10.02.2003
Basil Kerski
Basil Kerski
136,292
Der Artikel ist zuerst in Heft 27/2002 der polnischen Zeitschrift »BORUSSIA« (Titel des Hefts: »Dialog oder mehr? Deutsch-polnische Historikergespräche über die gemeinsame Geschichte«) erschienen und wird hier in Zusammenarbeit mit der Kulturgemeinschaft »Borussia« elektronisch publiziert.

1.

Der Publizist und Historiker Sebastian Haffner hat einmal darauf hingewiesen, dass in einer demokratischen Gesellschaft mit jedem Generationswechsel auch eine Neuinterpretation der Geschichte vollzogen wird:

»Es ist in England allgemein anerkannt, in Deutschland aber noch nicht, dass Geschichte von jeder Generation neu geschrieben werden muss – nicht weil die neue Generation nun die ganze Wahrheit wüsste, die der alten noch verborgen war, sondern weil sich jeder Generation, auf der rollenden Plattform, auf der wir leben, ein neuer Aspekt Wahrheit über die Vergangenheit erschließt.[1]«

Haffner, der den Zweiten Weltkrieg als deutscher Emigrant in Großbritannien überlebte, war selbst kein Autor von trockenen und umfangreichen historischen Monographien, sondern ein brillanter Deuter der Geschichte, ein großer deutscher Essayist mit Affinität für die englische Kultur. Seine Anmerkungen zu Hitler gelten in Deutschland als eines der wichtigsten Bücher über das Dritte Reich. Auch sein umfangreicher Essay »Preußen ohne Legende«, zunächst 1978 im Hamburger Magazin »Stern« erschienen und dann in Buchform veröffentlicht, sorgte für Furore und war ein Ereignis im kulturellen Leben der Bundesrepublik Deutschland. Haffners Buch löste eine ganze Welle von Versuchen der Neuinterpretation preußischer Geschichte aus, die Anfang der achtziger Jahre von Journalisten als »Preußenwelle« bezeichnet wurden und deren Höhepunkt die umfangreiche Preußenausstellung 1981 im neueröffneten Martin-Gropius-Bau direkt an der Berliner Mauer war.[2] Der Versuch Haffners,

»aus der Distanz, die Eigentümlichkeit, ja Einzigartigkeit dieses untergegangenen Staates (der ein Kunstgebilde – man kann auch sagen: ein Kunstwerk war)«

klarer zu erkennen, traf den Nerv der Zeit. Nach Zeiten der intensiven Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit, vor allem vor dem Hintergrund des Generationskonflikts von 1968, schien die westdeutsche Gesellschaft bereit zu sein, sich mit weiter zurückliegenden Kapiteln deutscher Geschichte auseinander zu setzen. Die Neuinterpretation von Preußens Geschichte in Folge der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit lag auch nahe, war doch nicht nur für linke und liberale deutsche Intellektuellen, aber auch für Churchill und de Gaulle der Totalitarismus des NS-Regimes eine konsequente Fortführung des preußischen Militarismus. Zudem wurde in den preußischen Tugenden eine Quelle des dumpfen Gehorsams in der NS-Gesellschaft gesehen. Beeindruckend hatte Hannah Arendt beschrieben, wie der NS-Verbrecher Eichmann sich im Prozess über die »Endlösung der Judenfrage« damit verteidigte, nur seine Pflicht getan zu haben, wie ein preußischer Beamter.

Als in den siebziger Jahren in der Bundesrepublik die erste Welle der Auseinandersetzungen mit der jüngsten deutschen Vergangenheit ihren ersten Höhepunkt hinter sich hatte, besann man sich auf ältere Kapitel deutscher Geschichte, so auch auf Preußen, dessen Großmachtpolitik zur Einigung der deutschen Länder 1871, also zur Gründung des modernen deutschen Nationalstaates geführt hatte.

In den siebziger Jahren wuchs auch zunehmend die Einsicht, dass kein deutscher Staat von einer Auseinandersetzung mit der preußischen Vergangenheit absehen kann. Der Göttinger Historiker Rudolf von Thadden schrieb 1981 in seinem Buch »Fragen an Preußen«, dass die Kontroversen um Preußen die Suche nach einer eigenen Identität der deutschen Staaten darstellten.[3] Der Weg dorthin führe »an der preußischen Ecke der deutschen Geschichte vorbei«. Rudolf von Thadden plädierte in seinem Buch dafür, die neue »Sehnsucht nach Preußen« nicht als reine Nostalgieerscheinung, als eine simple Flucht in die Vergangenheit, eine Ermüdungserscheinung verursacht durch intensive Gegenwarts- und Zukunftsdebatten in der Nachkriegszeit, zu charakterisieren:

»Eher wird man sagen können, dass die neue Preußen-Sensibilität Ausdruck eines wachsenden kritischen Empfindens für die flache Verwurzelung der Gegenwart ist, dass sie ein Verlangen nach stärkerer Verankerung der Gegenwart im Boden der Geschichte signalisiert. Sie deutet weniger auf eine »Flucht vor der bundesrepublikanischen Wirklichkeit« als auf ein Bemühen um Absicherung der Wirklichkeit hin.«

Die bundesrepublikanische »Preußenwelle« war somit Ausdruck der in den siebziger Jahren unter liberalen Eliten gewachsenen Einsicht, dass sich die politische Kultur des demokratischen Westdeutschlands nicht ohne den Rückgriff auf politische Traditionen, also in einem historischen Vakuum, konstituieren könne.

Auch die DDR blieb von der neuen Auseinendersetzung mit Preußen nicht unberührt. In den siebziger Jahren versuchten sich die Machthaber um Erich Honecker als Reformer zu profilieren und entdeckten in dem strengen, vornationalen Staat ein für die DDR attraktives Erbe. Ausdruck dieser veränderten Haltung Ostberlins zu Preußen war die Rückkehr des Reiterstandbildes von Friedrich II. auf seinen ursprüngliche Ort – Unter den Linden, zahlreiche Bücher zum Thema, wie die populäre Biographie Friedrichs II. von Ingrid Mittenzwei, oder eine Fernsehserie über den Preußengeneral Scharnhorst.

2.

