07.02.2003
Rex Rexheuser
Rex Rexheuser
141,292
Der Artikel ist zuerst in Heft 27/2002 der polnischen Zeitschrift »BORUSSIA« (Titel des Hefts: »Dialog oder mehr? Deutsch-polnische Historikergespräche über die gemeinsame Geschichte«) erschienen und wird hier in Zusammenarbeit mit der Kulturgemeinschaft »Borussia« elektronisch publiziert.

Lieber Robert,

Sie laden mich ein, über ein Thema zu schreiben, über das wir zu zweit und mit anderen, als Kollegen im DHI Warschau wie in den Jahren danach oft diskutiert haben. Was ich zu sagen habe, ist eine Fortsetzung dieser Gespräche. Es nahm deshalb wie von allein die Gestalt eines Briefes an.

Aus Ihrer Umfrage zum Stand des »deutsch-polnischen Dialoges in der Geschichtsschreibung« spricht eine Ungeduld, die ich gut verstehe, weil sie auch mich bisweilen befällt. Könnte es aber nicht sein, daß unsere Ungeduld die einfache Reaktion auf eine verwickelte Situation, also eine unangemessene Reaktion wäre?

»Deutsch-polnischer Dialog« – die Wendung klingt so, als begegneten sich immer wieder, immer noch zwei Kollektivgrößen, die, Polen hier, Deutsche dort, unentwegt versuchen müßten, miteinander ins Reine zu kommen. Vor zwanzig, dreißig Jahren entsprach die Wendung unserer Wirklichkeit noch recht genau. Nach den katastrophalen Antagonismen, die Polen und Deutsche entzweit hatten, waren unsere Länder erst auf dem Wege zu einer politischen Verständigung. Hinter den Historikern beider Länder lagen historiographische Traditionen, die beherrscht waren von diesen Antagonismen und zu nahezu allen Phasen und Aspekten des deutsch-polnischen Verhältnisses entgegengesetzte Anschauungen ausgebildet hatten. Als deshalb die Historiker sich anschickten, miteinander zu reden, mußten sie sich zunächst als Repräsentanten von Nationen verstehen, die in formellen Verhandlungen herauszufinden suchten, in welchen Punkten die konkurrierenden Bilder der gemeinsamen Geschichte sich widersprachen, sich annähern oder korrigieren ließen. Die Schulbuchkommission hat nach diesem Ritual gearbeitet und unter seinem Schutz jenes Kapital von Entspannung und wechselseitigem Zutrauen angesammelt, von dem wir heute leben. Im gleichen Maße aber, wie das Ritual seine wohltätigen Wirkungen entfaltete, verlor es an Notwendigkeit und Plausibilität. Je mehr von den einstigen Streitfragen sich relativierte oder erledigte, je mehr sich Gemeinsamkeiten in den Maßstäben und in der Praxis des historischen Urteils ergaben, desto weniger hatten die Teilnehmer der Debatten innerhalb wie außerhalb der Kommission Grund, sich als Exponenten eines Kollektives, als Repräsentanten ihrer Nation zu betrachten. Stattdessen wurde auf beiden Seiten eine Vielzahl von Sehweisen, Standpunkten und Forschungsrichtungen sichtbar, die nicht der Nationalität des Historikers entspringen, sondern seiner persönlichen Wahl und Entscheidung. Auch seine Partner und Kontrahenten, die Kollegen, mit denen er übereinstimmt oder streitet, zusammenarbeiten kann oder nicht, scheiden sich längst nicht mehr nach Polen und Deutschen. Heute sind die Affinitäten und Gruppierungen national gemischt. Sie entziehen sich einer nationalen Zuordnung auch und gerade dann, wenn das Nationale selber zur Debatte steht.

