11.06.2004

Ein Erfahrungsbericht

Von Ulrike Petzold
Von Ulrike Petzold
Ein Erfahrungsbericht
Ein Erfahrungsbericht. Die Autorin ist Historikerin und ehemalige Bildungsreferentin am Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit in Gleiwitz und Oppeln/Polen
Oppeln (Opole, Oberschlesien): Rathaus Foto

Die Autorin ist Historikerin und ehemalige Bildungsreferentin am Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit in Gleiwitz und Oppeln/Polen

Czym jest Górny Śląsk? – Was versteht man unter (dem Begriff) Oberschlesien? Mit dieser Frage titelt das Referat des jüngeren Historikers Piotr Greiner von der Schlesischen Universität Kattowitz.* Der Autor und bekennende Oberschlesier erklärt seinen Zuhörern auch sofort, warum er diese scheinbar simple geografische Frage an den Anfang seiner Erörterungen stellt – es ist die Unsicherheit der Polen, und unter ihnen der Bewohner Oberschlesiens, den Begriff überhaupt deuten und verstehen zu können, wenn er etwa in Wetterberichten oder den täglichen Nachrichten zu hören ist. Ist es die heutige schlesische Woiwodschaft rund um das Kattowitzer Industrierevier, oder die sogen. Opolszczyzna – das Oppelner Land? Oder beides zusammen?

Piotr Greiner will das Wissen über eine historisch gewachsene, kulturell eigenständige Region vermitteln, deren Gestalt aus dem Bewusstsein der Menschen stetig verschwindet. Von der man – beiderseits der Oder-Neiße-Grenze – nur noch sehr wenig weiß. Oberschlesien, das Land an der oberen Oder, welches Hunderte von Künstlern, Schriftstellern, Wissenschaftlern und anderen bedeutenden Persönlichkeiten hervorbrachte, dessen Bodenschätze den oberschlesischen Industriemagnaten des 19. Jahrhunderts einen märchenhaften, noch heute sichtbaren Reichtum bescherten, um deren verfallene Schlösser und Adelspaläste sich Legenden ranken… Dieses Oberschlesien schaut auf die Tradition einer historischen Entwicklung, die es im Vergleich zu Niederschlesien schon seit 800 Jahren eigene Wege gehen lässt. Im Laufe der Jahrhunderte hat Gesamtschlesien polnische, böhmische, habsburgische und preußische Herren gehabt. Im Gegensatz zu dem relativ homogen erscheinenden, stark durch deutsch-evangelische Kultureinflüsse geprägten Niederschlesien, entsteht jedoch im oberschlesischen Grenzland ein deutsch-polnisch-tschechisches Bevölkerungsgemisch mehrheitlich katholischen Bekenntnisses und mit spezifischen Bräuchen, Mentalitäten sowie unzähligen lokalen Ausformungen der sogen. wasserpolnischen Mundart. Weder Deutschen noch Polen ist es in den nahezu einhundert Jahren der nationalen Sortierung, Umsiedlung und Vertreibung von Bevölkerungen gelungen, die autochthonen Oberschlesier »auseinander zu dividieren«. Denn bis heute ist das Problem des schwebenden Volkstums in Oberschlesien existent, leben dort alteingesessene Oberschlesier ganz unterschiedlicher Option, aber mit starker regionaler Verwurzelung. Und erneut im Gegensatz zu Niederschlesien, das nach einem nahezu kompletten Bevölkerungsaustausch nach 1945 heute fast ausschließlich von Polen bewohnt wird.