In seinem Versuch der Neuinterpretation preußischer Geschichte hat Sebastian Haffner den Versuch unternommen, Elemente des preußischen Staatswesens herauszuarbeiten, die für die Wirklichkeit der westdeutschen Demokratie Bezugspunkte darstellen konnten. Haffner interessiert sich weniger für den preußischen Staat mit seiner Einigungsfunktion für Deutschland im 19. Jahrhundert, als vielmehr für den »rauhen Vernunftstaat« des 18. Jahrhunderts:

»Preußen war in seiner klassischen Epoche, dem 18. Jahrhundert, ganz einfach nicht nur der neueste, sondern auch der modernste Staat Europas.«

Haffner faszinierte die

»Qualität seiner Staatlichkeit, seine unbestechliche Verwaltung und unabhängige Justiz, seine religiöse Toleranz und aufgeklärte Bildung.«

Vor allem die religiöse Toleranz und rationale Einwanderungspolitik hob Haffner hervor. Den Einwanderern, so Haffner, verdankte das arme Land der Hohenzollern mit der über ganz Deutschland zerstreuten Staatsfläche einen Modernisierungsschub. Innerhalb nur weniger Jahrzehnte entwickelte sich Preußen nicht nur zu einer militärischen Großmacht, sondern auch zu einem Vorbild für andere reformwillige Staaten. In dem friderizianischen Preußen, einem vornationalen »Kunstgebilde«, erkannte der liberale Publizist Haffner, ein Berliner mit britischem Pass, eine wichtige Inspirations- und Regenerationsquelle für das geteilte Deutschland, das sich von den Furien des Nationalismus zu erholen versuchte. Nach Ansicht Rudolf von Thaddens erhob Haffner Preußen zu einem Staatsmodell für die Zeit der Teilungen Deutschlands. »Man kann leben«, so Thadden über Haffner,

»wenn ein Staat seine Aufgaben erfüllt. Es ist nicht nötig, dass er einen nationalen Inhalt hat, um sinnvoll zu sein. Entscheidend für seinen Wert ist nicht seine Nationalität, sondern seine Rationalität.«

Wie sehr die Faszination für das friderizianische Preußen als »rauhen Vernunftstaat westdeutsche Intellektuelle in den siebziger Jahren ergriffen hat, zeigt das Beispiel des linken Publizisten Bernt Engelmann, der in seinem Buch »Preußen. Land der unbegrenzten Möglichkeiten« die starke Aufnahmefähigkeit für Einwanderer aus den verschiedensten Ländern, die Bereitschaft zur Integration von Glaubensflüchtlingen, Dissidenten und Zuwanderern aller Art unterstrichen hat.[4]

Die Bücher linksliberaler Intellektueller wie Haffner oder Engelmann, die große Berliner Preußen-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau 1981, markierten eine wichtige Trendwende in der deutschen Historiographie, eine breite Abwendung von dem Stereotyp von Preußen als dem »Hort des Militarismus und der Reaktion in Deutschland«, wie es in dem Gesetz der Alliierten zur Auflösung Preußens vom 25. Februar 1947 hieß. Nach Ansicht des Berliner Historikers Eberhard Straub hatten nicht nur die alliierten Siegermächte die Wurzeln des aggressiven wilhelminischen und faschistischen Nationalismus in Preußens Geschichte gesehen.[5] Dieser Ansicht seien, so Straub, nach dem Zweiten Weltkrieg auch die meisten liberalen westdeutschen Historiker und Politiker gewesen. Diese Verdammung Preußens ist meiner Meinung nach kaum verwunderlich, wenn man bedenkt, dass das Dritte Reich im Rückgriff auf preußische Geschichte seine politische Legitimität zu konstruieren versuchte. Die Betonung vor allem der preußischen Expansionspolitik durch das NS-Regime hatte zur Folge, dass sich nach dem Krieg im Bewusstsein der deutschen Eliten eine Teilung des historischen Erbes in das negative preußische und das – zwar belastete aber positive – Erbe anderer deutscher Länder und Regionen vollzog. Diese Idee von »den beiden Deutschlands« sei nach Ansicht von Eberhard Straub prägend für die politische Kultur des föderalen deutschen Nachkriegsstaates gewesen. Eberhard Straub wies darauf hin, dass diese Vorstellung von »den beiden Deutschlands« schon 1871 die von Preußen besiegten Franzosen nach der Reichsgründung entwickelt hatten:

»Das eine, gutherzig verträumt, nur an musischen und philosophischen Konstruktionen interessiert, ruht bedürfnislos in sich selbst und befindet sich in Einklang mit der Menschheit. Das andere, durch Preußen verdorben, kennt nur wirtschaftlichen und politischen Ehrgeiz, erhebt nationale Ansprüche und irritiert mit seinem Mangel an Idealismus all übrigen Völker. Die Deutschen können also zu ihrem wahren Charakter zurückfinden, wenn sie die Vorherrschaft Preußens abschütteln oder von ihr befreit werden.«

Diese intellektuelle Konstruktion eignete sich hervorragend für die Schaffung eines demokratischen deutschen Staates nach dem Ende des Dritten Reiches. Für die westlichen Alliierten, aber auch die Sowjetunion, empfahl sich, die Deutschen nicht insgesamt, sondern vornehmlich die Preußen für all das Unheil der Nazi-Politik verantwortlich zu machen. Den Deutschen kam dieses Denken entgegen. Sie konstruierten neue regionale politische Identitäten, die ihre Wurzeln in der vornationalen Epoche hatten und die sogar bis in die Zeit vor der Gründung des Königreiches Preußen zurückreichen: »Nach all den Zusammenbrüchen«, so Eberhard Straub,

»überfiel die Deutschen ein heftiges Sehnen nach dem Bleibenden. Was blieb, das Unzerstörbare, das waren die Heimaten, die historischen Länder. Sie glühten verheißungsvoll auf unter den Trümmern der preußischen Überlagerungen.«

Straub unterstreicht, dass das historische Bewusstsein der Bundesrepublik lange von der Vorstellung geprägt gewesen sei, es gebe eine negative deutsche Vergangenheit, also die von Preußen und dem NS-Regime belastete Epoche, sowie eine weniger belastete, weiter zurückliegende Geschichte, die eine Quelle politischer Identität sein könnte:

»Die Vergangenheit hat etwas mit Preußen zu tun. Die Geschichte hingegen ist offensichtlich eine »preußenfreie Zone«. Vergangenheit hängt mit dem Nationalsozialismus zusammen und allem, was ihn vorbereitet. Da hat Preußen seinen Platz. Aber Räume vor der Vergangenheit sind unbelastet. Sie veranschaulichen, »woher wir kommen und wohin wir gehen.««

