort, als die Nationalsozialisten 1938 einen Spaziergang entfernt ein monströses Amphitheater einweihten, das die sowjetischen Befreier und polnischen Sieger ihrerseits mit einem monumentalen Denkmal belegten.

Eva ist sichtbar ungern an diesem Ort so nah bei der wundertätigen Anna Selbdritt. Hier ist so viel Unrecht im Namen der Freiheit geschehen, dass es sich noch heute in ideologischen Gewittern entlädt. Jedes Jahr am Verfassungstag treffen sich polnische Skinheads und rechte Nationalisten zu Massenkundgebungen. Davon würde Eva Czeczor am liebsten nichts hören und sehen.

Wer einmal auf dem 400 Meter hohen Gora Swietej Anny stand, wird die Verzückung der schlesischen Heimatdichter verstehen. Die Fahrt in das 40 Kilometer entfernte Gleiwitz geht vorbei an seit Jahrhunderten beackertem Land, an einem Pferdefuhrwerk, das über einen Feldweg schleicht, an einem Kran, der eine moderne Industriehalle hochzieht. Vorbei ab Dörfern, in denen Eimer über Zaunlatten gestülpt sind, ein Jeep vor einer nagelneuen Villa parkt.

Wer einen Blick in die Bücher wirft und das Unbehagen nicht scheut, stellt fest, wie sehr gerade dieser Landstrich im letzten Weltkrieg gelitten hat. Nach den Konzentrations- kamen die Kriegsgefangenen- und Aussiedlerlager; einhundert existierten allein in Schlesien zwischen 1945 und 1950. In der quirligen Großstadt Gliwice steht elegant geschwungen und unübersehbar hoch das Gebäude, mit dem alles begann – der Sender Gleiwitz.

Am 31. August 1939 täuschte ein SS-Trupp einen Überfall polnischer Nationalisten auf die deutschen Radiotechniker vor, um eine vermeintliche Freiheitserklärung in den Äther zu schicken. Sie hatten nicht bedacht, dass wegen Reparaturarbeiten nur ein Not-Mikrofon zur Gewitterwarnung funktionstüchtig war. Zudem gelang es einem Techniker, einen Knopf zu drücken, was die Ansprache nach wenigen Sätzen abbrach. Dieser glücklose Handstreich, bei dem zudem ein Pole entführt und erschossen wurde, war der Anlass für Adolf Hitler, den Zweiten Weltkrieg zu entfesseln.

Heute ist der Sender Gleiwitz nur noch Museum. In den nächsten Jahren wollen die geschichtsbewussten Stadtväter zwischen den veralteten technischen Anlagen ein Medienkunstzentrum aufbauen. Was bleibt, ist der Turm – ein Meisterwerk deutscher Ingenieurskunst. Ganz und gar aus Holz erbaut, von 16 Tausend Messingschrauben zusammengehalten, erhebt er sich 111 Meter hoch und gilt als das höchste Bauwerk dieser Art in der Welt. Eine historische Stätte als Ort für Kunst, Tourismus? Vermutlich kann von deutsch-polnischer Annäherung gesprochen werden, wenn das vollbracht ist.

Melitta Sallai hat es vollbracht. 1992 saß der Familienrat zusammen und rätselte, was mit dem Anwesen der von Wietersheim-Kramsta in Muhrau/Morawa geschehen sollte. Melitta, verwitwet und gerade pensioniert, war die einzige, die eine solche Aufgabe übernehmen konnte. Also kehrte die damals 65 Jahre alte Frau, die zusammen mit ihrem Mann eine Kaffeeplantage in Angola betrieben hatte, in das Gutshaus der Eltern zurück und begann in dem Dreieck zwischen Hirschberg, Liegnitz und Breslau ein neues Leben.

Zusammen mit ihren Helferinnen und Helfern baute sie einen karitativen Kindergarten und eine deutsch-polnische Bildungsstätte mit Pension auf. »Am Anfang drehten sich die Menschen weg, als ich in das Dorf zum Milchholen ging«, erzählt Melitta Sallai und versprüht dabei ihr unwiderstehliches Charisma. Das sei längst vorbei. Die Familie von Wietersheim-Kramsta dachte nie an eine Rückübertragung des stark heruntergekommenen Schlosses und Parks; sie gründete stattdessen eine gemeinnützige Stiftung mit Sitz in Muhrau.

»Wir haben das nicht aus Sentimentalität gemacht«, sagt die einstige Gutsherrentochter, die heute die polnische Ehrenstaatsbürgerschaft besitzt. »Was ich interessanter finde, ist, dass man etwas bewegen kann. Und gelegentlich klopfe ich mir heimlich auf die Schulter: Da habe ich was dazu getan.«

  • www.dnn.de

    Die Onlineausgabe der Dresdner Neuesten Nachrichten • Der Artikel ist bisher nur in der Printausgabe erschienen.

  • www.muzeum.gliwice.pl

    Die Internetseiten des Museum für Geschichte des Radio und Medienkunst in Gleiwitz/Gliwice

  • www.morawa.org

    Die Internetseiten von Kindergarten und Bildungsstätte Hedwig e. V. Muhrau

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