Piotr Greiner hält sein Referat nicht vor einem universitären Publikum, sondern in regelmäßigen Abständen für die Bewohner der oberschlesischen Städte und Dörfer. Er ist einer von vielen wichtigen Partnern für das Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit, das sich unter dem Motto »Regionalerziehung« der Aufarbeitung und Vermittlung von Geschichte verschrieben hat. Lokale Geschichte ist für die Initiatoren dieses Projekts das Geheimrezept zur Stärkung von regionalen, heimatlichen Bindungen. Nun ist dieses Rezept in einem wachsenden Europa der Kulturregionen auch nicht mehr revolutionär. Aber im Grenzland Oberschlesien ist es von besonderer Dringlichkeit. Denn dort hat das kommunistische Volkspolen jegliche Regionalismen systematisch unterdrückt, saßen umgesiedelte Ostpolen jahrzehntelang auf ihren Koffern in der Hoffnung wieder zurückkehren zu können, ist die Kluft zwischen den autochthonen und den neuen aus Ost- und Zentralpolen zugewanderten Oberschlesiern alltäglich spürbar. Dort machen sich heute unzählige Inhaber des deutschen Passes sonntags auf den Weg, um auf Wochen von ihren Familien getrennt in Deutschland oder Holland zu arbeiten.

In Oberschlesien, dem Land der kulturellen Brüche und Überlagerungen wird man sofort und unvermeidlich von jedem gefragt, woher man denn käme. Ist man ein Hiesiger, oder »aus Polen«? Oder gar aus dem »Reich«? Einheimische Oberschlesier fahren »do Reichu«, wenn sie ihre Verwandten in Deutschland besuchen. Und die Fahrt von Kattowitz in das etwa 100 km entfernte Krakau ist eine Reise nach Polen. Die nach 1945 zugezogenen Polen dagegen sehen das ganz anders, sie leben in urpolnischen, einst von den Piasten regierten Gebieten, die nach langer Fremdherrschaft endlich wieder zum Mutterland zurückgekehrt sind. Dafür haben schon die schlesischen Aufständischen von 1921 gekämpft, als es um den Anspruch des wiedererstandenen Polens auf ganz Oberschlesien ging. Ihnen, den »Kämpfern für ein polnisches Oppelner Schlesien«, ist im Zentrum der Stadt Oppeln auf dem Platz der Freiheit ein monströses Betondenkmal gewidmet, das dieses Jahr erneuert werden soll. Für die Angehörigen der deutschen Minderheit in Polen, die zu überwiegenden Teilen in den Dörfern des Oppelner Landes leben, hat Oberschlesien andere Helden. Es sind die ‚für das Vaterland in den beiden Weltkriegen gefallenen Soldaten', denen mit Stahlhelm und Eisernem Kreuz versehene Gedenksteine (wieder)errichtet werden. Ein Klima der frontalen Gegenüberstellung, der gegenseitigen Vorwürfe und Aburteilungen steht auf dem Programm des täglichen Miteinanders. Eine integrierende Symbolik im Rahmen einer gemeinsamen Erinnerungskultur scheint kaum möglich zu sein.

Der deutsch-polnische Antagonismus des 20. Jahrhunderts und sein Erbe sind in Oberschlesien, wo sich im Vergleich zu anderen ehemals deutschen, heute polnischen Gebieten die autochthone Bevölkerung zahlenmäßig am stärksten erhalten hat, auf erschreckende Weise lebendig geblieben. Die Bagatellisierung deutscher Kultureinflüsse gehörte zur gezielten Repolonisierungspolitik des kommunistischen Nachkriegspolens in den »wiedergewonnenen Gebieten« und hat in Oberschlesien bis heute keinen nennenswerten Bruch erfahren. Das seit Jahren immer wieder erfolgende Angebot des Hauses der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit an den Stadtpräsidenten von Kattowitz, gemeinsam mit der Kattowitzer deutschen Minderheit – etwa im Rahmen von Vorträgen und Diskussions-Veranstaltungen – den öffentlichen Dialog über die Geschichte der Stadt zu führen, hat erst im letzten Jahr wieder eine eindeutige Absage erhalten.