Zwei Jahrzehnte nach der westdeutschen »Preußenwelle« und elf Jahre nach der Einigung Deutschlands plädierte Eberhard Straub für die Integration des gesamten preußischen Erbes, also auch seiner negativen Elemente, in die deutsche Geschichte. Wer sich offen mit der Geschichte auseinandersetzen wolle, müsse, so Straub, endlich von der Konstruktion der »beiden Deutschlands« wegkommen:

»Eine bewusste Trennung von Preußen und Deutschland führt nur zu Widersprüchen und Hilflosigkeiten. Es gibt nur eine deutsche Geschichte, zumindest seit dem neunzehnten Jahrhundert. Eine gemeinsame eben auch in Schuld und Verstrickung [...]. Der deutsche Nationalismus, der im zwanzigsten Jahrhundert zu schrecklichen Auswüchsen führte, entsprang doch nicht allein militärgestützter Machtgier reaktionärer Junker aus dem ostelbischen Preußen. Der deutsche Nationalismus empfing erhebliche Energie gerade aus dem Südwesten, aus allen Kleinstaaten mit ihrer örtlich begrenzten Liberalität. Entgegen der föderalistischen Legende strebten die Deutschen hinaus aus ihrem Kleinleben in größere Verhältnisse. Sie fühlten sich beengt und wünschten den Großstaat, die Nation.«

Eberhard Straubs Ausführungen zeigen deutlich, dass die Auseinandersetzung mit Preußen seit dem Ende der siebziger Jahre ein Versuch war, die Fragmentierung des historischen Bewusstseins aufzuheben, deutsche Geschichte in ihrer Gesamtheit, mit allen ihren Licht- und Schattenseiten als ein einheitliches Erbe zu begreifen. Doch jeder Versuch, Preußens Platz in der deutschen Geschichte neu zu definieren, ist nicht frei von der Gefahr neuer Mythenbildung. Diese Gefahr ist zum Beispiel deutlich in Sebastian Haffners Auseinandersetzung mit Preußen erkennbar. Haffner teilte die preußische Geschichte in vier verschiedene Phasen auf:

»Es hat das klassische Preußen des 18. Jahrhunderts gegeben; das romantische Preußen des Halbjahrhunderts zwischen Napoleon und Bismarck; das deutschnationale Preußen der Bismarck- und Nach-Bismarck-Epoche; und wenn man will als Nachspiel, schließlich auch noch das republikanisch-demokratische Preußen der Weimarer Zeit, das interessanterweise schon ein paar deutliche Charakterzüge der heutigen Bundesrepublik vorwegnahm.«

Hinter dieser Aufteilung in positive und negative Abschnitte verbirgt sich vor allem eine Idealisierung des friderizianischen Preußen zum Modellstaat der Aufklärung. Für polnische Leser geradezu irritierend ist bei Haffner die Relativierung der preußischen Expansionspolitik im 18. und 19. Jahrhundert. Alle europäischen Staaten, so Haffner, seien damals Militärstaaten gewesen, alle hätten Eroberungskriege geführt und wenn sie dabei Erfolg hatten, dann sei das ruhmreich gewesen. Für Haffner ist das friderizianische Preußen ein multikultureller und rationaler Staat, dessen Erbe man nicht für deutsche Verbrechen des 20. Jahrhunderts verantwortlich machen dürfe:

»Nein, von der Schuld an den Katastrophen der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert kann man Preußen freisprechen. Dieses Jahrhundert war überhaupt kein preußisches Jahrhundert mehr. Schon im vorangegangenen stand Preußen meistens in der Defensive. Es war ein Staat des 18. Jahrhunderts, ein Vernunftstaat im Zeitalter der Vernunft, ein Staat aus der Retorte, ohne einen anderen Zweck als Selbsterhaltung, ohne eine Idee, die über den reinen staatlichen Selbstzweck hinausging. Es geriet ins Gedränge, als es im 19. Jahrhundert mit zwei solchen Ideen zusammenstieß: der Demokratie und dem Nationalismus. Mit beiden hat es sich zu arrangieren versucht, mit den demokratischen Ideen der Französischen Revolution in der Reformzeit Anfang des 19. Jahrhunderts, mit der deutschen Nationalidee fünfzig Jahre später unter Bismarck. Das erste blieb ziemlich erfolglos und endete in fünfzig Jahren Reaktion. Das zweite wurde nur zu erfolgreich und endete mit Preußens Aufgehen in Deutschland. An Bismarcks Erfolg ist Preußen schließlich zugrunde gegangen.«

Ebenso wie Haffner hat Marion Gräfin Dönhoff den preußischen Staat von der Verantwortung für den Nationalismus des 20. Jahrhunderts freizusprechen versucht.[6] In der Reichsgründung von 1871 sah sie das Ende der preußischen Geschichte. Das Preußen, so Dönhoff, das im Rahmen des neugegründeten Deutschen Reiches weiterlebte, habe wenig mehr zu tun gehabt mit dem »alten Preußen«. Es habe dann Züge entwickelt, die mit »Recht allenthalben befremden, wenn nicht Abscheu hervorgerufen haben«. Damals sei Geld an die Stelle von »Pflicht und Ehre« getreten und sei zum Maßstab aller Dinge geworden. Dönhoffs Interpretation der preußischen Geschichte ist fast deckungsgleich mit der Haffners, das friderizianische Preußen und das Königreich unter den Reformern Stein und Hardenberg werden als positives kulturelles und politisches Erbe charakterisiert. Das friderizianische Preußen des 18. Jahrhunderts sei für seine Zeit verhältnismäßig nah an dem gewesen, so Dönhoff, was man einen Rechtsstaat nennen kann, einen Staat geprägt von der

»genialen Kombination von beginnenden Menschenrechten für das Individuum und zentralisierter Entscheidungsbefugnis für den König. Genial insofern, als jede der beiden Komponenten die spezifische Anfechtung der anderen zu korrigieren geeignet war. Die kodifizierten Rechte für den einzelnen setzten der Macht des Königs eine Grenze – die Entscheidungskompetenz dieses die Vernunft verehrenden Königs verhinderte den partikularen Kampf divergierender Interessen; was nicht heißt, dass beides immer optimal gelang.«

Ähnlich wie Haffner relativierte Dönhoff die Expansionspolitik Preußens:

»Auch die Beteiligung an der ersten polnischen Teilung von 1772 ist ein schwarzer Fleck in seiner Biographie, jedenfalls nach unseren heutigen Begriffen. Das weltpolitische Bewusstsein der Zeit allerdings war damals einzig und allein auf Macht, Landgewinn und Ruhm gerichtet – in Schweden, Spanien, Frankreich und Österreich, überall war es dasselbe: Allianzen wurden bedenkenlos gewechselt, Verträge gebrochen, wann immer dies nützlich erschien.«

