05.01.2007
Nicola Remig, Museum für schlesische Landeskunde, Königswinter
Nicola Remig, Museum für schlesische Landeskunde, Königswinter
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Rund 40 Fachleute diskutierten die aktuelle Situation und zukünftige Lösungsansätze für die mehreren hundert ostdeutschen Heimatstuben in Deutschland.

Rund 40 Fachleute diskutierten die aktuelle Situation und zukünftige Lösungsansätze für die mehreren hundert ostdeutschen Heimatstuben in Deutschland.

Die Zukunft der Heimatsammlungen – ein zunehmend drängendes Thema der ostdeutschen Kulturarbeit – war im Dezember 2006 Gegenstand eines Kolloquiums, das auf Initiative des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Oldenburg, in Zusammenarbeit mit dem Schlesischen Museum zu Görlitz und der Martin Opitz Bibliothek, Herne, stattfand

Seit den sechziger Jahren waren in vielen westdeutschen Bundesländern unterschiedlich umfangreiche Sammlungen zur Darstellung der heimatlichen Lebenswelt zusammen getragen worden. Das Spezifische dieser Sammlungen ist, dass sie neben dem allgemeinen historisch dokumentarischen Wert vor allem einen hohen emotionalen Wert für die in der Regel ehrenamtlich tätigen Betreiber sowie die Besucher besitzen. Es ging bei der Einrichtung vieler Heimatstuben nicht nur um die museale Dokumentation und Aufbewahrung kulturell bedeutender Objekte der ehemaligen Heimat, sondern auch um das Zusammentragen sehr persönlicher Gegenstände mit individueller Geschichte und vor allem um die Möglichkeit der Begegnung und des Gedankenaustausches. Heute haben diese Sammlungen einen hohen dokumentarischen Wert als ein wesentlicher Teil der deutschen Nachkriegsgeschichte und der Integration der Vertriebenen und Flüchtlinge. Es herrschte allgemeiner Konsens unter den Tagungsteilnehmern, dass dieser dokumentarische Wert auch künftig erhalten und den nachfolgenden Generationen zugänglich gemacht werden solle. Mögliche Lösungsansätze für diese Zukunftsperspektiven wurden von Leitern einzelner Heimatstuben sowie Museumsfachleuten vorgestellt.

Eine für Niedersachsen exemplarische Lösung stellte der Landesbeauftragte für Heimatvertriebene und Spätaussiedler des Bundeslandes, Rudolf Götz MdL, vor. Das Grenzdurchgangslager Friedland, das seit Kriegsende Millionen Menschen aufgenommen hat, soll künftig teilweise einer neuen Bestimmung zugeführt werden. Die Landesregierung plant eine Gedenkstätte einzurichten, die durchaus auch größere Heimatsammlungen in ihrer ursprünglichen Form aufzunehmen vermag, bzw. diese als Wechselausstellungen präsentiert. Damit wird Friedland zum umfangreichen Dokumentationszentrum.

Nicht für alle Heimatstuben, die aufgrund der Altersstruktur der ehrenamtlichen Betreuer nicht weiter aufrecht erhalten werden können, gibt es eine derartige Ideallösung. Manche gehen in den Stadtmuseen ihrer jeweiligen Paten- oder Partnerstadt auf. Der Verbleib am Standort ist eine Lösung, sofern in gegenseitigem Einvernehmen mit der Stadt- oder Museumsverwaltung der ostdeutschen Sammlung eine entsprechende Präsentationsmöglichkeit gewährleistet wird. Da häufig an persönliche Kontakte gebunden, ist dies für einen längerfristigen Bestand aber nicht immer gewiss.

Andere Überlegungen, die Sammlungen aus Westdeutschland in die Ursprungsstädte nach Polen zu transferieren wurden im allgemeinen schnell verworfen. Selbst wenn aktuell gute Beziehungen zu den verantwortlichen polnischen Direktoren der städtischen Sammlungen bestehen, ist auch dort nicht sicher, dass die deutsche Sammlung auf Dauer präsentiert wird. Ein Verbleib im Westen wird auch aufgrund des dokumentarischen Wertes der Heimatstuben als Orten der Verarbeitung der Traumata von Flucht und Vertreibung favorisiert.

Speziell für die schlesischen Heimatstuben wurde von dem Leiter der Bundesgruppe Liegnitz, Dr. Gerhard Kaske, das Modell vorgestellt, die Heimatstuben in eine neue Stiftung mit einer eigenen Ausstellungsstätte in Görlitz zu überführen. Die Finanzierung solle durch Schlesier, den Bund sowie die involvierten Bundesländer langfristig erfolgen.

Ein weiterer Ansatz ist die Übernahme von Teilen der Heimatstuben in die Bestände und Ausstellungen der großen regionalen Landesmuseen. Das Donauschwäbische Zentralmuseum in Ulm hat in seiner Entstehungszeit in den 90-er Jahren einige Heimatsammlungen in die Dauerausstellung integriert. Dies bedeutet allerdings eine starke Veränderung der bisherigen Präsentation, die je nach emotionaler Bindung der Betreuer an diese Sammlungen sehr unterschiedlich bewertet wird. Für die schlesischen Heimatsammlungen sind die drei großen Einrichtungen, das Schlesische Museum zu Görlitz, Haus Schlesien in Königswinter, sowie das Oberschlesische Landesmuseum in Ratingen grundsätzlich Ansprechpartner und Auffangstätte.

Auch das Bundesarchiv in Bayreuth nimmt in großem Umfang Unterlagen und Dokumente in seinen Bestand auf und macht diese wiederum der Forschung zugänglich.

Die Martin-Opitz-Bibliothek in Herne bewahrt Bibliotheks- und Archivgut und ist nicht zuletzt an Heimatzeitungen sowie an Heimatliteratur, die nicht über den Buchhandel erhältlich ist, interessiert.

Zunächst ist vor allem eine Erfassung der gesamten Bestände sowohl archivalisch als auch fotografisch von Bedeutung. Hierzu hat das Schlesische Museum zu Görlitz bereits Ende der 90er Jahre eine Erhebung durchgeführt, die baldmöglichst aktualisiert werden soll. Außerdem ist bei den Betreibern die Schaffung des Bewußtseins für die Notwendigkeit einer Nachlassregelung, die bisher nur 40 der schlesischen Heimatstuben getroffen haben, notwendig. Hilfestellung leistet auch die 1988 in Nordrhein Westfalen gegründete AG Heimatstuben als Koordinations- und Beratungsstelle.

Letztlich wird es wohl kein einheitliches Rezept für einen künftigen Erhalt der Heimatstuben geben, sondern es wird je nach Situation entschieden werden müssen, welche Sammlung in welcher Form weiter existieren kann. Es ist beabsichtigt, das begonnene Gespräch fortzusetzen, um gemeinsam Richtlinien für den Umgang von gefährdetem Kulturgut in Heimatsammlungen zu erarbeiten. Die Referate und Ergebnisse des Kolloquiums sollen zeitnah als Dokumentation zur Verfügung gestellt werden. Bei Interesse wird um Kontaktaufnahme mit dem Bundesinstitut gebeten.

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