11.07.2019

Kulturkorrespondenz östliches Europa, № 1404 | Juni 2019

Dr. Felix Ackermann
Dr. Felix Ackermann
Kulturkorrespondenz östliches Europa, № 1404 | Juni 2019
Die Schirwindter Straße in Bremen erinnert an eine Stadt, die zum ersten Mal 1914 zerstört wurde und 1944 gänzlich verschwand. Felix Ackermann schreibt über die Phantomstadt in seinem Buch Mein litauischer Führerschein. Ausflüge zum Ende der Europäischen Union, das 2017 im Suhrkamp-Verlag erschienen ist.

 Die Schirwindter Straße in Bremen erinnert an eine Stadt, die zum ersten Mal 1914 zerstört wurde und 1944 gänzlich verschwand. 2019 jährt sich die Bremer Bürgerhilfe für den Wiederaufbau nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zum 101. Mal. Felix Ackermann schreibt über die Phantomstadt in seinem Buch Mein litauischer Führerschein. Ausflüge zum Ende der Europäischen Union, das 2017 im Suhrkamp-Verlag erschienen ist. Für die Kulturkorrespondenz hat er Eindrücke seiner Reise zusammengefasst.

<br> Irene Spranaitienė hat mit ihren Schülern eine Allee gepflanzt, die zur Grenzbrücke führt. Ihr Mann Antanas hat ein Schild auf Deutsch und Litauisch aufgestellt: »Schirwindter Weg«

Irena Spranaitienė zeigt uns die Schirwindter Stube, die sie gemeinsam mit ihrem Mann Antanas am Marktplatz in Neustadt/Kudirkos Naumiestis, einer kleinen Stadt an der litauisch-russischen Grenze, eingerichtet hat. Schon lange hatte ihr Mann in der Garage alles gesammelt, was alt ist. Darunter sind auch Zeugnisse der verschwundenen deutschen Stadt Schirwindt am anderen Ufer der Scheschuppe/Šešupė. Obwohl das Ehepaar kaum Deutsch sprach, begannen die beiden sich für die Vergangenheit jenes Ortes zu interessieren, der nur wenige hundert Meter von ihrem Haus entfernt gelegen hat: »Dort lebten doch Menschen wie du und ich«, erklärte Antanas mit einem Lächeln. An der 1882 errichteten Brücke aus rotem Backstein über den Fluss Schirwindt erzählte er begeistert von der ostpreußischen Stadt, die einst in Sichtweite lag, nordwestlich der Brücke. Die Bäume der Allee, die von Neustadt nach Schirwindt/Kutusowo führte, stehen noch. Die deutsche Stadt hingegen ist verschwunden. Nur die Fundamente sind geblieben, längst von Büschen und Bäumen überwuchert.

»Seit 1725, als König Friedrich Wilhelm I. ihr die Stadtrechte verlieh, war Schirwindt mit rund tausend Einwohnern die östlichste Stadt des Deutschen Reiches. Heute ist da nur noch ein Stück Wald auf einem Truppenübungsplatz«, erklärte uns Antanas. Viele der deutschen Ortsnamen wie jener der nächsten ostpreußischen Kreisstadt, Pillkallen, gehen auf frühere baltische Formen zurück. Bevor der Deutsche Orden die Region zwischen Weichsel und Memel in Besitz nahm, lebten dort baltische Stämme. Auch der Name Schirwindt geht auf das Baltische zurück. Auf Litauisch heißt die Stadt Širvinta. Der Name deutet auf einen heiligen Ort hin.