Beachtenswert ist aber bei Dönhoff, dass obwohl sie den friderizianischen Staat und das Königreich Preußen aus dem Beginn des 19. Jahrhunderts idealisierte, sie durchaus bereit war, negative Aspekte des staatlichen Erbes zu erkennen, die im 20. Jahrhundert in Verbindung mit dem Nationalismus zur Einschränkung von Toleranz und Menschenrechten führten:

»Für Preußen – das alte Preußen – hatte der Staat stets etwas mit Metaphysik zu tun. So war es im 18. Jahrhundert mit der Staatsräson, und so war es nun wiederum bei den Reformern. Fast könnte man meinen, bei diesem Preußen, das durch Maßhalten und geistige Konzentration charakterisiert ist, sei es in erster Linie um die Verwirklichung einer Idee gegangen und nicht so sehr um das Gemeinwesen. Die Reformer idealisierten den Staat, sie sahen in ihm eine Art geistiges Gefäß, in dem sich die Höherentwicklung der Menschen vollziehen sollte. Sie übersahen die Anfechtungen der Macht und legten damit den Grundstein zur Pervertierung dessen, was doch ihr eigentliches Ziel war: die Rechte des Individuum vor den unersättlichen Ansprüchen des Staates zu sichern.«

Auch wenn sie Gefahren der Pervertierung des preußischen Staatsmodells gesehen hat, sah Dönhoff im totalitären Dritten Reich keinen direkten Erben. Eine Treue zur »preußischen Tugend des Maßhaltens« bescheinigte sie den Offizieren, die den Staatsstreich vom 20. Juli 1944 durchgeführt hatten. Indem sie im Widerstand gegen Hitler das Wiederaufleben des preußischen Geistes erkannte, begründete Dönhoff einen neuen preußischen Mythos, dem sich selbst der konservative Historiker Eberhard Straub widersetzte:

»Eine Geschichte Preußens im nationalsozialistischen Reich gibt es nicht. Der Nationalsozialismus ist rein deutsche Geschichte. Die Preußen, die im Widerstand waren und nach dem 20. Juli 1944 hingerichtet wurden, handelten als Deutsche. Sicherlich im Bewusstsein preußischer Traditionen, die sie nun aber als deutsche verstanden wissen wollten. Für sie war Preußen in Deutschland aufgegangen. Preußen war nur eine Erinnerung und wahrscheinlich nicht die wichtigste, weil sie sich um die Ehre und den geschändeten Namen Deutschlands sorgten. Ihre Gedanken zu sittlichen und politischen Erneuerung Deutschlands beschäftigten sich nicht mit Preußen, weder mit seiner Zukunft noch mit seiner Vergangenheit.«

3.

Erstaunlicherweise wurde die »Preußenwelle« der siebziger und achtziger Jahre durch kein Jubiläum verursacht. Elf Jahre nach der Vereinigung der deutschen Staaten aber, war der 300. Jahrestag der Selbstkrönung des brandenburgischen Kurfürsten zum preußischen König Anlass für eine neue Auseinandersetzung mit preußischer Geschichte. Die Länder Berlin und Brandenburg riefen nicht nur das »Preußenjahr 2001« aus, sondern initiierten und finanzierten zahlreiche Ausstellungen und andere kulturelle Ereignisse. Eine neue »Preußenrenaissance« oder intensive Auseinandersetzung mit der preußischen Geschichte wie vor zwanzig Jahren fand aber nicht statt. Treffend charakterisierte Adam Krzemiński die zahlreichen Ausstellungen und Publikationen zum 300. Jahrestag als das »Recycling historischer Abfälle«.[7] Vom Einfließen des preußischen Geistes in die »Berliner Republik« konnte nicht die Rede sein. Eine ernüchternde Bilanz des Preußenjahres 2001 zog auch der renommierte Journalist Hermann Rudolph, Herausgeber der liberalen Berliner Tageszeitung »Der Tagesspiegel«:

»Trotz aller Anstrengungen, trotz aller Besucher, trotz der Erinnerung an das Hüttenwesen und die Zuckerfabriken im Oderbruch und die Einführung des Kartoffelanbaus bleibt der Eindruck blass. Die versprochenen Auseinandersetzungen fanden nicht statt; neue Züge am Preußen-Bild zeigten sich nicht. Dazu passt, dass das Ende des Preußenjahres zusammenfällt mit dem Ende des einzigen Wissenschaftsunternehmens, das Preußen gewidmet war, des »Forschungsinstituts für die Geschichte Preußens« in Berlin. [...] Und die deutschen Länder spielen [...] mit dem Gedanken, aus der Stiftung Preußischer Kulturbesitz auszuziehen[8]

Dass das Preußenjahr 2001 zu keinem prägenden Kulturereignis im vereinigten Deutschland wurde, hängt wohl damit zusammen, dass heute das preußische Erbe gelassener interpretiert wird und der preußische Staat für politische Zwecke nicht mehr instrumentalisiert wird. In Deutschland sind heute keine ernsthaften Bemühungen erkennbar, Preußen zu verklären und die Schattenseiten des preußischen Erbes rufen keine lebendigen Debatten mehr hervor. Für die politische Kultur des vereinigten Deutschland sind vielmehr die Auseinandersetzungen mit den Totalitarismen des 20. Jahrhunderts prägend. So ist für die politische Kultur in den ostdeutschen Bundesländern die Auseinandersetzung mit der Geschichte der DDR und die Frage nach dem Umgang mit ihrem Erbe wichtiger als die Konfrontation mit dem friderizianischen oder wilhelminischen Preußen. Die Effektivität des NS-Regimes und die Expansionspolitik der Nazis mit preußischen Sekundärtugenden und friderizianischen Militarismus zu erklären, reicht den meisten Deutschen heute nicht aus; diese Erklärungsversuche sind viel zu schablonenhaft. Dass die negativen Seiten der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert nicht mehr einfach in Verbindung gebracht werden mit Preußen, hängt sicherlich auch mit der Wiederentdeckung des positiven preußischen Erbes durch deutsche Historiker und Publizisten in den siebziger und achtziger Jahren zusammen.

Auch wenn das Preußenjahr 2001 keine wesentlich neuen Erkenntnisse gebracht hat und es zu keiner neuen »Preußenrenaissance« gekommen ist, lohnt doch ein genauerer Blick auf die Versuche der Auseinandersetzung mit dem preußischen Erbe heute. Denn der zurückhaltende Umgang mit Preußen im vergangenen Jubiläumsjahr sagt viel über das heutige Deutschland aus.