Nehmen Sie als Beispiel die Auseinandersetzungen um Hartmut Boockmanns und Gerard Labudas Anschauungen von der deutsch-polnischen Kontaktzone an der unteren Weichsel. Von den nationalen Aversionen der Vergangenheit haben beide Autoren sich weit entfernt. Gleichwohl werfen Kritiker ihnen eine noch immer nachwirkende nationale Verengung des Blickfeldes vor. Würden die Einwände von Polen an die deutsche Adresse oder von Deutschen an die polnische gerichtet, wäre an der Vorhaltung nichts Neues. So pflegen alle Historiographien verfeindeter nationaler Lager gegeneinander zu argumentieren, ohne Aussicht, daß der Streit jemals enden könnte. Ein Mangel, den man anderen zuschreibt, ohne zu bemerken, daß man selber an ihm leidet, läßt sich durch nichts aus der Welt schaffen. Aber unsere Kontroversen um Boockmann und Labuda bewegen sich durchaus nicht in diesem alten Schema. Der deutsche Autor stößt auf Kritik auch bei deutschen Historikern, der polnische ist auch umstritten unter den polnischen. Und in beiden Ländern gibt es Historiker, die Kritik an beiden Autoren für berechtigt halten. Ich zum Beispiel bin dieser Auffassung.

»Deutsch-polnischer Dialog in der Geschichtswissenschaft«? Die Formel paßt nicht mehr auf unsere Tage. Sie ist überholt. Sie darf uns heute fast ebenso befremden, als spräche jemand von einem Städtedialog, wenn Warschauer und Posener Historiker sich treffen oder Berliner mit Marburgern diskutieren. So wenig wie sie ihre lokale, so wenig repräsentieren wir unsere nationale Herkunft. Wir alle vertreten nur uns selbst.

Freilich nicht in luftleerem Raum. Daß wir die Deckung wie die Begrenzungen der geschlossenen, von jedermann geteilten polnischen und deutschen Geschichtsbilder hinter uns gelassen haben, heißt nicht, daß wir in einem bloß post-nationalen Zeitalter unserer Wissenschaft angelangt wären. Jeder von uns gehört einer der beiden Nationen an, er mag sich zu ihr stellen, wie er will. Und die Geschichten dieser zwei Nationen waren verschieden, so eng sie sich verschlungen haben. Das eine wie das andere hat Folgen für uns als Historiker. Ich nenne einige, die mir aufgefallen sind und gewichtig scheinen.