Einst die östlichste Stadt des Deutschen Reiches

Die Einwohner Schirwindts kamen einst die 800 Meter über die Backsteinbrücke, um in Litauen zum Schuster zu gehen und Brennholz zu kaufen. Neustadt erhielt 1639 von der polnischen Königin und litauischen Großfürstin Cäcilia Renata von Österreich zu Ehren ihres Mannes den Namen Władysławowo. Von 1795 bis 1807 kam dieser Teil Polen-Litauens als Neuostpreußen unter preußische Herrschaft. Die Neustädter sprachen Litauisch, Jiddisch, Polnisch und Russisch, die Schirwindter vor allem Deutsch, auf einigen Höfen konnte man auch Litauisch und Polnisch hören. Antanas erklärte, dass Neustadt für die Händler in Schirwindt stets eine Bedrohung war, die Preise für Holz und Lebensmittel waren niedriger. Die Dienste der jüdischen Handwerker in der fast doppelt so großen Stadt waren besonders günstig. Deshalb gab es seit jeher einen regen Verkehr über die Brücke. Das Zollhäuschen an der Grenze zwischen dem Russischen und dem Deutschen Reich war am Vorabend des Ersten Weltkriegs eines der am häufigsten abgebildeten Gebäude von Neustadt und Schirwindt gleichermaßen.

<br> Panorama von Neustadt heute

Nach 1918 lag Neustadt in der neu gegründeten Litauischen Republik, während Ostpreußen sich zunehmend als Vorposten eines von der Sowjetunion und Polen bedrohten deutschen Ostens sah. In Neustadt lebten zweihundert jüdische Familien, darunter Bäcker, Schächter, Uhrmacher, Frisöre, Hutmacher, Fotografen und zwei Dutzend Bauern. Die Einwohner des deutlich kleineren Schirwindt errichteten auf dem Marktplatz einen preußischen Adler. Der Blick der Skulptur ist durch die Neustädter Straße hinüber nach Litauen gerichtet. Der Adler erinnert an einen Besuch Friedrich Wilhelms IV., der vom Sonnenaufgang in Schirwindt so begeistert war, dass er der Stadt ein Wappen mit einem preußischen Adler, einem backsteinernen Tor und einer gleißenden Sonne verlieh. 1926 weihten die Einwohner von Neustadt direkt an der Grenze ihre Antwort ein: Ein weißes Denkmal für den Großfürsten Vytautas ist ein Verweis auf die einstige Größe Litauens und den Sieg über den Deutschen Orden vor Tannenberg. Während der sowjetischen Besatzung verschwand das Denkmal. Unmittelbar nach Erlangung der litauischen Unabhängigkeit 1991 fertigten Patrioten eine Kopie an und weihten das Denkmal in Neustadt erneut feierlich ein. Doch nun blickt Vytautas der Große nicht auf Ostpreußen, sondern auf die russische Exklave Kaliningrad.

Die Trümmer Schirwindts gehören seit Kriegsende zum Militärgelände Kutusowo. Irena Spranaitienė hat mit ihren Schülern eine Allee gepflanzt, die zur Grenzbrücke führt. Ihr Mann Antanas hat ein Schild auf Deutsch und Litauisch aufgestellt: »Schirwindter Weg«. Als Lehrer kannte er den russischen Befehlshaber des sowjetischen Truppenübungsplatzes und hatte sich nach den Spuren von Schirwindt umgesehen. Anders als in Küstrin an der Oder/Kostrzyn, wo man noch heute am Kopfsteinpflaster die historischen Straßenzüge der Festungsstadt erkennen kann, wurden in Schirwindt nach Kriegsende fast alle Ziegel abgetragen und zum Wiederaufbau in Litauen verwendet. In der einst kleinsten Stadt Ostpreußens waren die Straßen nie gepflastert. Deshalb ist ihr Verlauf 70 Jahre nach Kriegsende kaum noch zu erkennen. Antanas konnte dennoch zeigen, wo der Marktplatz lag. Er wusste, hinter welchen Büschen sich die Grabstellen des Friedhofs befinden, auch wenn es längst keine Grabsteine mehr gibt. Als Lehrer nutzte Antanas seinen direkten Draht zum russischen Kommandanten und errichtete ein Kreuz an der Stelle der Immanuel-Kirche von Schirwindt. Der Bau war von Friedrich August Stüler entworfen und 1856 in Anwesenheit von Friedrich Wilhelm IV. eingeweiht worden. Der König hatte sich gewünscht, dass das evangelische Gotteshaus »stolz nach Russland hineinragt«. Seit Kriegsende liegen die Grundmauern auf russischem Hoheitsgebiet, in der Kaliningrader Oblast.