4.

Ähnlich wie vor zwei Jahrzehnten fehlte es im Preußenjahr 2001 nicht an Versuchen der Verklärung. Erneut wurden im Erbe des preußischen Staates Quellen der Inspiration für die heutige Gesellschaft gesucht. Stellvertretend für diese Tendenz steht der unter dem Titel »Pflicht, Dienst, und Disziplin« veröffentlichte Essay des Berliner Soziologen Nicolaus Sombart[9]. Darin stellte Sombart der »modernen hedonistisch-schlampigen Lebenseinstellung«, die ausschließlich auf das persönliche Wohlergehen bedacht sei und dadurch eine Gefahr für das Gemeinwesen sowie den modernen Staat darstelle, den »preußischen« Geist entgegen. Der »preußische Geist«, so Sombart, bestehe nicht etwa aus der Übertragung des Exerzierreglements auf die Gesellschaft, sondern sei eine Geisteshaltung,

»deren Kern die Überzeugung bildet, dass man den Sinn seines Lebens nur im Dienst einer größeren Aufgabe, einer über das Private hinausgehenden Mission finden kann; ein System moralischer Normen, deren Quintessenz mit drei Worten bezeichnet ist: Pflicht, Dienst und Disziplin. Alles in allem ein solides Aggregat von Maximen der Lebensgestaltung, die sich [...] in jedem gesellschaftlichen Handlungssystem bewähren. Sie bringen soziale Tugenden wie Arbeitsfreude, Tüchtigkeit, Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit und Zähigkeit zur Entfaltung.«

Nach Ansicht von Sombart ist die von ihm beschriebene »preußische Ethik« eine unverzichtbare Grundlage einer jeden, gut funktionierenden Industriegesellschaft. Gerade in Krisenzeiten sollte aus dieser Quelle geschöpft werden, die nicht spezifisch für Preußen sei, sondern eine Variante einer

»okzidentalen Geisteshaltung, die sich seit der Reformation überall in Europa [...] durchzusetzen begann.«

Dieser Geist könne eine wichtige Ressource für die anstehenden Modernisierungen unserer Gesellschaften, Sozialsysteme und des Staates sein – das geistige Erbe Preußens als kostbarste Energieressource Deutschlands.

Sombarts Essay über die Aktualität des »preußischen Geistes« blieb aber der einsame Versuch eines Berliner Dandys, nur die positiven Seiten des preußischen Erbes herauszuarbeiten. Immerhin beeindruckt Sombarts Versuch der Annäherung an das preußische Erbe durch intellektuelle Originalität und Eloquenz. Andere positive Stimmen zu Preußen wirkten eher ideenlos, so zum Beispiel die des Bundespräsidenten Johannes Rau, der in seiner Rede zur Eröffnung des Preußenjahres dieses Erbe als »großen, unübersehbaren Block in unserer Geschichte« charakterisierte, ein »überreiches kulturelles Erbe«, das von Schlüter, Knobelsdorff, Schinkel bis zu Borussia Dortmund und den schwarz-weißen Trikots der Fußball-Nationalmannschaft reiche.[10]

Wenig überzeugend fiel auch die große Berliner Ausstellung zum 300. Krönungsjubiläum Friedrichs I. aus. Mit dem Schwerpunkt auf die prunkvolle barocke Epoche des ersten preussischen Königs wollten die Ausstellungsmacher dem Klischee von Preußen als reinen Macht- und Militärstaat entgegenwirken. Mit dieser sehr vorsichtigen und »unpolitischen« Ausstellung wurde nicht nur Langweile erzeugt, sondern wie der Journalist Gustav Seibt in der Wochenzeitung »Die Zeit« feststellte, ein großes Thema verschenkt.[11] Stattdessen versuchten die Ausstellungsmacher, das friderizianische Preußen als normalen westeuropäischen Barockstaat darzustellen, wohl passend zur allgemeinen, von Eberhard Strauch kritisierten Tendenz, einer politisch korrekten Geschichtsschreibung, die versucht, so Seibt,

»möglichst viel von der deutschen Vergangenheit unter die Kriterien des Westlichen und Föderalen zu bringen. Das alte Reich wird zu einer Vorform des Bonner Staates; und fast alles in Deutschland, außer der kurzen Episode des »Dritten Reiches«, soll so wie im übrigen Europa auch gewesen sein, vom Absolutismus bis zum Nationalstaat.«

Erfreulich ist, dass die Versuche neuer Mythenbildung im Preußenjahr 2001 unterrepräsentiert waren, es dominierte eher die Entmystifizierung. Betonten Haffner, Dönhoff und andere Publizisten vor zwanzig Jahren die geistige und religiöse Toleranz Preußens, so wurde dieses Bild nun relativiert. Der Potsdamer Historiker Julius H. Schoeps erinnerte daran, dass die viel gerühmte Religionsfreiheit nicht der Nächstenliebe, sondern wirtschaftlichem Kalkül entsprang.[12] Auch konnte im friderizianischen Preußen von einer rechtlichen Gleichstellung der Juden nicht die Rede sein. Das Preußen der Aufklärung war zwar im Prinzip bereit, Juden individuelle Staatsbürgerrechte zu gewähren, aber unter der Bedingung, dass sie aufhörten Juden zu sein.

Nicht nur der Toleranzmythos wurde relativiert, auch warfen manche Autoren die Frage nach der geistigen Verwandtschaft zwischen totalitären Systemen des 20. Jahrhunderts und Preußen neu auf. Bemerkenswert war in diesem Zusammenhang ein Essay des Ostberliner Schriftstellers Rolf Schneider in der konservativen Berliner Tageszeitung »Berliner Morgenpost«.[13] Darin schrieb Schneider:

»Der Nationalsozialismus folgte nicht zwingend aus dem Preußentum, doch vieles von dem, was er kultivierte und worauf er fußte, die Aggressivität, der Zentralismus, der Gehorsam, war in Preußen tief verankert. Sofern staatsbürgerliche Freiheit nicht denkbar ist ohne Demokratie, war Preußen stets ein unfreier Staat. Erich Honeckers deutsche Leninisten waren also gut beraten, als sie, spät genug, Preußen für sich entdeckten, um sich seine Überlieferungen nutzbar zu machen.«