Zugehörigkeit zu einer Nation determiniert unser Urteil nicht. Aber die Nationalität ist uns mit solcher Selbstverständlichkeit gegeben, daß Einflüsse, die sie auf unser Urteil haben könnte, von uns selbst nie mit voller Sicherheit zu identifizieren sind, also auch, falls wir dies wollen, zu vermeiden wären. Kritische Distanz zur eigenen Geschichte, Verständnis für die historische Eigenart des Nachbarn, eine besondere Vorsicht, wenn es um deutsch-polnische Beziehungen geht – das alles sollen wir üben, das alles können wir erwerben. Aber wer übersieht, wie weit er damit kommt? Ich habe gelegentlich, um die Expansion Österreichs, Rußlands und Preußens nach Ostmitteleuropa in der frühen Neuzeit zu charakterisieren, davon gesprochen, daß alle drei früher oder später eine Grenze überschritten, jenseits derer ihnen immer mißlang, was diesseits immer glückte: eine dauerhafte Integration der Bevölkerungen. Moralisch für die Großreiche zu gewinnen waren Untertanen nur dort, wo die Sprache der Herrschaft sich deckte, mindestens zur Deckung gebracht wurde mit der Sprache der Beherrschten. Wo beides auseinanderfiel, setzten seit dem 19. Jahrhundert nationale Befreiungsbewegungen ein, an denen im 20. Jahrhundert jedes multinationale Reich in Ostmitteleuropa zerbrochen ist. Daß weder Zeitpunkt noch Modus der imperialen Expansion, sondern diese Strukturfrage über die Integrationschancen entschied, wollte ich illustrieren an einer Gebietserwerbung, die spät und gewaltsam geschah und dennoch erfolgreich war. Ich nannte die preußische Eroberung Schlesiens im 18. Jahrhundert und bemerkte erst nachträglich, wie schief das Beispiel war und warum ich es trotzdem gewählt hatte. Mein Kopf beherbergt nebeneinander drei Schlesienbilder, ein differenziertes, das zwischen Nieder- und Oberschlesien unterscheidet und auch die Oberschlesier nicht alle in einen Topf wirft, und zwei Klischeebilder, die aus den nationalen Historiographien stammen und die Region exklusiv entweder für Polen oder für Deutschland reklamieren. Natürlich gebe ich bei klarem Kopf dem ersten Bild den Vorzug. Aber offenkundig sitzt meine Aversion gegen das polnische Klischee tiefer und arbeitet verläßlicher als die Aversion gegen mein deutsches Klischee. Polnischen Historikern würde es nie in den Sinn kommen, von einer ringsum gelungenen Integration Schlesiens in den preußischen Staat zu sprechen. Auch ich als deutscher Historiker war keineswegs dazu gezwungen. Aber nur weil ich ein deutscher Historiker bin, konnte es mir widerfahren, so zu sprechen. Diesmal bin ich dem Streich, den die Nationalität meiner besseren Einsicht gespielt hat, noch selbst, wenn auch spät auf die Schliche gekommen. Doch das ist ein Glücksfall, mit dem man leider nicht rechnen darf. Das verläßlichere Korrektiv ist die Aufmerksamkeit der anderen Seite, der polnischen Historiker für ihre deutschen Kollegen und umgekehrt. Also doch ein »polnisch-deutscher Dialog«? Man kann es so nennen. Es wäre aber nicht mehr ein Dialog zwischen Nationen, sondern ein Dialog über die Nationalität und ihren Einfluß auf die Geschichtswissenschaft, also ein gemeinsames Problem, das sich polnischen und deutschen Historikern gleichermaßen stellt.