Lotterielose für den Wiederaufbau 1000 Kilometer östlich

Schirwindt gehörte zu den Orten, die russische Truppen zu Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 vollständig zerstört hatten. Die Fotos mit den bis auf die Grundmauern abgebrannten Häusern, auf denen auch die stark beschädigte Kirche zu erkennen ist, wurden nach Ende des Krieges von der deutschen Propaganda in die Postkartenserien Krieg im Osten über den »Einfall der Russen« aufgenommen. Vor der Front waren in den ersten Kriegsmonaten zehntausende Menschen aus Ostpreußen nach Westen geflüchtet. Nach den deutschen Rückeroberungen im Frühjahr 1915 kehrten die Einwohner von Schirwindt in ihre zerstörte Stadt zurück.

Der Wiederaufbau begann im Herbst 1915. Einstweilen war Schirwindt eine Barackenstadt. Emilie Kolle betrieb ein Café in einem der wenigen Ställe, die nicht zerstört waren. Obwohl ein staatliches Hilfsprogramm gestartet wurde, reichten die Mittel nicht aus. Überall in Deutschland übernahmen einzelne Gemeinden die Partnerschaft für den Wiederaufbau einer Stadt im Osten. Ein Bremer Bürgerverein sammelte Spenden für den Neubeginn in Schirwindt. Im April 1918 fand in Bremen ein Gesellschaftsabend zu Gunsten von Schirwindt statt. In der Pause einer Opernaufführung kauften die Bürger Lotterielose für die fast eintausend Kilometer entfernte Stadt, die sie nur von Postkarten und aus der Zeitung kannten. In der Bremer Ansgari-Kirche fand am 8. Mai 1918 eine Andacht für die ostpreußischen Bürger statt. Drei Tage später gaben 200 Kinder ein Benefizkonzert für Schirwindt. Bei diesen Aktivitäten kamen insgesamt 450000 Reichsmark zusammen.

Bremen half noch während des Krieges beim Errichten von Baracken und ihrer Inneneinrichtung. Das Architekturbüro Lullen und Leymann wurde von Bremen aus in Schirwindt eingerichtet und mit der Erstellung neuer Häusertypen beauftragt. Das Büro des Architekten Walter Kuhrten lieferte einen großen Teil der Entwürfe für den Wiederaufbau von Schirwindt. In Dokumentationen über diesen orchestrierten Neubeginn Ostpreußens ist ein konsequenter Stil zu erkennen, der sich mit hervorgehobenen Eingangsportalen, abgewalmten Giebeln und glatten Pfannendächern zu einer regionalen Bautradition bekannte, diese aber national deutete. Die flächendeckend umgesetzten Stadtplanungskonzepte in mehr als drei Dutzend zerstörten Städten waren ein widersprüchlicher, aber sichtbarer Beitrag zur Entwicklung des modernen Städtebaus in Deutschland. Das Hotel »Bremer Hof« in Schirwindt erinnerte an die Hilfe aus der Hansestadt. Zunächst eröffnete es in einer Holzbaracke, Mitte der zwanziger Jahre folgte ein Bau aus Ziegelsteinen. Nach zehn Jahren Wiederaufbau feierten Schirwindter und Bremer Bürger gemeinsam den Abschluss und 200 Jahre seit der Erlangung der Stadtrechte. In der neu geweihten Kirche lud der Pastor zum gemeinsamen Abendmahl. Sein Segen bewahrte die Einwohner der Stadt nur wenige Jahre vor neuem Unheil.