In Oppeln dagegen ist man einige Schritte weiter. Hier realisiert das Haus schon seit 1998 Vortragszyklen gemeinsam mit der Stadtverwaltung, der Oppelner Universität oder der Lokalredaktion einer bedeutenden polnischen Tageszeitung. Jedoch zeigt sich auch hier ein immer noch selektierendes Geschichtsbewusstsein. Eine in diesem Frühjahr realisierte Veranstaltung thematisierte innerhalb eines chronologisch konzipierten Vortragszyklus' die Zwischenkriegszeit in Oppeln, hier jedoch ausschließlich die Situation der polnischen Stadtbewohner. Wieder eine verpasste Chance, kulturelle Nähe zu stiften – durch ein Thema, das das Miteinander von polnischen, deutschen und jüdischen Oppelnern in den Mittelpunkt der Erkenntnis rücken könnte. Und auch der kürzlich in einer Oppelner Tageszeitung erschienene längere Artikel über die Gräueltaten der sowjetischen »Befreier« von 1945 beklagt deren Fehlverhalten gegenüber einer doch ›überwiegend polnischen‹ Stadtbevölkerung. Hätte der Verfasser seine Meinung über die Verbrechen der Sowjets geändert, wenn er gewusst hätte, dass die Stadtbevölkerung bis 45 zum größeren Teil eine deutsche war? Auf den Vorschlag, die Ereignisse des Jahres 1945 nach dem Einmarsch der Roten Armee öffentlich zu thematisieren, reagiert ein bekannter Oppelner Journalist mit Zurückhaltung. Dieses Thema könne man sich für das nächste Jahr aufheben, wenn man den 60. Jahrestag feiere. Warum nicht jetzt darüber reden? Haben wir, Deutsche und Polen, soviel Zeit in diesen Dingen?

Da sind die Projektpartner in Brieg, dem schönen Städtchen auf halbem Wege zwischen Breslau und Oppeln, anderer Meinung. Für sie hat die gemeinsame Realisierung des Projekts etwas in Gang gesetzt, was weiter fortgeführt werden soll – der offene, dialogorientierte Umgang auch mit der Vertreibungsgeschichte während und nach dem Zweiten Weltkrieg, die Annahme und Pflege eines deutschen Kulturerbes, das auf Schritt und Tritt noch sichtbar ist und die Region bereichert. Nach anfänglicher Distanz zwischen den Projektpartnern stellte sich ein Verhältnis des Vertrauens und des offenen Umgangs miteinander ein. Anfangs konnten es die Brieger selbst nicht glauben, dass jemand jetzt über die Erfahrungen der Vertreibung und des Heimatverlustes, die doch ihre eigenen sind, mit ihnen reden möchte. Sie, die zu bedeutenden Teilen Umsiedler aus den polnischen Ostgebieten waren, sind der Meinung, dass es höchste Zeit sei, über diese Themen zu sprechen. Das tun sie übrigens auch mit den ehemaligen Briegern, die regelmäßig in ihre alte Heimat an der Oder eingeladen werden.

Kurz vor meiner Abreise aus Polen lerne ich eine junge Oberschlesierin kennen. Anna ist, wie viele ihrer Landsleute, zweisprachig, katholisch, bescheiden und sehr höflich, außerdem studiert und vielseitig interessiert. In der Kneipe beim Bier erklärt sie mir den Unterschied zwischen Polen und Schlesiern, dass die Polen die Schlesier verachten und umgekehrt, und dass sich das auch nicht ändern würde. Denn den zugezogenen Polen seien die Einheimischen nach wie vor suspekt, sie sind zu deutsch, Polen »zweiter Kategorie«. Zwei Wochen später treffe ich in Berlin eine Kollegin, die ebenfalls zwei Jahre in Oberschlesien gearbeitet hat. Wir unterhalten uns sehr angeregt über gemeinsame Bekannte, über die Situation in Oberschlesien und das gegenwärtige deutsch-polnische Verhältnis überhaupt. Neben uns sitzt eine Freundin, die lange Zeit sehr höflich zuhört. Auf meine Frage hin, was sie zu alldem denke, antwortet sie, dass sie das nicht wirklich verstehe. Das klinge alles ziemlich exotisch und sie könne mit Polen eigentlich nicht allzu viel anfangen.

* Die Verwendung der deutschen Entsprechungen für polnische Ortsnamen enthält keinerlei »revisionistische« Implikationen, sondern geschieht in Anlehnung an die Eindeutschung auch vieler anderer ausländischer Ortsnamen im alltäglichen Sprachgebrauch.

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