Den konsequentesten Angriff gegen preußische Mythenbildung führte aber das liberale Hamburger Nachrichtenmagazin »Der Spiegel«[14]. Aus Anlass des 300. Krönungsjubiläums wurde in einer umfangreichen Titelstory preußische Geschichte ohne Legenden rekapituliert. Klaus Wiegrefe, Redakteur des »Spiegel«, nahm die Mythen von preußischer Toleranz, Rechtstaatlichkeit und Kunstsinnigkeit auseinander. Vor allem widersetzte er sich der Vorstellung, die Regentschaft Friedrichs II. sowie die Reformpolitik Anfang des 19. Jahrhunderts hätten Preußen zu einem der modernsten und fortschrittlichsten Staaten Europas werden lassen:

»Friedrichs Reformen blieben so halbherzig, wie es dem Januskopf Preußen entsprach. Die Folter wurde nie ganz abgeschafft, das barbarische Spießrutenlaufen der zwangsrekrutierten Soldaten [...] überhaupt nicht. Kritik an seiner Majestät... Person und Politik war, trotz Pressefreiheit, auch weiterhin verboten. [...] Katholiken und – insbesondere – Juden waren weiterhin nicht gleichberechtigt mit den protestantischen Bürgern. [...] In Schlesien und Ostpreußen konnten Adlige ihre Bauern verkaufen, entschieden darüber, was deren Kinder zu lernen hatten und wen sie heiraten durften. [...] Friedrichs Justizreform, die schließlich in das berühmte Allgemeine Landrecht mündete, schuf zwar etwas Rechtssicherheit, doch auch danach durfte der Adel »faules und widerspenstiges Gesinde« züchtigen.«

Friedrich sei zwar ein aufgeklärter König gewesen, sein Staat sei aber, so in der Tradition seines Vaters, des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I., ein Militärstaat geblieben, in dem bis zu vier Fünftel der Einnahmen in die Armee flossen. Das Offizierskorps bot für die Bürgerlichen keine Aufstiegsmöglichkeiten, es wurde von adligen Familien dominiert, die für Friedrich »Grundlage und Säule des Staates« blieben. Nach Ansicht von Wiegrefe bildeten nicht Reformmaßnahmen im Geiste der Aufklärung das einflussreiche Erbe des friderizianischen Preußens, sondern seine waghalsige und riskante Außenpolitik:

»Nicht Sans-Souci oder aufklärerische Reformen, sondern die Schlesischen Kriege waren das Erbe Friedrichs, das die größte Wirkung in deutschen Köpfen entwickelte. Ob vor oder im Ersten Weltkrieg, ob vor oder im Zweiten Weltkrieg, stets beriefen sich Imperialisten und Nationalisten auf den Preußenkönig.«

Nach Ansicht von Wiegrefe führte diese Außenpolitik zur fatalen Legende, dass

»Präventivkrieg und Vabanquespiel sich lohnten und man ansonsten nur ausreichend lange durchhalten müsse«

Es ist viel über dieses Erbe der Expansionspolitik der »rationellen Machtfabrik« Preußen nachgedacht worden. Wiegrefe erinnert in diesem Zusammenhang an den Historiker Ludwig Dehio, der in der säkularisierten calvinistischen Ethik der Hohenzollernfamilie eine wichtige Quelle für das Staatsverständnis des preußischen Königreiches sah. Anstatt wie calvinistische Kapitalisten den Profit zu vergöttern, so Dehio, strebten jedoch die Hohenzollern nach Expansion, an die Stelle von Geld und Arbeit traten in Preußen Soldaten und Dienst.

An dieser Stelle sei erinnert, dass sich Anfang der neunziger Jahre der Publizist und Politikwissenschaftler Christian Graf von Krockow in seinem brillanten Buch »Preußen. Eine Bilanz« mit der fatalen Mutation der calvinistischen Ethik zu preußischen Tugenden auseinandergesetzt hatte und darin ein gefährliches Erbe Preußens erkannt hatte.[15] Der Calivinismus, schrieb Krockow ebenfalls in Anlehnung an den Historiker Dehio, sei in der bürgerlichen Gesellschaft der Niederlanden zur Blüte gekommen. Der Soldatenkönig entdeckte in den calvinistischen Tugenden einen Motor für die Entwicklung des armen und rückständigen Preußens, jedoch sei ihm nicht bewusst gewesen, so Krockow, dass sich diese Tugenden auf eine Gesellschaft nicht übertragen lassen konnten, die kein selbstbewusstes Bürgertum hatte, sondern ein Obrigkeitsstaat war. In Preußen sei, so Krockow, alle Dynamik vom Staat ausgegangen, alles Selbstbewusstsein davon, ihm zu dienen. In Preußen, in einem starken Staat, für den nicht der Wohlstand, sondern die Macht zählte, konnte somit, so Krockow, keine imponierende und wohlhabende Bürgergesellschaft auf der Grundlage der calvinistischen Tugenden entstehen:

»Macht aber ist ein Mittel, kein Selbstzweck; die Frage stellt sich daher, wozu man sie nutzt. Und das im genauen Wortsinne Fragwürdige an den preußischen Tugenden ist, dass sie dazu schweigen. Es handelt sich um so genannte Sekundärtugenden. Das heißt, die Leistungsbereitschaft sagt nicht, wofür sie eingesetzt wird, die Pflichterfüllung nicht, wem sie dient: ob dem König von Preußen oder Adolf Hitler. Die Frage nach den vorrangigen Werten, nach den Zielen muss daher stets gestellt und beantwortet werden, sonst in der Tat kann auch das Verbrechen sich rechtfertigen. Sonst bleibt nur: die Warnung vor solchen Tugenden.«

Doch zurück zum »Spiegel«-Essay über Preußen. Bemerkenswert ist, dass Klaus Wiegrefe in seiner Abrechnung mit dem preußischen Staat an die negative Polenpolitik des preußischen Staates erinnerte, an ein in der deutschen Auseinandersetzung mit Preußens Geschichte oft verschwiegenes Kapitel, ein fatales Erbe. Erst die Eroberung Schlesiens und schließlich die Teilungen Polens führten dazu, dass Preußen zu einer europäischen Großmacht wurde. Übrigens hatte schon Karl Marx im 19. Jahrhundert treffend erkannt, dass »die Existenz des Staates Preußen [...] aus dem Verrat der Hohenzollern an Polen« entsprang.