Erloschene Erinnerung an jüdisches Leben

Der Schirwindter Peter Gnaudschun, der heute im Ruhrgebiet lebt, erinnert sich an das Ende seiner Heimatstadt: »Die Mutter erzählte immer wieder vom 31. Juli 1944. Russische Tiefflieger bombardieren den Ort. Noch am selben Tag haben die Schirwindter ihre Stadt verlassen. Der Angriff kommt am Mittag. Im Dorf brennen zwei Höfe und abends ist das Dorf bereits leer.« Durch die Entschlossenheit von Peter Gnaudschuns Mutter kamen sie noch mit einem Zug nach Westen. Im November 1944 erreichte sie mit ihren Kindern das Erzgebirge. Der Vater, der seit 1939 an der Front war, besuchte sie noch im letzten Kriegswinter kurz in der Flüchtlingsunterkunft, aber nach Schirwindt kehrte niemand mehr zurück.

Der Besuch in der Schirwindter Stube macht aus einem Ausflug zum äußersten Ende der Europäischen Union eine Geschichtsstunde über die Kausalität des Endes jüdischen und deutschen Lebens im östlichen Europa. Es gibt in dieser Stube Haushaltsgegenstände mit deutschen Inschriften. Dutzende Bücher, Briefe und Fotoalben dokumentieren in der kleinen litauischen Stadt an der russischen Grenze den zweifachen Untergang der kleinen deutschen Stadt vis-à-vis. Neustadt ist durch die physische Nähe und durch die Arbeit von Antanas und Irena Spranaitienė zu einem lebendigen Denkmal geworden.<br> Antanas in der Zeit, als die Stube noch in der Garage des eigenen Wohnhauses lag.

Während der Schirwindter Weg bis heute an die Deutschen erinnert, ist das Ende der jüdischen Stadt Neustadt vor allem durch Zeichen der Abwesenheit zu erkennen. Die Schirwindter Stube befindet sich im ehemaligen Gemeinschaftshaus einer jüdischen Organisation. Das ist kein Geheimnis in Neustadt, aber der deutlichste Verweis darauf ist der schlechte bauliche Zustand des Hauses. Warum sollte die Stadt ein Gebäude mit ungeklärten Eigentumsverhältnissen sanieren? Die Mikwe, das jüdische Ritualbad am Ufer der Širvinta/Schirwindta, hatte noch Jahrzehnte nach dem Krieg als öffentliche Sauna funktioniert. Erst nach dem Ende der Sowjetunion war der Betrieb, eingestellt worden, weil nun auf Rentabilität geachtet wurde. Heute verfällt das Badehaus vor den Augen der Einwohner von Neustadt. Rund um die Mikwe, wo nur für wenige Tage ein Ghetto war, liegt ein normales Wohnviertel. Die meisten Häuser mussten nach dem Krieg neu errichtet werden, weil auch in Neustadt die Front Schaden angerichtet hatte. Doch die Gebäude stehen auf den Fundamenten, auf denen bis 1941 die Familien von Mosche Lewinsin, Dowid Gladnikow und Laib Kaplan lebten. Nur ein von Hand gezeichneter Stadtplan in der Schirwindter Stube erinnert an ihre Namen, ebenso wie an die über einhundert anderer ermordeter Familien.

Vielleicht können sich andere an einem Ort wie Neustadt erholen. Ich kann es nicht. Deshalb meine ich zu verstehen, warum viele Litauer die Büchse der Pandora nicht öffnen, warum sie nicht genau wissen wollen, wer die Häuser im Ghetto bewohnte, wer das Badehaus erbaute oder wie das Leben der Eigentümer einstiger Häuser am Marktplatz endete. Umso wichtiger ist die Arbeit von Antanas und Irena Spranaitienė, die alles gesammelt haben, was zu beiden Grenzorten gehört und ihre Geschichten erzählt.

Ein halbes Jahr nach unserem Besuch erleidet Antanas einen Schlaganfall und stirbt wenige Wochen später in einem Wilnaer Krankenhaus. Das Andenken an Schirwindt lebt fort, ihm und Irena sei es gedankt.

 

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