Die Bereitschaft, sich diesem Problem zu stellen, ist allerdings längere Zeit ungleich zwischen uns verteilt gewesen. Damit bin ich beim zweiten Punkt: den Spuren, die die Differenz unserer Nationalgeschichten in den Historikern hinterlassen hat. Die deutschen Historiker sind durch Drittes Reich und Zweiten Weltkrieg unter einen Revisionsdruck geraten, der den polnischen zugleich erspart und versagt geblieben ist, zumal in Fragen des deutsch-polnischen Verhältnisses. Nicht allein, daß unter uns Deutschen niemand, außer den Verblendeten, die Stirn gehabt hätte, die Besatzungspolitik seit 1939 zu rechtfertigen. Auch von deutscher Kulturarbeit im Osten konnte man nach Auschwitz beim schlechtesten Willen nicht mehr reden wie zuvor. Der Hitler-Stalin-Pakt setzte die Teilungen Polens im 18. Jahrhundert in anderes Licht, die nationalsozialistische Rassenpolitik im Warthegau zwang zu neuem Nachdenken über die preußische Schulpolitik in der Provinz Posen. Wie weit das Umdenken gehen sollte, blieb zwar umstritten und führte zu scharfen Kontroversen unter den deutschen Historikern. Daß die alten Positionen nicht zu halten waren, sahen aber die meisten. Und näherten sich damit, bald sehr, bald weniger weit, Standpunkten an, die polnische Historiker seit jeher vertreten hatten. Diese hatten auch keinerlei Anlaß, sich zu bewegen, sofern es darum ging, daß die Deutschen sich endlich dazu verstanden, ihren Nachbarn politisch wie historisch ein gleiches Recht auf nationale Identität und staatliche Existenz zuzugestehen wie sich selbst. Polen war es aber so lange und zuletzt mit so mörderischer Konsequenz bestritten worden, daß man dort anfangs kaum einen Blick und wenig Sensorium hatte für die Kehrseiten der eigenen Geschichte, für Schwächen, Versagen, Schuld auf polnischer Seite. Gegen Ende der Teilungszeit und zwischen den Weltkriegen war von der Endecja weit rechts im politischen Spektrum der polnischen Gesellschaft ein radikaler, auftrumpfender Nationalismus vertreten worden. Seit 1939 gewannen seine Deutschland-Vorstellungen als »polnischer Westgedanke« eine über Jahrzehnte anhaltende Überzeugungskraft, der sich nicht viele Polen entziehen konnten, auch kaum ein Historiker. Der Kontrast zur Stimmungslage ihrer deutschen Kollegen nach 1945 ist krasser nicht zu denken. Beide waren gezeichnet von ihrer Nationalität, aber die einen, weil sie aus dem Volk der Täter, die anderen, weil sie aus dem Volk der Opfer kamen. Schlechtes Gewissen stand gegen gutes. Hier die Verurteilung, dort die Bestätigung durch Geschichte. Hier ein von Grund auf verstörtes Verhältnis zur eigenen Nation, dort ein emphatischer Einklang mit ihr. Paradoxerweise lag in dem Kontrast eine entscheidende Voraussetzung dafür, daß die Schulbuchkonferenzen möglich geworden sind. Nach allem, was vorangegangen war, mußten die Deutschen es hinnehmen, daß die Polen so polnisch waren, konnten die Polen die Deutschen hinnehmen, weil sie aufgehört hatten, so deutsch zu sein. Auch die großen historiographischen Flurbereinigungen, die der Kommission in den siebziger und achtziger Jahren gelangen, sind noch zu guten Teilen von dieser Asymmetrie der Einstellungen getragen worden. Manchen Historikern aus beiden Ländern genügt sie bis heute, keineswegs allein, doch wohl vor allem solchen, die zur älteren Generation gehören. Wären wir indes auf Dauer bei der Rollenteilung stehen geblieben, hätten wir nur unsere Nationalhistorien verträglicher gestalten, nie aber die Nationalhistorie als solche zu unserem Problem machen können. Dazu bedarf es des Blicks von außen, einer Fremdwahrnehmung der eigenen Nation, der reflexiven Distanzierung der Historiker von sich selbst. Uns Deutschen ist der Schritt zum methodischen Befremden ohne unser Verdienst aufgenötigt worden; er drängte sich auf aus dem existentiellen Erschrecken über unsere Geschichte. Ein polnischer Historiker muß sich die reflexive Distanz mit eigener Anstrengung und häufig noch gegen erheblichen Widerstand seiner Umgebung erarbeiten. Gleichwohl ist die Neigung, sich auf die Mühsal der Selbstdisziplinierung einzulassen, seit längerem im Wachsen, keineswegs allein, doch am stärksten unter den Jüngeren, die nicht mehr wie ihre Lehrer dazu verurteilt sind, nationale Geschichte unter der Drohung des nationalen Unterganges zu schreiben. Sichtbar seit den achtziger Jahren, ist damit ein neues Reflexionsniveau erreicht, auf dem Polen und Deutsche ihre Nationalitäten, statt sie noch gegeneinander austarieren zu müssen, schon gemeinsam studieren können. Die gelungenen Kooperationen bei der Publikation von Akten zur Zeitgeschichte sind ein Beispiel unter vielen. Ein anderes einige der Unternehmungen, die Sie, lieber Herr Traba, mit Ihrer »Borussia« angestoßen haben.

Dass daneben manches mißlingt und viel mehr noch gar nicht angefaßt ist, dass bei Ihnen oder bei uns dem einen Ihre Unternehmungen zu weit, dem anderen meine Ansichten nicht weit genug gehen, das alles mag uns bekümmern. Doch entmutigen, auch nur überraschen – nicht. In der Geschichte herrscht zu allen Zeiten, sogar den ruhigsten, das Gedränge und Geschiebe des Übergangs. Warum sollte uns Harmonie beschert sein? Es muß, es darf uns genügen, dass wir die lebensgefährlichen Dissonanzen hinter uns gelassen haben.

Zuversichtlich grüßt Sie Ihr

Rex Rexheuser

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