Um die Bedeutung der polnischen Perspektive bei der Auseinandersetzung mit dem preussischen Erbe zu unterstreichen und eine rein deutsche Preußen-Debatte zu verhindern, veröffentlichte der »Spiegel« parallel zum Essay von Klaus Wiegrefe ein umfangreiches Gespräch mit Władysław Bartoszewski über »Polens schwierige Geschichte mit Preußen«. Darin bekundete Bartoszewski sein Misstrauen gegenüber jeglicher Verklärung des preußischen Staates:

»Preußen war in den Augen seiner Gegner der böse Geist Europas und eine Stütze des aggressiven Militarismus. [...] Die politische Vormachtstellung der Preußen hat den Deutschen kein dauerhaftes Glück gebracht; das hat schon Thomas Mann so gesehen. Und den Polen hat die aggressive Politik der Preußen viel Unglück beschert. Es war schon im 18. Jahrhundert ein Wahnsinn zu versuchen, einem Volk von damals fünf Millionen Menschen einfach die Souveränität zu nehmen. [...] Also wenn wir Polen an Preußen denken, dann fallen uns als Erstes bestimmt nicht die Tugenden ein. Natürlich haben die Tugenden auch im von den Preußen annektierten Polen Spuren hinterlassen. Pflichtbewusstsein, Verantwortung, Fleiß: Das sind auch polnische Eigenschaften. Auch die strenge religiöse Haltung der polnischen Katholiken ist gewissermaßen ein Spiegelbild des preußischen Protestantismus. [...] Ich plädiere für etwas mehr Bescheidenheit, wenn es darum geht, bestimmte Tugenden nur den Preußen zuzuschreiben. Die Polen haben die Universitäten in Wilna und Lemberg gegründet. Aber wir kämen nicht auf die Idee, in Litauen oder der Ukraine heute zu verkünden: Die Wissenschaft habt ihr von uns geerbt.«[16]

Das »Spiegel«-Gespräch mit Bartoszewski war die wichtigste und einzige wichtige polnische Meinungsäußerung im Preußen-Jahr. Gerade im Fehlen von polnischen und anderen Stimmen konstatierte die Schweizer »Neue Züricher Zeitung« eine große Schwäche der deutschen öffentlichen Debatte im Preußenjahr. Man hätte sich, so die »Neue Zürcher Zeitung«, nicht nur stärker mit der außerdeutschen Sicht auseinandersetzen sollen, die wesentlich kritischer den preußischen Staat beurteile, man hätte auch stärker die Probleme des multikulturellen Zusammenlebens in Preußen, vor allem der Deutschen und der Polen, thematisieren müssen.[17]

Auf einem Umweg und schon nach Abschluss des Preußenjubiläums fand diese Perspektive doch noch Eingang in die deutsche Auseinandersetzung mit dem Hohenzollern-Staat. Die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« befragte im Frühjahr 2002 Historiker und Intellektuelle, ob nach einer möglichen Fusion Berlins mit Brandenburg das neu entstandene Land Preußen heißen sollte. Der Historiker Andreas Lawaty erinnerte bezugnehmend auf einen Essay Adam Krzemińskis in der »Polityka«, dass ein Großteil des preußischen Erbes heute außerhalb der deutschen Grenzen in Polen und im Kaliningrader Gebiet zu finden sei.[18] Auf der Suche nach einer regionalen Identität in der postkommunistischen Gesellschaft setze man sich in Polen, so Lawaty, intensiv mit den verschiedenen kulturellen Einflüssen der polnischen Regionen auseinander. Da ein Großteil des heutigen polnischen Staatsgebietes früher preußisch war, ist die Erinnerung an das borussische Erbe ein wichtiger Bestandteil der neuen regionalen Erinnerung. Als Beispiel hierfür nannte Lawaty die Allensteiner Kulturgemeinschaft »Borussia«. Lawaty betonte, dass polnische Historiker seit langem daran arbeiten, das polnische Preußenbild zu entdämonisieren. Dennoch führe diese Revision des Geschichtsbildes zu keiner Preußen-Verherrlichung, da ein wichtiges Element der preußischen Geschichte, die

»konsequente, auch nach der Teilung Polens florierende und nach dem Ende Preußens noch fortwirkende »negative Polenpolitik««

sei, ein Erbe, das weiterhin im polnischen Geschichtsbewusstsein fortwirke. Zurecht bemerkte auch Lawaty, dass das preußische Erbe der »negativen Polenpolitik« heute auf die deutsche Außenpolitik nicht mehr dauernd einwirke. Grund dafür sei sicherlich gewesen, dass die Wiederherstellung der deutschen Einheit 1990 ein Vorgang gewesen sei, der Preußens Politik nicht bedurfte. Und auch die der Konsolidierung der deutschen Einheit und der Ausbau regionaler Identitäten komme, so Lawaty weiter, ohne einen preußischen Beitrag aus.[19]

Lawaty stand mit seinem Skeptizismus gegenüber der Wiederbelebung Preußens in einem gemeinsamen Bundesland Berlin-Brandenburg nicht allein da. Renommierte Preußen-Kenner, wie der Historiker Ernst Hinrichs, wiesen darauf hin, dass die Kulturlandschaft Brandenburgs weit über die Geschichte Preußens hinaus identitätsstiftend für die Region gewesen sei und nicht der Kunststaat Preußen mit seinen über verschiedene Regionen Deutschlands und Mitteleuropas zerstreuten Staatsgebiet.[20]

Wie es aussieht, eignet sich das Erbe Preußens nicht für die Schaffung neuer kultureller und politischer Identitäten im Osten Deutschlands. Die westlichen Regionen Deutschlands sind auch an preußischer Geschichte wenig interessiert, was wohl sicherlich eine Erklärung dafür ist, dass es zu keiner intensiven Preußen-Debatte im Jubiläumsjahr 2001 in Deutschland gekommen ist. Der preußische Staat hat seinen Mythos längst verloren, seine Werte eignen sich kaum als Grundlage einer modernen bürgerlichen Gesellschaft. Klaus Wiegrefe schlug in seinem »Spiegel«-Essay vor, das Kapitel Preußen endgültig zu schließen:

»Preußen ist passé, Deutschland überaus fest verankert in westlichen Bündnissen, die sich nach Osten ausdehnen. Auf dem weiteren Weg zur politischen Union Europas aber lässt sich von Preußen, das weder republikanisch noch föderativ war, nichts lernen.«

Und selbst der große Kenner der preußischen Geschichte und Kultur, der Berliner Verleger und Essayist Wolf Jobst Siedler, musste im Preußenjahr feststellen, dass von Preußen wenig bleibt:

»Preußen ist eine Erinnerung geworden, eine grandiose Erinnerung, aber mehr ist es nicht.«[21]

Bemerkenswert ist, dass in Siedlers Erinnerung die staatlichen Traditionen Preußens im Hintergrund stehen. Siedler hebt vor allem das architektonische und künstlerische Erbe hervor, insbesondere den preußischen Klassizismus Schinkels, Rauchs und Schadows. Die Rekonstruktion und Bewahrung dieses kulturellen Erbes steht heute im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses in Deutschland. Wie hochpolitisch noch heute dieses Erbe ist, haben die letzten zehn Jahre gezeigt, in denen nicht nur um die Finanzierung der verfallenen Architekturdenkmäler in Brandenburg, die Rekonstruktion der Berliner Museumsinsel oder die Zukunft der Stiftung preußischer Kulturbesitz gestritten wurde.

Die Auseinandersetzung mit dem preußischen Erbe fand wohl den interessantesten Ausdruck in der Debatte um die architektonische Gestaltung des historischen Berliner Stadtzentrums. Als besonders zentral und schwierig erwies sich hier vor allem die Frage nach dem Wiederaufbau des alten Berliner Stadtschlosses, dessen Ruine von Ulbrichts Regime in den fünfziger Jahren gesprengt worden war. Diese Lücke stellt bis heute eine architektonische Wunde in Berlins Mitte dar. Erfreulich ist, dass sowohl Preußen- als auch DDR-Nostalgiker in dieser Debatte in der Minderheit waren. Bei den Stadtplanern von heute überwiegt der Respekt vor dem architektonischen Erbe Preußens, jedoch gleichzeitig die Überzeugung, dass das preußische Berlin sich nicht gänzlich rekonstruieren lässt und man auch die sozialistische Stadtplanung Ostberlins nicht mehr ganz revidieren kann.

Mit dem Wiederaufbau von Schinkels Bauakademie, aber auch der Anfang Juli 2002 vom Bundestag beschlossenen Wiedererrichtung des Stadtschlosses als eines Hauses verschiedener Berliner Kultureinrichtungen (nur zu drei Seiten als barocke Fassade, nicht in seiner vollständigen historischen Form) soll nicht Preußen wiederbelebt werden, sondern die historische Mitte Berlins behutsam rekonstruiert und als wichtiges kulturelles Erbe gewahrt werden.

Das Pflege des kulturellen Erbes Preußens ist nicht nur eine Aufgabe für Deutsche, sondern wie der Historiker Robert Traba erinnert hat, auch für Polen.[22] In den polnischen West- und Nordgebieten ist die »preußische Landschaft« mit ihren neogotischen Kirchen, Herrenhäusern, Höfen, Friedhöfen und Bahnhöfen präsent. Die schwierige Aufgabe für Polen sei heute, so Traba, auf natürliche Art und Weise von Verwaltern zu Miterben der Kulturgüter in den ehemaligen preußischen Gebieten zu werden. Die Auseinandersetzung mit diesem kulturellen Erbe sei eine wichtige Aufgabe bei der Schaffung regionaler Identitäten. Die Bewahrung dieses Erbes könne, betonte Traba, nur von Deutschen und Polen gemeinsam durchgeführt werden.

Dieser deutsch-polnische Dialog über das gemeinsame kulturelle Erbe Preußens ist, wie die letzten Jahre gezeigten haben, voller Hindernisse. Vor allem die Diskussion über die Rückführung von Kulturgütern, hier im besonderen über die Zukunft der in Krakau befindlichen Sammlung der Preußischen Staatsbibliothek, zeigt, welcher politische Sprengstoff sich hinter diesem Thema immer noch verbirgt. Der Umgang mit dem kulturellen Erbe Preußens sagt auch heute viel über die Offenheit des Dialogs zwischen Deutschen und Polen aus.

[1] Zitiert aus: Uwe Soukup, Ich bin nun mal Deutscher. Sebastian Haffner. Eine Biographie, Berlin 2001.
[2] Sebastian Haffner, Preußen ohne Legende, Hamburg 1979.
[3] Rudolf von Thadden, Fragen an Preußen. Zur Geschichte eines aufgehobenen Staates, München 1981.
[4] Bernt Engelmann, Preußen. Land der unbegrenzten Möglichkeiten, München 1979.
[5] Eberhard Straub, Eine kleine Geschichte Preußens, Berlin 2001.
[6] Marion Gräfin Dönhoff, Preußen. Maß und Maßlosigkeit, Berlin 1987.
[7] Adam Krzemiński, Prusy to my, »Polityka«, 14.3.2002.
[8] Hermann Rudolph, Sorgenvoll in Sanssouci, »Der Tagesspiegel«, 30.12.2001.
[9] Nicolaus Sombart, Pflicht, Dienst und Disziplin, »Berliner Morgenpost«, 14.1.2001.
[10] Johannes Rau, Preußen – zu lange galt nur schwarz oder weiß, »Der Tagesspiegel«, 5.5.2001.
[11] Gustav Seibt, Preußen ohne Sonderweg, »Die Zeit«, 12.12.2001.
[12] Julius H. Schoeps, Streng dosierte Duldung, »Berliner Morgenpost«, 14.1.2001.
[13] Rolf Schneider, Humor taucht niemals auf, »Berliner Morgenpost«, 14.1.2001.
[14] Klaus Wiegrefe, Staat von Blut und Eisen, »Der Spiegel«, 22.1.2001.
[15] Christian Graf von Krockow, Preußen. Eine Bilanz, Stuttgart 1992.
816 »Der Böse Geist Europas«, Gespräch mit Władysław Bartoszewski, »Der Spiegel«, 22.1.2001.
[17] Hans-Albrecht Koch, Preußenliteratur im Preußenjahr, »Neue Zürcher Zeitung«, 12.11.2001.
[18] Andreas Lawaty, Preußen gibt es bereits, »Frankfurter Allgemeine Zeitung«, 23.3.2002 (vgl. in diesem Heft, S. 39).
[19] Kurz nach Redaktionsschluß erschien ein sehr wichtiger Artikel, der die polnischen und deutschen Auseinandersetzungen zum Thema Preußen der letzten Jahre zusammenfasst: H. J. Bömelburg: Polen und das Preußenjahr, in: »Das Wort/Słowo«, Nr. 55 Berlin, Winter 2002, S. 4–13.
[20] Ernst Hinrichs, Preußen ohne Ende?, »Frankfurter Allgemeine Zeitung«, 18.2.2002.
[21] »Dieser Klassizismus – eine Klasse für sich«, Gespräch mit Wolf Jobst Siedler, »Der Tagesspiegel«, 17.1.2001.
[22] Robert Traba, Wo liegt Preußen?, »Deutsch-Polnisches Magazin DIALOG«, Nr. 55–56 (2001).

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